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Vom Holzweg zum Feldweg - und umgekehrt!

Vorbemerkung am 30.11.2016

Ich räume an dieser Stelle ein – sechs Jahre nachdem ich den Feldweg Heideggers für mich entdeckt habe –, dass der wache Technik- und Technologiekritiker Heidegger leider nicht zu trennen ist von dem faschistoiden Gesinnungsgenossen Heidegger, der in seinem Antisemitismus bereit und offensichtlich fähig war, dem nationalsozialistischen Axiom von der Ungleichheit der Menschen Geltung zu verschaffen. Denken findet ganz offensichtlich an ethischen Leitplanken nicht auf unbedingte Weise Orientierung (es fällt mir allerdings schwer auch Martin Heidegger so etwas zuzugestehen, was in der Begrifflichkeit von Neitzel/Welzer Referenzrahmen genannt wird). Und dies wissen wir offenkundig ja auch nicht erst seit der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte (siehe hierzu die Auseinandersetzung Dietmar Kampers mit Martin Heidegger).

Wenn ich dennoch an dieser Stelle auf Heideggers Feldweg zurückgreife, so geschieht dies aus ganz und gar eigennützigen Motiven. Die allerdings verdanken sich einer kaum vermittelbaren Schrulligkeit, mit der ich im fortgeschrittenen Alter den Mobilitätswahn mit seiner galaktischen kinetischen Verschwendungshaltung beobachte.

Wir diskutieren unablässig über Erderwärmung und erzeugen durch unkontrollierte, paranoide individuelle Bewegungen im Raum jene Wärme mit, die uns den Arsch auf Grundeis setzt. Hier gehe ich deutlich einen Schritt weiter als Peter Sloterdijk, dem ich die Begriffe der touristischen Laune und der kinetischen Verschwendung verdanke – eingedenk der Tatsache, dass Sloterdijk selbst hier die Rangliste der Verschwender mit anführt. Mich jedenfalls hat er zur Besinnung gebracht.

Ausdruck findet dies in Gedichten wie Porentief, Fraglos, Grenzgänger, Geborgen (siehe unten). Hier scheint eine Erfahrungswelt auf, die Facetten eines ausgeprägten Naturerlebens hervorbringen. Dass dieses Erleben auf diese Weise sprachfähig und sprachmächtig wird, überrascht am meisten mich selbst. Ja, die Mitteilbarkeit eines eigenen Naturerlebens und Naturempfindens hat eng(st)e Grenzen. Wir können der Natur begegnen und wir können uns in der Natur begegnen, bei gemeinsamen Wanderungen. Im besten Falle erliegen wir der Illusion eines gemeinsamen Erlebens. Das Erleben aber wird zur Kommunikation, wenn wir versuchen, es in einem gemeinsamen Sprachraum zu ergründen: Wir schauen uns an, wir blicken in das erstaunte, gerührte, beglückte Gesicht eines anderen Menschen, wir verlieren uns in unserer eigenen Rührung und unser Angerührtsein löst eine Kette von beglückenden wechselseitigen Anschlüssen aus, die uns im besten Fall immer gegenwärtig bleiben als ein besonderes, ein umfängliches gemeinsames Erleben. Zur Welt kommen, zur Sprache kommen, zu uns selbst kommen durch die Anrührung der Natur begründet ein Stück unseres Welt- und Selbstbildes. Wem sollte ich denn einigermaßen verständlich vermitteln, dass das Gehen eines Feldweges immer wieder aufs Neue – es möge sich Hunderte von Male zugetragen haben und zutragen – auch das Andere bedeutet. Ich folge mir, ich gehe mit mir mit und gehe mir voraus.

Und die Anrührung?

Rudi Krawitz verdanke ich Martin Heideggers „Der Feldweg“ (in der Ausgabe von Vittorio Klostermann, Frankfurt 1953, mir in der sechsten Auflage aus 1978 vorliegend). Martin Heidegger endet mit der Einsicht: „Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“ In Heideggers fast lyrischen Anmutungen wird überdeutlich, wie sich im Feldweg einerseits Facetten urwüchsiger Natur lichten. Im Feldweg manifestieren sich andererseits die uralten Wegmarken einer kulturell geprägten Landschaft. Und dennoch erahnen wir den Geschmack von Langsamkeit und Stete, mit denen der Baum wächst: „Die Eiche selber sprach, dass in solchem Wachstum allein gegründet wird, was dauert und fruchtet […] und immer noch sagt es die Eiche dem Feldweg, der seines Pfades sicher bei ihr vorbeikommt.“

Das für andere immer öde(r) erscheinende Erwandern desselben Weges erscheint Martin Heidegger gleichermaßen vertraut und fremd, weil „dieselben Äcker und Wiesenhänge den Feldweg zu jeder Jahreszeit mit einer stets anderen Nähe begleiten“. Aber dies vermag nur jenen sich erschließen, die „im Einfachen das Rätsel des Bleibenden und Großen“ erahnen: „Die Weite aller gewachsenen Dinge, die um den Feldweg verweilen, spendet Welt. Und weiß Gott keine heile Welt. Und man muss Martin Heidegger heute zurufen, dass die Zahl derer, „die noch das Einfache als ihr erworbenes Eigentum kennen“, sich tatsächlich rasch verringert. Wir hören es heute überdeutlich, das Menetekel eines Sehers (der ja im Übrigen auch ein Blinder und ein Arschloch war) der hofft, dass die Wenigen überall die Bleibenden sein werden: „Sie vermögen einst aus der sanften Gewalt des Feldweges die Riesenkräfte der Atomenergie überdauern, die sich das menschliche Rechnen erkünstelt und zur Fessel des eignen Tuns gemacht hat.“ Ja, wir sehen von unserem Feldweg aus Mülheim-Kärlich, jenen Atommeiler, in dem sich die gigantische Vernichtung materieller und kreativer Ressourcen so exemplarisch und auch jämmerlich manifestiert. Dies gilt in Potenz natürlich für die aktuell als Ingenieurleistung ohne Gleichen gefeierte Implementierung des Sarkophages von Tschernobyl.

Umso mehr erweckt „der Zuspruch des Feldweges einen Sinn, der das Freie liebt und auch die Trübsal noch an der günstigen Stelle überspringt in eine letzte Heiterkeit“. Und wir wehren in der Tat dem Unfug des nur Arbeitens, der – wie Martin Heidegger meint – für sich betrieben allein das Nichtige fördere.

Zugegebenermaßen besänftigen und zähmen wir die Trübsal nicht selten mit jenen Tropfen, deren Ursprung sich den Reben am Rande des Feldweges verdankt. Die osmotischen Wechselwirkungen, die hier ausgelöst und angestrebt werden, vermitteln und verbürgen eineseits eine Bodenständigkeit ohnegleichen – wenn auch zeitweise verbunden mit dem Verlust der Bodenhaftung: „Die Weite aller gewachsenen Dinge, die um den Feldweg verweilen, spendet Welt. Im Ungesprochenen ihrer Sprache ist, wie der alte Lese- und Lebensmeister Eckehardt sagt, Gott erst Gott.“

Den Zuspruch des Feldweges – so Martin Heidegger – vermögen allerdings nur jene zu hören, die in seiner Luft geboren sind: „Sie sind Hörige ihrer Herkunft, aber nicht Knechte von Machenschaften. Der Mensch versucht vergeblich, durch sein Planen den Erdball in eine Ordnung zu bringen, wenn er nicht dem Zuspruch des Feldweges eingeordnet ist. Vor rund 60 Jahren drohte für Martin Heidegger die Gefahr, „dass die Heutigen schwerhörig für seine Sprache bleiben“. Ihnen falle nur noch der Lärm der Apparate ins Ohr.

So werde der Mensch verstreut und weglos. Den Zerstreuten erscheine das Einfache einförmig. Das Einförmige mache überdrüssig. Die Verdrießlichen fänden nur noch das Einerlei. Das Einfache sei entflohen und seine stille Kraft versiege.

Das Arschloch Martin Heidegger würde in seinem Grab in ungeahnter Frequenz rotieren, wenn er auch nur ansatzweise erleben könnte, wie sehr er sich mit seinen Prophezeiungen als unheimlicher Seher erweist:

  • Neben die gigantische Verschwendung materieller Ressourcen (wir schieben das größte bewegliche Gebäude über ein Strahlengrab, feiern es als gigantische Ingenieursleistung und verkennen es als Inkarnation und das Bekenntnis einer endgültig gescheiterten Technologie und der ihr zugrundeliegenden menschlichen Hybris) treten Auswüchse einer so nie da gewesenen Individualisierungsmanie:
  • Freie Fahrt für freie Bürger und die Erreichbarkeit jedes Ortes auf diesem Planeten für jedes reisegeile Arschloch zu jeder Zeit transformieren die Kernschmelze im Sinne des absehbaren Overkills unserer klimaabhängigen und -sensiblen Lebensbedingungen auf die unmittelbare Bühne individueller Zurechenbarkeit und Verantwortung.
  • Aber dies alles reicht noch lange nicht aus, um zu sehen, wie sehr Martin Heidegger wohl Recht behalten wird mit seinen Prophezeiungen, dass der Mensch zunehmend verstreut und weglos erscheint.

Vielleicht sind Rudi und ich inzwischen alt genug, den Zuspruch des Feldweges ganz deutlich zu vernehmen, wenn wir gemeinsam oder alleine unserer Wege ziehen: „Spricht die Seele? Spricht die Welt? Spricht Gott? Alles spricht den Verzicht in das Selbe. Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen. Der Zuspruch macht heimisch in einer langen Herkunft.“

 

Porentief

Wenn du alle Poren öffnest,

Und in ungeahnte Tiefen fühlst,

Wenn du in die Sonne schaust

Und aller Farben Spiel erhoffst,

Wenn dein Körper wach und wacher wird

Und jede Schwingung,

Jedes sanfte Beben,

Jede Regung Flimmerhaaren gleich erfühlt,

Wenn zarte Klänge,

Sanfter Hauch

Und feines Lichterspiel

Die Sinne irritieren

Und deine Fühlwelt Reicher macht,

Dann ahnst du doch

Die Grenzen deiner Sicht,

Das Schattenspiel im Licht.

Und deine Ahnung

Trägt dich weiter In ein Land,

An dem die Phantasie sich bricht.

Und so sehr Sie dich auch treibt,

Dich reicher macht An Differenzen;

Es bleibt,

Was immer dir auch bleibt,

Im Diesseits aller Grenzen.

Grenzgänger

Wenn mein Herz zerfließt

Und alles in mir schreit,

Wenn aller Regen fließt

Und Leben wurzelt breit.

Wenn mein Herz vor lauter Freude weit

Und meine Arme voller Liebe breit,

Wenn alle Unterschiede dann zerfließen

Und Phantasien über alle Ziele schießen.

Wenn ja und aber mich erheitern

Und alle Blicke Horizont erweitern,

Wenn Kleinmut meinen Großmut weckt

Und Liebe unsre Wunden leckt,

Wenn es dann läuft,

Und Sonne meine Seele wärmt,

Und wenn mein Selbst in Liebe sich ersäuft,

Vor lauter Wohlsein nur noch schwärmt,

Wenn letzte Tage winken,

Und Frühjahr sich mit Herbst vermischt,

Wenn Hoffnung und Erfüllung ineinander sinken

Und letzter Unterschied sich dann verwischt,

Dann geh ich weg und komme heim

Und ahne jene Grenzen,

Die jenseits bleiben und geheim

Für alle – vor Gräbern und vor Kränzen.

Fraglos

Immer wenn die Welt sich offenbart,

Dann werde ich ganz still,

Weil meine Spur, die zielbestimmte Fahrt

Sich wendet und sich ändern will.

Immer wenn sich Größe zeigt,

Verwandle ich mich leise.

Wenn sich ein Irren hin zum Ende neigt,

Werd ich – trotz blinder Flecken – manchmal weise.

Wenn leise Klänge sich verdichten

Und großer Klang entsteht,

Wenn Fragen sich in Fragen lichten,

Ein Hauch von Weisheit uns umweht,

Wenn Farben sich vermischen,

Und Buntheit sich in Grau ergeht,

Wenn aller Hochmut dann verblichen,

Am Horizont ein Hoffen steht,

Dann geh ich auf die Reise

Und frage nicht mehr viel.

Ich wandle einfach still und leise,

Ich spüre Kraft und bin das Ziel.

Blutrote Kirschen

Siehst du dort auf dem Teller

Die lack-, scharlach-, türkisch-,

Granat-, mohn-, wein- und

Blutroten Kirschen?

Spürst du

Wie Erde in dir aufbricht

Und Blütenmeere hervortreibt,

Deinen Leib begeistert

Und deinen Geist beleibt?

Spürst du die Kraft,

Die Stürme entfacht,

Im Innersten Ruhe schafft

Wie eine Himmelsmacht?

Spürst du den Keim allen Lebens,

Der jede Fessel sprengt;

Und nichts ist vergebens,

Was zum Leben drängt.

Spürst du, wie alles bebt?

In lebendiger Stille

Formt sich und lebt

Ein beharrlicher Wille.

Und so reifen die Kirschen hin

Zur lockenden Frucht,

In all ihren Farben,

In all ihrem Duft.

 

   

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