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Péter Nádas: Im Tod fängt etwas Großartiges an

Iris Radisch berichtet Péter Nádas schon oft begegnet zu sein. Das abgedruckte Interview findet im Jahr 2002 statt. Péter Nádas ist eben 60 Jahre alt und insofern - wie Iris Radisch bemerkt - noch viel zu jung für ein Gespräch am Ende des Lebens. Und sein Monumentalwerk "Parallelgeschichten" wird erst zehn Jahre nach diesem Gespräch erscheinen. Aber was er "anzubieten" hat, macht ihn mit Blick auf Lebensendgeschichten vielleicht dann doch zu einem besonderen - ungemein faszinierenden Gesprächspartner.

Iris Radisch betont, dass sie zehn Jahre später - als sie ihn in seiner ungarischen Heimat besucht - gar nicht mehr über seinen "Dreieinhalb-Mintuten-Tod" sprechen und hat dafür eine interessante Begründung parat: "Vielleicht ist das nicht nötig gewesen. Denn die Todeserfahrung, von der dieses Gespräch handelt, ist in die Textur seiner Parallelgeschichten eingegangen. In diesem unglaublichen Roman ist die lineare Zeit aufgelöst, und alle Geschichten geschehen gleichzeitig - als wären Körper, Seele und Universum der Ausdruck ein und deselben Kraft, die alles druchdringt und hervorbringt. Genauso, wie es an der Schwelle des Todes war."

So gibt es denn auch Sinn unmittelbar an Péter Nádas' Nahtoderfahrung anzuknüpfen. Iris Radisch spricht Nádas auf seine Nahtoderfahrung an und fragt ihn, warum sein Buch "Mein eigener Tod" heiße. Aus Péter Nadás' Antwort entwickelt sich eine eigentümliche Weltsicht, die in ihrer metaphysischen Kehre für den Otto Normalo schwer zu vermitteln ist. Mich persönlich fasziniert sie allein schon deshalb, weil ich in den noch wachen, aber eben auch schon somnambulen Phasen des Übergangs erheblich abgeschwächtere und dünnere Erfahrungen sammle, wenn ich abends zu Bett gehe oder des nachts wieder den Übergang in Tiefschlafphasen suche:

Nádas berichtet in der Erinnerung und Auseinandersetzung mit seiner Nahtoderfahrung: "Das ist ein Tatbestand. Es war mein eigener Tod, das kann niemand bezweifeln und mir wegnehmen. Die Wissenschaftler sprechen nicht von Tod, sondern von Todesnähe, die Ärzte sind noch sorgfältiger. Sie kenne noch andere Fachausdrücke, um zu bezeichnen, was das Herz gerade macht oder in diesem Fall nicht macht. Aber ich wusste, dass ich sterbe. Die Ärzte hantieren in diesem Augenblick mit ihre Geräten wie kleine Kinder mit Spielzeugen, ohne zu wissen, was sie letzten Endes tun, wenn sie mich zurückbeordern. Wer zurückgebracht wird, weiß mehr als sie. Die Ärzte stellen sich den Tod als etwas vor, das unserem Leben ein Ende setzt. In Wahrheit fängt etwas Großartiges an. Da stimme ich den christlich-jüdischen Jenseitsvorstellungen zu. Die Erdenschwere verschwindet, und die Bewusstseinsinhalte sind alle gleichzeitig verfügbar. Sie erzeugen einen Raum, den man ewig und unendlich nennen könnte. Aber das sind alles schlechte Übersetzungen einer sprachlosen Erfahrung [...] An der Schwelle des Todes hat man ein sehr abstraktes Denken, das nicht mit der Sprache verbunden ist, gleichzeitig fasst man sinnlich mehr auf, als man je sprachlich ausdrücken, geschweige denn nachträglich sprachlich aufarbeiten könnte."

Da wird man doch zumindest neugierig und könnte doch etwas von der Hybris geheilt werden, mit unserem bescheidenen diesseitigen Erkenntnisapparat Letztgültiges sagen zu wollen über die Welt, ihren Ursprung, ihren Fortgang und letztlich über ihr Mysterium. Und eine entsprechend bescheidene und demütige Haltung hat genauso wenig ein naives Jenseitsverständnis im Blick, wie es bei allem wissenschaftlichen Fortschritt auch nur ansatzweise die Neigung erkennen lässt, aus all unseren Erkenntnissen Letztgültiges ableiten zu wollen/können!

Geben wir noch einmal Péter Nádas das Wort auf die Frage Iris Radischs, ob er gläubig sei, und ob er Angst vor dem nächsten Tod habe?

"Vor meinem Schwellenerlebnis war ich ein halbwegs gläubiger Mensch. Jetzt weiß ich, der Glaube ist eine kulturell richtige, aber faktisch falsche Übersetzung von etwas, über das wir wenig wissen. Religion ist keine Aufgabe, kein Jenseits, keine Kultur für die Abendstunden. Sie ist eine Leidenschaft, die durch die Ergebnisse nicht zu besgründen ist. Der Glaube an die Transzendenz hat mich unfrei gemacht. Jetzt weiß ich, dass sei eingebunden ist und wir nicht wie unartige Kinder zu ihr aufsehen müssen. Sie verbindet uns alle, uns Wirbeltiere, und meinetwegen sogar die Menschen mit den Blättern." Péter Nádas erzählt, vor dem Tod keine Angst zu haben: "Ich kämpfe mit dem Tod, das heißt, meine Physis kämpft, und ich bleibe doch von Kampf und Vergehen unberührt. Danach ist es gut, alles ist besser."

Und vielleicht noch zu guterletzt der Hinweis Péter Nádas' dem sprachlich nicht zugänglichen "Nichts", dem "Ureinen", dem "Seinsgrund", dem "Nichtidentischen" im Diesseitigen nahezukommen. Iris Radisch fragt nach diesem "Etwas", von dem Nádas wohl meint, dass man es suchen solle - nicht nur in der Stunde des Todes. Er antwortet:

"Das  ist ein schüchterner Appell. Diese Nähe stellt sich nicht zufällig ein. Auf diese Nähe sollte man nicht verzichten. Poesie, Musik und Liebe kämpfen damit, diese Nähe nicht zu verlieren."

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund