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Nochmals: Alexander Gauland – eine Drecksau?

Erster Teil - cum ira et studio                                                                                      

Vermutlich war es eine Marotte, weil er zum Schluss immer Papier und einen Bleistift in der Hand haben musste. Auch wenn der Beitrag nur virtuell im Rahmen seines Blogs erschien, musste er ihn vorher auf Papier angesehen und korrigiert haben. Das Schreiben war zu seiner zweiten Natur – gewissermaßen zu einer verzweifelten Überlebensgeste geworden. Auf diese Weise ließ sich ein Abstand erzeugen – verbunden mit der Hoffnung die häufig aufkeimende Wut einzudämmen. Mehr noch taugte dieser akribische Vorgang, bei dem Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort seinen Weg aufs Papier finden musste, dazu die eigene Gedankenflut einzudämmen, sie zu überdenken und halbwegs in eine Ordnung zu überführen.

So hegte er keinerlei Zweifel an der Überzeugung, dass Alexander Gauland eine Drecksau sei. Erst mit einem gewissen Abstand, zeigten sich Einwände und führten zu der Überlegung, warum er genau dies wiederum nicht sei!

Kurz nach den Wahlen zum 19. Deutschen Bundestag hatte sich AfD-Spitzenkandidat Gauland, ein präseniler Mittsiebziger mit außerordentlichen Vitalitätszuckungen, mit Aussagen über die Geschichte Deutschlands und die Taten der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg wieder einmal in die Schlagzeilen befördert. Man solle wieder stolz auf die Leistungen der Deutschen Wehrmacht sein können und Monate später sollte die Feststellung folgen, Hitler und die Nazis seien nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte gewesen. Da konnte es nicht ausreichen, sich angesichts solch strategisch platzierter Gesinnungsmienen nur seinen Affekten zu überlassen?

Eine oberflächliche Internetrecherche offenbarte, dass Alexander Gauland an einem 20. Februar geboren worden ist – 1941 – vier Monate vor dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Damit ist er 11 Jahre und einen Tag älter als der Schreiber - und im Übrigen nur ein gutes Jahr älter als seine Schwester. Sie erblickte am 5. Juni 1942 das Licht der Welt – in einem NSV-Mütterheim in der Abgeschiedenheit des Westerwaldes.

Alexander Gauland eine Drecksau – eine klassische Drecksau – meinetwegen der Art der Wildschweine (Sus scrofa) zugehörig und damit zur großen Familie der altweltlichen oder Echten Schweine (Suidae) aus der Ordnung der Paarhufer gehörend? Beschränkt man sich auf die Wikipedia-Expertise erfährt man dabei, dass diese Spezies anhand unterschiedlichster Attribute klassifiziert wird, insbesondere durch das arttypische Suhlen: Das Suhlen in Schlammlachen gehöre zum typischen Verhaltensrepertoire von Wildschweinen. Besonders im Sommer diene es der Wärmeregulation. Durch den Schlamm ließen sich darüber hinaus Hautparasiten einkapseln; die trocknende Schlammschicht erschwere außerdem stechenden Insekten den Zugang zur Haut und werde am Malbaum abgescheuert. Dazu lehnten sie sich an den Stamm und rieben ihren Körper daran entlang. Als Malbäume würden Bäume mit grober Rinde oder auch harzende Bäume bevorzugt – in Mitteleuropa vor allem Eichen, Kiefern und Fichten. Diese Bäume wiesen im Übrigen bei längerer Nutzung deutliche Spuren auf. Durch den abgeriebenen Schlamm erscheine der Baum an den Scheuerstellen weißgrau, die Rinde sei in Teilbereichen abgetragen. Zum Scheuern ihres Unterkörpers stellten sich Wildschweine über Baumstümpfe und scheuerten sich daran. Keiler markierten mit ihrem Gewaff an Malbäumen. Das Scheuern des Körpers an Bäumen sei notwendig, da Wildschweine aufgrund ihres kurzen und unbeweglichen Halses nicht in der Lage seien, sich mit Hilfe ihres Gebisses zu putzen und von Schadinsekten zu befreien.

Solch präzise Verhaltensbeschreibungen erweisen sich gewöhnlich als das typische Ergebnis einer distanzierten Beobachterhaltung, wie sie über wissenschaftlich begründete und motivierte Perspektiven kultiviert wird.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Sus scrofa oder auch das gemeine Hausschwein zu einer solchen Selbstbeschreibung nicht in der Lage ist. Andererseits spricht einiges dafür, dass Wildschweine über ein Höchstmaß an Überlebenskompetenz zu verfügen scheinen; so im Besonderen durchs Suhlen Hautparasiten einzukapseln, um sie schließlich am Malbaum abzuscheuern! Das Schwein – ganz gleich ob wild oder verhausschweint – kann also fraglos als Überlebenskünstler gelten - gleichwohl es zu irgendeiner Form der Selbstbeobachtung nicht begabt ist. So gelangt man zwangsläufig zu der Schlussfolgerung, dass eine klassische Drecksau weder Vorstellung noch Begriff von dem zu haben scheint, was sie da so überlebenswirksam in Gestalt des Suhlens alltäglich bewerkstelligt. Insofern ist die Bezeichnung Drecksau selbstredend nicht das Resultat einer Selbstbeschreibung, sondern entspringt der schlichten, aber sachlich zutreffenden Beschreibung durch einen aufmerksamen Beobachter.

Aus der Perspektive eines schlichten Menschengemüts könnte man Alexander Gauland zweifellos als eine Drecksau besonderer Güte betrachten. Es regen sich aber nachhaltige Zweifel, ob eine solche Klassifizierung nicht bei weitem zu kurz greift. Denn als durchaus überlebensfähige Intelligenzverkörperung – der Mann ist immerhin 78 Jahre alt – sollte er sich einer solchen schlichten Klassifizierung entziehen. Aber warum regt sich in einem 1952 geborenen Sohn eines Weltkrieg II-Soldaten – nicht nur Zorn, sondern merkwürdiger Weise auch Scham? Und wie wollte es ihm gelingen angesichts dieser Affekte weniger hilflos als scharfsinnig zu erscheinen? Das wenigste war wohl darum zu tun, der eigenen Entrüstung die Bloßstellung des Gaulandschen Kalküls folgen zu lassen:

Schweine tun, was sie tun - zuverlässig, selbstreferentiell und sogar mit ersichtlicher Erbauung. Alexander Gauland tut, was er tut, ebenso zuverlässig und offenkundig mit einer selbsterbaulichen Haltung. Aber er tut es nicht nur selbstreferentiell und erbaulich, sondern er tut es mit Vorsatz und strategischem Kalkül. Insofern – das war nun zumindest klar – würde die Klassifzierung Drecksau bei weitem zu kurz greifen.

Es könnte einem Jürgen Habermas in den Sinn kommen, im Übrigen einer der Helden meiner frühen wissenschaftlichen Karriere. Zuletzt hatte der sich im politischen Diskurs vernehmen lassen mit dem Argument, die demokratischen Parteien dürften für den Umgang mit Leuten, die Begriffe aus dem Wörterbuch des Unmenschen wie Volksverräter, entartete Politik oder Umvolkung bzw. des Völkischen wieder hoffähig machen wollten, nur eine Lehre ziehen: Sie sollten diese Art von 'besorgten Bürgern' statt um sie herumzutanzen, kurz und trocken als das abtun, was sie sind - der Saatboden für einen neuen Faschismus. Jetzt sitzen diese Arschlöcher also reihenweise im 19. Deutschen Bundestag und machen dort Politik nach besten demagogischen Rezepturen.

Die seriösen Anstrengungen Sönke Neitzels und Harald Welzers beispielsweise hätten diese Bemühungen zweifellos konterkariert und als das enttarnt, was sie im Kern und aus tiefster Überzeugung waren: pure Demagogie. Allein deshalb muss einem Gauland schon als Drecksau erscheinen. Gauland hat – vermutlich als Sturzgeburt – schon Schaden genommen. Wie sonst ließe sich erklären, dass er sich 72 Jahre nach Stalingrad, dieser von GRÖFAZ, dem größten Feldherren aller Zeiten willentlich herbeigeführten Urkatastrophe weigerte, das Handeln deutscher Soldaten begreifbar zu machen in dem, was Neitzel und Welzer als den historischen Referenzrahmen beschreiben. Sie zwingen auch Arschlöcher wie Gauland oder Superarschlöcher wie Björn Höcke zu einem genaueren Hinschauen. Militärgeschichtlich kann man oder mag man - völlig isoliert von solchen Perspektiven - die Leistungen deutscher Soldaten oder die ihrer Generalität bewundern (man denke an den Hype um Rommel im Frankreich- oder im sogenannten Afrika-Feldzug). Was man allerdings nur unter Faschismusverdacht tun darf, das ist die Verklärung deutscher Angriffskriege unter Ausblendung eben dieses minutiös erforschten Referenzrahmens. Niemand in deutschen Landen kann sich heute hinter Bastionen des Unwissens verbarrikadieren. Dieses Wissen lässt sich in kompakter Form zusammenfassen und gräbt Demagogen wie Gauland und Höcke das Brackwasser ab, in dem sie sich suhlen:

„Ohne Zweifel wissen Sie, Herr Gauland – genauso wie Ihre Gesinnungsgenossen, dass die Aufrüstung und die Kriegsvorbereitungen nach der Machtübernahme durch die Nazis 1933 von der Ausbildung jenes Referenzrahmens begleitet wurde, in dem das Militärische in der zeit- und nationaltypischen Signatur positiv überhöht wurde. Die zahllosen Parteiorganisationen von der Hitlerjugend, über den Bund Deutscher Mädel, den Reichsarbeitsdienst bis hin zu SA und SS sorgten dafür, die Wehrhaftmachung des deutschen Volkes voranzutreiben und militärische Werte im Denken und Fühlen der Deutschen zu verankern. Im Verlauf des gesamten Krieges wurden nahezu 17 Millionen Männer (!) problemlos in die Wehrmacht integriert. Den mentalen Vorstellungswelten entsprachen mehr und mehr genuin militärische Werte, gegründet auf Kadavergehorsam. Jeglicher Selbstwert resultierte aus einer radikalen Selbstentwertung mit der Schlüsselbotschaft: „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ Die zweite Säule basierte auf einer Rassenlehre, die das Ariertum im Sinne einer völkischen Selbstermächtigung verankerte. Dem entsprach die radikale Überzeugung von der Ungleichheit der Menschen. Im Gegensatz zu den Idealen der Aufklärung und des Humanismus - mit dem Postulat der Gleichheit aller Menschen - wurde eine klare Ordnung des Befehlens und Gehorchens mentalitätstypisch. Ein arisch ausgerichteter Sozialdarwinismus begründete einen rücksichtslosen, rassisch begründeten Nationalismus mit der Folge des Genozids. Und in den Köpfen der nachwachsenden Generationen wurde diese Rassenideologie zur Legitimation über die Frage von Sein oder Nichtsein verankert. Ein soldatisches Ethos feierte in der Idee des Heldentodes, des dulce et decorum est pro patria mori, seine unheilvolle Wiederauferstehung. Zygmunt Baumann und Giorgio Agamben lehren uns den Unterschied, mit dem sie wieder zu spielen beginnen: Die kategoriale Exklusion von Gruppen von Menschen mit allen menschenrechtsrelevanten Folgen! All dies wissen Sie, Herr Gauland!“

Der 1941 geborene Alexander Gauland und der 1972 geborenen Björn Höcke erscheinen als geistige Suhlgefährten, die wider besseres Wissen konsequent unter Ausblendung dieses Referenzrahmens argumentieren. Und sie entpuppen sich als das, was ihnen Jürgen Habermas ins Stammbuch schreibt: Potentielle Wegbereiter eines neuen Faschismus zu sein, die den Rückfall in vordemokratische Strukturen anstreben! Ach wie schlicht und wohltuend wäre es, wenn man diese parasitären Phänomene und ihr arttypisches Suhlen mit der Klassifizierung Dreckschweine abtun könnte. Aber es wird unmittelbar klar, dass dies bei Weitem nicht ausreicht!

Warum lernen wir nicht von dem Wildschweinen und setzen ein Zeichen? Tun wir es doch als Bürger eines demokratisch und rechtsstaatlich verfassten Gemeinwesens den Wildschweinen gleich! Suhlen wir uns in einem gediegenen Verfassungspatriotismus; legen wir uns eine feste trockene Schlammschicht an, scheuern wir uns am Malbaum und streifen die Parasiten ab; Parasiten, die demokratische Privilegien und Verfahrensformen dazu nutzen wollen die Demokratie zu beschädigen und abzuschaffen! Mit den Ergebnissen der Wahlen zum 19. Deutschen Bundestag und den aktuellen Ergebnissen der Landtagswahlen in Thüringen und Brandenburg erweisen sich diese Phantasien allerdings als reines Wunschdenken.

Hier und jetzt lässt sich mit Zorn und Scham allenfalls dazu beitragen, dass das zweifelhafte Erbe der Vätergeneration nicht erneut missbraucht wird; dazu missbraucht wird, die Ideologie von der Ungleichheit der Menschen wieder aufleben zu lassen und in die Köpfe und Herzen der nachwachsenden Generationen einzupflanzen.

Mit welchem Kalkül und mit welcher Niedertracht Alexander Gauland vorgeht, wenn er den Stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg wieder beleben will, wird spätestens dann deutlich, wenn man sich vor Augen führt, wie deutsche Soldaten als Soldaten - sofern sie überlebt haben - zerbrochen sind am politischen Missbrauch ganzer Generationen deutscher Soldaten durch ein verbrecherisches Terrorregime und eine traditions- und ehrvergessene militärische Führung. Gauland und Björn Höcke – als Geschichtslehrer – können dies, nein sie müssen dies wissen! Man müsste sie zwangsverpflichten Heinrich Gerlachs 2012 aus Moskauer Archiven geborgenen Roman "Durchbruch bei Stalingradzu lesen und zu repetieren - immer wieder und immer wieder. Eigentlich müsste man diesen Roman an deutschen Schulen zur Lektüre anbieten. Dann könnten bereits deutsche Schüler intellektuelle Nieten und Brandstifter, wie Björn Höcke und Alexander Gauland endlich enttarnen als das, was sie sind: niederträchtige und demagogische Volksverhetzer!

Das hätte ganz nebenbei auch die Einsicht zur Folge, dass man der Geisteshaltung Gaulands und Höckes mit dem Begriff der Drecksau nicht annähernd gerecht werden kann. Man würde dem Ansehen der Wildschweine und ihrer Artgenossen schweren Schaden zufügen!

Zweiter Teil - sine ira et studio

Miriam Lau hat mir den Gefallen getan, einmal in einem kurzen Artikel in der ZEIT (2/2020, S. 3) die Veränderungen der politischen Kultur innerhalb des Parlaments zu thematisieren. Und plötzlich macht ein Goebbels-Zitat aus dem Jahre 1928 die Runde, als der NSDAP-Politiker folgendes vernehmen ließen:

"Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen (...) Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freifahrtkarten und Diäten zu geben, so ist das ihre Sache. Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir."

Vorweg: Miriam Laus Artikel kommt leider daher wie sehr dünnes Bier. Gleichwohl bestätigt er, dass es einfach zu billig ist, Gauland und Konsorten als Drecksäue zu bezeichnen. Und sehr viel wesentlicher wird es sein, wie mehr oder weniger belämmert wir - die Schafherde - sich in den nächsten Wahlrunden und grundsätzlich verhalten wird. Dazu benötigen wir eine gute Portion Starkbier.

"Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir."

Zu Beginn der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts - auch gegen Ende der 20er Jahre, also 1928, haben das nicht alle wirklich ernst genommen, viele haben es schlicht zu leicht genommen. Wenn dieses Zitat schon unter den Bundestagsabgeordneten kursiert, und wenn Gauland, Höcke oder jener Stephan Brandner den Delegierten auf dem jüngsten AfD-Parteitag offenkundig nach dem Verlust des Vorsitzes des Rechtsausschusses im Deutschen Bundestag zugerufen hat: "Jetzt bin ich von der Kette gelassen", wenn diese und andere also keine Gelegenheit auslassen, zu betonen, dass man sie jagen werde, dass man sich die deutsche Geschichte zurückholen werde - wenn dies so ist, wenn also Begriffe - wie Jürgen Habermas sagt -  aus dem Wörterbuch des Unmenschen, wie Volksverräter, entartete Politik oder Umvolkung bzw. des Völkischen wieder hoffähig gemacht werden, dann ist es an der Zeit sich zu besinnen und einmal zu schauen, wie denn der binäre Code von

Freund - Feind

theoretisch begründet und praktisch angewandt worden ist: Carl Schmitt führt dazu in seiner 1932 veröffentlichten und 1963 nachgedruckten Schrift "Der Begriff des Politischen" (Berlin, 7. Auflage 2002 - 5. Nachdruck d. Ausg. v. 1963) folgendes aus (alle Hervorhebungen - Fettdruck durch mich):

"Eine Begriffsbestimmung des Politischen kann nur durch Aufdeckung und Feststelllung der spezifisch politischen Kategorien gewonnen werden. Das Politische hat nämlich seine eigenen Kriterien, die gegenüber den verschiedenen, relativ selbständigen Sachgebieten menschlichen Denkens und Handelns, insbesondere dem Moralischen, Ästhetischen, Ökonomischen in eigenartiger Weise wirksam werden. Das Politische muß deshalb in eigenen letzten Unterscheidungen liegen, auf die alles im spezifischen Sinne politische Handeln zurückgeführt werden kann. Nehmen wir an, daß auf dem Gebiet des Moralischen die letzten Unterscheidungen Gut und Böse sind; im Ästhetischen Schön und Häßlich; im Ökonomischen Nützlich und Schädlich oder beispielsweise Rentabel und Nicht-Rentabel. Die Frage ist dann, ob es auch eine besondere, jenen anderen Unterscheidungen zwar nicht gleichartige und analoge, aber von ihnen doch unabhängige, selbständige und als solche ohne weiteres eineleuchtende Unterscheidung als einfaches Kriterium des Politischen gibt und worin sie besteht (S. 26)?"

Carl Schmitt nimmt nun eine Unterscheidung vor, die fortan sein gesamtes staats- und gesellschaftspolitisches Koordinatensystem dominiert:

"Die spezifisch politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von

Freund und Feind (S. 26)."

Carl Schmitt präzisiert im Folgenden die angebotene Definition mit äußerster Schärfe:

"Wenn der Gegensatz von Gut und Böse nicht ohne weiteres und einfach mit dem von Schön  und Häßlich oder Nützlich und Schädlich identisch ist und nicht unmittelbar auf ihn reduziert werden darf, so darf der Gegensatz von Freund und Feind noch weniger mit einem jener anderen Gegensätze verwechselt oder vermengt werden. Die Unterscheidung von Freund und Feind hat den Sinn, den äußersten Intensitätsgrad einer Verbindung oder Trennung, einer Assoziation oder Dissoziation zu bezeichnen [...] Der politische Feind braucht nicht moralisch böse, er bracht nicht ästhetisch häßlich zu sein; er muß nicht als wirschaftlicher Konkurrent auftreten, und es kann vielleicht sogar vorteilhaft erscheinen, mit ihm Geschäfte zu machen. Er ist eben der andere, der Fremde, und es genügt zu seinem Wesen, daß er in einem besonders intensiven Sinne existentiell etwas anderes und Fremdes ist, so daß im extremen Fall Konflikte mit ihm möglich sind, die weder durch eine im voraus getroffene Normierung, noch durch den Spruch eines 'unbeteiligten' und daher 'unparteiischen Dritten entschieden werden könnten (S. 27)."

Carl Schmitt geht es um eine "der realen Möglichkeit nach kämpfende Gesamtheit von Menschen, die einer ebensolchen Gesamtheit gegenübersteht" (S. 29). Wenn wir nun noch lesen, dass die Begriffe Freund und Feind in ihrem "konkreten, existentiellen Sinn" zu nehmen sind und nicht als "Methaphern oder Symbole", dass sie "nicht vermischt und abgeschwächt durch ökonomische, moralische und andere Vorstellungen, am wenigsten in einem privat-individualistischen Sinne psychologisch als Ausdruck privater Gefühle und Tendenzen", dann gelangen wir quasi-automatisch und zwangsläufig zu der aberwitzigen von Heinrich Himmler in seiner berüchtigten Posener Geheimrede vom Oktober 1943 vor 200 NS-Würdenträgern geäußerten Auffassung: „Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenliegen, wenn 500 oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“

Carl Schmitt meint, was er sagt, denn:

"Der politische Gegensatz ist der intensivste und äußerste Gegensatz und jede konkrete Gegensätzlichkeit ist um so politischer, je mehr sie sich dem äußersten Punkte, der Freund-Feingruppierung, nähert (S. 30)."

Ich räume gerne ein, dass Carl Schmitt 1932 sicherlich nicht wirklich gesehen hat, wohin diese Begriffsbestimmung des Politischen führen sollte. Genau diese Annahme sollte uns warnen vor Blauäugigkeit und dem Versuch eine antidemokratische Grundhaltung demokratisch einzuhegen. Es wird zu überlegen sein, wie man sich die Schmittsche Zuspitzung des Politischen zu Eigen machen muss, wenn Antidemokraten - Feinde der Demokratie - demokratische Verfahren nutzen, um Ämter und Einfluss, schlicht Macht zu gewinnen. Die Absetzung Brandners stimmt in dieser Hinsicht durchaus zuversichtlich und Miriam Laus laue Darstellung des parlamentarischen Schulterschlusses diesseits der AfD ist ein Zeichen - aber nur solange es sich die CDU/CSU untersagt auch nur über den Hauch einer Kooperation mit der AfD nachzudenken.

Conclusio - cum ira et studio

Zumindest Wolfgng Klafki (im aufgerufenen Link Kapitel 3) zeigt uns in seinen Ausführungen einmal exemplarisch, wie man aus den sozialisationsbedingten Verstrickungen in die Nazi-Ideologie einen respektablen Weg findet. Auch wir - zumindest die große Überzahl - der in den 60er und 70er Jahren politisch Sozialisierten hat sich radikal von der Schmittschen Begriffsbestimmung des Politischen distanzieren können - mit Ernst Fraenkel, Karl Popper, Ralf Dahrendorf, Jürgen Habermas, schlicht mit den Vätern und Müttern des Grundgesetzes, übrigens auch mit Niklas Luhman, bei dem der binäre Code des Politischen auf die verfahrensmäßig regulierte Frage hinausläuft Ämter innezuhaben oder eben nicht. Letzteres wird nicht reichen, wenn es um die Frage geht, ob man den (erklärten) Feinden der Demokratie zugesteht auf legalem Wege Ämter zu beanspruchen mit dem Anspruch demokratische Verfahrensweisen in Frage zu stellen. Es geht hier um die Gratwanderung, die Schmittsche Typologisierung auf die Feinde der Demokratie anzuwenden. Ich weiß, wir können uns hier keine Anleihe bei Sus Scofra gestatten: Die Überlebensgarantie des Wildschweins - wir erinnern uns - hängt zentral zusammen mit dem Suhlen im Schlamm, dem damit möglichen Einhegen der Parasiten und ihrer Entledigung durch das Scheuern an den sogenannten Malbäumen. Aber als Metapher und symbolische Geste darf eine solche Phantasie doch wohl noch gestattet sein.

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund