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Susanna Filbinger-Riggert - Hans Filbinger: Eine Vater Tochter Biografie

Die neuerliche Auseinandersetzung mit Odo Marquard hat mich noch einmal mit dem "Fall" Hans Filbinger(s) in Berührung gebracht. Unmittelbar nach Erscheinen der "Vater-Tochter-Biografie" Susanna Filbinger-Riggerts (SFR) "Kein weißes Blatt" (Frankfurt 2013 - Campus-Verlag) habe ich dieses Buch zur Kenntnis genommen. Es liegt jetzt vor mir, und ich sehe, dass ich es nach meiner Art gelesen habe, versehen mit vielen farbigen Post-its. Als erstes fällt mir auf Seite 151 eine kleine Passage auf. Dort schreibt SFR:

"Ich für mich habe diesen Tag, den 7. August 1978, die Wunde genannt. Eine Wunde, die bis heute bei mir nicht ganz verheilt ist. Ich hätte damals schon damit abschließen können, hätte die Ereignisse hinter mir lassen und sagen können: Mich geht das nichts mehr an, ich lebe mein Leben. Doch ich konnte es nicht. Immer wieder platzte diese Wunde auf, nässte und eiterte, entzündete sich von Neuem."

Ich habe den Fall Hans Filbingers im erwähnten Beitrag als exemplarischen Fall erwähnt. Und ich habe die Auffassung vertreten, dass der Wikipedia-Eintrag so differenziert strukturiert sei, dass er eine "angemessene Meinungsbildung" erlaube. Die Perspektive wandelt sich moderat, wenn man SFRs Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater hinzunimmt. Das ist mir deshalb wichtig, weil in der eigenen Familie nach wie vor die Frage im Raum steht, wie man die Bedeutung des Vaters meiner Schwester - Franz Streit - auf halbwegs angemessene Weise begreifen kann. Für mich hat das nach meinen Heidelberger Erfahrungen (insbesondere was die Aufstellungsarbeit in meinem ersten Ausbildungsjahr bei Gunthard Weber im Kontext der IGST anbelangt) deshalb so nachhaltige Bedeutung, weil mir seither deutlich vor Augen steht, dass die Toten solange nicht in Ruhe tot sein dürfen, wie sie nicht gesehen werden können/dürfen, als das, was sie für sich und für andere in jener Zeit waren und sind, in die sie - Jean Paul Sartre würde sagen - geworfen waren. Überlebende wie Heinz Otto Fausten haben - in seinem Fall gedrängt durch seinen Sohn Peter Fausten - versucht Rechenschaft abzulegen. Wenn dann das Buch den Titel trägt "Wir haben uns die Zeit nicht ausgesucht" (hier mal eine Leserperspektive) wird schon deutlich, dass es immer auch um bestimmte Formen der Entlastung, gar der Entschuldigung geht. Heinz Otto Fausten hat mir kurz vor seinem Tod erzählt, dass es ihm wichtig war, dass sein Sohn Peter (übrigens mein Jahrgang 1952) nachvollziehen und begreifen könne, in welcher Weise die frühen 20er Jahrgänge die Welt gesehen und erlebt haben.

SFR schreibt im vorletzten Kapitel ihres Buches:

"Nun bin ich fast am Ende meines Buches angekommen. Die letzten Seiten müssen noch geschrieben werden. Zum ersten Mal seit den vielen Jahren, in denen ich mich mit diesem Vorhaben befasse, denke ich darüber nach, in welchen, in wie vielen Bücherregalen es einmal stehen wird. In Bibliotheken vielleicht, auf den Kindle geladen, für eine Weile gespeichert und dann gelöscht. Entsorgt."

Nun es steht in meinem Bücherregal, und ich habe es nach Jahren heute hervorgeholt und spüre, dass es einer ausgewogenen, angemessen Meinungsbildung gut ansteht, wenn man den subjektiven, gar blutsverwandtschaftlichen Zugang nicht ausschließt. Dabei fällt auf, das SFR an keiner Stelle ihrer Vater-Tochter-Biografie als schlichte Apologetin ihres Vaters in Erscheinung tritt. Es liegt ihr fern - wie weiland Franz Josef Strauß oder Günther Oettinger in seiner Trauerrede - alles vom Tisch zu wischen, was der Aufklärung einer Verstrickung Filbingers in das nationalsozialistische Terrorsystem als Marinerichter dienlich sein könnte. In diesem vorletzten Kapitel geht SFR einen Schritt weiter, den ganz offenkundig nur sie gehen kann und auch gehen will:

"Eines jedoch bleibt zu tun, eine Frage ist noch offen, und vielleicht habe ich sie hinausgezögert, mich bis jetzt davor gedrückt, darauf die Antwort zu suchen, schließlich war Vater ja auch Mitglied in der NSDAP. Ich will es wissen, war er nicht doch ein Nazi? Noch einmal werde ich in den Keller hinuntergehen, den weißen Vorhang vor dem Regal zur Seite ziehen und die kleinen, dunklen, von der Zeit brüchig gewordenen Büchlein, nicht größer als Taschenkalender, herausgreifen und lesen."

Diese Büchlein decken - mit zeitlichen Lücken - einen Zeitraum von 1940 bis 1945 ab. SFR möchte wissen: "Wer war Vater als junger Mensch? Wer war er, als er 27 Jahre alt war, und was finde ich da über seine Gesinnung? Von den Antworten, die sie festhält, möchte ich wiederum folgende hier aufzeichnen. Die für SFR wichtigste lautet folgendermaßen:

"Ich habe keinen Beleg gefunden für den Nazi, den Hitlerverehrer womöglich, für den Sadisten, den Rassisten. Nichts. Sehr wohl für das Soldatentum, den Kampf, das Heldentum. Aber auch für die Verflachung, die es bewirkt. Aber ist das nun die Wahrheit, die ich gerne hätte?"

SFR erwähnt Reinhold Schneider, der in seiner erklärten antinazistischen Grundhaltung immer wieder genannt wurde/wird; und in dessen Kreis sich Hans Filbinger bewegt haben soll. Sie schreibt:

"Ich weiß, dass, als die beiden Männer sich nach Kriegsende wiedersahen, es eine schmerzliche Begegnung für Vater wurde. Er bat Schneider um eine weltanschauliches Zeugnis, doch dieser hatte Bedenken. Offenbar, so hielt es Vater in seinem Tagebuch fest, waren es politische Äußerungen seinerseits gewesen und besonders seine militärischen Überzeugungen, die Schneider zu dem Schluss kommen ließen, dass mein Vater der NS-Ideologie nahe stand. Vater schreibt, er habe sich bemüht, es Schneider gegenüber zu verbergen, aber dessen Einschätzung habe ihn sehr getroffen. Ein Satz von Schneider fällt mir ein: 'Aus dem Zirkel der Schuld befreit allein schonungslose Wahrheit.'"

Vielleicht hat Hans Filbinger genau dies versäumt, nämlich seine Nöte, seinen - tagbuchnachweislich erklärten - Widerwillen gegen das Marinerichteramt zu dem Zeitpunkt zu offenbaren, an dem er konfrontiert wurde mit den Konsequenzen seines Handelns als einer der furchtbaren Juristen und nicht wohlfeil und eilfertig alles damit Zusammenhängende weit von sich zu weisen.

Hans Filbinger hat die nationalsozialistische Terrorherrschaft überlebt und war ein Rädchen im Räderwerk dieses menschenverachtenden Regimes. Franz Streit ist im September 1943 in Rußland gefallen und hat damit immerhin den Höchstpreis für seine nationalsozialistische Überzeugung bezahlt. Wer er hätte auch sein können, konnte er nicht unter Beweis stellen. Diejenigen, die in seiner Blutsfolge stehen, sehr wohl.

Was dies eben auch zu bedeuten vermag, ist mir am vergangenen Sonntagabend durch die abendfüllende Konfrontation mit der Ausstrahlung des im wesentlichen von Ferdinand von Schirach zu verantwortenden Megaformats Feinde deutlich geworden. Ferdinand von Schirach blickt auf familiäre Verstrickungen mit dem tausendjährigen Reich zurück - man könnte auch sagen ein Teil seiner Familie repräsentiert auf typische und tragische Weise zugleich das Abdriften des (Groß-)Bürgertums in den Nationalsozialismus. Er wiederum - immerhin als Neffe des Reichsjugendführer Baldur von Schirach - führt uns seit vielen Jahren vor Augen, welchen Wert Gewaltenteilung und rechtsstaatliche Ausrichtung eines Gemeinwesens bedeuten.

 

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund