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Das Wissen darum, wie Kinder in diese Welt kommen – Der absolute Zufall der Geburt (3)

Allein das Wissen darum, wie Kinder gemacht werden, war in dieser Welt mit einem Tabu belegt. Die junge Frau, die nun in Erscheinung tritt, hätte mit der Unterscheidung, ob man ein Kind will oder ob man Sex will, gar nichts anfangen können. Es gab nicht einmal eine Sprache dafür – geschweige denn Ansprechpartner, solche Unterschiede bedenken oder gar besprechen zu können. Auch Sex haben zu wollen war beispielsweise zu Beginn der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ganz sicher nicht das erklärte Ziel einer eben erst siebzehnjährigen jungen Frau. Und wenn sie noch geahnt hätte, dass das, was sie irgendwie wollte, von dem sie aber so ganz und gar nicht wusste, wie es sich zutragen würde und dass es gar dazu führen kann – und in ihrem Fall sogar unabwendbar dazu führte –, ein Kind zu empfangen, dann wäre die Schwester des Chronisten niemals geboren worden; und so auch nicht ihr Sohn und ihre Enkelin. Wie segensreich doch auch Unwissen sein kann!? Niklas Luhmann hat dafür nur die lapidare Bemerkung übrig, dass die Geburt zwar als Faktum deklariert und in der Regel beurkundet wird, dass sie aber – berücksichtige man, wie es dazu gekommen ist – einen extrem unwahrscheinlichen Zufall darstelle. Und ganz sicher markiert es einen extrem folgenreichen Umstand, wenn infolge des Unaussprechlichen ein Mädchen geboren wird, das seinen Vater niemals kennenlernen wird. Und mehr noch müssen die ursprünglichen Geschehnisse darüber hinaus abgeschattet und im Dunkel bleiben, so dass selbst der Vermerk: „Vater unbekannt“ in der Geburtsurkunde lange unbemerkt bleibt und im Familienarchiv mit einem radikalen Tabu belegt wird. Das hat Folgen, so wie die Tatsache Folgen hat, dass diesem Mädchen zwei Brüder – zwei halbe Brüder – geboren werden, deren Startbedingungen in dies Welt sich in so ganz anderer Weise ausprägen werden.

Exemplarisch mag dies daran greifbar werden, dass eine ungewollte – eine persönliche und familiäre Tragödie auslösende – Schwangerschaft für alle Beteiligten etwas völlig anderes bedeutet als eine erhoffte und mit Kräften ersehnte Schwangerschaft. Dies alles hat der Schreiber zehn Jahre nach dem Tod der Mutter in Hildes Geschichte bereits aufgeschrieben. Ungewöhnlich bis heute erscheinen die Bindungskräfte, die einerseits zwei Wunschkinder – beides Söhne – in starker elterlicher, auch mütterlicher Loyalität halten, die aber gleichzeitig eine starke geschwisterliche Bindung unter allen dreien von der Mutter geborenen Kindern erkennen lassen. Die Tragik dieser singulären Familiengeschichte, die so exemplarisch für ihre Zeit ist, hat viele Facetten: Der Preis, der für ein relativ normales Familienleben zu entrichten war, lag einerseits in der Schweigespirale begründet, die die Mutter-Tochter-Beziehung ganz offenkundig ein Leben lang belastet hat. Andererseits wuchsen zwei Söhne heran in einem familialen Fluidum, dass ebenso offenkundig dazu angetan war, diesen Söhnen eine Haltung zu vermitteln, die alle Formen der Ausgrenzung ausschlossen, eine paradox anmutende Formulierung, die auf sanfte Weise Loyalitätskonflikte andeutet, die auf ganz und gar originelle Weise einen Ausweg finden würden.

Kann man angesichts des historischen Weltbebens in Gestalt der NS-Terror- und Gewaltherrschaft unbefangen von einem kleinen Glück im großen Unglück sprechen? Begründet in den Umständen und dem Ort der Geburt der Tochter im Juni 1942 – genau vier Wochen vor dem 18. Geburtstag der Mutter? Das Heim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) Flammersfeld im Westerwald bot seinerzeit den absolut geschützten Raum mit geburtsvorbereitender und –begleitender Expertise auf der Höhe der Zeit. So kam ein gesundes, kräftiges Mädchen zur Welt, in dessen Geburtsurkunde aber bereits der Vermerk „Vater unbekannt“ lebensbestimmend werden sollte. Zwar in der Welt zu sein, aber in der Welt zu sein als Ausdruck eines vom Zeitgeist und den mörderischen BeobachterInnen in der Heimat immer wieder signalisierten Ausdrucks der Schande – im Übrigen auch eine Botschaft, die der Großvater der werdenden Mutter mit auf den Weg nach Flammersfeld gegeben hatte – das ist doch eine starke Hypothek!? Und dass zwischen der eigenen Geburt und der Geburt des ersten Bruders in Bad Neuenahr, mit der ich selbst das Licht der Welt erblickte, immerhin zehn Jahre liegen, mag ein äußeres Zeichen dafür sein, dass der Weg zurück in die zivilisierte Gesellschaft – für Ursulas Mutter in Gestalt der Enge einer streng katholischen Spießerwelt ein steiniger war. Ausspucken vor der verkörperten Schande und die üble Nachrede, die sich in Lauterkeit und moralischer Überlegenheit gebärdete, gehörten wohl anfangs zu den alltäglichen Formen der Ausgrenzung. Und diese Ausgrenzung vollzog sich auch im unmittelbaren nachbarschaftlichen Kontakt.

Die einzige vollkommene Ausnahme von diesem, in christlicher Lauterkeit geführten Exklusionsfeldzug manifestierte sich ausgerechnet in Gestalt des Nachbarsohnes. Er allein begann – vor allem auch gegen die eigene Mutter – schon früh seinen eigenen Feldzug zur Eroberung einer geschliffenen Festung. Diese Festung erwies sich vor allem deshalb als schier uneinnehmbar, weil es zur Entfernung der Trümmer, die sich da angehäuft hatten, kein geeignetes Werkzeug gab. Der Schreiber dieser Zeilen spricht andernorts von dem dicken Brett, das sein Vater, Theo Witsch, über viele Jahre gebohrt hat. Seine unendliche Geduld und Ausdauer führte gut sechs Jahre nach der Geburt Ursulas zur Heirat von Hilde und Theo – am 21. August (standesamtlich) bzw. am 18. September 1948 (kirchlich). Da musste sich die kleine Ursula – kurz nach der Einschulung – nicht mehr auf einen vollkommen fremden Mann einstellen, der zwar nicht ihr Vater war, der aber offenkundig schon lange vor der Heirat sein Herz geöffnet hatte für ein Mädchen, dass er dann an Vaters Stelle annahm, und dem er – dafür gibt es keine beredtere Zeugin als jenes Mädchen selbst – ein über die Maßen geliebter (Stief-)vater wurde. Vielleicht ist dies schon die Stelle, an der der überlebende der Brüder Zeugnis ablegen sollte über eine ungewöhnliche Integrationsleistung eines 1922 geborenen Mannes, der seine Jugend, ein Stück seiner Unbefangenheit und seine Gesundheit jenen verbrecherischen Hasardeuren opfern musste, die Europa und die Welt mit Terror und Krieg belegten. Auch er – der nur eineinhalb Jahre ältere Nachbarssohn hatte natürlich keinen Zugang zu dem, was sich in den späten August- und frühen Septembertagen 1941 in Bad Neuenahr zugetragen hatte und ihm schon eine Vaterschaft bescherte, bevor ihm eigene Kinder geboren wurden.

Der Schreiber hat sich sein Leben lang professionell mit der Frage auseinandergesetzt, was man wohl als zuträgliche Bedingungen für einen nachhaltigen positiven Start in sein eigenes Leben betrachten kann. Neben den Schlüsselkategorien Geborgenheit und Zugehörigkeit konnte er die Idee der bedingungslosen Liebe vor allem in Gestalt stetiger liebevoller Zugewandtheit nicht nur in der Theorie als notwendige Bedingungen ausmachen, sondern sie entsprachen auch vollkommen der erfahrenen Praxis im eigenen familialen Umfeld. So hatten die beiden Brüder stets guten Wind im Rücken. Die Schwester hingegen stand primär unter dem Schutzpatronat ihres Stiefvaters, von dem die Brüder erst spät begriffen, dass er nicht Ursulas leiblicher Vater war bzw. sein konnte. So hatten das Familiengeheimnis und das damit verbundene Tabu durchaus auch positive Seiten. In der Gestalt der Schwester – immerhin zehn bzw. fast vierzehn Jahre älter als ihre Brüder – wuchs eine starke, widerborstige, eigensinnige Persönlichkeit heran, die über ein außerordentliches Maß – heute würde man sagen – an Resilienz verfügt. Wer früh um Status und Anerkennung kämpfen muss, ist in seinem Leben eigentlich zu fortgesetztem und möglicherweise auch finalem Scheitern prädestiniert. Dass die Schwester standhielt, nie resignierte und immer – bei allen Rückschlägen und Widrigkeiten in ihrem Leben – Lebenswillen bewies und Lebenslust sich gestattete, macht sie bis heute zu einem besonderen und außergewöhnlichen Menschen. Bei aller selbstbezogenen und kämpferischen Ausrichtung der eigenen Lebensenergie – und ziele lässt sich ein Übermaß an Verantwortung und Empathie erkennen – dies umso ausgeprägter, je älter sie wird; unglaublich angesichts der frühen soziologischen Definition von Benachteiligung: katholisch, ländlich, weiblich – so definierte Erwin K. Scheuch (Kölner Soziologe) in den 50er Jahren die Situation katholischer Mädchen auf dem Lande, zumal im erzkatholischen Rheinland! So lernen wir eminent praktisch und aus Erfahrung heraus den gravierenden Unterschied zwischen formaler Bildung und Herzensbildung.

Bleibt an dieser Stelle noch zu erwähnen, dass – so ganz anders als 1941 – die Bemühungen um (erneute) Schwangerschaft einem mühsamen Geduldsspiel gleichkamen. Franz Streit, dem leiblichen Vater des am 5.6.1942 geborenen kräftigen, gesunden Mädchens, hatte ein einziger Beischlaf genügt, um das Leben anzustoßen; ganz und gar ungewollt, unerwartet, aber billigend in Kauf nehmend, dass jenes Erweckungsgeschehen am 9. September 1941 in Remagen aus Hilde nicht nur eine Frau, sondern eine Frau machen würde, die fortan in guter Hoffnung sein würde, bis sie ihre Ursula hineinbefördern würde in den beginnenden Untergang, dessen Bilanz auch den finalen Blutzoll des Franz Streit am 23. September 1943 (gefallen im Dnjeprbogen bei Saporoshje) ganz selbstverständlich und beiläufig registrieren würde; eine Tatsache im Übrigen, die Hilde und seiner bzw. ihrer Tochter erst mehr als 60 Jahre nach Franzens Tod erreichen würde.

Fast 80 bzw. 70 Jahre nach diesen Ereignissen vermag man vielleicht deutlicher sehen, wie folgenreich sich Schwangerschaften im sozialen Umfeld auswirken: Kam die erste Schwangerschaft denkbar zu früh und ungewollt, so kam die zweite, herbeigesehnte und -herbeigebetete Schwangerschaft eigentlich – und auch zum großen Bedauern des Zweitgeborenen – zu spät. Zu spät, wofür? Eine der immer wieder erzählten Geschichten geht so, dass der Vater Theos und Schwiegervater von Hilde und Großvater von Franz Josef (und Wilfried) nach dem Tod seiner Frau (drei Wochen vor der Hochzeit von Hilde und Theo) keinen Lebensmut mehr hatte – man würde heute von einer durch den Verlust der Ehefrau ausgelösten Altersdepression sprechen. Zweimal hatten die beiden dem Vater mitgeteilt, dass Hilde sich in guter Hoffnung befände; beide Male kam es zum ungewollten Abbruch der Schwangerschaft. Endlich dann bei der dritten Schwangerschaft wollte man die Lehre ziehen und solange warten mit der frohen Botschaft, bis die Schwangerschaft auch stabil und aussichtsreich erschien. Der (Schwieger-)Vater hat – bevor er davon erfahren hat, so geht die Geschichte – dann bei der Fango-Produktion wohl bewusst und willentlich giftige Abgase eingeatmet und ist vor der Geburt seines ersten Enkels gestorben. Der zweite Enkel kam dann 1955. Die Familienplanung war damit abgeschlossen, und fortan lebten die fünf miteinander solange, bis der Tod die Eheleute schied.

Am 24. April 1988 – im Alter von 65 Jahren – starb Theo innerhalb einer Woche an den akuten Folgen eines Herzinfarkts. Zehn Tage zuvor hatte die Familie Theos 65sten Geburtstag in Bad Bodendorf noch groß gefeiert – den Vater auf gutem Wege wähnend. Die Feier ist allein aus einem einzigen Grund besonders zu erwähnen, weil dem Schreiber dieser Zeilen Jahre später beim Anschauen eines Videomitschnitts auffiel, dass zu diesem Festakt keiner der Söhne das Wort genommen hatte, sondern dass die Schwester die Laudatio hielt und dies in beeindruckender Bestätigung des Bekenntnisses, sich keinen besseren Vater vorstellen zu können. Jahrzehnte nach dieser Geburtstagsfeier wirkte dieses Bekenntnis noch einmal wie die verdrängte Bestätigung eines filigranen sozialen Gebildes, in dem der Vater auf unmissverständliche, gleichwohl diskrete Weise der entscheidende Integrationsmotor war.

Dies ist sicherlich umso bedeutsamer, als nach dem Tode Theos die Tochter – zuerst zaghaft, dann aber konsequent und rückhaltlos – damit begann die Frage nach ihrer (väterlichen) Herkunft zu stellen.

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund