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Erziehung als Formung des Lebenslaufs

"Liebe Klassenkameradinnen und Klassenkameraden,

fast 46 Jahre ist es her, dass ich von den meisten nichts mehr gehört und gesehen habe; mittlerweile sind viele, wenn nicht gar alle, in Rente oder Pension und man hat mehr Freiraum, zumal die Kinder in der Regel aus dem Haus sind. Wir haben ja nie ein Treffen organisiert, was sicherlich auch Folge der über einen großen Raum verstreuten und unterschiedlichsten Herkunftsorte der Klassenmitglieder war. Direkt nach dem Abitur war man ja auch froh, die Schulzeit und einige Gesichter hinter sich lassen und seinen eigenen Weg gehen zu können; so ging es mir zumindest."

Am 20. Februar, einen Tag vor meinem 68sten Geburtstag landete eine mail in meiner mail-box, die aufhorchen ließ. Der Anhang enthielt eine Liste mit Namen und Adressen einer der Abiturklassen (OIa) des Are-Gymnasiums - meine Abiturklasse.

Ich selbst habe dieser Klasse nur zwei Schuljahre angehört, weil ich mit zwei Klassenkameraden das zweifelhafte Vergnügen hatte, die Unterprima wiederholen zu dürfen. Meine Neugier hielt sich in Grenzen. Zu vielen Namen wollte sich gar keine Gesichter mehr einstellen. Bei mir kommt verschärfend hinzu, dass ich zu drei Jahrgängen Kontakte habe, da ich bereits in der Obertertia eine Ehrenrunde drehen musste und von da an vier Jahre mit dem Jahrgang unterwegs war, dem ich mich eher zugehörig fühl(t)e:

Mit Erwin, Ede, Günther, Christoph und eben Dieter sowie Franz Josef. Abgesehen von Letzterem gibt es nach wie vor lose Kontakte zu Geburtstagen oder anderen Anlässen. Meine Neugier war geweckt mit Blick auf meinen Namensvetter, Franz Josef, mit dem ich - vor allem im letzten Jahr auf dem Are - gewissermaßen eine Schicksalsgemeinschaft bildete. Nach dem Abitur haben wir uns dann allerdings konsequent aus den Augen verloren - inzwischen habe ich ihn aber immerhin im Internet gefunden.

Hinter der oben erwähnten Initiative verbirgt sich Walter H. (ich werde hier nicht die vollständigen Namen nennen, da ich diesen Beitrag in meinem Blog veröffentliche). Walter hat all denjenigen, die er ermitteln konnte eine längere mail zukommen lassen, die auch die wichtigsten Stationen zumindest seines beruflichen Werdeganges zusammenfasst. Meine Neugierde war insofern in besonderer Weise geweckt, weil "46 Jahre" nach unseren Einteilungen eines Lebenslaufs die Kernphase von Ausbildung/Studium und beruflicher Tätigkeit bis zur Verrentung/Pensionierung umfasst; bei einigen vielleicht auch etwas anders gerahmt erscheint, weil sie sich vielleicht für eine selbstständige Tätigkeit - Betriebs- oder Unternehmensgründung oder Niederlassung als Anwalt/SteuerberaterArzt/Notar oder was auch immer entschlossen haben. Ich habe Walter - wie auch einige andere - bereits geantwortet. An der Reaktion auf seine Initiative lässt sich ablesen, inwieweit nach so langer Zeit Interesse an einem Austausch oder möglicherweise sogar einem Wiedersehen besteht.

In den letzten 25 Jahren meiner eigenen beruflichen Tätigkeit habe ich Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet und Studiengänge im Bereich der Erziehungswissenschaft (Sozialarbeit/Sozialpädagogik - früher auch Diplom in Pädagogik) mitbetreut. Einer der Schwerpunkte lag im Bereich von Professionalitätserfordernissen insbesondere in pädagogischen Arbeitsfeldern mit dem Schwerpunkt Schule. Hier stieß ich 1998 auf einen Aufsatz von Niklas Luhmann (Erziehung als Formung des Lebenslaufs), der fortan meine berufliche Tätigkeit, vor allem aber auch die Reflexion des eigenen Lebenslaufs entscheidend beeinflusste. Das habe ich auch in meiner Antwort auf Walters mail angedeutet.

Walter weist ja zutreffend darauf hin, dass die meisten von uns sich bereits jenseits des aktiven Arbeits- bzw. Erwerbslebens bewegen. Insofern könnte es bei der Frage, wer - und möglicherweise ob überhaupt jemand - antwortet, darum gehen, ob man sich dem Blick bzw. der Beobachtung der Anderen überhaupt noch einmal aussetzen mag. Wie bemerkt Walter doch zu Beginn seiner mail so delikat: "Man war ja auch froh, die Schulzeit und einige Gesichter hinter sich zu lassen." Vermutlich trifft das mehr oder weniger auf uns alle zu. Andererseits gibt es auch schulbezogen ja einiges zu erzählen bzw. zu erinnern. Erst dreißig Jahre nach dem Abitur habe ich mich beispielsweise bei einem der wenigen von mir hochgeschätzten Lehrer, dem inzwischen verstorbenen Magister Klein, im Vorwort zu meinem ersten Gedichtband für seine Anregungen und Ermunterungen bedankt. Wenige Jahre vor ihrem Tod habe ich Frau Ledig in Bad Neuenahr im Seniorenstift Augustinum besucht und in einem langen Gespräch so einige Irritationen ausgetauscht und ausgeräumt, die wir über die acht Jahre meiner Zugehörigkeit zum Are geteilt haben - sie war ja lange Jahre in Bad Neuenahr, in der Kreuzstraße wohnend, gewissermaßen eine Nachbarin.

In seinem kurzen Aufsatz entwickelt Niklas Luhmann einen so außerordentlich originellen Blick auf das, was wir Lebenslauf nennen, dass er mir gewissermaßen zu einem fast schon intuitiven Beobachtungsinstrument geworden ist, mit dessen Hilfe Bewegung in so viele festgefahrene Selbstbilder im Sinne von Selbstbeobachtung, aber eben auch von Fremdbeobachtung gelangt:

Allein schon den Lebenslauf als eine Beschreibung aufzufassen, "die während des Lebens angefertigt und bei Bedarf revidiert  wird" - mag uns seltsam anmuten. Was uns in unserem Alter hingegen überzeugen muss, ist der Hinweis, dass "der Lebenslauf die vergangenheitsabhängige, aber noch unbestimmte Zukunft einschließt", wobei die erwartbare Zukunft - eingedenk des mors certa : hora incerta - in Relation zur Vergangenheit uns in ihrer Begrenztheit immer deutlicher vor Augen steht.  Die Faszination der Luhmannschen Perspektive ergibt sich für mich aber aus der  Formulierung, wonach "die Komponenten eines Lebenslaufs aus Wendepunkten bestehen, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen". Hier soll der Hinweis genügen, dass dies bereits mit unserer Zeugung/Geburt beginnt.

Wenn ich junge Lehramtsstudierende mit Luhmann darauf hinwies, dass man den aus Wendepunkten bestehenden Lebenslauf (Geburt, Kindergarten, Schule, Studium, Heirat, die Geburt von Kindern, möglicherweise Scheidung, beruflicher Werdegang/Stationen, Tod naher Angehöriger/Freunde/Partner) einerseits als einen Kombinationsraum von Möglichkeiten auffassen kann und andererseits als eine von Moment zu Moment fortschreitende Festlegung von Formen, die den Lebenslauf vom jeweiligen Stand aus reproduzieren, indem sie ihm weitere Möglichkeiten eröffnen und verschließen, dann erscheint ihnen das - wie weiland uns - allenfalls wie ein fernes Zukunftsrauschen. Der Hinweis, dass eine durchaus beträchtliche Anzahl von Lehrerinnen und Lehrern ihre Berufswahlentscheidung früher oder später zutiefst infrage stellt und bedauert, führt dann aber immerhin zu einer gewissen Nachdenklichkeit, zumal "wendepunktträchtige" Lebensentscheidungen in allen Lebensbereichen - wie oben angedeutet - unvermeidbar sind. Mehr aber noch ist es der Kontingenzvorbehalt, der zu denken gibt. Odo Marquadt hat diesen Kontingenzvorbehalt mit dem lapidaren Hinweis bedacht, dass wir alle weit mehr unsere Zufälle als unsere Wahl seien.

Wir können also gespannt sein, wer auf Walters Initiative antwortet und was daraus wird. Vielleicht gibt es ja für einige ein Wiedersehen - vielleicht sogar in Bad Neuenahr, wie Karlheinz Korbach anregt. Nachstehend meine Antwort auf Walters mail:

Guten Morgen, lieber Walter,

erst einmal vielen Dank und Respekt - nach 46 Jahren die Initiative zu ergreifen und dann zu einem beachtlichen Ergebnis zu gelangen, das ist aller Ehren wert. Ich will Dir gerne antworten und einige Deiner Gedanken und Motive aufgreifen. Neben Doris M. bin ich ja einer der wenigen Neuenahrer, die zur 1974er OIa gehören. Und auch da bin ich insofern ein Sonderfall, als wir ja nur zwei Jahre des gemeinsamen Weges hatten. Ich bin mit Franz Josef P. in der Unterprima zu Euch gestoßen, weil wir eine Ehrenrunde einlegen mussten. Ich war dann sehr verwundert und auch ein bisschen stolz, dass das Abi-Zeugnis das beste Zeugnis meiner Laufbahn auf dem Are war (besonders freue ich mich, dass die Adresse von Franz Josef P. in der Liste auftaucht. Zu ihm wollte ich immer wieder mal Kontakt aufnehmen.

46 Jahre nach dem Abitur - und bei mir sind es (auch hier etwas abweichend) gestern auch schon 68 Lebensjahre geworden - sind wir alle, die wir bis dorthin gelangt sind, wie zu zutreffend anmerkst, mehrheitlich Rentner und Pensionäre und blicken nun zurück. Ich habe dies vor zwei Jahren sehr intensiv gemacht, indem ich mir zu meiner Pensionierung eine eigene "Festschrift" verfasst habe: "Kurz vor Schluss". Hier geht es natürlich oberflächlich betrachtet um eine Bilanzierung, die sich nicht nur auf die berufliche Laufbahn bezieht. Die Warntafeln hierfür, die solche Unternehmungen als grandiose "Inkonsistenzbereinigungsprogramme" daher kommen lassen, hat Niklas Luhmann aufgestellt in seinem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Aufsatz: "Erziehung als Formung des Lebenslaufs". Ich erwähne das hier deshalb, weil ich - nachdem ich als Lehrer an allen Schulformen gearbeitet hatte - in den letzten 25 Jahren meiner beruflichen Laufbahn an der Uni Koblenz Lehrerinnen und Lehrer mitausgebildet habe. Hier lag einer meiner selbstgewählten Schwerpunkte auf Fragen der Lehrerprofessionalität. So gelangten Fragen der Lehrergesundheit und ihrer biografischen Rahmenbedingungen in den Mittelpunkt meiner Forschungs- und Ausbildungsbemühungen. Und wie oben angedeutet blieb all dies nicht ohne Folgen für meine eigene Auseinandersetzung mit Professionalität und der eigenen Biografie. Um hier den Bogen wieder zurückzuspannen zu unserem Aufbruch nach dem Abitur, kann ich für mich heute klar erkennen, dass ich ohne die von Georg Picht ausgerufene "Bildungskatastrophe" und die - vor allem von der SPD - durchgesetzte Wende in der Bildungspolitik, niemals den Weg hätte machen können, auf den ich heute zurückblicke: "Die Komponenten eines Lebenslaufs bestehen aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen". So bringt es Niklas Luhmann in seiner Skizze zu einer Lebenslauftheorie auf den Punkt und spricht vor allem von einer Integration von Nichtselbstverständlichkeiten! Auf mich trifft dies in beglückender wie in dramatischer Weise gleichermaßen zu:

Mit eingigen unseres Abiturjahrganges bin ich - entgegen meiner ursprünglichen Absichten nicht an die Uni Bonn, sondern an die Erziehungswissenschaftliche Hochschule in Koblenz gegangen. Für mich persönlich ein Glücksfall ungeahnten Ausmaßes. Kurz vor meinem ersten Staatsexamen sprach mich Heino Kaack an, damals in Koblenz Professor für Politikwissenschaft. Er hatte ein großes DFG-Forschungsprojekt an die Hochschule geholt. Ich wurde zuerst studentische, dann wissenschaftliche Hilfskraft und schließlich wissenschaftlicher Angestellter. Die EWH, die 1982 erst das Promotionsrecht erlangte, war dann bis 1984 der Ort, an dem ich eine wissenschaftliche Laufbahn begründen konnte, an dem ich zunächst das Diplom und dann die Promotion realisieren konnte; als Akademischer Rat bin ich dann 1994 dorthin zurückgekehrt und habe - wie oben bemerkt - bis 2017 in der Ausbildung von Lehrinnen und Lehrern gearbeitet. In meiner Herkunftsfamilie war ich der erste der Abitur machen konnte - alles andere, was danach kam, kann man, gemessen an meiner sozialen Herkunft und der damit verbundenen Bildungsferne, nur als Paradiesmetapher verstehen.

Die dramatische Seite im kontingenten Geschehen eines langen Lebens hängt mit dem frühen Tod meines Bruders Wilfried zusammen, den einige von Euch auch kennengelernt haben. Er ist am 21. Juni 1994 bei einem Flugzeugabsturz auf ungemein tragische Weise ums Leben gekommen und hinteließ eine Familie mit zwei 7 bzw. 5jährigen Töchtern. Mein Bruder und ich hatten eine überaus enge Beziehung, hatten im Zeittakt Familien mitbegründet und Kinder bekommen. Für mich markiert dieser 21. Juni 1994 den zentralen "Wendepunkt" in meinem Leben. Ich bin unversehens und ungeahnt sukzessive in eine massive Lebenskrise gestolpert, in deren Verlauf ich alles auf's Spiel gesetzt habe, was bislang mein Leben ausgemacht und bestimmt hat. Es waren zwei Kollegen an der Uni, die mich 1998 nach Heidelberg an die IGST vermittelt haben. Dort habe ich eine dreijährige "Ausbildung zum Familientherapeuten" gemacht und habe erst spät gemerkt, dass dies meine eigene Therapie war, die mir wieder Bodenhaftung und eine nachhaltige Erdung vermittelt hat. Dort habe ich übrigens auch Arnold Retzer wiedergefunden, einer der heute renommiertesten systemischen (Paar-)Therapeuten in Deutschland; er hat zum meinem Berufsaustieg 2017 die "Laudatio" gehalten. Ihm und anderen "Heidelbergern" verdanke ich ungemein viel. Nach 2000 - also nach der Jahrtausendwende war mein Leben ein anderes. Ich war nicht nur geläutert, sondern hatte endlich auch den Mut, das zu tun, was ich immer schon machen wollte: Bücher entwerfen - schreiben. Erst seit 2014 habe ich mich dann auch ein Stück weit vom Papier gelöst und meine eigene Homepage (www.fj-witsch-rothmund.de) begründet.

Mit Fulbert Steffensky bin ich der Auffassung, dass der Mensch - vor allem - auch ist, weil er sich verdankt. Dies bezieht sich auf meine Herkunftsfamilie und natürlich - weil sich daraus die Kraft, die Zuversicht und die Lebensfreude speist - auf meine Gegenwartsfamilie. Ich bin seit 40 Jahren mit meiner Frau Claudia verheiratet, die - das wird Dich, Walter, vielleicht interessieren - als bildende Künstlerin unterwegs ist. Wir haben zwei Töchter und inzwischen einen Enkelsohn, so dass das Leben nicht nur Sinn, sondern auch unbändige Freude bereitet.

Lieber Walter - erst einmal vielen Dank für Deine Bemühungen, vielleicht wird ja mehr daraus. Wenn ich Dich untestützen kann - gerne. Hast Du eigentlich noch Kontakte in die alte Heimat - wenn ich richtig liege, nach Hümmel oder Wershofen?

Liebe Grüße aus Koblenz-Güls vom Jupp (die Adresse hat sich bezüglich der Straße geändert. Wir haben das Elternhaus meiner Frau umgebaut und saniert und wohnen jetzt: Am Heyerberg 11)

 

   
   
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