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Liebe Laura, lieber Thomas,

Zur kirchlichen Trauung von Laura und Thomas am 17. September in der Pfarrkirche St. Servatius zu Güls

 Liebe Laura, lieber Thomas, wir feiern mit Euch heute ein Fest der Freude – Ihr beiden habt Euch dazu entschlossen, für Euer Ehegelübde kirchlichen Segen zu erbitten. Damit setzt Ihr die Tradition Eurer Großeltern und Eltern fort. Das freut selbst einen katholischen Ketzer wie mich!

Seit Deine Oma – liebe Laura – bei uns lebt, liegt allwöchentlich die „Bunte“ in unserem Haus herum. Auf einer der letzten Titelseiten war Uschi Glas mit dem Kommentar abgelichtet: „Als Julia Ja sagte, flossen bei mir Tränen des Glücks!“ Tränen sind Tränen. Wir haben in den letzten Wochen gemeinsam viele Tränen um Andreas geweint. Das waren schmerzerfüllte Tränen des Leids. Was unterscheidet wohl Tränen des Glücks davon?

Tränen des Glücks bilden die Quelle jener Bächlein, die sich vereinigen und dann auf einem langen, gemeinsamen Weg im besten Fall zu einem mächtigen Strom anschwellen – einem Strom, der Euer Eheschiff hinaus aufs offene Meer trägt, dorthin, wo eine frische Brise Euch guten Wind geben soll und dorthin, wo Stürme Euren Viermaster auf seine Seetüchtigkeit prüfen werden – und ihm im besten Falle nichts anhaben können.

Unser Traupfarrer, Günter Reinert, hat uns 1981 – vor fast genau 35 Jahren, im September 1981 – in der eingerüsteten Kirche von St. Menas - in Stolzenfels - prophezeit, dass unsere Ehe eine ewige Baustelle sein wird, nein, sein möge! Die Ehe, wenn sie lebendig und zukunftsverheißend sein soll – ist wie der Kölner Dom: von spröder Schönheit und vor allem nie fertig!

Ihr beiden lebt seit sieben Jahren bereits unter einem Dach. Für den heutigen Schritt wurde es höchste Zeit. Manche aus Quellen der Liebe gespeiste Bächlein sind schon versandet und hätten der Bekräftigung, der gemeinsamen Erklärung und der Entschiedenheit bedurft, bevor sie - bittersüß von Andreas Bourani auf ungemein poetische Weise besungen – auseinanderfließen und sich Auf anderen Wegen ergießen.

Ich möchte das Lied von Andreas Bourani nutzen, um eine Illusion zu enttarnen und Euch zu ermuntern, den bittersüßen Phrasen und Melodien der Romantikjunkies nicht auf den Leim zu gehen. So ist aus „Auf anderen Wegen“ „Auf unseren Wegen“ geworden:

 

Auf unseren Wegen

 

So lasst Euren Herzen den eigenen Takt.

Sie müssen nicht schlagen wie eins!

Leuchtet hell, ein jeder für sich – und heller gemeinsam,

Das wäre schon viel!

 

Dann könnt Ihr gehen und springen,

Reden und singen,

Wurzeln schlagen und fliegen

Und keiner muss siegen!

 

Und fühlt der eine sich jung und der andere alt,

will sich der eine bewegen, und der andere sagt halt,

so kann das schon sein – so ist das im Leben!

lieben heißt dulden und manchmal vergeben!

 

Dann könnt Ihr atmen und weiter wachsen.

Und seid Ihr dann alt und wirklich erwachsen,

Sitzen dereinst vielleicht Kinder vor Euch – ganz gebannt.

Und lauschen den Worten der Alten froh und gespannt.

 

Genug der Poesie – zum Schluss ein paar Empfehlungen, die Deiner Mutter, liebe Laura und Deiner Schwiegermutter, lieber Thomas und meiner Wenigkeit in den letzten Jahrzehnten so richtig guten Wind in die Segel geblasen haben und die uns auch in der ein oder anderen Flaute wieder auf Kurs gebracht haben. Sie stammen von Arnold Retzer, einem Schulfreund, der als einer der ronommiertesten Paartherapeuten in Deutschland gilt:

Wenn selbst Arnold Retzer vom Wunder der Ehe spricht, lässt das nicht eben vermuten, dass es angebbare Gründe und Erklärungen dafür gibt, wie und warum es offensichtlich Menschen gelingt, „ein schnarchendes, schlechtgelauntes, misstrauisches oder mimosenhaftes Wesen, das nicht nur sein Inneres, sondern – noch schlimmer – sein Äußeres verändert hat, dauerhaft zu lieben, alle wirklich ernsthaften Hindernisse zu überwinden und auch in Ebbezeiten einer Ehe immer und immer wieder das Leuchtfeuer des Durchhaltens anzuzünden (Arnold Retzer).“

Immerhin bietet Arnold Retzer in einem überschaubaren Sieben-Punkte-Katalog einige Hinweise an, um dem Wunder der Ehe auf die Spur zu kommen:

1. Es ist die Liebe

Es braucht schon das, was wir eine Liebesgeschichte nennen; eine Liebe, die sich eine eigene Welt erschaffen kann und dieser Welt ihren eigenen, unverwechselbaren Sinn gibt. Aus all seiner Erfahrung leitet Arnold Retzer die Erkenntnis ab, dass die alltäglichen Probleme einer Ehe, vor allem die dort empfundene Ungleichheit und Ungerechtigkeit dann keine große Belastung darstelle, wenn die Liebe stark ist. Umgekehrt nütze eine gute Partnerschaft – mit der Idee einer gerechten und vertragsgetreuen Aufteilung von Rechten und Pflichten – dann wenig, wenn die Liebe schwach ist.

2. Resignative Reife

Wundert Euch nicht – aber dieser Punkt irritiert die meisten Paare zutiefst, denn Arnold sagt, es komme nicht darauf an, sich zu vertragen, als vielmehr sich zu ertragen, ein Arrangement zu finden, dass man auch als resignative Reife bezeichnen könne: „Einigermaßen glückliche Paare versuchen demnach, ihren Schwierigkeiten nicht durch Verletzungen und Verächtlichmachungen zu begegnen, sondern mit Humor, Ablenkung, Zuneigung und Respekt.“

3. Vergeben und vergessen

Das Wunder der Ehe entstehe eben weniger durch Versuche des Ausgleichs als vielmehr durch die Möglichkeit der Vergebung. Was nun kommt, darüber wissen eigentlich nur alte Paare – wie Eure Eltern – etwas. Denn nach der Vergebung könne es auch zu einem neuen Verhältnis von Erinnern und Vergessen kommen: „Man erinnert sich an das Gute und vergisst das Schlechte.“ Das Schuldgedächtnis kette an die Vergangenheit und raube die Handlungsfähigkeit – oder wie mir einmal ein Kneipenwirt auf der Insel Juist nahelegte: „Wer nachtragend ist, hat viel zu schleppen!“

4. Positive Illusionen

Vordergründig betrachtet könnte man meinen, der Arnold mache sich mit der folgenden Empfehlung des Sarkasmus verdächtig. Er empfiehlt nämlich, sich den Partner schön zu denken: „Glauben Sie an die Kraft der Illusion, an die geschönte Wahrnehmung.“ Das diese Empfehlung ganz und gar nicht sarkastisch gemeint ist, wird mit dem von ihm erzählten Beispiel sehr schnell klar. In einer Therapiesitzung erzählte ihm eine Ehefrau: „Als ich zugenommen hatte, hat er gesagt, er mag dicke Frauen. Und als ich abgenommen hatte, hat er gesagt, er mag schlanke Frauen. Irgendwann hab ich dann begriffen, dass er mich liebt.“

5. Verzicht auf Glück

Mit Blick auf Paare vor dem Traualtar gibt Arnold zu bedenken, dass es oft leichter sei, ein Versprechen zu geben und auch anzunehmen, das man nicht halten kann, als nur das zu versprechen, was man auch einlösen könne. Statt sich vielleicht schwere, aber bei genauer Auswahl erfüllbare Versprechungen zu machen, verspreche man sich oft lieber etwas so Nebensächliches wie das Glück und werde dabei untröstlich unglücklich. Allerdings räumt auch der Arnold Retzer ein, dass zu einer Ehe wohl auch ein gehöriges Maß an Glück dazugehöre.

6. Freunde sein

Überrascht es eigentlich, wenn man davon ausgeht, dass sich das Wunder der Ehe auch aus einer freundschaftlichen Verbundenheit erklärt? Arnold Retzer meint damit eine Haltung, die gleichermaßen auf Teilhabe wie auf Teilnahme beruht. Eine dementsprechende Praxis der Freundschaft bestehe in mitteilendem Reden und teilnehmendem Zuhören, Im-Sich-Verantwortlich-Rede-Und-Antwort-Stehen und nicht zuletzt auch in einer Teilhabe am gewöhnlichen Leben, an all dem, was oft so geringschätzig als Alltag abgetan werde. Vielleicht ist sie – die Freundschaft – für eine lebendige Ehe als Korrektiv unverzichtbar, weil sie weder das Ziel verfolgt, nützlich oder nur angenehm zu sein – ganz im Gegenteil steht sie für eine Haltung, die sowohl Nähe wie auch Abstand ermöglicht und dabei streitbar und mutig bleibt.

7. Die konservative Rebellion (letzter Punkt)

Wer hätte das gedacht, dass ich in der Pfarrkirche St. Servatius zu Güls einmal vor meinen Kindern stehen würde, um eine quer zum Zeitgeist stehende konservative Rebellion zu vertreten; um die Ehe gegen die hohen Werte der Gegenwart – Flexibilität, Unmittelbarkeit und Schnelligkeit zu verteidigen. Denn wie unzeitgemäß und hoffnungslos überholt muss da die auf Mittelbarkeit, Langfristigkeit, Verlangsamung und Stabilität setzende Ehe wirken? Kein Wunder – so die Zuspitzung Arnold Retzers, dass die Ehe wie ein anachronistisches Wunder erscheine: Wer an ihr festhalte, selbst dann noch, wenn neue und verbesserte Versionen auf dem Markt seien, der laufe Gefahr als „nicht normal angesehen zu werden“. Aus Verpflichtungen der Art „Bis dass der Tod Euch scheidet“ würden heute oft Verträge, die jederzeit gebrochen werden könnten. Partnerschaften und Ehen würden wie Dinge behandelt und wahrgenommen, die man konsumieren könne.

 

Zum Schluss möchte ich daran erinnern, dass ich hier an dieser Stelle im März 2010 – bei der Trauerfeier für Deinen Opa, liebe Laura, schon einmal gestanden habe. Damals mussten wir die Kraft der Familie nicht beschwören, sondern alles was bis dahin geschehen war, verdankte sich der Kraft unserer Familie. So soll dies heute nicht nur ein Lob der Ehe sein, sondern ich möchte in dieses Lob die Familie einbeziehen. Sie ist und bleibt für uns der Garant für Zugehörigkeit und Geborgenheit.

Und im Übrigen – sollte irgendjemand Euch tatsächlich einmal als nicht normal betrachten weil Ihr an Eurer Ehe festhaltet – dann tragt dieses Stigma mit stolzgeschwellter Brust!

Eure Eltern wünschen Euch immer mindestens eine Handbreit Wasser unterm Kiel und guten Wind in den Segeln! Und wenn der Wind einmal ausbleibt, dann rudert halt selbst!

 

   

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