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Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte

Im Folgenden eine kleine Auskopplung aus meinem aktuellen Großvorhaben Das lyrische Ich als Instanz der Selbst- und Weltbeobachtung. Dieses Vorhaben wird - hoffentlich - zu meinem 72sten Geburtstag auch als kleines Büchlein vorliegen - zum Blättern, Schmöckern, Schmunzeln und Innehalten.

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Veröffentlicht: 16. April 2023

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte (Jorge Luis Borges)


Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
im nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen,
ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin,

ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen,
ich würde nicht so gesund leben,
ich würde mehr riskieren,
würde mehr reisen,
Sonnenuntergänge betrachten,
mehr bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.
Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten;
freilich hatte ich auch Momente der Freude,
aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weißt,
aus diesen besteht nämlich das Leben
.
Nur aus Augenblicken;
vergiss nicht den jetzigen.
Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an barfuß gehen.
Und ich würde mehr mit Kindern spielen,
wenn ich das Leben noch vor mir hätte.
Aber sehen Sie… ich bin 85 Jahre alt und weiß,
dass ich bald sterben werde.

Eine Wiederentdeckung – entnommen: Diana Drexler, Gelassen im Stress – Bausteine für ein achtsames Leben, Klett-Cotta – Stuttgart 2006, Seite 158 (Das Buch von Diana Drexler werde ich an gesonderter Stelle vorstellen).

Zunächst einmal zu Jorge Luis Borges und der Vorstellung Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte – auf Seite 191 von Kurz vor Schluss II habe ich mir selbst diese Frage folgendermaßen beantwortet (und Jorge Luis Borges verführt uns alle dazu, sich dieser Frage zu stellen):

„Und man kann vorab behaupten, dass die unvermeidbare Frage Würdest du dein Leben noch einmal genau so leben? nur folgendermaßen beantwortet werden kann: So wie sich ein lebensbedrohlich Erkrankter einer lebensbedrohlichen Rosskur unterzieht, um zu gesunden, war der Höllenritt 1997 absolut alternativlos. Wer die Welt wieder klar wahrnehmen möchte, muss den dichten Schleier einer wahnhaft verstellten Weltsicht lichten und letztlich auflösen (wohl kaum jemand vermag wohl Lehren aus den Fehlern anderer zu ziehen – hätte ich einen Wunsch frei, so wünschte ich mir, dass ein solcher Höllenritt meinen Kindern erspart bleiben möge).“

Jorge Luis Borges würde versuchen im nächsten Leben mehr Fehler zu machen. Für mich gilt die Erkenntnis, der Fehler sind genug – aber (und ohne diese Erkenntnis erscheint die Sehnsucht nach Fehlern geradezu aberwitzig und selbstzerstörerisch) Fehler ohne Lerneffekt können halt tödlich enden. Dazu in Anlehnung an Hans Magnus Enzensberger:


Fehler verursacht (
Aus: Die Mohnfrau, Seite 49)

Unbekannt
hat
in
Unbekannt
einen Fehler verursacht.
Unbekannt wird geschlossen.
Unbekannt
fordert
Unbekannt
auf
einen Fehler zu verursachen.
Unbekannt
erwidert:
„Ja, vielleicht
gelingt es mir
unter den
mir gegebenen Fehlern
den richtigen zu wählen.
Ich erwäge
- Hans Magnus sei mein Zeuge -,
ob ich das Richtige
im falschen Moment
oder das Falsche
im richtigen Augenblick
tun soll.
Und selbst,
wenn es daneben ist:
Es wäre doch unverzeihlich,
den richtigen Fehler
zu versäumen,
zumal er so leicht
nicht wiederkehrt.

Jorge Luis Borge sieht seinen Hang zum Perfektionismus selbstkritisch und mit Bedauern. Ich kann es mehr als verstehen und habe vor fünfundzwanzig Jahren die Beugungen in der Seelenstube verfasst:


Beugungen in der Seelenstube (
aus: Das Leben ein Klang, Seite 97)

Ich genüge nicht
Du genügst nicht
Er/Sie/Es genügt nicht
Wir genügen nicht
Ihr genügt nicht
Sie genügen nicht

Genug genügt – nie – genügt Genug

„Genug“ ist ein Attribut mit atemporaler Halbwertzeit:
Es weist immer schon über sich hinaus,
weil die Welt sonst zum Stillstand käme
und sich genügen müsste.

Dies aber ist möglicherweise
nur fernöstlichen Blickwinkeln genug,
jenseits der Moderne.

Und jenseits unserer Genügsamkeit,
die immer Hunger hat nach mehr,
weil das Ungenügen den Takt vorgibt
als Widerpart, als komplementäre Fratze
des PERFEKTEN!

Ich bin perfekt
Du bist perfekt
Er/Sie/Es ist perfekt
Wir sind perfekt
Ihr seid perfekt
Sie sind perfekt

Seid perfekt!

Mein Gott, sind wir fertig!?


Ja, lieber Jorge Luis Borges, das Perfektionsstreben macht uns zu jenen Unmenschen, die in der Fehlervermeidung ihr Heil sehen. Aber ernst nehmen sollte man, was ernst zu nehmen sich lohnt. Hättest du erheblich weniger gesund gelebt, Du könntest uns mit Deinen 85 – zwei Jahre vor Deinem Tod – all Deine Erkenntnis gar nicht mehr mitteilen; und das fände ich schade! Aber Du hast natürlich recht mit den Sonnenuntergängen und dem Bergsteigen (wer es denn mag). Und es reicht einmal in Flüssen geschwommen zu sein – nahe dem Ertrinken.

Klugheit ist gut – Besonnenheit, Wagemut und Humor seien seine GesellInnen. Und die Freude, für die gibt es vielleicht eine späte Erfüllung, wenn wir sie nicht verwechseln mit dem reinen Spaß; aber auch der ist gewiss nicht zu verachten.

Ich danke Dir für die Aura, die Du dem Augenblick verleihst. Aber Strahlkraft können Augenblicke ja nur haben, wenn man die schwarzen Löcher kennt, die sich augenblicklich vor uns auftun können. Dann vergisst man den jetzigen ganz sicher nicht, barfuß und im Spiel mit den KindernDas Spiel mit den Kindern lässt uns atmen, strahlen und den unfassbaren Wert des Augenblicks erst recht begreifen, weil wir wissen, dass wir bald sterben werden. Mein Enkel Leo, den ich - ebenso wie meine Enkelin Jule - das Vergnügen habe, fast täglich zu sehen, verstrickte mich beim Händewaschen auf dem Heyerberg, wo seine Großeltern wohnen - wir sahen uns beide (Leo auf einem Hocker stehend) im Wandspiegel - vor etwa einem Vierteljahr in folgendes Gespräch - Leo war vier und einviertel Jahre alt:

Leo: Opa, wohnt ihr eigentlich immer hier, auf dem Heyerberg?
Opa: Ja, ich denke schon - so lange wir leben, werden wir wohl hier auf dem Heyerberg wohnen.
Leo: Und wenn ihr nicht mehr lebt, wo seid ihr dann?
Opa: Wir schauen auf euch herab und halten die Hand über euch.
Leo: Und wer wohnt dann hier auf dem Heyerberg?
Opa: Vielleicht wohnst du dann mit deiner Familie hier, dann bis du vielleicht selbst einmal Papa und irgendwann Opa.
Leo: Ja, aber nur mit dir?

Die spontane Einlassung, dass wir auf unsere Kinder und Enkel herabschauen und die Hand über sie halten, hängt wohl zusammen mit der behütenden Hand meines Großvaters, der in Kurz vor Schluss III seinen ihm gebührenden Platz bekommt. Ich habe den Eindruck, dass er mich noch heute aufmerksam begleitet.

Dazu passt folgende feinsinnige Unerscheidung Aron Bodenheimers wie ein fehlendes Puzzle-Teil in das Puzzle unseres Unviversums. Leo hat das Puzzle-Teilchen auf seine Weise neu interpretiert, vielleicht sogar ein wenig umgekehrt - wir würden halt alle gerne (vor allem in Situationen der Bedrängnis) beieinanderein:

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Veröffentlicht: 20. Dezember 2022

Verstehen heißt antworten - so meint Aron Bodenheimer (Stuttgart 1992, S. 169f.).

"Fragen kann krank machen, sagen kann bewahren - selbst wenn der Tod schon vor der Tür steht. Sogar dann, wenn es der nukleare Tod ist, das Ende im atomaren Genozid. - Im Gespräch über diesen treffen wir, es ist nach Tschernobyl, eine Familie an, irgendwo rund um die Erde, und das Kind fragt: 'Was passiert, wenn die Atombombe losgeht?' Dieses Kind hat Eltern, denen Wahrheit die Deutlichkeit der Realität ist, nicht die bewegende Wirkung des Wortes. Und aus dem heraus, was ihnen als Liebe zur Wahrheit gilt, antworten sie ohne weitere Besinnung dem fragenden Kind: 'Dann sind wir alle tot.'

Nur, die Eltern überhören, dass das Kind sich nichts hat vorstellen können: weder unter den Realitäten noch unter den Bedrohungen dahinter, noch unter dem Text und dem Sinn dieser Antwort. Atomare Bedrohung ist diesem Kind, was der Tod jedem Kind ist, und wenn es fragt, was es mit der Bombe auf sich hat, so fragt es, wie und was es sonst zu fragen gewohnt ist, um zu erkunden, wo seine Eltern sind und wer sie ihm sind. Das Kind will wissen, ob es sich seiner Eltern vergewissern darf. Und darauf kann die Antwort nicht heißen:'Dann sind wir tot', sondern:

'Dann sind wir bei dir.'

Und sich, den Eltern, sagen sie damit: Auch wenn wir zugrunde gehen, es macht einen Unterschied, wie es sein wird, eh wir zugrunde gehen. Das Kind erkundet, was es von den Eltern zu erhoffen hat. Versicherndes und bewegendes Sagen versagt auch nicht vor vernichtender Bedrohung."

Diese Textpassage habe ich Aron Ronald Bodenheimer: Verstehen heißt antworten (Stuttgart 1992, S. 169f.) entnommen. Den kompletten Beitrag unter diesem Link.

Wir waren beieinander, sind zusammengerückt am 21. Juni 1994, als das Leben meines Bruders infolge eines Flugzeugabsturzes abrupt endete. Gleichwohl war nicht zu verhindern, dass die Atomisierung eines sozialen Mikrokosmos' unausweichlich war. Nach fast dreißig (30) Jahren können wir ansatzweise sehen, was diese Atomisierung zur Folge hatte. Es ist weitergegangen, es geht weiter - nicht immer so, wie wir es uns vorstellen und wie wir es gerne hätten.

Mit Blick auf Atomisierung habe ich zwar mit dem Tod meines Bruders eine Zäsur angenommen; in der großen Familie, der ich angehöre, gibt es solche Zäsuren - Eingriffe und Geschehnisse, die Normalität außer Kraft setzen - nicht wenige. Für mich ging es nach 1994 - vor allem nach meiner persönlichen Implosion - darum, wieder Boden unter die Füße zu bekommen; fokussiert in der Sehnsucht erneut zur Welt zu kommen, indem ich Sprache als identitätsvergewissernden Raum zurückgewinnen wollte/konnte. Die verheerendste Konsequenz aus Normalitätszertrümmerung - und zwar im Wortsinn - liegt in den Verwüstungen, die mit Sprachlosigkeit einhergehen. In Sprachverlust und Sprachlosigkeit äußert sich Vulnerabilität in ihrer zerstörerischsten und vielleicht auch dramatischsten Weise. Es kommt einer maßlosen Überhebung gleich, wenn ich in der Folge aus der Bremer Rede Paul Celans eine Passage einfüge, die sich mit dem Rückgewinn - der gleichermaßen riskanten wie sehnsuchtsvollen Eindeichung - von Sinninseln auseinandersetzt. Paul Celan ringt um Sprache angesichts des größten Menschheitsverbrechens (er schied 1970 - eben erst 50 Jahre alt - vermutlich durch Suizid aus dem Leben). In d'ont ask - d'ont tell erscheint mein zentrales Motiv lyrisch verdichtet. Nur wenn der Sprachwille und die Sprachbedürftigkeit irgendwann den (geschützten) therapeutischen Raum auch wieder verlassen, hat Therapie das zivilisatorische Minimum erreicht und entlässt ihre KlientInnen zurück in einen zivilisierten, menschlichen Raum:

Paul Celan sagt in seiner Bremer Dankesrede (1958):

"Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie musste nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, >angereichert< von all dem.
In dieser Sprache habe ich, in jenen Jahren und in den Jahren nachher, Gedichte zu schreiben versucht: um zu sprechen, um mich zu orientieren, um zu erkunden, wo ich mich befand und wohin es mit mir wollte, um mir Wirklichkeit zu entwerfen.
Es war, Sie sehen es, Ereignis, Bewegung, Unterwegssein, es war der Versuch, Richtung zu gewinnen. Und wenn ich es nach seinem Sinn befragte, so glaube ich mir sagen zu müssen, dass in dieser Frage auch die Frage nach dem Uhrzeigersinn mitspricht.
Denn das Gedicht ist nicht zeitlos. Gewiss, es erhebt einen Unendlichkeitsanspruch, es sucht, durch Zeit hindurchzugreifen - durch sie hindurch, nicht über sie hinweg.
Das Gedicht kann, da es ja eine Erscheinungsform der Sprache und damit seinem Wesen nach dialogisch ist, eine Flaschenpost sein, aufgegeben in dem - gewiss nicht immer hoffnungsstarken - Glauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland vielleicht. Gedichte sind auch in dieser Weise unterwegs: sie halten auf etwas zu."

Paul Celans Flaschenpost ist 64 Jahre später bei mir angelandet in Herzland. In einem kompakten Bändchen Paul Celan - Ich hörte sagen (inclusive CD) hat der Suhkamp-Verlag 2001 viele seiner Gedichte neu aufgelegt.

Don’t ask – don’t tell

Die Welt kommt zu uns (manchmal auch als Flaschenpost),
macht sich in uns breit,
sinkt ab in Fühlen und in Habitus.

Die Quellen gründen tief,
aus denen Lebenswasser quillt,
geklärt durch Denk- und Fühlverbote.

(Nur wenn ein Damm bricht vor der Zeit,
macht sich zuweilen Flut und Feuer breit,
zerreißt das dünne Eis der Contenance.)

Danach und manchmal auch zuvor
hilft uns dann Therapie
im Suchen und im Finden einer Sprache.

Und Sprache findet (manchmal) zaghaft ihren Weg
viel seltener die passende Adresse -
Für’s Zuhören wird ja nun gezahlt!

Wenn’s  jenem Urgrund mangelt an Vertrauen,
wenn Schmerz und Kränkung Fundamente bauen,
versagt man sich das Fragen -

und das Erzählen wohl erst recht!
Kommt, reden wir zusammen (schrieb Gottfried Benn*) -
wer redet, ist nicht tot!

Und wusste wohl: es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not – und warnt:
Kommt öffnet doch die Lippen,

so nah schon an den Klippen
in eurem schwachen Boot.
Nur wer redet, ist nicht tot!

*Gottfried Benn, Gesammelte Werke - Gedichte (Limes Verlag), Wiesbaden 1963, S. 320

   
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