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Alter, Altern, Alte - Identitätsschrumpfungen

Kurze Einleitung zu einem langwierigen Unterfangen

Es handelt sich im Folgenden um eine Sammlung von Briefen und Aufzeichnungen, die im höchsten Alter noch einmal dem Versuch gelten, Rudimente von Selbstvergewisserung und Identität zu bewahren. Anders als im entstehenden Büchlein hierzu, steht ein Brief voran, der mehr der Selbstvergewisserung desjenigen gilt, der für diese Aufzeichnungen verantwortlich zeichnet. Meine Schwiegermutter wird sich Wiedererkennen und Festlesen in den schlichteren Briefen, die folgen und die gemeinsamer Erinnerungsarbeit geschuldet sind. Verknüpfungen bieten sich an, im Versuch immer auch die gesellschaftliche Dimension von Alter und Altern zu reflektieren (siehe dazu: Jean Baudrillard oder: Der Tod - Gebirg des Seyn im Gedicht der Welt).

Koblenz-Güls, am 23. September 2018

Liebe Lisa

Jetzt kommt einmal ein Brief, der mich mir selbst einmal versucht ansatzweise zu erklären. Ich bin der Josef, Dein Schwiegersohn, und ich hab da mal ein paar Fragen. Jeder wird mich schelten und Recht haben, wenn er sagt: „Dieser Brief gehört hier nicht her!“ Und natürlich weiß ich, dass es Unsinn ist, Dich – Lisa – hier anzusprechen. Aber gerade nach dem heutigen Tag – es ist der 23. September 2018, ein Sonntag, muss auch einmal gezeigt werden, wie wir versuchen mit der Herausforderung Deiner Betreuung und Pflege umzugehen, und was das für uns alle bedeutet. 2015 im Dezember warst Du schon 92 Jahre alt. Am 11.12.2015 hast Du Dir den Oberschenkel gebrochen. Nach Operation und Genesung hast Du bei uns zu Hause im Pühlchen gelebt und bist nicht mehr heimgekehrt auf den Heyerberg. Im Mai 2017 – auf Muttertag – hast Du Dir bei einem Sturz aus dem Bett den Arm gebrochen. Nach Genesung und Kurzzeitpflege haben wir den Beschluss für eine stationäre Pflege und Dauerunterbringung im Laubenhof gefasst. Der Laubenhof ist am anderen Ende des Dorfes und wir sind mit dem Auto in 3 Minuten dort – zu Fuß in einer knappen Viertelstunde. Dort lebst Du nun seit Juni 2017. Im Alltag vermeide ich inzwischen alle Problematisierungen und Infragestellungen. Wenn Du, Lisa, und ich, Josef, uns begegnen, dann steht nur der Augenblick im Vordergrund und alle Erinnerungen werden dann so akzeptiert und wertgeschätzt, wie sie sich im Hier und Jetzt einstellen mögen.

Am 1. Juli 2018, ein Sonntag, habe ich folgendes in unseren Block notiert:

Heute ist Sonntag. Was reden wir uns „schön“? Allein die Vorstellung, dass das Leben „schön“ sei – oder eben nur schön, ist natürlich schon maßlos verfehlt. Und „nur“ da zu sein, ist eben auch in der heutigen Welt immer schon zu wenig! Da das Leben nicht nur schön ist, sondern wenn es länger, wenn es lange dauert – eben seine Beschwernisse mit sich bringt, bedeutet es im Alltag immer auch Kampf; in Zeiten des Pflegenotstandes Kampf um die nächste Dusche, um die nächste Haarwäsche, um tägliche Fürsorge und Zuwendung. Fürsorge und Zuwendung sind nicht dasselbe! Die Fürsorge als Pflege obliegt nun den Professionellen; die Zuwendung – wenn möglich in liebevoller Ausprägung – obliegt den Nächsten: den Ehegatten, den Kindern und manchmal, wenn man Glück hat, anderen näheren An- und Wahlverwandten.

Aber nicht alle Alten und Pflegebedürftigen haben Glück! Was uns „Beobachtern“ zu schaffen macht, ist die Beobachtung, wie alleine (gelassen) viele alte Menschen sind.

Zwei kleine Episoden von heute – im Laubenhof, wo Du Lisa, meine Schwiegermutter, lebst:

Die eine ganz kleine Episode kommt von Frau Süchtlein (ich weiß ihren Namen nicht). Es ist die Dame, die im Viertelstundenrhythmus nach einem „Stäbchen“ fragt – zuweilen auch erbarmungswürdig bettelt: Von ihr habe ich heute beim Verlassen des Laubenhofes den Satz gehört: „Erst wenn man alt ist, weiß man, wie schlimm es ist, keine Kinder zu haben; Kinder, die sich im Alter um einen kümmern!“

Die andere, etwas umfänglichere Episode resultiert aus einer Begegnung mit Manfred Proschka: Er ist 87 Jahre alt, lebt seit einigen Jahren im Laubenhof. Es kam immer wieder mal zu kurzen Begegnungen, die mir erinnerlich bleiben, weil ich erfahren habe, dass Manfred Proschka 1931 im Sudetenland geboren worden ist, 1945 von den Tschechen interniert wurde, mit all den Folgen, die die im Sudetenland Verbliebenen zu ertragen hatten, und die zunächst einmal nichts anderes darstellen als eine Antwort auf die Greueltaten und dem Terrorregime der Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Nach seiner Flucht gelangte er irgendwann nach Dachsenhausen im Taunus, wo er seine Frau kennenlernte. Sie ist nach seinem Bekunden vor drei Jahren verstorben. Er hat wohl Kinder. Seine Anverwandten haben ihn im Laubenhof untergebracht. Seit eineinhalb Jahren besuche ich fast jeden Tag den Laubenhof. Herr Proschka lebt auf derselben Station wie meine Schwiegermutter. Er ist ein außerordentlich freundlicher und höflicher Mann. Er ist einsam. Er ist die Inkarnation der Einsamkeit. Seine Augen strahlen bei jeder Zuwendung – heute eine Viertelstunde lang. Das Erinnern fällt nicht leicht. Die häufig zu beobachtenden Effekte einer in der Jugend statthaften Traumatisierung kehren zurück: Bruchstückhaftes, stockendes Erinnern, schwerer Atem, Flackern der Augen, sprachliche Verarmung, Andeutung von Schrecknissen – offenkundig durchmischen sich diese frühen Erinnerungen mit den Auswirkungen seiner „zweiten Vertreibung“: „Ich wäre so gerne in Dachsenhausen geblieben. Aber die haben mich einfach hierher verbracht!“ Herr Proschka war offenkundig KFZ-Monteur, der aber auch Berührung mit der Wartung von Flugzeugen hatte. In alle den Monaten habe ich nicht ein einziges Mal erlebt, dass Herr Proschka Besuch gehabt hätte. Auf die Frage, ob ihn jemand besuche, verneint er kategorisch. In früheren Begegnungen äußerte er, dass er keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern/Verwandten habe. Herr Proschka ist allein; ein ganzes Leben – eine ganze Lebensleistung, ein komplexer biografischer Text und Kontext versickert in den Wüsten des Vergessens, der Einsamkeit und der Sprachlosigkeit. Ein Einzelfall?

Greifen wir den zuletzt geäußerten Gedanken auf: Nicht alle Alten und Pflegebedürftigen haben Glück. Es frisst und fasst einen an, wie alleine Menschen im Alter sein können. Im besten Fall bleibt dann die Fürsorge – die Fürsorge als Institution und als Haltung. Liebevolle Zuwendung hingegen wird dann zu einem radikalen Mangel, zu einem Fremdwort. Solange ich Sorge tragen kann und mich auch liebevoll zuwenden kann, kann ich all das aushalten. Mein Waterloo würde es bedeuten, selbst pflegebedürftig zu werden – ja, Fulbert Steffensky, ich habe meine Lektion noch nicht gelernt! Es kommt vor allem daher, dass ich sehe, wie schwer sich alle mit dieser Herausforderung des Alters und des eigenen Alterns tun. Im Jugendwahn bleibt kein Raum für all das, was ein Annehmen des Alters, des Alterns und der Alten erfordert!!!

Worum geht es?

  • DA SEIN: Da sein bedeutet sein eigenes Dasein zu überdenken. Es bedeutet, Zeit abzugeben – vielleicht auch Zeit zu gewinnen. Im Falle von Lisa, meiner Schwiegermutter bedeutet es hinzufahren oder hinzugehen in den Laubenhof und mit ihr Zeit verbringen:
  • Nicht nur WOHLMEINEN, sondern WOHLTUN heißt die Devise. Das tätige Miteinander-Sein heißt: miteinander reden, singen, spielen, schreiben, erzählen, in die Welt gehen; wenn es mit dem Rollator nicht (mehr) geht, dann mit dem Rollstuhl.
  • Die schwierigste Herausforderung dreht sich um Berühren und Berührt-werden! Kleine Gesten: Hand geben, Hand halten sind in der Regel unproblematisch; jemanden in den Arm nehmen und im Arm halten ist/sind bei der Kriegsgeneration nicht selbstverständlich. Den Spielraum muss man ausloten. Je mehr Selbstkontrolle verloren geht, umso aufgeschlossener reagieren viele alte Menschen – zumindest bei Lisa ist das so. Eine ihrer Standarderinnerungen und auch – erzählungen beschreibt, wie sie sich als 8 oder 9jähriges Kind den Arm gebrochen hat. Der Vater, den sie liebt und ausschließlich mit positiven Attributen belegt, ist mit ihr nach Güls zur Knochenfrau gefahren, die ihr den Arm gerichtet hat und sie mit dem Hinweis vorbereitet hat, es würde jetzt etwas weh tun. Lisa betont immer wieder – ohne genau dies jemals zu vergessen –, dass sie keine Miene verzogen habe und keinen Laut von sich gegeben habe. Die Devise: flink wie Windhunde, hart wie Granit und zäh wie Leder galt in den dreißiger Jahren wohl nicht nur für Jungen!
  • Verlust von Selbstwahrnehmung, -disziplin; Verlust vitaler Funktionen, Zunahme an Bedürftigkeit, Erwartung von Zuwendung sind zu beantworten. Das ist eine Integrationsleistung zumal Eltern gegenüber, die immer das Regiment geführt haben.

Ich kann hier mühelos den Kreis schließen zu Gedanken, wie sie Jean Baudrillard schon in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geäußert hat (siehe auch: Der Tod das Gebirg im Gedicht der Welt). Wir habe es heute mit einer maßlosen Zuspitzung zu tun, so wie sich die grundlegenden Probleme von Gesellschaften schlicht zuspitzen hin zu jenen Punkten, denen man den Umschlag von gegebenen Qualitäten – vielleicht allein schon bedingt durch ihre quantitativen Dimensionen – in neue Qualitäten zubilligt.

Ein kleines Geburtstagsbuch für

Elisabeth Rothmund

Sie wird am 27. September

95 Jahre alt

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen

Erwarten wir getrost was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Dietrich Bonhoeffer

 

Liebe Lisa,

heute schreibt Dir Josef, Dein Schwiegersohn. Er möchte sich bei Dir bedanken für alles, was Du für ihn getan hast. Du bist die einzige, die von den Alten noch lebt. Für Josef bist Du die beste Schwiegermutter, die man sich denken kann. Ich habe ja Deine Tochter, die Claudia, geheiratet. Die Claudia und ich haben zwei Kinder bekommen, Laura und Anne. Als die beiden noch klein waren, hast Du auf die beiden Acht gegeben. Sie haben viel von Dir gelernt, vor allem das Singen – zum Beispiel „Kleine Möwe flieg nach Helgoland“.

Josef, Dein Schwiegersohn und Claudia, Deine Tochter, kommen Dich fast jeden Tag besuchen; dann schauen wir, ob es Dir gut geht. Das ist uns sehr wichtig. Vor fast drei Jahren hast Du Dir den Oberschenkel gebrochen. Josef ist – wie jeden Tag – zu Dir auf den Heyerberg gekommen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist und vor allem um die Post zu holen. Dabei bist Du aus dem Sessel aufgestanden und über den Teppich gestolpert. Am selben Abend bist Du noch im Brüderhaus operiert worden. Du hast Dich schnell erholt und wieder laufen gelernt.

Früher hast Du viel auf dem Feld und im Garten gearbeitet. Als Kind hast Du viel geturnt und als Du Deinen Schneiderbetrieb geschlossen hast, hast Du bis ins hohe Alter von 80 Jahren Tennis gespielt. Deshalb bist Du noch so fit. Am letzten Tag – als Du mit Deinen Mitspielerinnen Tennis gespielt hast, hast Du alle zum Kaffee eingeladen und gesagt: „Heute habe ich zum letzten Mal gespielt!“

Liebe Lisa, Du hast den besten Mann geheiratet – Leo Rothmund; mit ihm warst Du 58 Jahre verheiratet. 2010 ist er gestorben. Du hast ihn zu Hause gepflegt und ihm abends immer ein Lied gesungen, solange bis er eingeschlafen ist. Dann hast Du Dich auch hingelegt und bist eingeschlafen. Der Leo war Dir ein guter Mann. Er war ein guter Vater und ein guter Schwiegervater.

Dein Josef

 

Brief an Papa Philipp von seiner Tochter Lieselchen

Lieber Papa,

ich hoffe, es geht Dir gut da oben im Himmel. Ich bin jetzt selbst schon 95 Jahre alt. Ich sitze mit Josef, meinem Schwiegersohn zusammen. Ich erzähle ihm von Dir, und dass ich oft an Dich denke. Du warst ein guter und lieber Papa!

Ich erzähle Josef immer wieder die Geschichte, wie Du, lieber Papa, mir in jedem Jahr die ersten Kirschen gebracht hast. Wenn Du mittags vom Feld nach Hause kamst, dann hast Du mich gefragt: „Na Lieschen, hat es Dir geschmeckt?“ Dann hab ich meistens gesagt: „Nein, heute hat es mir nicht geschmeckt.“ Dann hast Du aus Deiner Jacke eine Handvoll Kirschen genommen, mir zugezwinkert und mir die Kirschen gegeben. Ich habe mich immer gefreut, wenn Du mir ein paar leckere Kirschen zugesteckt hast. Dafür danke ich Dir noch heute. Du warst der beste Papa!

Ich freue mich, wenn ich Euch alle wiedersehe: Dich, lieber Papa, die Mama, das Kätchen, die Gretel, den Ignaz, die Änni, den Häns und die kleine Rosel! Wenn ich könnte, würde ich Euch viele leckere Kirschen mitbringen.

Liebe Grüße an Euch alle

Eure Liesel

 

Brief von Lisa dela Casa an Leonardo de Vinci, meinen Mann, mit dem ich 58 Jahre verheiratet war:

Lieber Leo,

ich vermisse Dich sehr. Ich habe niemanden mehr, der für mich einkaufen geht. Aber unsere liebe Tochter, die Claudia, und unser Schwiegersohn, der Josef, sorgen gut für mich.

Aber was ich wirklich vermisse ist etwas anderes: Ich habe immer so gern mit Dir getanzt. Du warst ein sehr guter Tänzer. Einmal in Abano in Italien, wo wir Urlaub gemacht haben, sind die Leute abends beim Tanz alle an die Seite getreten und haben uns beim Tanzen zugeschaut. Sie haben vor Begeisterung geklatscht. Außerdem warst Du ein guter Unterhalter. Die Leute haben Dir immer gerne zugehört, wenn Du Deine Geschichten erzählt hast.

Ich erinnere mich immer gerne daran, wie ich Dich mittags zum Essen gerufen habe, wenn Du noch unten im Büro gearbeitet hast: „Leonardo de Vinci, essen kommen, das Essen ist fertig!“ Du hast dann immer geantwortet: „Ja, ich komme, Lisa dela Casa!“

Wir haben uns immer gut verstanden. Du hast gut für uns alle gesorgt. Dafür danken wir Dir alle. Leider bist zu in den letzten Jahren Deines Lebens krank geworden. Abends habe ich Dir immer Lieder vorgesungen, bis Du eingeschlafen bist. Ganz besonders gern hast Du Deine Tochter Claudia und Deine Enkeltöchter, Laura und Anne, gehabt. Wir vermissen Dich alle und denken oft an Dich. Ich freue mich, wenn ich Dich wiedersehe.

Deine Liesel

 

Brief an meine Tochter Claudia

Liebe Claudia,

ich sitze hier mit Josef im Laubenhof-Café. Den Josef hast Du ja geheiratet (am 5. Juni 1981). Ich habe ihn eben gefragt, ob er gut mit Dir klarkommt. Du willst ja oft rechthaben. Aber der Josef hat gesagt, dass Du die Frau seiner Träume bist. Und Du bist ja auch eine gute Tochter! Nun bin ich schon 95 Jahre alt, und Du kümmerst Dich immer noch um mich. Als Du noch klein warst, warst Du ein wildes Kind. Du wolltest immer draußen spielen, am liebsten mit den Jungen.

Von Deinem Papa, dem Leo, hast Du schon früh das Schilaufen gelernt. Du bist Deinem Papa sehr ähnlich und hast von ihm die Leidenschaft zum Schilaufen geerbt. Auch kannst Du so gut erzählen, wie er. Bleib weiter so in Form.

Gerne erinnere ich mich noch an früher, als Laura und Anne, meine Enkeltöchter, noch klein waren. Ich habe auf die beiden aufgepasst, und ich habe viel mit ihnen gespielt. Es sind zwei tolle Mädchen.

Liebe Grüße

Deine Mama

 

Brief an meine Enkeltöchter, Laura und Anne

Liebe Laura, liebe Anne,

hier schreibt Euch Eure Oma. Ich bin mit Eurem Papa, dem Josef, im Café Laubenhof. Dieses Jahr werde ich 95 Jahre alt. Euer Papa hat mir erzählt, dass Du, liebe Laura, 31 Jahre alt bist und Du, liebe Anne, 29 Jahre.

Als Ihr beiden noch klein ward – so um die zwei bis drei Jahre alt –, habe ich oft auf Euch aufgepasst. Das war gar nicht so einfach, weil Ihr schon sehr flink gewesen seid. Aber es hat viel Spaß gemacht, und wir haben viel gesungen. Ich habe Euch vorgesungen, und Ihr habt zugehört. Dann haben wir gemeinsam gesungen. Eines Eurer Lieblingslieder war: „Kleine Möwe flieg nach Helgoland, bring dem Liebsten, den ich liebe, einen Kuss. Ich bin einsam, und ich sehne mich nach Deinem Kuss.“

Ihr seid auch oft auf den Heyerberg gekommen. Im Sommer, wenn es warm war, haben wir ein Schwimmbecken auf dem Balkon aufgebaut, und Ihr hattet einen Riesenspaß. Aber den größten Spaß hatte Euer Opa Leo. Jetzt seid Ihr schon erwachsen und beide verheiratet. Ich freue mich für Euch und wünsche Euch allen viel Glück!

Eure Oma Lisa

 

Brief an meine Mama Anna,

Liebe Mama,

ich sitze hier mit dem Josef, meinem Schwiegersohn und erzähle ihm von früheren Zeiten. Ich habe ihm erzählt, dass Du eine gute, aber auch strenge Mutter warst. Am meisten an Dir habe ich geschätzt, dass Du meinen Papa, Philipp, geheiratet hast. Du hast ihm sieben Kinder geboren: Käthchen, Gretel, Ignaz, Liesel, Änni, Hänschen und Rosel. Wir hatten Dich lieb und werden Dich nicht vergessen.

Der Papa Philipp hatte eine verwachsene Schulter; mit 17 Jahren ist die linke Schulter nicht mehr gewachsen. Du, liebe Mama, hast ihn trotzdem geheiratet und warst ihm eine gute Frau. Der Papa hat Dir einen Antrag gemacht und gesagt: „Liebe Anna, ich habe Dich sehr gern. Lass uns heiraten, dann können wir Deinen Lohn für uns behalten. Wir können das Geld gut gebrauchen!“ Du, liebe Mama, hast den Antrag angenommen, und Ihr seid ein glückliches Paar gewesen. Aber Du hast den Papa auch öfter ermahnt, dass er den Leuten, die betteln kamen, nicht so viel geben soll; ihr hättet selbst genug Mäuler zu stopfen. Der Papa hat trotzdem den armen Leuten geholfen und hat gesagt: „Wir haben genug zum Essen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt!“

Einmal bin ich mit dem Papa Philipp in die Stadt gefahren. Ich habe lange überlegt, ob wir einen Kaffee trinken könnten. Aber da ich nicht wusste, ob er Geld dabei hatte, habe ich nichts gesagt. Ich hätte den Kaffee bezahlen können, aber ich wollte ihn nicht beschämen. Dann sind wir nach Hause in die Triererstraße 282 gefahren und habe dort Kaffee getrunken. Als ich schon gut schneidern konnte, habe ich dem Papa einmal eine Jacke genähnt und die eine Schulterpartie so ausgepolstert, dass niemand die verwachsene Schulter sehen konnte. Da hat er sich sehr gefreut. Er ist viel zu früh gestorben; noch vor meiner Hochzeit am 21. Februar 1952.

Liebe Grüße Deine Tochter Liesel

 

Am 6. Mai 2018 im Garten des Laubenhofes

Heute ist der 6. Mai 2018 und Josef hat aufgeschrieben:

Wir sitzen im Garten des Laubenhofes im Schatten. Die Sonne scheint. Es ist keine Wolke am Himmel. Für die Jahreszeit ist es schon sehr warm. Claudia hat uns ein Foto vom Gülser Friedhof geschickt. Sie hat alle Blumen auf Leos Grab gegossen, damit sie nicht vertrocknen. So ist Leos Grab schön bepflanzt und gut gepflegt. Leo und Liesel waren 58 Jahre verheiratet.

Leo, mein Mann, ist 2010 gestorben. Er ist 1950 aus Ittendorf am Bodensee nach Koblenz gekommen. 1952, am 21. Februar habe ich ihn geheiratet. 1956 ist Claudia, unsere Tochter, geboren worden. Sie ist heute mit Josef, meinem Schwiegersohn verheiratet. Sie haben zwei Kinder: Laura und Anne.

Leos Grab ist in Güls auf dem Friedhof. Es ist ein schönes Grab unter einem hohen Baum. Da ist für uns alle noch Platz.

Ich, Lisa, bin die letzte aus einer großen Familie. Mein Papa Philipp ist 1952 gestorben, in dem Jahr, in dem Leo geheiratet habe. Meine Mutter Anna ist 1976 gestorben. Alle meine Geschwister sind auch schon gestorben: Käthchen, Gretel, Ignaz, Änni, Hänschen und Rosel.

Lisa erzählt, dass in ihrem Elternhaus in der Triererstraße 282 inzwischen Gerd Ähnlich wohnt. Er ist der Sohn ihrer Schwester Gretel. Alle sieben Geschwister hatten einen Erbvertrag gemacht. Gretel hat das Elternhaus geerbt und musste für die Mutter sorgen. Die Mutter hatte lebenslanges Wohnrecht in ihrem Haus.

Im Vorderhaus haben die jüngste Schwester Rosel und ihr Mann, Friedel, gewohnt. Sie hatten drei Kinder: Carmen Gerd und Georg. Die älteste Schwester, Katharina – das Käthchen – hat den Schorch Müller geheiratet. Sie hatten eine Tochter – die Elisabeth, das Patenkind von Liesel.

Ignaz, Liesels ältester Bruder, hat Polchers Lisbeth geheiratet. Sie hatten zwei Kinder: Rita und Norbert; Norbert ist schon 2006 verstorben, zwei Jahre vor seinem Vater. Der jüngste Bruder, Hans, hat mit der Bärbel die meisten Kinder: Andreas, Walter, Margarete und Helmut. Die Schwester Änni hat den Clemens Suderland geheiratet. Sie hatten zwei Söhne: Gerd und Fred.

Auch Leo, Liesels Mann – sie hat ihn am 21. Februar 1952 geheiratet, auf dem Geburtstag von Josef, hatte zwei Geschwister: Ernst und Klärchen (Klärle). Ernst ist 1944 im Zweiten Weltkrieg gefallen. Klärle hat Leo das Leben gerettet. Nach seiner schweren Verwundung hat sie dafür gesorgt, dass Leo von Thüringen nach Ravensburg verlegt wurde. Dort ist er noch einmal operiert worden, so dass sein rechter Arm gerettet werden konnte. Klärle hat den Emil geheiratet. Sie hatten zwei Söhne: Bernd; er ist Leos Patenkind und Wolfgang.

Bis auf den Clemens Suderland sind alle schon gestorben. Nur Lisa lebt noch. Im Himmel ist schon schwer was los. Als vor einem Monat Hahne Karl gestorben ist, hat Lisa gesagt: „Der kann sich freuen. Da warten schon viele auf ihn, oben im Himmel.“

 

Lisa schreibt einen Brief an ihren Lieblingsmieter:

Lieber Günter Schlöder,

hier schreibt Ihnen Ihre ehemalige Vermieterin, Lisa Rothmund. Ich sitze mit Josef im Café Laubenhof. Ich erinnere mich gerne an die Zeit auf dem Heyerberg. Sie hatten bei mir eine Wohnung gemietet, und wir hatten eine gute Hausgemeinschaft.

Besonders habe ich mich immer gefreut, wenn Sie das Treppenhaus so gründlich geputzt haben. Wir haben im Abstand von wenigen Tagen Geburtstag. Ich werde am 27. September 95 Jahre alt; und Sie – so sagt Josef, mein Schwiegersohn, werden in diesem Jahr 66 Jahre alt:

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Josef hat erzählt, dass ich Ihnen zum Geburtstag einmal einen Käsekuchen gebacken habe – ein Dankeschön für den besten Mieter.

Ihnen wünsche ich alles Gute

Ihre Lisa Rothmund

 

Brief an eine gute Freundin – Hedy Spindler

Liebe Hedy,

vielen Dank für Deine lieben Wünsche zu meinem Geburtstag. Alles Liebe und Gute wünsche ich Dir auch.

Wie geht es Dir? Wenn ich richtig gerechnet habe, wirst Du in diesem Jahr schon 101 Jahre alt. Wie geht es Christel? Wie geht es Dir gesundheitlich? Ich kann nur noch mit einem Rollator gehen. Ohne dieses Wägelchen bin ich verloren. Aber sonst bin ich noch gesund. Am 27. September werde ich 95 Jahre alt. Und ich werde immer noch liebevoll von meinen Verwandten behütet.

Mir gefällt das kleine Gedicht von Goethe sehr gut, das Du mir geschickt hast:

Auch das ist Kunst,

Ist Gottes Gabe,

Aus ein paar sonnenhellen Tagen

Sich so viel Licht ums Herz zu tragen,

Dass, wenn der Sommer längst verweht,

Das Leuchten immer noch besteht.

Liebe Hedy, jetzt ist Leo schon acht Jahre tot. Wir denken noch oft an ihn. Als wir noch gemeinsam auf dem Heyerberg gewohnt haben, habe ich ihm abends zum Einschlafen immer ein Lied gesungen, damit er einschlafen konnte.

Wir sitzen hier im Laubenhof-Café und denken immer noch gerne an Dich zurück. Bestelle bitte Deiner Tochter, der Christel, liebe Grüße.

Ich kann immer noch meine alten Kleider anziehen. Das Essen im Laubenhof ist gut.

Liebe Grüße Lisa Rothmund

 

 

   

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