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Mach dir im Leben nicht zu viele Sorgen, du kommst da nicht lebend raus!

Es zeigt sich mal wieder, dass meine Krämerseele immer auf der Hut ist, eine Zeitung vorschnell zu entsorgen - zumal wenn es sich um ein Exemplar der ZEIT handelt. Es ist die Nr. 13 vom 26. März 2015, die meine Aufmerksamkeit fast ein halbes Jahr später weckt. In meinem Kopf treffen sich Henning Mankell und und Ilka Piepgras - eine "DIE AUSZOG, DAS STERBEN ZU LERNEN" (ZEIT-Magazin der Ausgabe vom 27. August 2015 - es ist die Nr. 35).

Henning Mankell hat seine Krebsdiagnose im März 2014 erhalten - eineinhalb Jahre vor Roger Willemsen.
Neben der Solidarität in der Krebsbaracke - Henning Mankell erinnert sich an seinen Freund Christoph Schlingensief, der exakt an derselben Krankheit gestorben sei, an der auch er sterben werde - legt er eine ähnlich bemerkenswerte Haltung an den Tag. Eine ihrer Hauptparellelen sei die starke Affinität zu Afrika. Und dort - so Mankell - gehöre der Tod noch auf andere Weise zum Leben:

"In Afrika ist der Tod Teil des Lebens. Die Europäer haben Leben und Tod getrennt. Es ist Furcht einflösend, wie unsere Kultur ein Mysterium um den Tod macht. Ich halte das für eine Schwäche der europäischen Kultur. In Afrika konnte ich sehen, wie man vernünftig mit dem Tod umgeht. Deshalb habe ich keine Angst vor dem Tod." Susanne Mayer fragt nach: "Kein bisschen Angst?" und Mankell antwortet: "Naaa. Ich bin 67 Jahre alt. Ich habe ein längeres Leben gehabt, als es sich die meisten Menschen auf dieser Welt erträumen können. Es war ein fantastisches Leben. Ich bin am Ende meines Weges angekommen. Nein, ich habe nur eine Furcht, und sie ist ganz merkwürdig: davor, dass ich so lange tot sein werde. Das ist albern, man fühlt ja nichts, wenn man tot ist. Aber ich werde Millionen von Jahren tot sein, was ziemlich lange ist."

Susanne Mayer spricht Henning Mankell auf Per Olov Enquist an und zitiert ihn mit dem Satz: "Eines Tages sterben wir, aber davor leben wir viele Tage", um Mankell aus seiner Haltung der protestantischen Arbeitsethik zu locken. Mankell kontert mit einer unwesentlichen Korrektur des Zitats, um dann allerdings klarzustellen, dass es nicht sein Satz sei. Der wäre eher:

"Mach dir im Leben nicht so viele Sorgen, du kommst da nicht lebend raus."

Mit dem Paradies, einer religiös begründeten Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, hat Henning Mankell nichts im Sinn; gleichwohl ist er für spirituelle Impulse empfänglich. Wenn er z.B. sinniert über die Amsel, die im Frühling kommt, und ob es wohl dieselbe sein könnte, wie im letzten Jahr. Er spricht von einem "merkwürdigen Chor von Leben und Tod". Aber tot ist tot! "Wenn man tot ist vermisst man nichts." Und was würde er vermissen? Die Erotik! Er erinnert an Luther und Bach.

"Wie Luther war Bach ein Mann, der die Erotik liebte, und auch für mich ist die Erotik die wahre Freude des Lebens. Es ist das Wundervollste des Lebens. Unvergleichlich... Schreiben ist die Nummer zwei. Erotik ist fundamental. Wie können Menschen nur etwas anderes sagen?

Das sagt Henning Mankell, nachdem er sich von seinem Vagabundenleben verabschiedet hat.

Wir werden auf Mankell zurückkommen. Er hat noch mehr zu sagen, und ob er will oder nicht, (s)ein Leben bezieht seinen Sinn und seine Sinngrenzen auch aus dem, was uns mit auf den Weg gegeben worden ist. Er spricht über seine Eltern und hat Bemerkenswertes zu sagen.

Aber vorher will ich mich mit Ilka Piepgras beschäftigen:

Ilka Piepras (IP), selbst damals 47, erinnert sich an einen prächtigen Frühlingstag im Mai 2012, der Tag, an dem Holger stirbt. Die 16jährige Tochter, Lea, ruft Ilka Piepgras zu Hilfe, während sie die Rettungsmaßnahmen für ihren Vater organisiert - "panisch, wie ein verwundetes Tier". IP versucht sich unterdessen in der Rethorik und den hilflosen Ritualen - Henning Mankell würde sagen - einer Kultur, die ein Mysterium aus dem Tod macht, die auf Furcht einflösende Weise Leben und Tod getrennt habe: "Alles wird gut, sprach ich auf den vierjährigen Bruder Leas ein, bald ist der Papi wieder gesund", während Holger "merkwürdig verzerrt im Wohnzimmer mit blaugrauer Gesichtsfarbe auf der Couch liegend" sein Leben aushaucht.

IP, die mit ihrer eigenen Familie in Berlin lebt, berichtet im Fortgang ihrer Schilderungen, dass Holgers Familie inzwischen weggezogen sei - "hinein ins geschäftige Leben der Innenstadt". Lea sei "schlagartig erwachsen geworden", studiere fern von Berlin, der Kleine sei ein Schulkind, "wach und fröhlich". Sie hätten es offenbar überstanden. Ihr selbst aber sei nach Holgers jähem Tod bewusst geworden:

"Ich brauche Klarheit über das Sterben. Sonst werde ich das Erlebnis nicht los. Ein zweites Mal will ich dem Tod nicht unvorbereitet begegnen. Aber wie kann man Sterben lernen, ohne selbst betroffen zu sein?

Die gewohnten Strategien - so IP - hätten nicht verfangen; Literatur - sie findet nicht hinein ins Thema. Sie macht eine Therapie und bewirbt sich ein Jahr später beim Berlinder Lazarus-Hospiz für eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin:

"Nun will ich mich der Angst vor dem Sterben stellen. Ich möchte dem Tod so nahe kommen, dass er den Schrecken verliert. Ihm Wissen und Erfahrung entgegensetzen. Wo könnte man das besser lernen als im Hospiz?"

Alle Versuche - auch mit älteren Menschen ins Gespräch zu kommen, erweisen sich als schwierig:

"Nicht einmal mit meinen Eltern, die immer gebrechlicher werden, kann ich übers Sterben sprechen. Es fällt mir schwer, ihren Tod nur in Erwägung zu ziehen. Doch wenn es soweit ist, will ich Erfahrung haben und ihnen eine Hilfe sein."

Zu dieser Einsicht kann ich IP nur beglückwünschen. Fast 20 Jahre bildet das Seminar: "Grenzsituationen - Was geschieht, wenn das Unfassbare geschieht" - die Auseinandersetzung mit Tod, Sterben und Trauer", den Kern meiner Bemühungen, junge Menschen auf den Lehrberuf vorzubereiten (siehe dazu Grenzsituationen sowie Sterben, Tod und Trauer). IP danke ich an dieser Stelle bereits, dass sie ihre Erfahrungen auf eindrückliche Weise einem großen Publikum zugänglich macht. Neben der von Herbert Gudjons 1996 im Rahmen seines ersten Themenheftes in der Pädagogik vertretenen These, dass in der Regel erst biografische Betroffenheit zu einer Auseinandersetzung mit dem Tod führe, sind es Beiträge, wie der von IP, die verschlossene Türen einen Spalt weit öffnen, und die bei dem/der ein oder anderen einen Bewusstseinwandel und eine veränderte Wahrnehmung einleiten bzw. vorbereiten.

Dabei spielt auch die informative Dimension eine Rolle, indem uns IP darüber aufklärt, dass die Hospize, die Herbert Gudjons 1996 (damals ca. 20 Einrichtungen in ganz Deutschland) als "Gegenbewegung" wertet gegen die von Henning Mankell beschriebene fatale radikale Trennung von Leben und Tod in den (post-)modernen Gesellschaften, tatsächlich einen Wandel bedeuten im Umgang mit Tod, Trauer und Sterben. Inzwischen - so berichtet IP - sind es ca. 1500 ambulante Hospizdienste, die ihre Ehrenamtlichen so vorbereiten, wie sie es für angemessen halten:

"Die meisten Kurse folgen dem sogenannten Celler Modell. Das ist ein christlicher Ansatz, die verloren gegangene Ars Moriendi, die Kunst des Sterbens, wiederaufleben zu lassen."

IP schildert den von ihr besuchten Kurs als weltanschaulich offen und keiner Religion verpflichtet. Statt Kreuzen hingen Energiebilder in der Räumen des Hospizdienstes, deren Farben sich positiv aufs Gemüt des Betrachters auswirken sollen. Im März 2014 beginnt IP ihre Ausbildung in einer denkbar heterogenen Gruppe:

Elf Menschen bilden einen Stuhlkreis: "Ein Stein geht von Hand zu Hand, wer ihn hält erzählt, wie er sich gerade fühlt. Mit einer solchen Befindlichkeitsrunde wird jedes Wochenendseminar eröffnet und beendet. Auch eine Kleenex-Box kreist - manche Übung berührt einen wunden Punkt."

IP schildert das Gruppenerlebnis als intensiv - nicht jedem liege das. Drei Teilnehmer hätten den Kurs im Lauf der Monate abgebrochen. Ziel sei es, "eine Ahnung davon zu bekommen, welche Prozesse Sterbende durchlaufen". Unterschiedliche Sichtweisen nicht zu bewerten, sie einfach stehen zu lassen, gehöre zu den zentralen Lektionen der Hospizarbeit:

"Hier lernt man Altruismus wie woanders Stricken oder Russisch. Es ist eine Schule der Vorurteilslosigkeit... Die Welt erscheint in neuen Farben, wenn man lernt, sich zurückzunehmen und nicht alles auf sich zu beziehen. So gesehen ist es eher ein Kurs übers Leben als übers Sterben."

Dies geht einher mit einer intensiven Selbstanalyse. Lydia Röder, die Kursleiterin argumentiert: "Sterbende brauchen ein stabiles Gegenüber. Wer psychisch mit sich im Einklang ist, kann ihnen unbefangen und frei begegnen. Am Lebensende spüren Menschen Ängste und Befürchtungen des anderen schnell. Und sie spüren, ob du echt bist." Pfingsten geht IP zum ersten Mal ins Hospiz. Aber auch hier zuerst eine Information, die gleichermaßen wirken kann, wie die Grundeinstellung, das Glas sei eher halbvoll oder das Glas sei eher halbleer: Obwohl die Zahl der Hospize seit Ende der neunziger Jahre wachse, seien es lediglich 2140 Betten, die auf 82 Millionen Einwohner kämen.

Der erste Fall:

IP kümmert sich in ihrem ersten Fall um die 81jährige an Lungenkrebs erkrankte Magda Hesse (Name zur Wahrung der Privatsphäre geändert). Sie nähert sich einer fremden Frau mit der unvermeidbaren Folge, sich ein Bild zu machen; das Sterben hat jetzt einen Namen. Aus diesem Namen wächst puzzleartig eine Persönlichkeit. Dabei hilft das "Formblatt" mit seinen "rudimentären Informationen": Adresse, Geburtsjahr, Krankheitsbefund; erste Gespräche, erste biografische Konturen, das erste gemeinsame Eis. Hat Magda Hesse noch Wünsche?. Ja, Zigaretten (von denen sich herausstellen wird, dass die Vorstellung eine zu rauchen weitaus verheißender ist, als es tatsächlich zu tun)!

"Bei meinem nächsten Besuch stecke ich ihr eine Marlboro zwischen die Lippen. Dass sie im Bett rauchen darf, gehört zu den Annehmlichkeiten eines Hospizes... Hier macht der Patient die Regeln. Hier geht es nicht darum das Leben zu verlängern, sondern die Qualität des verbleibenden Lebens zu steigern. Deshalb wird in den Hospizen anders gestorben: wissender, besser vorbereitet. Wer ins Hospiz zieht, weiß: Hier gibt es keine Hightech-Medizin, nicht einmal weiße Kittel. Manche leben noch einmal auf und sortieren im Rückblick ihre Biografie. Dann stirbt es sich leichter."

Auch wenn sich IP Sterbebegleitung anders vorgestellt hat - intellektueller und "ein bisschen poetischer" - (vielleicht so wie in Mitch Alboms Dienstags bei Morrie), dringt sie sehr schnell zu dem originären Mehrwert vor, den die Sterbebegleitung mit keiner anderen Erfahrung auf so eine spezifische Weise teilt. Denn anstatt "Kleiner-Prinz-Weisheiten" lernt IP an diesem Nachmittag etwas Besseres:

"Den eigenen Turbo-Lebensrhythmus der langsamen Gangart eines verlöschenden Menschen unterzuordnen. Dann verschwinden Raum und Zeit, die Welt entfernt sich kolossal, und ich trete so stark mit mir selbst in Verbindung, wie sonst nie. In den Stunden bei Magda Hesse entferne ich mich vom Rest der Welt so weit, als wäre ich auf einem Tiefseetauchgang."

IP fühlt sich komplett zurück verwiesen auf sich selbst und ihre Intuition: "Kein akademischer Grad, kein beruflicher Erfolg ist hier von Bedeutung, weder Status noch Reputation." Der Unterschied zwischen Alten- und Krankenpflege auf der einen Seite und der privilegierten Situation im Hospiz offenbart sich an alltäglichen Kleinigkeiten: IP führt Magda Hesse die Schnabeltasse an den Mund: "Nach einer halben Stunde hat sie ein Viertel der Tasse ausgetrunken. So viel Zeit für so wenig Flüssigkeit - unmöglich für einen Pfleger, sich diese Zeit zu nehmen, wenn er in einer Schicht 16 Menschen zu versorgen hat."

Das Zittern der Beine "wie im Trommelwirbel", nach drei weiteren Tagen des Todeskampfes zeitweilige Schnappatmung, das "Todesrasseln" des Atems in den letzten Stunden vermitteln nur einen schwachen, untauglichen Eindruck von der Dramatik des Sterbeprozesses, wie er sich zuweilen - und konkret bei Magda Hesse - ereignet. Die außerordentliche Kontinuität der Sterbebegleitung in langen Phasen der Präsenz - so ganz anders als es dem Pflegepersonal möglich ist - öffnet einen Erfahrungsraum, der letztlich zu einer Haltung und zu Bewertungen führt, die Außenstehenden nicht vermittelbar sind. Dies führt IP schließlich zu einem Erleben, das auch in seiner sprachlichen Wiedergabe nur für jemanden nachzuvollziehen ist, der dieses Erleben aufgrund eigener Erfahrungen teilt: "Nach der Sitzwache verlasse ich das Hospiz in einem eigenartigen Zustand von Schwerelosigkeit - als sei die Lebensenergie, die der Sterbenden entwichen ist, auf mich übergegangen." Und vermutlich klingt die Empfehlung einer "sehr erfahrenen Sterbebegleiterin", die im Kurs von der "Magie des eintretenden Todes" spricht, mehr als befremdlich:

"Genießt den Augenblick, werdet nicht sofort aktiv, sondern kostet den Moment aus."

Wer würde diese Empfehlung - wie auch IP - nicht als geschmacklos empfinden: "Aus dem Tod eines Menschen Nutzen ziehen! Ist es nicht unappetitlich, in fremden Sterbezimmern herumzulungern, um das eigene Wohlbefinden zu steigern?" IP weiß aber inzwischen: "Von der Sterbebegleitung profitieren beide Seiten. Und das ist nicht verwerflich." Und mir persönlich wird mit Hilfe der Erfahrungen von IP ein wesentlicher Unterschied deutlich, der darin beruht, professionelle Sterbebegleitung auf der einen Seite zu machen bzw. als pflegender Angehöriger in bluts- oder wahlverwandtschaftlicher Nähe die Eltern oder andere nahe Angehörigen in den Tod zu begleiten:

IP macht aufmerksam auf einen feinen und zugleich folgenreichen Unterschied: "Ich treffe Magda Hesse nicht als Ärztin, Pflegerin oder Psychologin, sondern als Ebenbürtige in einem Raum ohne Hierarchie. Wir begegnen einander in einer Extremsituation, und unser Verhältnis ist von einer Ursprünglichkeit geprägt, die sonst unter Fremden nicht vorkommt. Wir könnten Mutter und Tochter sein - ohne dass ich ihr mit dem Pflichtgefühl und dem Schmerz einer Tochter gegenübertrete und sie mir mit der Erwartungshaltung einer Mutter. Wir sind frei."

Das erste Resümee ist beeindruckend und wirkt wie eine persönliche Befreiung: IP verbindet existentielle Erfahrung mit dem Erleben einer großen Kraft, die sie durchflute: "Angesichts der mächtigen Natur scheint mir mein Platz im Universum klein und stimmig. Meine Vorstellung von Gott ist ein Gefühl von Zuversicht und Dankbarkeit. Hier am Totenbett von Frau Hesse, verbindet dieses Gefühl das Sichtbare mit dem Unerklärlichen. Es ist gegenwärtig wie nie zuvor."

IP ist frei! Zwei Jahre nach dem Tod von Holger ist sie so weit. Jetzt kann sie tun, was damals im Strudel der Ergeignisse nicht möglich war: Abschied nehmen.

Die Ausbildung zur Sterbebegleiterin geht in die Vertiefungsphase: Trauer und Rückschau sind das Thema: Einen eigenen Nachruf verfassen, in einer halben Stunde die eigene Biografie würdigen: "Wie überwältigend muss so eine Rückschau erst sein, wenn das Ende tatsächlich erreicht ist."

Der zweite Fall: Thea Groll wird IPs "Zen-Meisterin". Sie lässt Halbherzigkeiten nicht zu:

"Einmal melde ich mich aus dem Alltagsstress bei ihr und hake den Anruf gedankenlos auf meiner Liste ab. Sie spürt die Hektik im Gespräch und sagt mir mit ihrer Ostberliner Schnauze: 'Das macht doch alle nur Sinn, wenn eine gewisse Ruhe herrscht.'"

IP erschließt sich ein biografisches Bild, das von einer Kindheit im zerstörten Berlin, den Kriegstraumata, die der Vater an der Familie ausließ, bis zu der "Demütigung" reicht, nach der Wende erneut eine Lehrerprüfung ablegen zu müssen; das aber auch das Ehrenamt der Renternin in der Unterstützung kranker Kinder in der Charité enthält genauso wie die Trennung von der geliebten Katze, die sie nun schrecklich vermisst. Bei der 77jährigen Thea Groll hat man vor wenigen Monaten Eierstockkrebs festgestellt - mit der Aussicht, das nichts mehr zu machen sei: "Ihr Sterben hat begonnen, aber solange sie zu Hause bleibt, kann sie sich ablenken." Am Beispiel von Thea Groll wird das ganze Desaster einer Auflösung der gewohnten Lebensumstände sichtbar, samt der Unsicherheit, die aus der Unfähigkeit resultiert, die eigenen Angelegenheiten (hier vor allem die krankenversicherungsspezifischen Erfordernisse) noch regeln zu können. Dazu fehlen Kraft und Übersicht:

"Ich verspreche dort anzurufen - ein schwacher Trost, denn das Problem der Sterbenden ist größer: Sie fühlt sich ungerecht behandelt. Ihr Leben lang hat sie geschuftet und war ein anständiger Mensch. Und jetzt muss sie sterbenskrank darum betteln, dass man ihr Zuzahlungen für Windeln genehmigt und Krankentransporte erstattet."

Und alles wird begleitet von einer Sterbensangst - und dennoch auch immer wieder "schöne Erinnerungen" - wenn jemand da ist, der fragt, der interessiert ist, etwas zu hören über ihre Erfolge im Badminton und das Akkordeonspielen. Im Falle von Thea Groll funktioniert immerhin das Netzwerk, zu dem auch IP als Sterbebegleiterin gehört. Aber in der Begleitung Thea Grolls, in ihrem leidvollen Sterbeprozess stellen sich IP auch jene Sinnfragen, die gerne in der geschäftigen Hektik der Routinepflege untergehen: "Wird das 'bewusste Sterben' nicht schrecklich überschätzt?" In den allermeisten Fällen sei der Tod ein roher, unberechenbarer Geselle. Niemand könne ihn verstehen:

"Sterben ist eine Naturgewalt wie die Geburt. In der manchmal bestialischen letzten Phase wird oft stillschweigend die Morphiumdosis hochgefahren, selbst wenn der Patient sich nicht mehr dazu äußern kann. Während das Land heftig über Sterbehilfe diskutiert, ist sie in dieser Form längst Normalität."

An Thea Groll lässt sich beobachten, wie sehr die Entwurzelung, die Entfernung von der gewohnten Umgebung - vom "vertrauten Kiez" den Verlauf der letzten Phase beeinflusst: "Im Hospiz erkennt Frau Groll, dass sie nicht mehr nach Hause zurückkehren wird. Jetzt geht alles sehr schnell. Sie begreift, dass sie sterben wird. Vier Tage nach ihrem Umzug ist sie tot." IP verbringt den  letzten Lebensabend gemeinsam mit der Tochter im Hospiz - auch überwältigt und befremdet von der Ungleichzeitigkeit der Geschehnisse

"Draußen im Gemeinschaftsraum, ein paar Zimmer weiter, werden die Gewinner einer Adventstombola ermittelt... Thea Groll nimmt von alledem nichts wahr. Ein Tropf versorgt sie mit starken Schmerzmitteln. Sie schläft und ringt nach Luft. In ihrer Brust brodelt es, als koche ein Riese Brei. Im Zimmer breitet sich sachte ein Geruch von Fäulnis aus... Ich lerne die erbarmungslose Seite des Todes kennen - die Faust des Todes. Aus Thea Grolls Mundwinkel fließt dunkler Schleim, wei ein grober schwarzer Wollfaden hängt er aus dem fahlen Gesicht. Was ist ein guter Tod? Gibt es ihn?"

Hier wird deutlich das Sterben mehr ist als nur ein Übergang. Es ist ein Prozess der sich über Tage, Wochen und manchmal Monate hinzieht. Die Biologie lässt diesen Prozess wie ein Programm ablaufen. Die Aufgabe der (Palliativ-)Medizin ist Linderung. "Als Sterbebegleiterin bin ich in der Phase davor gefragt, wenn ein Einzelner dem Unausweichlichen gegenübersteht [..] Natürlich gibt es auch das gute Ideal eines für alle Beteiligten guten, versöhnlichen, sogar herzerhebenden Erlebnisses. In solchen Fällen ist Sterbebegleitung die beste Form von Hilfe am Lebensende." Und umgekehrt? Was hat IP davon?

"Dass ich an der Erfahrung wachse und der Tod seinen Schrecken für mich verliert." Diese Erwartung habe sich erfüllt. Aber biografisch verweist IP auf das, was Herbert Gudjons als zentrales Motiv nennt, wenn er begründen soll, worin die pädagogische Dimension des Todes bestehe. Sie stellt fest: "Je früher man die eigene Sterblichkeit spürt, desto besser gelingt ein gutes Leben. Ich bin radikaler geworden, achte mehr auf Sinn und Wert meines tuns. Wenn Glück Erkenntnis und tiefes Erleben bedeutet, war das letzte Jahre das beste meines Lebens."

Selbst die veränderten Formen und Inhalte von Alltagskommunikation erscheinen in diesem Kontext glaubwürdig und plausibel - wenn auch ein wenig skurill: Zum einen, dass ihr ihre eigenen Kinder schon einmal zurufen: "Viel Spaß mit den Sterbenden! (statt sich, wie anfangs, argwöhnisch zuzuraunen: Jetzt geht sie wieder in ihr Sterbeseminar." Dem Vater - 600km entfernt wohnend - habe sie vor Kurzem von ihrer Ausbildung als Sterbegleiterin erzählt, und erfreut seine Reaktion vernommen: "Wie schön. Dann können wir ja endlich übers Sterben reden." IP meint: "Das werden wir tun."

Wir alle sollten es tun. Selbst Rolf Arnold schließt seine konstruktivistische Didaktik (Heidelberg 2007) mit einem Schlusskapitel ab, dem er den Titel gibt: "Abschiedliche Bildung". Es sei an der Zeit der immer und grundsätzlich nur aufbrechenden Perspektive der Pädagogik eine abschiedliche an die Seite zu stellen, denn Montaigne habe uns sinngemäß schon die Frage gestellt: Glaubt ihr eigentlich ich kämet nie dort an, worauf hier hingeht?

Oder mit Henning Mankell:

"Mach dir im Leben nicht so viele Sorgen, du kommst da nicht lebend raus."

Ja, Henning Mankell - ähnlich wie Roger Willemsen oder Christoph Schlingensief der Prototyp eines Kosmopoliten - zwischen Europa und Afrika: "Unser kleines Leben ist umhüllt von Schlaf", sagt Prospero in Shakespeares "Sturm". Henning Mankell spricht von einem Leben zwischen Ewigkeiten - der vor unserer Geburt und der nach unserem Tod. Susanne Mayer fragt ihn, wie sich seine 67 Jahre anfühlen: "Schrecklich kurz. Jeder Tag hat nur 24 Stunden, die 25. Stunde werden Sie nie finden. Das Einzige, was bleibt, ist, von Tag zu Tag zu entscheiden, was man nicht tun will." Was er nicht tun wollte, war Mankell sehr früh klar: "Zur Schule gehen!" Was sich daran anschließt ist eine bittersüße Geschichte zwischen Ermöglichungen und Enttäuschungen. Nach langem Schweigen ob dieser Ankündigung seines damals 16jährigen Sohnes reagiert der Vater sehr, sehr ungewöhnlich: "Nun, dann werde ich dich wohl unterstützen müssen." Und Henning Mankell meißelt einen Satz in das Blau des Mittelmeerstädtchens, der den Unterschied scharf stellt, der alle Unterschiede in der Beziehung zwischen Kindern und ihren Eltern so gnadenvoll wie gnadenlos markiert:

"Dafür liebe ich ihn heute noch. Er war Richter und klug genug, zu verstehen, dass ich es durchziehen würde. Leider starb er, bevor mein erstes Buch rauskam. Aber ich glaube, er verstand, dass ich es schaffen würde."

Diese Erinnerungen und die tiefe Liebe, die Mankell seinem Vater gegenüber empfindet und verkörpert, weist darauf hin, dass er in Zusammenhängen denkt und fühlt, an der Bindungen monumental ins Bild auch seiner Geschichte wachsen. Er erzählt weiter, dass sein Vater offenkundig auf sein Talent vertraut habe. Bereits mit 19 Jahren habe er sein erstes Theaterstück inszeniert. So jung sei er gewesen, dass er noch nicht einmal den Wein für die Premiere kaufen konnte:

"So ging immer alles glatt, nie wurde ich in meinem Leben zurückgewiesen."

In dieses Inkonsistenzbereinigungsprogramm schüttet Susanne Mayer unvermittelt bitteren Wein: "Ihre Mutter ging fort, als Sie klein waren. Viele Kinder erleben das als Zurückweisung." Henning Mankell erinnert sich: "O ja. Als sie ging, war ich ein Nichts. Und fühlte mich so. Aber jetzt fühle ich es nicht mehr." Interessant ist seine Antwort auf Susanne Mayers Frage, was ihn über dieses Gefühl hinauswachsen ließ?

"Ich traf meine Mutter einmal, als ich 15 Jahre alt war. Es war das Jahr, bevor ich die Schule schmiss. Ich traf sie in einem Restaurant in Stockholm. Ich sah sie, wie sie da saß, ich hatte Fotos von ihr gesehen. Wir sehen uns sehr ähnlich, wir haben das gleiche Haar, das gleiche Gesicht, ich ging auf sie zu, und sie sagte: 'Komm nicht zu nahe, ich bin erkältet.' Das war's. Als sie starb ging ich nicht zu ihrer Beerdigung. Ich ging einfach nicht hin."

Wie hatte Susanne Mayer eingeleitet: "Es gibt ein Blau des Himmels, das wider alle Vernunft den Eindruck erweckt, im Leben könne nichts Böses passieren, man möchte es das Kinderblau nennen." Das Kinderblau mutiert hier zum fahlen Blau des schwedischen Winterhimmels bei 30 Grad Kälte. Henning Mankell erklärt auf die Nachfrage hin, ob er verletzt oder gestärkt aus dieser Kindheit herausgekommen sei, ganz zweifelsfrei: "Verletzt." Aber er habe das in eine Art Stärke verwandeln können: "Keine Ahnung. Aber ich habe alle Frauen, mit denen ich lebte, gefragt, ob sie von meiner Seite einen Wunsch nach Bemutterung spürten, und alle sagten: Nein, nie!" Aber Henning Mankell fragt nach - alle seine Frauen. Die Unsicherheit bleibt. Mich erinnert diese Verlegenheit Henning Mankells an einen Hinweis, den Donata Elschenbroich in ihrer Bildungsminiatur zum "Ich-als-Kind-Buch" gibt (in: Das Weltwissen der Siebenjährigen - übrigens eine Resenzion von Susanne Mayer):

"Die Aufmerksamkeit der (bedeutsamen, Verf.) anderen gegenüber der eigenen Entwicklung wird allmählich zur eigenen. Der Blick der Erwachsenen auf das Kind lenkt die Introspektion, er verwandelt sich allmählich in Selbstreflexion. Wiederkehren kann das später im Blick auf die eigene Familie. Und vielleicht wird dieser Blick, den man auf sich ruhen fühlte - gleichgültig, aufmerksm oder ängstlich -, zurückgelenkt auf die Gesellschaft als Ganzes."

Sie spricht im Fortgang ihrer Argumentation eine milde Variante in der Aufmerksamkeit der Erwachsenen den Kindern gegeüber an, wonach vorsätzliches oder verlegenes Wegschauen in Kindern Formunsicherheit erzeugen könne. Henning Mankell hat Wallander erfunden. Vielleicht sollte man Wallander unter diesen Gesichtspunkten noch einmal genauer betrachten.

Nun ja, danach kommt der Verweis auf Luther und Calvin, sein protestantisch geprägtes Arbeitsethos relativiert durch die Unwichtigkeit der Frage, ob seine Chancen erinnert zu werden gut stünden. In fünfhundert Jahren - so seine Entgegnung würden allenfalls Einstein oder Gandhi erinnert werden. Und: "Bach wird bleiben!"

Seine Antwort auf die Frage, ob er sich je in seiner Krankheit abhanden gekommen sei, ist bedenkenswert:

"Es ist offensichtlich, dass sie (die Krankheit, Verf.) mich zu etwas brachte, was mich ausmacht. Ich erinnere mich an den ersten Tag, als ich die Diagnose bekam und die Ernsthaftigkeit verstand. Ich war von Agonie erfüllt, aber ich wusste, wie ich damit umzugehen hatte. Ich verstand, ich musste ihr begegnen mit den Erfahrungen und Gedanken der Kraft, die ich in meinem früheren Leben gesammelt hatte [...] In diesen ersten Wochen und in dem ganzen vergangenen Jahr habe ich einmal geweint. Vielleicht fünf Minuten lang." Und in Momenten der Verzweiflung. Wie er ihnen begegne, fragt Susanne Mayer: "Ich gehe zu meinem Manuskript. Oder nehme mir ein Buch. Wenn die Agonie kommt, lese ich und verschwinde einfach in einem Buch. Es kann ein Buch sein, das ich schon zehnmal gelsen habe. Lesen beruhigt mich besser als eine Pille. Bücher sind meine Kathedralen."

 

 

 

 

 

 

   

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