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Ruf aus dem Jenseits - Ulrich Beck meldet sich noch einmal zu Wort

Jetzt wird er also endgültig zu einem unüberhörbaren Mahner - ein Rufer aus dem Jenseits mit der Botschaft: "Die Apokalypse ist möglich, aber zwangsläufig ist sie nicht." So endet zumindest Elke Schmitters kurze SPIEGEL-Rezension (SPIEGEL 49/2016) zu Ulrich Becks nachgelassenem und von seiner Frau Elisabeth Beck-Gernsheim herausgegebenem Buch "Die Metamorphose der Welt". Wie zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere - zumindest, was seine Prominenz und Potenz als Autor anbelangt (Stichwort: Risikogesellschaft) - erscheint uns Ulrich Beck als Seher von beängstigender Präzision.

Elke Schmitter klassifiziert Ulrich Beck in einem Spektrum von Unsterblichkeitsattributen und ficht dabei frech mit spitzem Florett, mit dem sie u.a. Peter Sloterdijk das schüttere Haar rasiert: "Es gibt viele Arten von Unsterblichkeit. Neben der Erinnerung an ihre Exzentrik - so Diogenes' Tonne, Kants Pünklichkeit oder Sloterdijks Frisur - ist es bei den Theoretikern ein Begriff, der bleibt. Der Soziologe Ulrich Beck prägte den der 'Risikogesellschaft'."

Es gelingt Elke Schmitter auf einer Doppelseite des SPIEGELS (S144/145) einen recht präzisen Einblick in die Hauptthesen Becks zu vermitteln. Als seismografischer Beobachter der Weltgesellschaft hat Ulrich Beck - auch gemeinsam mit seiner Frau - Individualisierungsschübe in der modernen Gesellschaft, vor allem im Zusammenhang mit ihren Folgekosten - akribisch untersucht und beschrieben:

"Der Kapitalismus und die naturwissenschaftliche Forschung schaffen eine Situation, in der unbeabsichtigte Nebenfolgen den Gang der Dinge stärker bestimmen als bewusste Veränderungen." So fasst Elke Schmitter im Sinne Becks die Ausgangslage der sogenannten Risikogesellschaft zusammen, die dafür sorge, dass man immer mehr über die Vermeidung von Übeln diskutieren müsse als über die Verteilung von Wohlstand. So lautet denn auch in der "Metamorphose der Welt" das vorläufige Resümee: "Weer heute 'Menschheit' sagt, will eben nicht mehr, wie es noch bei Proudhon und Carl Schmitt hieß, 'betrügen', sondern anerkennt den Zwang, die anderen retten zu müssen, um sich selbst retten zu können."

Das ist doch eigentlich eine gute Botschaft. Andererseits konzentriert sich die Headline der aktuellen Spiegelausgabe auf die Gier (Stichwort: "Football Leaks")  und macht damit deutlich, dass selbst die drohende Apokalypse individuelles Verhalten kaum tangiert. Elke Schmitter stellt im Übrigen mit ihrer einleitenden, konzentrierten Analyse gegenwärtiger gesellschaftlicher Diskursbedingungen eine Situationsbeschreibung in den Raum, die an den fatalen Folgeerscheinungen dieser Ausgangslage keinen Zweifel lassen:

"Das Desaster von Tschernobyl im April 1986, wenige Monate vor Erscheinen seines Buches 'Risikogesellschaft', machte nicht nur Becks Risikowarnung aufs Schauerlichste anschaulich, sondern auch eine weitere Eigenschaft moderner Risiken - nämlich deren Unanschaulichkeit. Die Gefährdung der atomaren Strahlung, weder sichtbar noch fühlbar, ist so wenig mit den Sinnen zu erfassen, wie die Erwärmung der Erdatmosphäre. Sie macht uns alle gleichermaßen abhängig von Informationen, deren Streuung und Verlässlichkeit außerhalb unserer Einflussmöglichkeiten liegen. Erst wenn die Massenmedien sie thematisieren, sind die modernen Risiken gewissermaßen in der Welt. Ihre permanente Beschwörung führt aber nicht unbedingt zu einer aufmerksameren Gesellschaft. Die Rhythmen von Alarm und Katastrophe, von Warnung und Verdrängung stimmen sogar eher apathisch: 'Wo sich alles in Gefährdungen verwandelt, ist irgendwie auch nichts mehr gefährlich'."

Zunächst einmal muss ich selbst an dieser Stelle einräumen, dass ich Ulrich Becks - vermutlich - letzte Publikation: "Die Metamorphose der Welt". Suhrkamp; 268 Seiten; 25 Euro erst heute bestellt habe. Ich beziehe mich ausschließlich auf Elke Schmitters Besprechung: "Das hat Folgen". Sie beginnt mit einer kritischen Würdigung des zentralen Sinnträgers im Titel "Die Metamorphose der Welt":

"Das schönste Beispiel der Metamorphose, jedem Schulkind bekannt, ist der Schmetterling, der sich von der unansehnlichen Raupe zum prachtvollen Falter verwandelt, von einem kriechenden zu einem flatternden Wesen, das in seiner letztgültigen Version in nichts mehr an seine Anfänge erinnert. Ein anschauliches Bild, doch trügerisch: Denn die Metamorphose des Schmetterlings folgt einem Programm, während die Metamorphose im Sinne Becks die abgründigen Seiten seiner 'Risikogesellschaft' mit sich bringt."

Die Veränderungen, von denen Beck spreche, entsprägen zwar ursächlich den Handlungen und Unterlassungen der Menschen. Doch sie spiegelten nicht deren Absichten und ihr Wissen, sonder ergäben sich aus dem Nichtbeabsichtigten und dem bisher Nichtgewussten. Und sie führten damit zu Situationen, für die es bisher keine Maßstäbe gäbe - keine normativen, keine politischen und keine begrifflichen:

"Sie ergeben Chaos."

Ich bin also gespannt auf Ulrich Becks nachgelassenes Werk. Elke Schmitter stellt im Rahmen ihrer Besprechung eindrückliche Beispiele vor, anhand derer sich die Perspektive Ulrich Becks beispielhaft illustrieren lässt. Zunächst einmal verweist sie auf den Begriff des Chaos. Wer findet die Attraktoren, nach denen Chaos sich lichtet oder anders gesagt, die für eine irgendwie erkennbar Ordnung sorgen? Bleiben vorläufig im Dunkel bzw. sie lassen sich partiell schon schemenhaft ausmachen? Sehen wir einmal, was Ulrich Beck uns anzubieten hat:

Erstes Beispiel:

"Dieses Chaos bestimmt nicht nur unser gegenwärtiges Lebensgefühl, sondern stiftet weltweit auch neue soziale Teilungen: zwischen den Generationen, zwischen Nationalisten und Kosmopoliten, zwischen Migranten uns Sesshaften. Die Metamorphose nach Beck ist so gewaltig wie unentrinnbar [...] Zur Beglaubigung des reflexiven Notstands spielt Beck einige zeitgenössische Dilemmata durch - zum Beispiel das eines unfruchbaren Paares mit Kinderwunsch."

Kann man hier noch von einer "Unschuld des Verlangens" auf der einen Seite sprechen, wo doch zu sehen ist - ja, man kann etwas sehen -, dass auf der anderen Seite Schicksale derer Konturen annehmen, die mit der Erfüllung dieses Verlangens unvermeidbarer Weise befasst sind: "eine Leihmutter in Indien, ein Arzt in Kalifornien, ein Samenspender aus den Niederlanden."

Die Becksche Dramaturgie gleicht der eines Zauberlehrlinges, der die Geister, die er rief, nicht mehr zu kontrollieren weiß:

  • Der Ausgangspunkt der geschilderten Situation ist trivial. Mit Becks Worten: "Den Pionieren der Fortpflanzungsmedizin stand keine Veränderung des Menschenbildes vor Augen - keine Ideologie, kein politisches Programm, kein Umsturz." Ursprünglich sei darum gegangen, verzweifelten Paaren zu einem Wunschkin zu verhelfen."
  • So stellte sich dar, was - so die These - zu einem Bruch mit der Menschheitsgeschichte führe. Elke Schmitter referiert: "Der Fortpflanzungsakt ist nicht mehr daran gebunden, dass Mann und Frau zugleich am selben Ort sind. Die Zeugung lässt sich in einem Labor erledigen. Die biologischen Eltern müssen nicht einmal zur selben Zeit gelebt haben." Konkret: Es ergäben sich damit "bislang namenlose soziale Kategorien der Elternschaft: 'soziale' Mütter, die ein Kind 'bestellen' oder 'in Auftrag geben'; 'Samenspender' und 'Eizellenspenderinnen', 'Leihmütter', die Kinder anderer Leute austragen, 'Mütter', denen der Vater ihres Kindes unbekannt ist, und umgekehrt, ebensolche 'Väter', postmenopausal 'Schwangere', 'schwule Väter', 'lesbische Mütter', Mütter und Väter, deren Partner (schon länger) tot ist, Großeltern, deren Enkel nach dem Tod ihres Sohnes oder ihrer Tochter gezeugt und empfangen wurden und Weiteres mehr."

Ulrich Beck denkt hier in eine Richtung, die sich ganz offensichtlich unseren bislang konventionellen Sichtweisen deutlich entzieht. Elke Schmitter fasst zusammen:

"Die Entstehung solcher Kinder überfordert nicht nur die moralischen Institutionen, sie wirft auch neuartige juristische Fragen auf. Dies ist für Beck eine Kennzeichen der Metamorphose, in der wir uns unentrinnbar befinden: Erst wird gehandelt, dann passen Ethik und Gesetzeswerk sich an. 'Zuerst kommt der Verstoß, dann die Norm'."

Zweites Beispiel:

Ulrich Beck fragt nach der Zurechnung von Verantwortung. Ein weiteres Merkmal der Nebenfolgen sei die Schwierigkeit, Pflicht und Schuld zuzuordnen. Elke Schmitter greift das Beispiel des Klimawandels auf:

"Beim Klimawandel ist offensichtlich, dass die Gruppe der Verursacher und jene der Erleidenden oft keine Überschneidungen haben. Abholzung der Regenwälder am Amazonas verursacht Dürrekatastrophen in anderen Ländern, das Ansteigend des Meeresspiegels gefährdet Inselgruppen, die keine Emissionen verursachen."

In Fällen wie diesen versage das nationale Recht; die internationalen Institutionen wiederum arbeiteten auch hier, den Problemen hinterher.

Bei den Rezepten gibt es im Übrigen nichts Neues. Was tun? Das letzte Wort des Soziologen sei die Beschwörung unserer Fähigkeit zur Reflexion. Die Veränderung, in der wir uns befänden, sei revolutionär, aber sie gehe nicht auf eine Revolution zurück. Es gebe keinen Danton oder Lenin, keine ideologische Absicht und weder Zentrum noch Peripherie. Die wahren Veränderungen geschähen so unvermutet wie ungeplant, und sie träfen uns alle unwiderruflich.

Ich frage mich aber immerhin und zumindest, ob wir alle - ja alle - an die Enden der Welt müssen, wenn wir doch wissen, dass wir alle doch schon am - ein jeder an seinem - Ende der Welt lebt/leben?

 

   

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