debekabanner.svgcafe hahn bannerreuffel banner

Julien Green - "Altern ist Sünde"

Entree: Iris Radisch führt in die Inteviews teils mit sehr persönlichen Bemerkungen ein. Julien Green trifft sie im Herbst 1990. Sie hat eben erst die 30 überschritten, und sie bekennt nervös zu sein: "Dann sind wir allein: nur einen knappen Meter im Raum und über sechzig Jahre in der Zeit voneinander getrennt". Julien Green gibt sich redselig - gibt Antworten auf Fragen, die Irisch Radisch gar nicht gestellt hat. Auch mit seinen 90 Jahren - er wird 1998 im Alter von nahezu 98 Jahren sterben - bemerkt er dies sehrwohl und bemerkt während des Gesprächs:

"Ich erzähle Ihnen aber ziemlich viel. Sind Sie zufrieden?" Oder auch: "Aber ich sollte Ihnen das nicht sagen. Interessiert Sie das?" Iris Radisch, die auf dem Cover ihres Buches mit verschränkten Armen leicht ergrauendem Haar abgebildet ist und in der Summe einen gelassenen, souveränen - gar weisen Eindruck vermittelt, bekennt in der Einleitung zum Interview mit Julien Green Lampenfieber gehabt zu haben. Was fragt man einen 90jährigen? Und was erfahren wir, was erhoffen wir auch angesichts einen lebenserfahrenen Mannes mit einer schillernden Biografie? Ich hätte zum Beispiel meine Eltern gerne befragt zu ihrem Lebensresümee. Meine Schwiegermutter lebt noch, ich könnte sie fragen. Sie ist immerhin schon 93 Jahre alt und durchaus hellwach! Vielleicht ist es einfacher, seine Hoffnungen auf Lebensweisheit und Erkenntnis in Fremde zu projizieren. Die sind uns fern und können mit ihren Antworten weniger erschüttern als anregen:

Immerhin gibt es Triviales zu hören, wenngleich auch nicht Selbstverständliches: Auf die Frage, ob es eine Epoche gab, die er im Rückblick als "seine Zeit" begreifen könne, antwortet Green: "Die Zeit meiner Kindheit und meiner Jugend kann man nur wunderbar nennen. Es war die Zeit der Pferdebusse und so weiter. Es war noch vor der Benzin-Welt Diese Epoche endete 1914." Als "seine Zeit" benennt er die Jahre zwischen 1920 und 1933 in Paris: "Es war eine sorglose Zeit, jedenfalls in Paris, deren literarische Produktion außerordentlich war, es war eine ziemlich glückliche Zeit." Die Gnade der späten Geburt bewahrt ihn davor als Soldat am Ersten Weltkrieg teilzunehmen.

Was macht Julien Green nun zu dem bunten Hund, der offenkundig so viel Widersprüchliches in sich vereinigt - und was hat ihm persönlich die Kraft vermittelt, diese Widersprüche auszuhalten? Ein erster Hinweis gibt er im Zusammenhang mit seinem Bekenntnis zum (nahezu täglich geführten) Tagebuch:

"Ich bin Romancier. In meinen Tagebüchern gibt es nichts Persönliches. Sie sind wie Kilometersteine an einer Straße auf einer langen Reise. Mit ihnen weiß man immer ungefähr, wo man ist. Ich schreibe über das, was ich lese. Und über den Glauben, der eine große Rolle in meinem Leben spielt. Die größte in meinem Leben."

Beides, der Glaube - Julien Green konvertiert als junger Mann zum Katholizismus - und ein Leben gegen die Glaubensgrundsätze des Katholizismus und die Überwindung dieser Widersprüche eröffnen dann einen Zugang zu der eigentümlichen und vielleicht singulären Grundorientierung dieses alten Mannes. Vielleicht hat Julien Green die Tür gefunden, durch die er - manche würden sagen - mit seiner Lebenslüge gehen konnte?

Iris Radisch fragt ihn, was Homosexualität für ihn sei: "Das ist eine menschliche Erfahrung. Und Gott ist dazwischengetreten, um mich davon abzubringen. Sehr viel später habe ich freiwillig verzichtet. Ich habe auf die Homosexualität verzichtet. Das hat er von mir erwartet. Für Gott gibt es keine Zeit. Dreißig Jahre, vierzig Jahre, fünfzig Jahre, das besagt nicht für ihn. Es gab einen Augenblick, da hat er gesagt, jetzt musst du wählen. Was willst du: Das Leben mit mir oder die sexuelle Lust? Das ist die Frage, und man kann sie nicht mehr zum Schweigen bringen. Auch der, der nicht glaubt, muss sie hören. Im Grunde genommen bin ich nie homosexuell gewesen. Ich hatte nicht diesen Instinkt. Aber ich habe das Leben eines Homosexuellen gelebt. Doch ich sage Ihnen da Dinge, die ich normalerweise nicht sage. Es ist schon immer ein Geheimnis gewesen. Goethe hat gesagt, es ist gegen die Natur, aber in der Natur. Er hat recht. Es ist eine Umleitung des sexuellen Instinkts von der Frau auf den Mann. Warum? Wie? Es gibt Leute, die so geboren werden. Wo ist die Verantwortung?"

So arbeitet sich denn Iris Radisch zu der nunmehr sich aufzwingenden Frage vor, warum sich Körper und Seele so schlecht vertragen: "Der Kampf des Körpers mit der Seele, wie Sie sagen, ist das wichtigste Thema in ihren Büchern."

Green spricht unvermittelt Tacheles - äußert sich gewissermaßen ohne Umwege zu des Pudels Kern: "Man muss viel erlebt haben, um zu begreifen, dass die sexuellen Freuden nicht alles sind. Es gibt noch etwas anderes. Die sexuelle Freude kann kein Leben ausfüllen. Oder nur ein sehr miserables, ein mitleiderregendes Leben. Das andere ist mindestens genauso stark. Man kann die Existenz der Seele nicht leugnen. Es gibt sie."

Iris Radisch mit ihren eben 30 Jahren insistiert und beharrt auf der Frage, warum Julien Green irgendwann angefangen habe auf seinen Körper zu verzichten. Sie setzt gegen die altersweise - manche würden hier gewiss sagen altersblöde - Versponnenheit den radikalen Pessimismus der Jugend in Glaubensfragen: "Wir jungen Leute sind heute oft sehr pessimistisch, wir glauben nicht an einen Aufstieg der Seele, wir zweifeln schon daran, dass die Zukunft viel Gutes bringt." Und was antwortet der alte Mann, der zwei Weltkriege, Weltwirtschaftskrisen und die Barbarei des 20. Jahrhunderts erlebt und überlebt hat?

Erstens, dass es sich bei ihm nicht um einen Kampf gegen den Körper handele. Er spricht vom Kampf der Seele, die zu Gott wolle: "Die Leidenschaften widersetzen sich der Seele. Also kämpft die Seele gegen die Leidenschaften. Das ist alles. Es geht immer nur um den Aufstieg der Seele zu Gott. Das ist etwas, das in uns ist. Aber ich sage Ihnen Dinge, die ich normalerweise nicht sage."

Und zu guter Letzt geht es ums Ganze, ums Glück und ums Sterben. Julien Green fragt Iris Radisch unvermittelt, ob sie glücklich sei, und was sagt die junge Frau? "Ich weiß es nicht" und dreht den Spieß um: "Und Sie? Sind sie glücklich?"

Julien Greens Antwort ist alles andere als selbstverständlich: "Ich bin glücklich, dass ich noch am Leben bin. Ich bin glücklich, dass ich noch nicht sterbe." Ob er denn Angst davor habe zu sterben?

"Nein. Aber ich will noch so lange wie möglich leben. Ich bin Gott für jeden weiteren Tag dankbar. Wenn ich morgens aufwache, bin ich glücklich, am Leben zu sein. Wenn die Nacht kommt, kommt die Nacht. Was weiß man davon? Es ist wie der Schlaf. Eine geheimnisvolle Welt. Wo ist man da? Wo ist die Seele? Was passiert? Ich werde bald sterben."

Julien Green ist am 13. August 1998, wenige Tage vor seinem 98sten Geburtstag gestorben. Er hat mir geholfen, meine Schwiegermutter besser zu verstehen. Sie ist 93 Jahre alt, und ihr Ziel ist es 100 zu werden. Und ich kann - seit sie bei uns lebt, und wir uns jeden Tag sehen - nicht erkennen, dass sie am Sinn des Lebens den geringsten Zweifel hegt!

   

Zurück

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund