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Kann ich etwas lernen von Dorothee und Fulbert?

1998 erschien bei GTB ein Bändchen mit dem Titel: "Wie wir wurden, was wir sind - Gespräche mit feministischen Theologinnen". Ilona Nord interviewt Dorothee Sölle: "Klarheit macht nicht notwendig lieblos"; eines der sechs von 19 Interviews, die Ernst Begemann wohl zur Lektüre markiert hatte. Ja, auch dieses Büchlein entstammt dem Nachlass von Ernst Begemann. Heute Morgen auf dem Weg zur Kehrkapelle hat Rudi Krawitz, der den bibliothekarischen Nachlass verwaltet, noch dazu ermuntert, Ernst Begemann auf diese Weise weiterhin zu würdigen. Das Interview mit Dorothee Sölle hinterlässt in mir tiefen Nachhall, und ich vermute wir hätten trefflich über ihre Sichtweisen streiten können. "Das Öffentliche ist immer auch privat", "Befreiung aus einer lieberalen Freiheit", "Als Wesen der Beziehung geboren", "Mystik und Widerstand gehören zusammen", "Eine ungeheure Gnade" markieren die Teilkapitel, unter denen sie ihre Gedanken ordnet. Ich konzentriere mich insbesondere auf den Abschnitt: "Als Wesen der Beziehung geboren".

Ilona Nord eröffnet mit der Frage, ob sich zu den sichtbaren Gefängnissen der Klasse, der Rasse und der Landschaft auch das Geschlecht rechnen lasse - oder sei auch das verschwunden?

Dorothee Sölle antwortet klar und relativ konservativ, indem sie betont, dass es innerhalb der Frauen-Existenz eine "biologische Anlage" gebe, die sie in besonderer Weise als "Wesen der Beziehung" ausweise: "Ich glaube nicht, dass sich das auf die Dauer völlig wegdekonstruieren lässt." Viele Frauen verträten einen "ökologischen Feminismus", der tief verwurzelt sei in einer Liebe zur Schöpfung und den Erfahrungen mit Geburt und Stillen, der aber auch wisse, was es bedeutet, eine alte Mutter in den Tod zu begleiten.

Von der Geburt weiß ich nur, wie ein Mann sich freuen kann und wie er mitzuleiden vermag - ein Stück weit buchstäblich auch mitzutragen vermag, was die Geburt zu einer Grenzerfahrung macht. Vom Stillen weiß ich nichts - außer, dass es jedem Säugling vergönnt sein sollte. Aber die Begleitung von Mutter und (Schwieger-)Vater in den Tod ist und war mir jene Bewährung, aus der Sinn und Kraft gleichermaßen resultieren - wie eine Depotgabe, die lebensverändernd und lebensbegleitend wirkt. Deshalb nehme ich Dorothee Sölles Antwort auf die Frage, wie der Mann-Frau-Dualismus zu sehen sei, mit besonderer Sensibilität und Aufmerksamkeit wahr:

Sie hält ihn für den schlimmsten Dualismus von allen, trotz ihrer These von der biologischen Veranlagung der Frau:

"Der schlimmste Dualismus ist natürlich der Mann-Frau-Dualismus, der als Herrschaft des Mannes über die Frau ausgelegt. Mich hat es sehr getröstet, als ich hörte, dass es nur ein Chromosom ist, das uns unterscheidet. In mir ist auch ein Mann, und in meinem Mann Fulbert sind ganz sicher mindestens zwei Mütter. Die eigene Nähe zum anderen Geschlecht zu erfahren, ist etwas sehr Schönes. Dass wir auf verschiedenen Instrumenten spielen, dieses Moment gehört ganz sicher mit zum Begriff der Freiheit."

Interessant sind die folgenden Ausführungen Dorothee Sölles, vor allem, wenn man die Entwicklungsdynamiken seit Erscheinen des Interviews 1998 bedenkt. Ilona Nord macht Dorothee Sölle darauf aufmerksam, dass sich diese harmonische Sichtweise des Geschlechterbezugs anthropologisch im Modell der Androgynität finde, und vor allem insistiert sie 1998 auf der Kritik, dass eine Harmonie unter den Geschlechtern, wenn überhaupt, dann doch nur höchst fragementarisch erlebt werde. Ich gebe im folgenden den Wortlaut der Antwort Dorothee Sölles wider:

"Diese Diskussion erinnert mich an die Frauenkonferenz in Bejin (Peking). Hier war es ein Einwand der Dritte-Welt-Frauen gegen die Erste-Welt-Frauen, die ihnen sagten, ihr meint, ihr hättet alles, weil ihr alles benutzen könnt, aber ihr seid ja nicht eigentlich Frauen in unserem Sinn. Ihr habt es schon aufgegeben, euer Frau-Sein zu entwickeln. Denn das androgyne Menschenbild, das uns die Postmoderne vorschwafelt, dem kann nur kinderlos gefolgt werden. Es ist das kinderlose Paar, das als Leitbild vor uns steht. Es sind nicht Philemon und Baucis, die miteinander alt werden und sich dann in Bäume verwandeln, wie es in dem wunderbaren Bild der Mythologie ausgedrückt wird. Hier sind schlanke, ähnlich geformte Menschen mit gleicher Größe, gleicher sportlicher Fähigkeit, gleicher Tanzfähigkeit gemeint. Es sind vom Leben ganz ungebeutelte Menschen, die nicht in einem Generationenzusammenhang leben. Der androgyne Mensch ist eher ein griechischer Traum, nicht ein familialer Traum. Er reicht nicht aus."

Dieser letzte Hinweis von Dorothee Sölle gibt entschieden zu denken. Siebzehn Jahre später kann ich selbst - als unterdessen 63jähriger Mann - sehr deutlich erkennen, wie dieser griechische Traum auch im unmittelbaren Umfeld wirkt. Nicht nur, dass - ganz anders als früher, ja gewissermaßen auf auf galaktische Weise anders - sich "Hildes Geschichte" heute nicht mehr so zutragen würde, zumindest in den zivilisierten Randzonen dieser Weltgesellschaft, nein, das ganz Andere resultiert aus einer postmodernen, optionalen Welt, die in meiner unmittebaren Umgebung junge Frauen z.B. dazu veranlasst, Kinder in diese Welt zu tragen - bewusst und entschieden ohne Mann. Für diese Kinder wird es im Sinne einer sozialen Erfahrung in einer prägenden Phase ihrer Entwicklung keinen Vater geben. Dazu sagen manche, besser keinen Vater als ein Arschloch zum Vater. Aber mit der Arschloch-Leerstelle - hole in my soul and in my life too - von vorne herein ins Leben gehen zu müssen, gibt das Sinn? Ja es gibt den Sinn im Unsinn, den wir bereit sind zu unserer Lebensgrundlage zu stilisieren. Die andere Variante, die ich auf dem 28sten Geburtstag meiner ältesten Tochter im bluts- und wahlverwandtschafltichen Kontext diskutieren durfte, steckt mir heute noch gleichermaßen im Hals wie in der Seele. Da kommt die junge Not schon daher, weil sich zwei liebende Menschen anscheinend entscheiden müssen zwischen dem, was Dorothee Sölle noch als Menetekel an die Wand malt, nämlich das kinderlose Paar. Wenn aber selbst das kinderlose Paar keine Option ist, sondern sich der eine Teil ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen kann und mag, der andere Teil aber seinen androgynen Traum lebt, dann wird es nicht nur atemlos, sondern auf brutal-merkwürdige Weise auch perspektivlos. Vielleicht hilft bei so ganz jungen Menschen ein - in der Politik spricht man von einem - Junktim, bei dem der gemeinsame Entscheidungsraum einfach noch offen bleibt - zumindest solange, wie derjenige, der Kinder will, sich dazu optional (mit einem anderen Partner) auch noch entscheiden kann.

Aber der nächste Abschnitt gehört Fulbert Steffensky: Damit greife ich eine Anregung auf, die mir bei der jahrelangen intensiven Pflege meines Schwiegervaters, Leo Rothmund, bis zu seinem Tod sehr geholfen hat (siehe auch meine Totenrede):

Was mögen die Müllmänner denken (zur Lyrikversion)

(Dieser Passage ist eine Auskopplung aus meinem Buch: Die Mohnfrau, Koblenz 2010. Bibliografische Hin- und Nachweise könnt ihr euch demnächst unter "Eigene und fremde Bücher" verfügbar machen. Dort steht auch "Die Mohnfrau" als PDF zur Verfügung.)

„Auf das lange Schweigen folgt das dauernde Gerede." So resümiert Iris Radisch unter dem Titel „Metaphysik des Tumors" in der ZEIT vom 17.9.09 die Flut von Büchern über Krebs und Tod. Sie beantwortet die Frage, ob wir eine „literarische Sterbebegleitung" brauchen in der Folge dann aber sehr differenziert und endet mit der These, dass sich im Erscheinen der vielen neuen Sterbebücher ein „neuer Existenzialismus" ausdrücke: „Dieser Existenzialismus ist wie der Tod – zu nichts weiter nutze. Außer vielleicht dazu, uns demütig zu machen. Und zu heilen von dem Wahn Herr im eigenen Haus zu sein."

Mit dem Tod ist es offensichtlich wie mit der Liebe – jedermann sollte sich der Illusion entledigen, Herr im eigenen Haus zu sein. Iris Radisch geht in ihrem Beitrag u.a. auch auf das Buch des Spiegel-Reporters Jürgen Leinemann (Das Leben ist der Ernstfall, Hamburg 2009) ein und würdigt dessen autobiografischen Bericht: „Neben einer sehr detailreichen Schilderung einer sehr komplizierten Krankengeschichte, die an keiner Krankenhauszimmernummer, keiner Röntgenaufnahme, keinem Narbengewebe achtlos vorbeigeht, ist dieses Buch der redliche Versuch, Bilanz zu ziehen und die Familie schriftlich mit Lob und Liebe zu versorgen."

Wer morgens früh durch sein eigenes Dorf fährt, wird in der Regel die zur Abfuhr bereitstehenden Mülltonnen kaum beachten. Genau so wenig, wie wir uns Gedanken darüber machen, wie die unvermeidbaren Aus- und Absonderungen unseres Stoffwechsels über raffiniert designte Kloschüsseln zu den Orten der Klärung und Wiederverwertung gelangen, so wenig Aufmerksamkeit widmen wir in der Regel den Inhalten unserer Mülltonnen.

Irgendwann im Frühjahr 2009 auf dem Weg zum Haus meiner Schwiegereltern – ein Fußweg von lediglich 5 Minuten – fielen mir einige der zur Abfuhr bereitstehenden Mülltonnen durch eine mir bestens vertraute Besonderheit auf. Sie enthielten so viele Windeln und Pflegeutensilien, dass ihre Deckel offensichtlich auch mit allergrößter Anstrengung nicht zu schließen waren. So wie Babywäsche, Schnuller und Spielsachen – an Leinen über Hauseingänge gespannt – häufig die frohe Botschaft vom Nachwuchs kundtun, so mögen Windeln dies auf andere Weise signalisieren; und wem diese Tonnen unverhofft und massenhaft begegnen, der mag den Eindruck gewinnen, auch in Deutschland sei – ähnlich wie Frankreich – eine neue Baby-Boomer-Generation am Werke. Wer dann allerdings genauer hinschaut und nicht vorschnell der Illusion erliegt, all diese Häuser seien von Mehrlingsgeburten gesegnet, wird sich zumindest wundern über Ausmaß und Erscheinungsform dieser Windelwucherungen. Auch wenn diese, im verzweifelten Bemühen um Raumersparnis, sorgfältig verdichtet und geschichtet werden, kommen sie irgendwann dem Deckel der Tonne in die Quere. So viele und so große, immer noch Windeln bekackende Babys kann es gar nicht geben. Und in der Tat bringen

• der medizinische Fortschritt, verbunden mit einem stetigen Anstieg der Lebenserwartung,
• eine gesündere Ernährung und Lebensweise in den Speckgürteln der zivilisierten Welt
• und eine nur zögerlich einsetzende Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens

Formen des Alters und des Alterns hervor, die eine Zunahme übergroßer, voll dementer Riesenbabys zur Folge haben. Dies entspricht zunächst einmal einer schlichten Beschreibung von Tatsachen.

Mein eigener Schwiegervater, der ein dionysischer Tatmensch war, der drei klassische Arbeitsleben in einem vereint hat, der sich in seiner Hochzeit mit fortgesetztem Schlafentzug, Nikotin- und Medikamentenmissbrauch traktierte und der dennoch zu leben verstand, der in nächtlichen Arbeitsorgien sich freisetzte für seine verrückten und abenteuerlichen Skitouren, der keine Fete ausließ und als Rechts-auf-Links-Umschüler (Durchschuss der rechten Schulter in den letzten Kriegsmonaten) kein Tennismatch ungespielt ließ, und den wir als Hypertoniker wie Hypochonder gleichermaßen immer in den Alpen auf einer seiner Skitouren einen gnädigen Tod suchen und finden sahen, dieser übergroße und verrückte Workaholic degeneriert seit 6 Jahren zu einem hilflosen Riesenbaby, das innerhalb weniger Tage ohne fremde Hilfe verdursten, verhungern und verwahrlosen würde.

Der „neue Existenzialismus", von dem Iris Radisch spricht, überrascht uns in der eigenen Familie und malt das drohende Menetekel an die Wand – ein Menetekel, dem wir sicherlich dann nicht entgehen, wenn uns die degenerativen Prozesse eines geistigen und körperlichen Verfalls in ihrer stürmischen Dynamik – wie sie bei Leo, meinem Schwiegervater, irreversibel einsetzten – plattwalzen.

Vor nahezu 40 Jahren – ich habe dies in „Ich sehe was, was du nicht siehst!? Komm in den totgesagten Park und schau" (Koblenz, 2002) beschrieben – trieb uns die Frage um, ob es eine Alternative zum bürgerlichen Familienmodell gebe. In meiner Einleitung II belehre ich mich in gewisser Weise eines Besseren, da wir alle nicht hinausgewachsen sind über die unvergleichlichen Bindungskräfte und -qualitäten, die sich offensichtlich nur in familiären Kontexten begründen und bewähren. Und dennoch lockt, reizt und fordert uns der eigene Übergang ins – hoffentlich – Fürsorgliche Finale (Detlef Klöckner) zu Gestaltungsphantasien heraus. Es ist und bleibt spannend, und ich bin gespannt, wer mir unter welchen Umständen den Arsch und das Gebiss putzen wird, und wer meine alte, nach Berührung und Resonanz heischende Hand halten wird.

Um Iris Radischs ambivalente Reaktion auf die oben erwähnte Textflut abschließend im Hinblick auf ihre Notwendigkeit zu kommentieren, möchte ich anmerken, dass ich ihrem Fazit zustimme. Die Textflut wäre aber um einiges schlanker und gewichtiger, wenn – wie Iris Radisch berichtet – der „eine Journalist seinen Vater nicht nur in Windeln porträtieren würde", und „der nächste die privaten Fotos seiner krebskranken Mutter nicht nur an die Zeitungsredaktionen weiterreichen würde", sondern wenn wir unser Heil in einer stärkeren aktiven und tätigen Anteilnahme an den Pflege- und Sterbeprozessen unserer Eltern suchen würden (vielleicht haben die beiden ja beides getan).

In der Flut der Schriften war mir

Fulbert Steffenskys Mut zur Endlichkeit – Sterben in einer Gesellschaft der Sieger, Stuttgart 2007

eine große Hilfe!

(Fulbert Steffensky könnt ihr im Interview anhören (ab 41.09 zum erwähnten Büchlein: Die entsprechende Passage habe ich aus dem Interview heraus transkribiert und weiter unten an den Text angeschlossen)

„Es könnte sein, dass gerade die Hochleistungsmedizin, wenn sie einmal in Gang gebracht ist, ein Sterben in Würde verhindert." Fulbert Steffenskys fulminante Schrift liegt quer zu all den in meinem Büchlein angesprochenen Themenfeldern. Seine Kernthese stellt aber vorrangig die Frage, ob im Jugendwahn und Gesundheitszwang nicht auch ein Stück geheimer Gewalt liege, die uns möglicherweise daran hindere, dem Kranken seine Krankheit zu lassen und sich als Gesunder mit der Krankheit des anderen abzufinden. Er zitiert Udo Krolzik, den Direktor des Johanneswerkes in Bielefeld mit seiner Auffassung, dass erst die moderne Medizin mit ihren Methoden der künstlichen Ernährung aus einer qualvollen Art zu sterben eine qualvolle Art zu leben gemacht habe.
Mein Vater starb mit 65 Jahren innerhalb einer Woche an einem Herzinfarkt, meine Mutter führte ein halbes Jahr einen harten Abwehrkampf gegen Gevatter Hein, die letzten drei Tage im Standby-Modus einer extrem reduzierten Schnappatmung mit zuletzt 1-2 Atemzügen pro Minute. Das alles war schwer zu ertragen, aber es sind naturgemäß die vorletzten Entwicklungsaufgaben, denen wir uns zu stellen haben. Meine Schwiegermutter erfreut sich mit 86 Jahren einer guten Gesundheit im Sinne des im Rheinland vertrauten frommen Wunsches: Oben licht und unten dicht. Hingegen fristet mein Schwiegervater ein elendes Dasein, dem vor drei Jahren die Pflegestufe III attestiert wurde.

Das Elende seines Daseins liegt hier allerdings primär im Auge des Beobachters, des beobachtenden Schwiegersohns. Die Vorsorgevollmacht liegt in Händen seiner Tochter und über eine Patientenverfügung hat er selbst lebensverlängernde intensivmedizinische Interventionen ausgeschlossen. Wir pflegen – wie oben angedeutet – zu Hause. Sein Lebenswille ist eindeutig indiziert über regelmäßiges Essen und Trinken. Auch wenn er dazu selbst in keiner Weise in der Lage ist, steht sein Lebenswille für mich außer Frage. Alle körperliche Zuwendung, alles Drücken, Schmusen und Küssen fällt, wie Regen in der Wüste, auf überaus bedürftigen, aber auch fruchtbaren Boden. Und seine Mimik und Gestik lassen keine Zweifel an seinem Wohlbehagen. Sie sagen uns: Alles ist gut, hier bin ich wohl, hier fühle ich mich geborgen und aufgehoben.

Fulbert Steffensky zentriert seine Gedanken um eine triviale und gleichwohl fundamentale Erfahrung: „Das, wovon wir eigentlich leben, können wir nicht herstellen: nicht die Liebe, nicht die Freundschaft, nicht die Vergebung, nicht die eigene Ganzheit und Unversehrtheit. Man kann sich nicht selbst beabsichtigen, ohne sich zu verfehlen." Mit Fulbert Steffensky nähere ich mich einem theologisch begründeten Gnadenbegriff, mit dem er uns nahelegt, Gnade zu denken bedeute zu erkennen, dass den Menschen nicht seine Tauglichkeit und Verwendbarkeit ausmache: „Alte Menschen, dauerhaft Kranke sind wenig tauglich und verwendbar. Sie können sich nicht durch sich selbst rechtfertigen, nicht durch ihre Arbeit, durch ihre Intelligenz und ihren Witz. Sie sind, weil sie sind. Sie sind nicht, weil sie etwas leisten." Auch Kinder – betont Steffensky – seien zunächst einmal nicht durch ihre Funktion für die Gesellschaft gerechtfertigt. Aber sie seien immerhin – wie Zyniker sagen – eine „Investition für die Zukunft".

Ich bedenke Fulbert Steffenskys Auffassung, dass die Bedürftigkeit den Grundzug aller Humanität ausmache. Und ich kann der Idee folgen, dass ein Wesen umso bedürftiger sei, je geistiger es ist: „Umso mehr weiß es, dass es sich nicht selbst gebären und vollenden kann. Es braucht Väter und Mütter, es braucht Kinder und Enkel. Es muss sich auf mehr berufen können als auf den eigenen Witz und die eigene Stärke." (Ja, da wird doch auch irgendwie verständlich, warum der ehemalige Benediktinermönch Steffensky, Bruder Fulbert, zum Protestanten wird, mit Dorothee Sölle eine Familie gründet und ein gottgefälliges Leben anstrebt.) Den Fokus seiner Argumentation bildet schließlich eine Idee, die ich als die letzte Entwicklungsaufgabe verstehen möchte, die uns möglicherweise gestellt ist: „Schwer erkrankt sein, heißt verarmt sein: arm an eigener Kraft, arm an Bewegungsfähigkeit, arm an Zukunft. Die Krankheit ist Krise: man kann angesichts dieser Verarmung in Hoffnungslosigkeit und Verbitterung erstarren, und man kann sich ergeben. Sich ergeben ist ein veraltetes Wort, das ich mag. Es heißt, sich aus der Hand geben, sich anvertrauen, sich nicht mehr mit sich selber rechtfertigen; wissen, dass es zu wenig ist, nur bei sich selber aufgehoben zu sein. Vermutlich gelingt diese letzte Ergebung, die letzte Bedürftigkeit nur wenigen Menschen [...]."

Vor einigen Monaten habe ich mich im Fitness- und Gesundheitscenter Dany angemeldet und verrichte dort meine gesundheitsfördernden anthropotechnischen Übungen. Ich denke über Motive nach. Am 21. Februar 2010 ist mein 58. Geburtstag. Manfred Lütz (München 2007) hat mir vor Jahren – wie auch vielen anderen – die Frage gestellt: „Sind Sie gerade im Moment gesund?" Und das auch möglicherweise noch im Sinne der Definition der WHO, wonach sich vollständige Gesundheit aus einem umfassenden bio-psycho-sozialen Wohlbefinden zusammensetzt. Menschen, die sich in dieser Weise gesund fühlen, erfahren dies in der Tat als systemisch begründetes, will sagen: intensives wechselwirksames körperlich-seelisch-geistiges Wohlbefinden. Im Großen und Ganzen, Summa summarum und cum grano salis gehöre ich wohl mit meinen fast 58 Jahren zu einer verschwindenden Minderheit von Menschen, die sich in der beschriebenen Weise für gesund halten (dürfen). Vielleicht ist mein gesamtes Leben der lebendige Ausdruck eines pfleglichen und achtsamen Umgangs mit mir selbst. Wäre ich im Sinne einer christlichen Grundorientierung ein gläubiger Mensch, würde Fulbert Steffenskys Idee vielleicht auf mich zutreffen, dass „wer an Gott glaubt, nicht Gott zu sein und Gott zu spielen braucht. Er muss nicht der Gesündeste, der Stärkste, der Schönste, der Erfolgreichste sein."

Ich frage mich, ob die wunderbaren Ideen Steffenskys ihre tatsächliche Kraft verlieren, wenn der Glaube an Gott fehlt? Oder könnte es möglicherweise nicht gerade umgekehrt sein? Warum brauchen wir diese Gottesidee, um dem „merkwürdigen neuen Leiden" zu entgehen, das sich im Sinne Steffenskys in einer „überhöhten Erwartung an das Leben und der Subjekte an sich selber" ausdrückt? Der Katalog, den Fulbert Steffensky auflistet, kommt uns allen vertraut vor: „Mein Körper soll fit sein bis ins hohe Alter, mein Aussehen schön. Mein Beruf soll mich erfüllen. Meine Ehe soll ungetrübt und glücklich sein. Der Partner soll der beste Liebhaber sein und die Partnerin die beste Köchin. Die Erziehung der Kinder soll gelingen. Solche Totalitätserwartungen an eine Liebe programmieren ihr Scheitern. So ist das Leben nicht." Nein, so ist das Leben nicht!

Aber warum muss sich Gott zwischen diese nüchterne Einsicht schieben? Warum genügen wir uns nicht selbst und können nicht aus der Einsicht in die wunderbaren Gedanken Fulbert Steffenskys jene Bescheidenheit gewinnen, die uns das Leben in vollen Zügen genießen lässt, und sei es noch so begrenzt? Zeigen uns nicht eben genau diese Grundhaltung so viele kranke, beeinträchtige und behinderte Menschen? Gnade denken heißt mit den Worten Steffenskys, den Mut zum fragmentarischen Handeln zu finden: „Die meisten Ehen gelingen halb, und das ist viel. Meistens ist man nur ein halb guter Vater, eine halb gute Lehrerin, ein halb guter Therapeut. Und das ist viel. Gegen den Totalitätsterror möchte ich die gelungene Halbheit loben. Die Süße und die Schönheit des Lebens liegt nicht am Ende, im vollkommenen Gelingen und in der Ganzheit. Das Leben ist endlich, nicht nur weil wir sterben müssen. Die Endlichkeit liegt im Leben selber, im begrenzten Glück, im begrenzten Gelingen, in der begrenzten Ausgefülltheit. Hier ist uns nicht versprochen, alles zu sein. Souverän wäre es, die jetzt schon mögliche Güte des Lebens anzunehmen und zu genießen; das Halbe nicht zu verachten, nur weil das Ganze noch nicht möglich ist."

Steffensky nimmt auf Paulus Bezug und stellt mit ihm fest: „Der Mensch ist, weil er sich verdankt." Damit spricht Fulbert Steffensky in seiner kleinen Schrift ein Letztes an, das mich zutiefst anrührt und jenseits aller Gottesphantasien zu einem Grundmotiv meines Lebens führt: „Die große Grundfähigkeit des Lebens ist der Dank. Der Dank lehrt uns das Leben zu lieben." Für mein überreiches Leben danke ich, konkret, weil ich mich selbst so (über)lebensnotwendig verdanke: der ungewöhnlichen Liebe meiner Eltern, der Liebe meiner Frau und meiner Kinder, der Aufmerksamkeit und Wertschätzung der bedeutsamen anderen.

In diesem Büchlein stehen viele meiner Gedichte und lyrischen Selbstzitierungen für diese Erfahrung. Dennoch möchte ich dieses ausführlichere Kapitel mit einem längeren Zitat aus Fulbert Steffenskys Schrift beschließen: „Der Dank lehrt uns das Leben zu lieben. Ich erzähle eine persönliche Geschichte. Ich habe den dramatischen Zusammenbruch meiner Frau zehn Jahre vor ihrem Tod erwähnt. Wir haben Wochen um ihr Leben gebangt. Dann erholte sie sich, langsam und vollständig. Sie und wir haben gelernt, dass das Leben Frist ist. Und dies gab unserem Leben eine neue Intensität. Wir lernten die Selbstverständlichkeiten des Lebens als große Gaben zu schätzen. Dass ein neuer Morgen kam, war nicht mehr selbstverständlich, das Lachen unserer Enkel und dass wir zusammen weiter leben durften, waren nicht mehr selbstverständlich. Der Alltag hatte einen neuen Glanz. Wir haben die Bäume anders gesehen, wir haben unsere Liebe intensiver erfahren, wir haben gelernt, was Brot und was Zeit ist. Wir haben die Gaben des Lebens als uns ungeschuldete und als unverdienbare kennen gelernt. Die Dankbarkeit ist wie eine neue Schöpfung der Dinge. Und auch der nach zehn Jahren erfolgte Tod meiner Frau hat diese Dankbarkeit nicht durchstreichen können. Wer weiß, dass er sich verdankt, ist des Lebens fähig, vielleicht auch des Sterbens."

