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Odo Marquard: Abschied vom Prinzipiellen (in: Zukunft braucht Herkunft, Stuttgart 2015, S. 11-29)

Ich bin 6 Jahre und 272 Tage (unter Berücksichtigung des Schaltjahres 1948) nach der Kapitulation des Dritten Reiches geboren worden. Odo Marquard, auf den ich mich hier beziehe, ist am 26.2.1928 geboren worden. Er ist 24 Jahre und 5 Tage älter als ich – es liegen also historisch gesehen Galaxien zwischen uns. Die universalen Unterschiede, um die es zu tun ist, müssen beispielsweise gewärtigen, dass er Kindheit und Jugend unter maßgeblichem Einfluss nationalsozialistischer Ideologie erlebt und erlitten hat. Es ist interessant nachzuvollziehen, wie Marquard aus seiner Entscheidung für ein Philosophiestudium seinen eigenwilligen Weg in die Nachkriegsgesellschaft hinein kommentiert und begreift: Da ist unter anderem zu lesen:

Zuvor eine knappe Vorwegnahme (des letzten Absatzes dieses Beitrags): Der 2015 gestorbene Odo Marquard katapultiert sich auf wundersame Weise mit seiner Argumentation auf die Höhe aktueller Absurditäten, indem er Corona-Leugnern und dem größten Teil der Querdenker vor Augen führt, dass sie weit unterdurchschnittliche Formen der Intelligenzverkörperung in der bundesdeutschen Bevölkerung repräsentieren. Neben der Schamesröte regt sich (in mir) die Zornesröte. Sophie Scholl oder Anne Frank für die eigenen Befindlichkeiten zu reklamieren, basiert exakt auf jenem komfortablen Ungehorsam, der den Ungehorsamen wenig kostet; natürlich mit Ausnahme der Quittung, dass man - wie Jana aus Kassel - ein Leben lang als Inkarnation der Dummheit, der Unverfrorenheit und Geschichtsvergessenheit dasteht, für die man in Deutschland nicht nur mitleidig belächelt werden darf. Immerhin zeigt hier einer der Ordner eine konsequente Reaktion!

„Denn Philosophie als Studium: das bedeutet – damals wie heute – in aller Regel nicht der Beginn einer erfolgreichen Karriere, sondern den Beginn einer persönlichen Tragödie, jedenfalls keinen ‚Konkretismus‘.“

Zum hier verwendeten Begriff des Konkretismus ist folgende Selbsteinschätzung zu berücksichtigen. Marquard ordnet sich der von Helmut Schelsky als Skeptische Generation klassifizierten Generationskohorte zu. Der Begriff wurde zum Synonym für das Selbst- und Fremdbild der auch als “die 45er“ bezeichneten HJ-, Flakhelfer- und Kriegsgeneration der Geburtsjahrgänge der 1920er und frühen 30er Jahre. Diese Generation stand 1945 materiell und mental vor einer Welt in Trümmern. Sie führte die von Hitler endgültig diffamierten und zerstörten Begriffe Frieden und Demokratie zumeist entweder gar nicht oder nur negativ besetzt in ihrem “mentalen Gepäck” (siehe Franz Werner Kersting, Mitteilungen LJA WL 153/2003).

Odo Marquard führt weiter aus:

„…ich befand mich also – als Philosophiestudent, der außerdem Germanistik und daneben zunächst Kunstgeschichte, dann Geschichte, schließlich evangelische Systematische Theologie und ein wenig katholische Fundamentaltheologie studierte – gewisslich nicht auf dem Weg der ‚vorsichtigen, aber erfolgreichen jungen Männer‘ mit ‚geschärftem Wirklichkeitssinn‘ für ‚das Praktische, Handfeste‘: das – beim Zeus! – nun gerade mit Sicherheit nicht.“ Und nun von mir als weiterer, sicherlich entscheidender, prägender Hinweis aufgenommen: „Mitgrund für diese Blockade des ‚Konkretismus‘ bei mir mag gewesen sein: 1940-1945 war auf einer politischen Internatsschule (Nationalsozialistische Ausleseschule), einer späten und extremen Sozialisationsagentur der ‚Generation der politischen Jugend‘: Ich kam – solide ausgebildet einzig in Weltfremdheit – (nach Kriegsende und kurzer Kriegsgefangenschaft)  r e t a r d i e r t  (Hervorhebung, Verf.) in die geschichtliche Wirklichkeit der skeptischen Generation hinein und schaffte – zusätzlich gebremst durch die akademische Entlastung von den Lebensfristungsnotwendigkeiten des Tages – zunächst nur die eine Hälfte ihres Generationspensums: also nicht den realitätstüchtigen ‚Konkretismus‘, sondern nur die Skepsis.“

Für mich – im Selbstverständnis immer Nachgeburtler der 68er und dadurch und inzwischen noch einmal offen für eine wohlverstandene Form des Konservatismus – stellt sich die Frage, was ich von Odo Marquard lernen kann. Schon die Konversion von einer Suhrkamp-Kultur (Frankfurt) in eine andere (Bielefeld) hält heute merkwürdigerweise mehr Antworten als Fragen bereit (siehe: die Luhmannsche Lektion). Aber dazu später mehr. Die wesentliche Rezeption und Auseinandersetzung beginnt mit Odo Marquards zweitem Kapitel, das er mit Nachträglicher Ungehorsam (S. 16-21) überschreibt: Einleitend stellt Marquardt nüchtern fest: „Das intellektuelle Klima der Bundesrepublik änderte sich: der ‚skeptischen Generation‘ folgte eine neue ‚Generation der politischen Jugend‘.“ Zentral ist der Hinweis auf Freuds Totem und Tabu. Hier spielt der Begriff des nachträglichen Gehorsams eine entscheidende Rolle:

„Die Söhne in der ‚Urhorde‘, die den Vater ermordet hatten, ‚widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten und verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen versagten‘ […] Der erfolgreiche Aufstand gegen den Vater wurde nachträglich ersetzt durch den Respekt vor dem, was an des Vaters Stelle trat. In der Bundesrepublik – meine ich – vollzog sich seit Ende der 50er Jahre – und als spektakuläre Reprise dann in der so genannten ‚Studentenbewegung‘ Ende der 60er Jahre – just das Gegenteil: die in der Nationalsozialistenzeit zwischen 1933 und 1945 weitgehend ausgebliebene Revolte gegen den Diktator (den Vater der ‚vaterlosen Gesellschaft‘) wurde stellvertretend nachgeholt durch den Aufstand gegen das, was nach 1945 an die Stelle der Diktatur getreten war: darum wurden nun die ‚Totems‘ gerade geschlachtet und aufgegessen und die ‚Tabus‘ gerade gebrochen: nach der materiellen Fresswelle kam also die ideologische. Es entstand ein frei flottierender quasimoralischer Revoltierbedarf auf der Suche nach Gelegenheiten, sich zu entladen; er richtete sich – zufolge der Logik der Nachträglichkeit – okkasionell und unwählerisch gegen das, was jetzt da war: gegen Verhältnisse der Bundesrepublik, also demokratische, liberale, bewahrenswerte Verhältnisse.“

Odo Marquard spricht von bewahrenswerten Verhältnissen! Ich habe mein Studium 1974 begonnen. In einer mehr oder weniger existierenden Blase, die Marquard in seinem Selbstbild bemüht, spricht er von der akademischen Entlastung von den Lebensfristungsnotwendigkeiten. Die Revoltierneigung, von der er spricht, war im akademischen Milieu zweifellos stärker ausgeprägt. Und die Frankfurter Schule mit all ihren Spielarten lieferte uns mit dem generellen Entfremdungstheorem die Legitimation an der Legitimität der vorherrschenden Verhältnisse zu zweifeln. Die am weitesten vermeintlich links stehenden Gruppierungen beanspruchten für ihre Positionen Legitimität - in der extremsten Variante in Gestalt der Diktatur des Proletariats. Alfred Bellebaum wurde nicht müde, uns auf den Unterschied zwischen Legalität und Legitimität aufmerkam zu machen. Es gab den Diskurs um die rechtsstaatliche Fundierung einer Legalität durch Verfahren (Niklas Luhmann). Rückblickend bin ich ich Alfred Bellebaum, Heino Kaack und einigen anderen dankbar für die harten Auseinandersetzungen, die sich innerhalb der Seminare ausfechten ließen. Odo Marquard, der seinen Aufsatz zuerst 1981 veröffentlicht hat, bringt die Argumentation folgendermaßen auf den Punkt:

"Es ist - ich formuliere scharf - als Reflexion zelebrierte Dummheit, diese Verhältnisse zugunsten eines revolutionären Prinzips aufs Spiel zu setzen; denn es gibt keine Nichtverschlechterungsgarantie, auch und gerade nicht durch jene revolutionäre Geschichtsphilosophie, die sie durch den Fortschrittsgedanken zu geben verspricht: wir haben - und zwar in unserer Zeit und Gegend alle - mehr zu verlieren als allein unsere Ketten. Das alles ignoriert der nachträgliche Protest; dadurch wird eine Demokratie zum nachträglichen Empörungsziel eines gegen die totalitäre Diktatur versäumten Aufstands."

Aber es war ja nicht nur der versäumte Aufstand. Konrad Adenauer - selbst im Blickfeld der GeStaPo - hat wohl unmittelbar erkannt, dass ein Wiederaufbau ohne die diskreditierten Eliten undenkbar war. Und die wenigsten Nazis kamen zu Schlussfolgerungen wie Bernhard Schlinks Gerhard Selb:

Nach Kriegsende wollte man mich nicht mehr. Ich war überzeugter Nationalsozialist gewesen, aktives Parteimitglied und ein harter Staatsanwalt, der auch Todesstrafen gefordert und gekriegt hat. Es waren spektakuläre Prozesse dabei. Ich glaubte an die Sache und verstand mich als Soldat an der Rechtsfront, an der anderen Front konnte ich nach meiner Verwundung gleich zu Beginn des Krieges nicht mehr eingesetzt werden… Nach 1945 war ich zunächst bei meinen Schwiegereltern auf dem Bauernhof, dann im Kohlenhandel, und danach ging’s langsam als Privatdetektiv los. Für mich hatte die Arbeit als Staatsanwalt keine Perspektive mehr. Ich sah mich nur als nationalsozialistischen Staatsanwalt, der ich gewesen war und auf keinen Fall mehr sein konnte. Mein Glaube war verlorengegangen. Sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie man überhaupt an den Nationalsozialismus glauben konnte. Aber sie sind mit dem Wissen aufgewachsen, das wir nach 1945 erst Stück für Stück bekamen… Um die Zeit der Währungsreform begann man, belastete Kollegen wieder einzustellen. Da hätte ich wohl auch wieder zur Justiz gekonnt. Aber ich sah, was die Bemühung um Wiedereinstellung selbst aus den Kollegen machte. Anstelle von Schuld hatten sie nur noch das Gefühl, man habe ihnen mit der Entlassung Unrecht getan und die Wiedereinstellung sei eine Art Wiedergutmachung. Das widerte mich an (121).“

Genau mit dieser Einstellung - gegen jede Einsicht, gegen jedes Schuldgefühl - wehrte sich, um nur ein Beispiel zu nennen, Hans Filbinger lange gegen Rücktrittsforderungen (der mit diesem Link verbundene Wikipedia-Beitrag trägt durch seine differenzierte Darstellung zu einer angemessenen Meinungsbildung bei).

Der nachträgliche Ungehorsam - lieber Odo Marquard (er ist im Übrigen 2015 verstorben) richtete sich ja gegen eine zunächst weitgehend unterlassene und dann nur schleppend einsetzende Aufarbeitung der eignen Geschichte. Und dies mag - mit Blick auf die individuellen Lebensläufe - der Davongekommenen ja eine indidvidualpsychologisch erklärbare Überlebensnotwendigkeit gewesen sein. Man hat sich eingerichtet und die Habitualisierung demokratischer Grundhaltungen und - überzeugungen brauchte halt bis in die zweite und dritte Generation (Kriegsenkel und -urenkel - siehe die Arbeiten von Sabine Bode). Mit Blick auf die mangelhafte bzw. retardierte Ausbildung tief verwurzelter demokratischer Grundeinstellungen im ehemaligen Geltungsbereich der DDR lassen sich gewiss vergleichbare Dynamiken beobachten. Letztlich waren die nicht-terroristischen Formen der von Odo Marquard als nachträglichen Ungehorsam bezeichneten Spielarten einer außerparlamentarischen Opposition alternativlos mit Blick auf ihre gesellschaftlich beobachtbaren Veränderungsimpulse.

Bedenkt man, dass Odo Marquard 1981 schreibt - also gewissermaßen just in time -, dann gewinnt folgende Auslassung besondere Brisanz:

Er argumentiert, der unterlassene Aufstand gegen das "Staatstier 'Leviathan'" zwinge zum nachträglichen Aufstand gegen wirkliche Väter und gegen wirkliche Menschen: "Dabei mag - individuell oder gruppenmäßig abgestuft - die Stärke einstmaliger Konformität mit der Stärke jetziger Distanzierung zuweilen signifikant korrelieren [...] Vor allem aber entstand der Zwang zur sekundären Verähnlichung von Heute und Damals: weil das, gegen das die Revolte unterblieb, Faschismus war, soll nun das, gegen das sie nachgeholt wurde, auch Faschismus sein und wird (durch ein entsprechendes Sortiment an Theorien) dazu stilisiert; denn sonst würde der Absurditätsgehalt des nur nachträglichen Ungehorsams allzu flagrant, und es würde allzu deutlich, dass er gegenwärtig in der Regel ein komfortabler Ungehorsam ist, der den Ungehorsamen wenig kostet."

Mit seiner Argumentation katapultiert sich der 2015 gestorbene Odo Marquard auf wundersame Weise auf die Höhe aktueller Absurditäten, indem er Corona-Leugnern und dem größten Teil der Querdenker vor Augen führt, dass sie weit unterdurchschnittliche Formen der Intelligenzverkörperung in der bundesdeutschen Bevölkerung repräsentieren. Neben der Schamesröte regt sich (in mir) die Zornesröte. Sophie Scholl oder Anne Frank für die eigenen Befindlichkeiten zu reklamieren, basiert exakt auf jenem komfortablen Ungehorsam, der den Ungehorsamen wenig kostet; natürlich mit Ausnahme der Quittung, dass man - wie Jana aus Kassel - ein Leben lang als Inkarnation der Dummheit, der Unverfrorenheit und Geschichtsvergessenheit dasteht, für die man in Deutschland nicht nur mitleidig belächelt werden darf.  Immerhin zeigt hier einer der Ordner eine konsequente Reaktion!

   
   
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