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Ulrich Schnabel fragt: Was macht "Sinn" überhaupt aus, und in welchen Situationen erlebt man ihn?

Niklas Luhmann sagt:

"Sinn gibt es ausschließlich als Sinn der ihn benutzenden Operationen, also nur in dem Moment, in dem er durch Operationen bestimmt wird, und weder vorher noch nachher. Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen, und nicht etwa eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt. (Ders. in: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt 1998, S. 44)"

Das hört sich nicht nur brutal an. Es führt zu der schlichten Konsequenz, dass es - wie Luhmann meint - keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealität gebe.

Aber in dieser Konsequenz stecken versteckte Prämissen, die sich nur über eine intensive Befassung mit Luhmanns Systemtheorie enthüllen: Das faktische Erleben meint alles, was innerhalb unserer Bewusstseinssysteme der Fall ist, während das faktische Kommunizieren alles meint, was innerhalb sozialer Systeme der Fall ist und von Beobachtern durch Unterscheidungen markiert wird. Das würde aber auch bedeuten, dass damit konsitutierte Realitäten immer schon - als gewissermaßen atemporale Zerfallsprodukte - einerseits von den synaptischen Spalten verschluckt und andererseits im kommunikativen Rauschen verhallen würden. Niklas Luhmann entzieht sich dieser ernüchternden Klemme, indem er meint:

"Es braucht deshalb ein Gedächtnis, eine 'memory function', die ihm die Resultate vergangener Selektionen als gegenwärtigen Zustand verfügbar machen (wobei Leistungen des Vergessens und des Erinnerns eine Rolle spielen). Und es versetzt sich selbst in den Zustand des Oszillierens zwischen positiv und negativ gewerteten Operationen und zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz. Es konfrontiert sich selbst mit einer für es selbst unbestimmbaren Zukunft, für die gleichsam Anpassungsreserven für unvorhersehbare Lagen gespeichert sind (a.a.O., S., 45f.)."

Kleine persönliche Einlassung: Mir wird nun klarer, warum ich jeden Tag meine 95jährige Schwiegermutter im örtlichen Seniorenstift Laubenhof besuche und von Tag zu Tag gespannt bin, wie es wohl heute gehen mag. Die Eisdecke, die wir jeden Tag gemeinsam betreten wird dünner und dünner; sie trägt noch. Die Operationen, die wir im sozialen System über Kommunikation gemeinsam vollziehen, bedeuten exakt die angedeutete Atemporalität eines Zerfalls, der sich augenblicklich einstellt. Gedächtnis ist nicht beliebig verfügbar, indem es vergangene Selektionen mühelos in gegenwärtige Zustände überführen könnte; die Verfügbarkeit schwindet in einem rasanten Reduktionsprozess, der irgendwann keinen Rest mehr übriglassen wird. Ich werde das dann vermutlich auf dramatische Weise realisieren, insofern unsere gemeinsam gepflegten und über die letzten 20 Monate Tag für Tag aktualisierten Erinnerungsrituale irgendwann keine Resonanz mehr erzeugen werden - je schleichender und sanfter dieser Prozess sich vollziehen wird, umso weniger dramatisch wird er sich in meinem Erleben darstellen. Aber die Konsequenz wird aus der Sicht des Beobachters eine brutale sein: Irgendwann wird es nicht nur keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealiät (als Vorstellungswelt) mehr geben - die Realität selbst wird sich als leer und sinnlos erweisen (das Attribut sinnlos ist hier eigentlich sinnlos, weil es Sinn voraussetzt: Luhmann bemerkt vermutlich überzeugend, wie schwierig es ist, Unsinn bzw. Sinnlosigkeit zu erzeugen. Als Möglichkeit gelingt dies nur, "wenn man einen engeren Begriff des Sinvollen - zum Beispiel: des alltäglich Üblichen, des Erwartbaren - bildet" und dann Unsinn oder Sinnlosigkeit davon unterscheidet). Auch ein goldenes Ehejubiläum reicht nicht ohne Weiteres aus, um mühelos anknüpfen zu können an das, was so faszinierend und so sinngebend bzw. -erfüllend war, wie bei meinen Schwiegereltern beispielsweise das gemeinsame Tanzen.

[Da könnte im übrigen eine Empfehlung Klaus Dörners helfen, der meint: "Was gut tut, ist, von der Faustregel auszugehen, die freilich nur die Erfahrenen kennen, dass es den helfenden oder pflegenden Angehörigen immer schlechter geht als dem Hilfsbedürftigen oder Gepflegten, was übrigens auch und gerade - das schon mal vorab - fürs Sterben gilt" (in: Ders.: Leben und sterben, wo ich hingehöre - Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem, Neumünster 2007, S. 86)]

Und nun zu Ulrich Schnabel - in der Sylvesterausgabe der ZEIT (27. Dezember 2018) geht er der Frage nach, was "Sinn" überhaupt ausmache, und in welchen Situationen man ihn erlebe? Manche - meint Schnabel - suchten verzweifelt nach dem Sinn des Lebens, anderen sei er schlicht egal! Ich will mich aufs Wesentliche beschränken. Nach einer kurzen Einführung stellt Ulrich Schnabel fest:

"Als zentral erweist sich allerdings ein Begriff, der quer durch alle Befragungen und Dimensionen als einer der wichtigsten Sinngeber erscheint: die sogenannte Generativität. Damit ist das Bemühen gemeint, etwas an andere Generationen weiterzugeben und zum 'großen Ganzen' beizutragen - etwa indem man Kinder erzieht, Wissen vermittelt, sich politisch engagiert, Musik komponiert oder die Natur schützt. Generativität hat also vor allem mit dem Gefühl zu tun, sich in einen größeren Zusammenhang eingebunden zu fühlen, der das eigene, begrenzte Leben überschreitet und der damit die individuelle Existenz mit Sinn erfüllt - selbst über den Tod hinaus."

Um auf meine alltägliche Erfahrung im generativen Zusammenhang zurückzukommen, stelle ich mir die Frage, was denn eigentlich geschieht, wenn auch der Zugang zu einem (Selbst-)Bewusstein im Kontext von Generativität (bis zur Unkenntlichkeit - bis zum Selbst- und Fremdvergessen) schwindet? Für Fulbert Steffensky tritt damit einer der Fälle ein, wo der Mensch beginnt, sich aus der Hand zu geben (Ders.: Mut zur Endlichkeit - Sterben in einer Gesellschaft der Sieger, Stuttgart 2007). Alles, was Ulrich Schnabel vor allem auch mit dem Rekurs auf Viktor Frankl thematisiert, ist hier noch nicht der Fall. Deshalb kann er mit Fug und Recht sagen, das der Schritt von der "Ego- zur Sinnorientierung" mit Frankl in die Frage mündet: "Was kann ich beitragen, um die Situation insgesamt zu verbessern". Diese Frage beschere im besten Fall Gefühle wie Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit: "Anders gesagt, die Ausrichtung auf andere lässt uns einen Zusammenhang erleben und spüren, dass es nicht egal ist, ob wir existieren."

Ulrich Schnabel, Viktor Frankl, Niklas Luhmann, Fulbert Steffensky bescheren mir also mit ihren Überlegunen und z.B. mit Blick auf meine Schwiegermutter einen reflektierten Zugang zu genau diesesm Lebensgefühl, nämlich dass es nicht egal ist, ob ich existiere. Und mit der These Jean Paul Sartres, dass wir "das sind, was wir tun", gewinne ich heute tatsächlich  - sehr viel konsequenter als in meiner Sturm- und Drangphase - einen Zugang zu meinem eigenen Leben. Und zugegeben: Generativität spielt hier eine zentrale Rolle, die sich immer deutlicher für mich herauskristallisiert: In der Auseinandersetzung mit "Hildes Geschichte", in der Auseinandersetzung mit der brutaleren Variante des Alterns sowohl mit Blick auf meinen Schwiegervater als auch meine Schwiegermutter; und hoffentlich auch mit Blick auf meine Kinder und Kindeskinder.

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund