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Herbstimpressionen – wie vor 27 Jahren begleitet von Jakob van Hoddis (und Gottfried Benn)

SolidAHRität

Vier Flaschen – rot und weiß;
verleihen den Gedanken Flügel,
sie zähmen manche Wut,
und nähren wieder Mut.

Die hohen Lieder sind gesungen,
Vom spitzen Kopf fliegt wieder mal ein Hut.
In allen Lüften war Geschrei
und zeugt vom Wechsel der Gezeiten.

Im Anfang war das Wort - Jörg Meyrer, Dechant des Kirchengemeindeverbandes Bad Neuenahr-Ahrweiler

Meine Cousine Gaby versucht gegenwärtig in Bad Neuenahr in der Kreuzstraße (ihre Straße war inmitten des tragischen Geschehens) ihr Haus wieder bewohnbar zu machen. Ihre Wohn- und Schlafetage darin ist zur Zeit unbewohnbar, da wir beim Rückbau feststellen mussten, dass die alten Dämmstoffe durchfeuchtet waren und zu schimmeln begonnen hatten. Alles stinkt zu jenem Himmel, der so weit ist und der - seit er am 14. Juli 2021 seine Schleusen zu einer Sintflut öffnete - eher ein Unort ist. Immer wieder leitet mir meine Cousine die Botschaften von Jörg Meyrer weiter. Er ist Pfarrer in Bad Neuenahr- Ahrweiler. Und er spricht den Menschen Mut zu; einen Mut, der ihm selbst verloren zu gehen drohte und der erst wieder wächst - Tag für Tag - seit Menschen aus ganz Deutschland mit Wort, Tat und Spenden ihm und den Menschen im Ahrtal wieder Zuversicht vermitteln.

Spendenflut von Anna Mayr ZEIT 32/21, Seite 2 - mein Leserbrief dazu

Wir benötigen auch das: die nüchterne, abgeklärte Analyse aus der räumlichen und emotionalen Distanz heraus. Ich war sieben Tage in meiner Heimatstadt Bad Neuenahr, in der meine Herkunftsfamilie gleich drei Mal betroffen ist, als Helfer. Inzwischen erhole ich mich auf der Insel Juist und genieße das ewige Wechselspiel von Ebbe und Flut. Während ich hier schreibe, kämpfen meine Verwandten weiter um eine Zukunftsperspektive – unterstützt von Profis und vielen freiwilligen Helfern. Es geht mir um einen Kerngedanken, den ich bei Anna Mayer – ernüchtert – aufgreife, und den ich vertiefen möchte; sie schreibt sozusagen krisenübergreifend und krisenverlaufstypisch:

Ich habe Fehler gemacht - Eine Entschuldigung

Ich habe einen Fehler gemacht. Fehler taugen im besten Falle dazu die (Auf-)klärung von Klärungsbedürftigem zu befördern. Eine Entschuldigung für die von mir gemachten Fehler liegt hauptsächlich in dem Umstand begründet, dass ich in den ersten Tagen nach dem 14. Juli nicht in der Lage war, meine Aussagen sine ira et studio – ohne Zorn und Leidenschaft – und viel eher mit Abstand und Gelassenheit in die Welt zu tragen. Es waren eher beiläufige, unbedachte Äußerungen im sozialen Umfeld, die eine Dynamik und Eskalation zur Folge hatten, die so sicherlich niemand beabsichtigt hat(te).

Nachdenkliches - Kurz vor Schluss - Freundschaft als tätige Praxis

  • Was hat in einem langen Leben Bestand?

Uns alle treibt zuweilen die Frage um, was einem langen Leben - bei allen Brüchen und Irritationen - Kontinuität und Sinn verleiht. Nähert man sich dem siebzigsten Geburtstag, hat man schon ein langes Leben gehabt, und die Antworten auf die zentrale Frage nach Kontinuität und Sinn zwingen sich mehr oder weniger auf, denn für einen radikalen Kursschwenk mangelt es oft genug schlicht an Zukunft; eine Tatsache, die sich schon allein empirisch aus rein statistisch veritablen Erkenntnissen speist.

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund