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Alligators Ende! - oder: See you later Alligator?

Von der Hybris der Alligatoren und einer ganzen Wissenschaftsdisziplin

In der ZEIT vom 23. April 2015 (17/2015) prognostiziert Stefan Willeke "Alligators Ende"; am Beispiel von Ferdinand Piech - Herrscher im Weltkonzern VW - könne man den Horizont eines "posttyrannischen Zeitalters" erkennen. Den Alligatoren vergehe das Lächeln, und das Zeitalter der "Wüstenspringmäuse" habe begonnen. Ihren idealtypischen Repräsentanten erblickt Stefan Willeke in Jogi Löw:

"Er hat etwas Unmögliches geschafft, er hat die Tyrannei besiegt. Er galt als badisches Jüngelchen, das nicht die Durchsetzungskraft mitbringt, ein tendenziell widerspenstiges System zum Erfolg zu führen. Löw fügte sich dem System, veränderte es leise von innen - was viel mehr Kraft kostet als das Protzen eines charismatischen  Anführers. Am Ende machte Löw Deutschland zum Weltmeister, ohne an seinem weichen, kommunikativen Führungsstil etwas zu ändern. Das ist ein großes Verdienst, weil gegen Löw der Glaube an die Unerbittlichkeit ausgeschieden ist. Das ist von Bedeutung, weil man dem Fußball zutrauen kann, viel von Härte zu verstehen - somit auch von zurückgewiesener Härte. Und weil Antworten in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich klarer ausfallen. Nach einem 7 : 1 im Fußball muss man nicht darüber streiten, wer verloren hat."

Streiten darüber, wer gewonnen hat, muss man im Übrigen auch nicht nach einem 6 : 1! Fragen ergeben sich schon. Ob Dr. Müller-Wohlfahrt einem Alligator ins Maul geschaut hat, und ob Matthias Sammer zu den possierlichen Tierchen gehört, die Peps (Guardiolas) alligatorisches Gebiss pflegen, ist vielleicht (k)eine offene Frage. Ob wir wirklich an einer epochalen Schwelle stehen, in der die Wüstenspringmäuse die Regie übernehmen und die Alligatoren auf dem Rückzug sind, das könnte schon eine Frage von Bedeutung sein, zumal wenn man sie - wie Stefan Willeke - verknüpft mit Chancen zu einer Modernisierung: "Sobald ein Charismatiker auftritt, erscheint das System unwichtig, weil er es sich untertan macht. Dabei bieten die Systeme sehr viel mehr Raum für Mitsprache und Beteiligung."

Ohne festen Boden - oder: In Sprache mutiert Gesellschaft

Die Erfindung der fünften Gewalt

"Ohne festen Boden" - so lautet der Leitartikel von Dirk Kurbjuweit im SPIEGEL 14/15 (S. 14). Dirk Kurbjuweits Leitartikel endet mit einem bemerkenswerten Schlusssatz: "Nach der Katastrophe kommt zuerst das Innehalten im Schock, dann die Trauer, und dann leben die nicht unmittelbar Betroffenen weiter wie bisher. Anders geht es nicht."

Auf die exklusive Rolle von 150 Familien- und Freundeskreisen im Zusammenhang mit der Unglücksmaschine 4U9525 habe ich in: "Eine ZEIT-Reise" hingewiesen. Aus der gleichermaßen ernüchternden wie heilsamen Vorstellung, dass der Mensch außerhalb der Gesellschaft zu positionieren sei, dass Gesellschaft im Sinne von Niklas Luhmann "bewusstseinfrei" im Modus von Kommunikation operiert, resultiert ein weiterer entscheidender Hinweis mit Blick auf den massenmedialen "Extremismus der Erregung" (Bernhard Pörksen). Hier lassen sich fast ausnahmslos die Auslassungen selbsternannter und berufener Experten einordnen; vom SPIEGEL (Dirk Kurbjuweit) über die ZEIT (Bernhard Pörksen) bis zur Rhein-Zeitung. Letztere räumt dem Experten Werner Dinkelbach (Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker) eine Dreiviertelseite im Rahmen eines Interviews ein, der immerhin auf die Frage, ob das Rätsel ungelöst bleiben könnte, festzustellt:

"Das ist schwer auszuhalten. Das widerspricht unseren kognitiven Vorgängen im Kopf. Wir versuchen für jedes Ereignis eine Ursache zu definieren, um etwaige Folgen einschätzen oder uns gegen etwas wappnen zu können. Dahinter steckt unser grundlegendes Sicherheitsgefühl. Diese unfassbare Tat untergräbt den Wunsch, die Welt erklären zu wollen."

Und Hans Werner Dinkelbach bekennt auf den Hinweis, dass es ihn als Psychologen doch grämen müsse, die Seele eines Menschen nicht ergründen zu können:

"Ich mache oft genug die Erfahrung von Überraschungen, und weiß das Verstehen seine Grenzen hat. Deshalb grämt es mich nicht. Es verschreckt mich zutiefst, es ängstigt mich auch. Aber ich werde damit leben müssen."

In Koblenz-Güls werden die ersten Oscars verliehen!

"Der letzte schöne Tag" von Johannes Fabrick mit Wotan Wilke Möhring, Matilda Merkel, Nick Julius Schuck und Julia Koschitz

Der hier nachstehende Text stammt aus dem Wintersemester 2014/15. Inzwischen neigt sich das Wintersemester 2016/17 dem Ende zu. Das bedeutet, dass der "Letzte schöne Tag" zum achten Mal im Rahmen des Semiars "Grenzssituationen" (6.3) gezeigt wurde. Ich bitte die Teilnehmer um Lektüre des nachstehenden Beitrags, so dass wir am 3.2.17 daran anschließen können:

Ich habe in meinem vorletzten Beitrag meinen großen Respekt und auch meine Freude darüber ausgedrückt, dass "Boyhood" von Richard Linklater mit einem "Golden Globe" ausgezeichnet worden ist. Nach dem heutigen Seminar "Grenzsituationen in Schule und Unterricht: Was passiert, wenn das Unfassbare passiert" habe ich mich entschlossen, meinen eigenen "Oscar" zu verleihen; vielleicht fällt mir noch ein passenderes Etikett als "Oscar" dazu ein. Zum vierten Mal habe ich im Rahmen des erwähnten Seminars, das den Umgang mit "Tod, Sterben und Trauer" thematisiert, den Film "Der letzte schöne Tag" gezeigt (mittlerweile gibt es auch das Skript zum Szenenverlauf in protokollierter Form).

Eine ZEIT-Reise

Das Echo auf die Flugkatastrophe - Extremismus der Erregung von Bernhard Pörksen in der ZEIT 14/15 -Leitartikel

So elegant ist selten jemand zurückgerudert: Man nehme sich einen renommierten Medienwissenschaftler und lasse (sich) die Leviten lesen. Nachdem man in der letzten Ausgabe den "Absturz eines Mythos" proklamiert hatte, will man mit der heutigen Ausgabe (14/15 vom 1. April) hinter den "Extremismus der Lügen" zurück. Seit mehr als dreißig Jahren bin ich leidenschaftlicher ZEIT-Leser und norde mich im zunehmenden Medien-Hype auch heute noch mit Hilfe der ZEIT im Orkan der Nachrichten ein - und dies gewiss nicht allein deshalb, weil man in Hamburg mit steifen Brisen mehr Erfahrung hat als anderswo.

Was macht nun meine besondere Empfindsamkeit aus und erhöht meine Empfänglichkeit für "Besonnenheit in besinnungslosen Zeiten"? Bernhard Pörksen fordert dies mit der professoralen Autorität des "Medienwissenschaftlers" und glaubt die Medienzunft von A bis Z - zumindest von Bild bis ZEIT auf ein gemeinsames Ethos verpflichten zu können: "Die Mediengesellschaft braucht Regeln zur Wahrung der Besonnenheit in besinnungslosen Zeiten" - vor allem, so Pörksen, um nicht selbst in einem "Extremismus der Erregung" zu versinken und sich in eine Art "mentaler Geiselhaft des Schreckens" zu begeben. Er kreiert zwei Begriffe, die Klemme und Zwangslage der modernen Mediengesellschaft verdeutlichen sollen. Einerseits manövriere sie sich unter dem Druck pausenlos berichten zu müssen in ein Nachrichtenvakuum hinein, was im Übrigen dazu führe, dass man "Pseudo-News" präsentiere, wo man doch gar nichts wirklich Neues zu sagen habe. Andererseits bedinge das Zusammentreffen von Katastrophe und rascher publizistischer Reaktion notwendig ein Faktizitätsvakuum: Man wisse wenig sicher, wolle aber doch Gewissheiten präsentieren. Das hat die ZEIT-Redaktion immerhin dazu verführt, die Headline von 13/15 mit dem "Absturz eines Mythos" zu begründen. Ja, was waren das noch für Zeiten als Bernhard Pörksen ganze Titel von Büchern noch mit der Headline "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" auf den Punkt bringen konnte.

Das Sterben ist kein Wunschkonzert! Und wie ist das mit der Sterbe-App?

Ein weiterer Mosaikstein in der Diskussion von Edo Reents in der FAZ (22.11.14)

"Jeder will würdig sterben. Was ist, wenn das nicht möglich ist?" Edo Reents stellt die richtige Frage. Er katapultiert mich mehr als elf Jahre zurück in das Jahr 2003, in die aktute Sterbephase meiner Mutter:

Von Februar bis Juli - ein halbes Jahr belgeite ich sie, ohne wirklich zu wissen, worum es geht. Erst der finale Akt, die finale Sterbephase vom 19. bis zum 27. Juli öffnet die Türe, durch die wir gehen müssen und hinter der sich unsere Wege trennen. Ich habe dieses letzte halbe Lebensjahr meiner Mutter und unseren gemeinsamen Weg protokolliert; die letzten 8 Tage minutiös und detailliert. Man kann es nachlesen in "Hildes Geschichte". Das "Sterbetagebuch" verdankt sich einer Mischung aus Trotz, Hilflosigkeit und kühler Beobachtung. Letztere kompensiert nach und nach und mehr und mehr meine Hilflosigkeit. Meine Mutter stirbt im Krankenhaus "Maria Hilf" in Bad Neuenahr. Während ich zu Beginn dieser finalen Phase zwischen Güls und Bad Neuenahr pendele und mir die Sterbebegleitung im wesentlichen mit meiner Schwester aufteile, ermöglicht mir das Krankenhaus in den letzten vier Tagen und Nächten eine Dauerbegleitung, indem man mir im Zimmer meiner Mutter ein Bett aufstellt. Für diese - im Krankenhausbetrieb alles andere als selbstverständliche - Ermöglichung bin ich bis heute zutiefst dankbar. Wo ist mein Problem?

   

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