 

Fulbert Steffensky im Gespräch mit Meinrad Walter u.a. zu seinem Büchlein: „Mut zur Endlichkeit“ SWR2 (19.1.2008)

Was ändert sich in Ihrem Denken mit zunehmenden Alter?

Ich glaube, dass mein Verhältnis zur Tradition auch etwas mit meinem Alter zu tun hat. Wenn man jung ist, will man seine eigene Stimme – zu Recht -, man will sein eigenes Denken, seine eigene Frömmigkeit usw.; man ist vom Alter her eher kritisch gegenüber Überkommenheiten. Wenn man alt ist, merkt man, dass man nicht abendfüllend ist – und nicht abendfüllend war in seinem Leben. Und man sucht sich Zeugen, man sucht sich Verbündete, und man kommt nicht mit sich selbst zurecht. Und ich glaube im Alter – man sagt ja vom Alter, dass die Skepsis weicht und die Zähne ausfallen. Das mit den Zähnen stimmt, aber nicht das mit der Skepsis. Im Alter wächst die Skepsis und der Wunsch, alles Zusammenzukriegen; der Wunsch zu Loben und der Wunsch zu Danken. Also dieses Stück Widersprüchlichkeit, die wachsende Skepsis, wenn man dieses ganze Unternehmen Leben und Welt ansieht und die Dankbarkeit. Und das Gefühl für die kleinen Dinge – das hat vielleicht mit Dankbarkeit zu tun, für die Köstlichkeit der kleinen Dinge im Leben – das wächst im Alter.

Was sind das für Köstlichkeiten?

Neulich hat mir eine Frau gesagt – ihr Mann war gerade gestorben: Es tut mir leid, dass wir die kleinen Dinge unseres Alltags nicht genug gewürdigt haben, dass wir Zeit hatten, zusammen ein Glas Wein zu trinken, oder ins Kino zu gehen, oder den Kindern Geschichten zu erzählen. Das Leben ist ja nicht nur dramatisch oder tragisch, sondern gefüllt mit kleinen Köstlichkeiten; dass heute schönes Wetter ist und dass morgen Schnee ist. Das sind ja Schönheiten, an denen man vielleicht doch den Durst nach endgültiger Schönheit lernt.

Zum Schluss vielleicht noch eine Charakterisierung ihrer selbst. Sie haben sich genannt, einen demütigen Freigeist. Gibt’s dafür noch ein Zukunftsprogramm? Was werden sie noch tun als demütiger Freigeist?

Ich möchte ein Missionar sein dieser köstlichen Traditionen, von der Freiheit, von der Würde des Menschen und dem Geheimnis Gottes. Ich glaube, alles, was man liebt, will man weitersagen, behält man nicht nur in seinem Herzen, liebt man nicht nur in seinem Herzen. Ich glaub das Missionarische gehört zum Wesen der Kirche. Das heißt, dass nicht alle so denken, so werden, so glauben…

Das ist ja auch ein vorbelastetes Wort!

Ich benutze ja mit Vorliebe vorbelastete Wörter, weil sie zunächst einmal Aufmerksamkeit und Ärger erregen. Mission heißt, ich zeige, was ich liebe. Und das heißt nicht, dass andere mein eigenes Konzept leben werden unter allen Umständen, aber das sie wahrnehmen, dass ein Mensch etwas liebt. Das ist – glaub ich – wichtig für unsere Gesellschaft; für unsere Jugend ist das so wichtig, für unsere Kinder; dass sie sehen, was die Optionen von Menschen sind. Daran lernen sie, Optionen zu haben.

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund