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Morphische Felder und heillose Kränkungen: Ernst Begemanns nachgelassene Bibliothek - ein Schlusswort

Ich will mit Blick auf den bedauerlichen Umgang mit Ernst Begemanns bibliothekarischem Nachlass zu einem Abschluss kommen. Dabei offenbart sich für mich, wie sehr Ernst Begemann mit seiner nachgelassenen Bibliothek ein morphisches Feld (Rupert Shaldrake) aufspannt, das auch meinen Versuch nachhaltig beeinflusst, vor meiner Versetzung in den Ruhestand mit Kurz vor Schluss eine private und berufliche Bilanz zu ziehen. Ich lasse die Hoffnung noch nicht fahren, dass der ein oder andere Akteur in diesem Geschehen zumindest Bereitschaft zeigt, noch einmal etwas genauer hinzusehen. Die ganze Wahrheit ist hierbei allerdings nicht zu haben!

Wenn wir in grundsätzlicher Absicht von existentiellen Begegnungen sprechen, wie es Begemann auf Seite 34 in seiner Veröffentlichung „Wirklichkeit als Dialog“ (Weinheim und Basel 2001) mit Otto Friedrich Bollnow anregt, dann haben wir vor allem „ein plötzliches Ereignis“ im Blick, „das, so sehr es im einzelnen auch vorbereitet sein mag, doch dann wie ein Blitz in den Menschen einschlägt und ihn (…) in seinen Grundfesten erschüttert. (…) sie kann dann fruchtbar werden in einem weiteren zeitlich andauernden Lebensverhältnis“ (Bollnow zitiert nach Begemann, a.a.O., S. 34).

Begemann geht es darum, mit Beispielen zu zeigen, „dass Menschen nicht nur durch Menschen, sondern auch durch Situationen angesprochen werden und ihnen konkret entsprechen können“. Dabei betont er, dass es ihm nicht wichtig sei, ob man das als Begegnung, oder als existentielle Begegnung im Sinne Bollnows bezeichnen könne: „Unbestritten ist, dass das Ansprechen eine Herausforderung ist, die antwortendes ‚Handeln‘ erfordert. Und das ‚Verstehen‘ dessen, was zu tun ansteht, ergibt sich nur in der Situation und für den, der in der Situation angesprochen ist“ (35, Hervorhebungen, Verf.):

  • Die Einlagerung der Begemann-Bibliothek im Archiv unseres Instituts an der Uni Koblenz war für mich persönlich ein Glücksfall. Mehrfach habe ich betont und durch Beiträge nachgewiesen, wie sehr der Nachlass Begemanns – auch in seinen kommentierten Passagen – meine eigene Auseinandersetzung mit existentiellen Grenzsituationen bereichert hat. Auch meine Auseinandersetzung mit Begemanns „Wirklichkeit als Dialog“ verweist auf weiterhin fruchtbare Anregungen.
  • Der Hinweis Begemanns, es sei unwichtig, ob es sich um Begegnung oder existentielle Begegnung handele in der Ansprache durch eine Situation, eröffnet einen weiten Spielraum. Die Herausforderung, angemessen mit Begemanns Nachlass umzugehen, habe ich angenommen, und ich bin dankbar für die daraus erwachsenden Möglichkeiten. Wie wesentlich das Motiv des Danks für Ernst Begemann war und wie selbstvergessen andere mit Dankesschuld umgehen, wird im Verlauf dieser Ausführungen noch eine zentrale Rolle spielen.
  • Wie gelangen wir nun zu Maßstäben und Unterscheidungsmöglichkeiten, wie „Begegnung dann fruchtbar wird in einem weiteren zeitlich andauernden Lebensverhältnis“? Und hier ist Begemanns Hinweis entscheidend, dass Menschen nicht nur durch Menschen, sondern auch durch Situationen angesprochen werden!

Ernst Begemann beschließt seine Einführung mit dem Hinweis, der Kreis durch die Phänomene des Angesprochen-werdens habe sich nun geschlossen:

Der Kreis „des Verstehens und Antwortens im Hören ist Tun, ist Tun in der gegenwärtigen Lebenssituation.“

„Als Abschluss (des Buches, Verf.) erinnere ich zuerst unter der Überschrift Anmutungen auf dem Wege an drei zentrale Einsichten und versuche mit David Steindl-Rast sensibel zu machen für eigene Lebenssituationen. Die Stichworte sind:

  • Staunen und Dankbarkeit,
  • Überraschung,
  • das Leben ist uns gegeben, das Leben ist Geschenk,
  • Selbst als Teil-sein,
  • Einssein von Geben und Nehmen.“ (17, Hervorhebungen Verf.)

Für mich persönlich ist – im Gegensatz zu Begemann – die Unterscheidung von Begegnung und existentieller Begegnung überaus wesentlich:

Vor einem Jahr habe ich erlebt, wie „ein plötzliches Ereignis (…) wie ein Blitz in den Menschen einschlägt und ihn (…) in seinen Grundfesten erschüttert“. Diese Erschütterung war auch die meine, und ich bin ein Stück des Weges mit dem Freund (auch aus akademischen Tagen) in enger Verbundenheit gegangen.

Von diesem Ereignis gänzlich unterschieden, wiederfuhr mir zeitgleich – und dies wiederum ist hier von außerordentlicher Bedeutung – eine Begegnung, von der ich heute sehen kann, wie sie „fruchtbar (und furchtbar) wird in einem weiteren zeitlich andauernden Lebensverhältnis“. Die Peinlichkeit dieser Begegnung war seinerzeit bereits fest verankert im Bewusstsein der Beteiligten. Wie sehr sie zu erschüttern vermochte, erschließt sich in der Tat erst aus dem „weiteren zeitlich andauernden Lebensverhältnis“. Die Beteiligten waren sich nämlich gleichermaßen bewusst, dass man sich im akademischen Milieu, das sich Ritualen verpflichtet fühlt, nur um den Preis des Gesichtsverlustes diesen Ritualen entziehen kann.

Nebenbei bemerkt ist es mir heute und immer wieder eine außerordentliche Freude, das Strahlen und die Überraschung in den Augen eines verehrten akademischen Freundes zu sehen, dem die Festschrift „Auf dem Weg zur Bildung – Individuelle Bildungsreisen als Horizonterweiterung“ (Weinheim und Basel 2016 – ISBN 978 – 3 – 7799 – 2287 – 2) 2016 mit seiner Pensionierung überreicht wurde.

Ich habe die Bitte eine Herausgeberschaft zu übernehmen 2016 also intuitiv zurückgewiesen und mich diesem Ansinnen verweigert. Dies umso mehr, als es zeitlich zusammenfiel mit der Mächtigkeit der weiter oben erwähnten existentiellen Grenzsituation, die wie ein Blitz in unser aller Leben einschlug – in unser aller Leben, weil der Freund auch aus akademischen Tagen uns lange als Leiter unseres Instituts vorgestanden hat. Die Vorbereitung der Trauerfeier für seinen Sohn ließ keinen Raum für Eitelkeiten im akademischen Milieu. Wie sehr mich meine Intuition letztlich bestätigen sollte, wurde umfänglich klar, als dann im Juli 2017 der Initiationsritus zur Begründung einer Festschrift Fahrt aufnahm. Unter den 35 zu einer Beiträgerschaft Angefragten sucht man vergeblich die Adresse desjenigen, dem alle Alten am Institut zu tiefstem Dank verpflichtet sind – weil sie ihm ihre schiere Existenz am Institut zu danken haben, oder weil er sie auf ihrem Weg zu akademischen Würden aktiv und erfolgreich begleitet hat.

Die Universität ist schon häufig als Jahrmarkt der Eitelkeiten decouvriert worden. Dass diese Eitelkeiten aber so weit gehen, einer peinlichen Exklusionsstrategie der Beteiligten ungebremsten Vorschub zu leisten, lässt selbst einen alten Fahrensmann staunen.

  • Staunen und Dankbarkeit,
  • Überraschung,
  • das Leben ist uns gegeben, das Leben ist Geschenk,
  • Selbst als Teil-sein,
  • Einssein von Geben und Nehmen – das sind die Stichworte Ernst Begemanns. Staunen und Dankbarkeit vor allem: Der Mensch ist, weil er sich verdankt! Dieser Auffassung sind nicht nur Ernst Begemann und Fulbert Steffensky. Wie selbstvergessen, wie eitel und verbildet muss man denn sein, wenn elementare Prinzipien des Anstands missachtet werden:

„Wir haben in vieler Hinsicht das Gefühl dafür verloren, was es bedeutet eine Gesellschaft zu sein, zusammenzugehören, sich auseinanderzusetzen, wir haben so oft kein Ideal mehr davon, was es bedeutet ein Bürger zu sein, wir sind getrieben von der technischen Entwicklung, von der Nötigung zur ständigen Selbstdarstellung, von diffusen Ängsten, die wir uns einerseits nicht eingestehen oder andererseits total übertreiben. Wir sind hysterisch, wo wir nüchtern sein müssten und unaufmerksam, wo wir wachsam sein sollten“ (Axel Hacke über Anstandslosigkeit in der ZEIT vom 24. August 2017, S. 52). Hauptsache Stéphane Hessels "Empört Euch!" hängt an der Bürotüre!

Was mag jemanden bedrängen, sich so sehr in den Vordergrund zu drängen? Mit der Beantwortung dieser Frage verflüchtigt sich schließlich auch der Eindruck eines möglichen Dilemmas meinerseits. Ein denkbarer Loyalitätskonflikt lässt sich hier nur auflösen gegen eine Haltung der beabsichtigten Kränkung, eines strategisch und damit bewusst vorgenommen Aktes der Exklusion. Und damit meine ich keinesfalls die Unhintergehbarkeit von Exklusionen, sondern vielmehr den unanständigen Versuch, unausgesprochene universitäre Regeln des Anstands schlicht zu hintergehen.

Ernst Begemann überschreibt in „Wirklichkeit als Dialog“ sein Schlusskapitel mit der Überschrift: „Anmutungen auf dem Wege“ (S. 253-256) – hier einige Auszüge:

  • „Wir erhoffen ein sinnvolles Leben. Wir erhoffen sinnvoll zu leben (…) Das Wort Sinn meinte ursprünglich konkret: Reisen, gehen (…) Das andere Verb, das zu sinnen wurde, das wir als streben, begehren, oder die Gedanken auf etwas richten kennen, hieß sinnan, und bedeutete althochdeutsch auch: gehen, sich begeben und als altenglisches Verb: achthaben, für etwas sorgen.“
  • Staunen und Dankbarkeit: „Überraschung ist nicht mehr als der Anfang jener Fülle, die wir Dankbarkeit nennen. (…) Bereitet uns die Vorstellung Schwierigkeiten, dass Dankbarkeit jemals unsere Grundhaltung zum Leben sein könnte?“
  • Geschenk: „Was auf unserem Weg zur Erfüllung zählt, ist die Erinnerung an große Wahrheit, die uns Momente der Überraschung lehren wollen: Alles ist unentgeltlich, alles ist Geschenk. Der Grad, in dem wir zu dieser Wahrheit aufgewacht sind, ist das Maß unserer Dankbarkeit. Und Dankbarkeit ist das Maß unserer Lebendigkeit.“

Wenn Dankbarkeit das Maß unserer Lebendigkeit sein soll, dann wird es Zeit von toten Gäulen abzusteigen und die Totenruhe nicht weiter zu stören.

Hierzu passend schließe ich, indem ich auf das Schlusswort meiner eben erst erschienenen Schrift "Kurz vor Schluss" verweise (Fölbach-Verlag, Koblenz 2017, 927 Seiten, ISBN: 978-3-95638-201-7). Eine Beiträgerschaft zu der initiierten Festschrift weise ich zurück.

   

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