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Wissen wir es nicht besser?

Ich weiß nicht, ob der nachstehende Leserbrief veröffentlicht wird. Deshalb auf diesem Wege.

Lieber Rudi, wir haben viele Schlachten gemeinsam geschlagen und viele gemeinsam verloren (sieh Dir den jämmerlichen Zustands des von Dir aufgebauten Instituts an der Uni Koblenz an). Im Rahmen eines Leserbriefs lassen sich die solidaritätsträchtigen und die differenten Aspekte nicht wirklich darlegen. Meine Position zu einem unerträglichen Inklusionsgelaber habe ich ausführlich vor zwei Jahren in drei Aufsätzen formuliert, die seinerzeit der rosaroten Brillen-Perspektive Peter Rödlers galten. Sie sind veröffentlicht in "Kurz vor Schluss", und sie sind als Einzelbeiträge dokumentiert im Rahmen dieses Blogs: In Sprache mutiert Gesellschaft (Inklusion I)Hier geht es um die begrifflichen Unterscheidungen, um einmal seriös darzulegen, inwieweit es einen Unterschied macht, Inklusion zwischen Politik-, Wissenschafts- und Erziehungssystem zu buchstabieren.

Im zweiten Beitrag geht es um die Unhintergehbarkeit von Exklusionen, um den Nachweis, dass jede Inklusion notwendigerweise auch Exklusion zur Folge hat. Im politischen System wird dies am Phänomen des Zugangs zur und der faktischen Wahrnehmung von Teilhabe aufgezeigt. Das ist übrigens auch der Ort, an dem wir effektiv einwirken können sowohl auf die zu recht von Dir beklagten bildungspolitischen Defizite als auch auf die Bewahrung und Fortschreibung einer freiheitlich demokratischen Grundordnung - vor allem gegen einen aufkommenden rechten Populismus und ihre rechtsradikalen Ableger (siehe: J'accuse). Der dritte Beitrag beschäftigt sich eben mit "Inklusion als Paradiesmetapher" - mit und gegen Peter Rödler bzw. Wolfgang Jantzen.

Inzwischen - nach einem langen Leben in Politik und Wissenschaft - aber eben auch in der Schule - Du weißt, zuletzt noch einmal und wieder als Lernpate an meiner alten Willi-Graf-Schule in Koblenz-Neuendorf, ziehe ich eine klare Schlussfolgerung; und dies nicht zuletzt, weil wir Alten offensichtlich heute von den ganz Jungen lernen müssen/dürfen: Was Weimar von Bonn/Berlin massiv und glücklicherweise bislang unterscheidet, ist eine Zivilgesellschaft, in der sich der lebendige Ausdruck einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung verkörpert und entfaltet. Das wissen wir nicht erst seit 2015. Wir können erneut beweisen, was wir schaffen können. Du weißt, dass sich mein zivilgesellschaftliches Engagement im wesentlichen in einen Bereich verlagert hat, von dem Jean Beaudrillard sagt, dass er der Verwüstung anheimfalle. Ich stecke eine Menge Arbeit in der Förderverein Seniorenzentrum Laubenhof, damit erstens die Alten ein wenig von dem einbringen können, was ihre Lebenserfahrung und ihre Lebensschätze bereithalten und zweitens - dies ist mir noch wichtiger -, damit die ungeheuren Ressourcen und Kompetenzen, die in uns Alten lebendig sind, nicht versickern in der Wüste der Ignoranz. Zivilgesellschaft sind auch wir - wir vor allem, Dein Interview, der damit hoffentlich mit ausgelöste und beförderte Diskurs zu einem alten Thema. Die Politik allein wird es nicht richten. An meiner SPD-Mitgliedschaft (ver-)zweifle ich ein ums andere Mal. Auch da bildet Rheinland-Pfalz für mich eine Riesenenttäuschung, die mit Rudolf Scharping ihren Anfang nahm. Aber ich verzweifle nicht final. Ich will mich - gemeinsam mit anderen - wehren, aktivieren gegen Ignoranz, Inkompetenz und Mutlosigkeit. Dass ich meinen Mut nicht verloren habe und heute eher weiß, wo der Unterschied zur Tapferkeit liegt, verdanke ich im wesentlichen Dir. So sei gegrüßt von einem solidarischen Mitstreiter, der seit der Begegnung mit Niklas Luhmann eine andere Brille trägt.

„Unser System ist völlig überfordert“ – Pädagogikprofessor Rudi Krawitz hält aktuelle Unterrichtsmethoden für überholt und ist erschüttert über die Situation in Betzdorf - in der Rhein-Zeitung vom 22. Januar 2020

1998 schockte Rudi Krawitz bei seiner Antrittsvorlesung an der Uni Koblenz (Übernahme einer C-4-Professur) ein illustres Auditorium mit der schlichten – Niklas Luhmann geschuldeten - Bemerkung: „Menschen tun immer nur, was sie tun.“ Rudi Krawitzens Kritik ist in allen Punkten präzise und mehr als berechtigt. Das Dilemma, in dem wir stecken und warum Menschen tun, was sie tun, lässt sich am ehesten mit eben jenem Niklas Luhmann (weltweit bekannter deutscher Soziologe) verstehen: Es gibt nicht „unser System“. Was die Erziehung der Gesellschaft anbelangt, treffen drei Systeme aufeinander: 1. Das Politiksystem (hier die Bildungspolitik) – es verfährt radikal nach der Logik, Ämter und damit politischen Einfluss zu gewinnen bzw. zu sichern. Dieser Logik ist alles Handeln untergeordnet (da können wissenschaftliche Gutachten durchaus mal in Schubladen und Tresoren verschwinden)! 2. Das Wissenschaftssystem – in ihm agier(t)en Menschen, wie Rudi Krawitz und sein ehemaliger Mitarbeiter Witsch-Rothmund. Hier geht es ausschließlich um die Unterscheidung: etwas ist wahr oder es ist unwahr. Wie Rudi Krawitz (und viele andere) überzeugend mit seiner/ihrer wissenschaftlichen Arbeit nachweisen konnte(n), ist es unwahr, dass man mit dem bestehenden Schulsystem ein inklusives Schulsystem begründen könnte. Weder seine räumliche, seine sächliche noch seine personelle Ausstattung stellen hierfür einen auch nur ausreichenden Rahmen bereit. 3. Im Schulsystem selbst agieren jene Lehrerinnen und Lehrer, die wir mit ausgebildet haben. Es gelingt ihnen nicht – oder nur sehr bedingt – jene vorhandenen qualifizierten und erprobten didaktischen Konzepte umzusetzen, die eine so bitter notwendige individualpädagogische Grundorientierung unseres unterrichtlichen Handels mit sachlich-fachlich angemessenen Unterrichtskonzepten verbinden. Das Politiksystem ist nicht in der Lage bzw. nicht willens die dafür notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen (bezieht man sich auf die Weltbank als Quelle, rangiert Deutschland - bei den Bildungsausgaben als Anteil des Bruttoinlandprodukts - mit der Türkei und Weißrussland auf Rang 70, während – auch in Vergleichsstudien erfolgreiche – Länder wie Dänemark, Norwegen, Schweden oder Finnland unter den ersten 15 Nationen rangieren).

Rudi Krawitzens Vorwurf, bei vielen Bildungspolitikern sei ein Kompetenzdefizit hinsichtlich Pädagogik und Didaktik festzustellen, ist müßig; er geht ins Leere. Das ist schlicht gesagt, nicht ihr Job! Wo ist die Lösung? Der Souverän muss antworten: an der Wahlurne und mit zivilgesellschaftlichem Engagement. Letzteres darf sich nicht im Schreiben von Leserbriefen erschöpfen und auch nicht in wohlfeilen Interviews. Viele von uns Alten verfügen über gediegene Erfahrung, vielfältige Kompetenzen und im besten Falle eine verantwortungsbewusste Haltung – und: wir Alten können von unseren Kindern lernen, an jedem Freitag auf‘s Neue. Lassen wir all dies nicht versickern, sondern nehmen wir neben dem Wort auch wieder das Heft des Handelns in die Hand – letzteres vor allem, damit nicht populistische Demagogen à la Gauland, Höcke oder Brandner aus den von uns zu verantwortenden Miseren Profit ziehen. Denn gegen Dummheit hilft nur Bildung!

Dr. Franz Josef Witsch-Rothmund, Am Heyerberg 11, 56072 Koblenz

   
   
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