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Höhere Gewalt oder: Mit Ruben Östlund ins Familien- pardon Skiparadies

Wie beobachten Feuilletonjournalisten Familiendynamiken in der (Post-)Moderne?

Und wie beobachten wir Feuilletonjournalisten (Thomas Assheuer - ZEIT, 48/2014)?

"Das Leben auf dem Zauberberg ist herrlich. Die Nobelherberge in den französischen Alpen liegt in bester Lage, der Neuschnee sieht aus wie Zuckerwatte, und der nächtliche Sternenhimmel ist eine Wucht."

Na, Lust auf ein Skiabenteuer bekommen? Vorsicht! In den Alpen gibt es auch Lawinen - davon weiß Prinz Friso leider nicht mehr zu berichten. Claudia und ich befanden uns am 17.2.2012 ins Stanton unweit des Lawinenunglücks, bei dem Prinz Friso abseits der offiziellen Pisten verschüttet wurde, und ließen die Bretter von den Füßen - bei Lawinenwarnstufe 4 bis 5! Wir leben noch. Prinz Friso ist tot - nach monatelangem Koma verstarb er am 12. August 2013 im Alter von 44 Jahren.

Sind wir risikoscheu? Meine Frau bewegt sich häufiger im hochalpinen Schizirkus, manchmal gemeinsam mit mir - häufiger mit leidenschaftlich(er) Gleichgesinnten.

Thomas Assheuer (ZEIT, 48/2014, S. 59) nimmt Ruben Östlunds "packenden Kinofilm" - "Höhere Gewalt" zum Anlass, um systemische Familiendynamiken mit Lawinenhilfe ins Rollen zu bringen. Das heißt, er folgt Ruben Östlund, der eine abgehende Schneelawine zum Anlass nimmt, um das latente Familienelend einer "scheckheftgepflegten Musterfamilie" offensichtlich überaus pointiert in Szene setzen zu können. Ein riesiges, komfortables Hotelzimmer - inmitten eines hochalpinen Luxusressorts - mit der Zimmernummer 4 1 3 gehört zum Rahmen eines Kammerspiels, "das seine Spannung allein aus der Idee gewinnt, dass der Lawinenschock die familiären Verwerfungen nicht auslöst, sondern lediglich ans Licht bringt".

Spannend sind vor allem die Unterscheidungen, die uns angeboten werden, um Familie und Familiendynamiken im gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext und Erwartungshorizont (und zugegebernmaßen im gehobenen Milieu) zu beschreiben - oder anders gefragt: Was gehört eigentlich heute essentiell zur Inszenierung eines familienadäquaten (hochalpinen) Kammerspiels?

  • Vater, Mutter und (höchstens) zwei Kinder,
  • die wie eine "scheckheftgepflegte Musterfamilie" daherkommen, die Werbung machen könnte für ein unfallsicheres Schwedenauto, und die ja auch tatsächlich aus Schweden bis in die französischen Alpen kommt (was in etwas antiquierten Sprachbildern ein dickes Heft mit gedeckten Schecks voraussetzt),
  • so dass "die Kinder bestimmt eine Eliteschule und später eine Eliteuniversität besuchen";
  • ein Vater, Tomas, der "zu viel arbeitet und dringend 'Familienzeit' braucht";
  • eine Mutter, Ebba, der "die Kontrolle über das durchgeplante Leben entgleitet",
  • so dass "plötzlich nicht nur ihr Rollenbild, sondern die gesamte, auf Statussicherung fixierte Wohlstandswelt auf dem Spiel stehen".

Aber warum bloß?

Was deckt die Lawine, die anders als in Prinz Frisos Fall, niemanden verletzt, auf? Ähnlich wie bei Burkhard Spinnen ("Absolute Kindheit") geht es primär um den Verfall traditioneller männlicher Rollenbilder. Der Mann - Tomas - erscheint als "Weichei", der - jenseits aller Risikobereitschaft - selbst Schutz und Geborgenheit in der Komfortzone sucht:

"Weil die Sonne scheint, isst man auf der Terrasse zu Mittag. Was für ein grandioses Schauspiel! Die Schneewand türmt sich auf, pfeilschnell kommt sie näher, sie wächst und wächst. Doch diesmal kennt sie kein Halten mehr, sie rast auf die Terrasse zu, Panik bricht aus, die Kinder schreien um Hilfe. Und Tomas? Er schnappt sich sein kostbares Smartphone und rennt weg."

Die schönen Tage sind zu Ende: "Anstatt die Familie zu beschützen, nahm ihr Mann Reißaus und ließ alle im Stich. Was für ein Verrat! Vier, eins, drei: Zu viert war man angereist, einer rannte weg, drei blieben zurück." Wir brauchen neue Helden, die das Selbstverständliche tun - vielleicht wie König Gustav? Nach der Feigheit vor Frau und Kindern ist in unserer schwedischen Vorzeigefamilie nichts mehr so, wie es war. Tomas' Versagen beschädigt das (erwartete) Bild eines tapferen Mannes, der Frau und Kinder schützt. Aber auch Ebbas Selbstbild zerbricht - erst jetzt? "Ich erkenne uns nicht mehr". Sie möchte jetzt endlich etwas "für sich machen". Wer hilft? "Eine 'beziehungsoffene' Alleinreisende, die Mann und Kinder zu Hause gelassen hat und nach kleinen Liebesabenteuern Ausschau hält." Den Schlüssel zu ihrem - und unser aller Wohlergehen - findet Ebba in der Antwort ihrer Trinkgefährtin auf die Frage, wie ihr Mann das denn finde? "Was soll er dagegen haben, wenn es mir gut geht?"

Ja, ja, der Lebenslauf besteht aus Wendepunkten an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen (frei nach Niklas Luhmann). Aber die Wendepunkte muss man nicht nur erkennen, man muss sie in ihren Wendechancen auch erkennen und danach handeln. Und man müsste über etwas verfügen, was im Luhmannsche Sprachgebrauch "Selbstdesinteressierung" genannt wird.

"Einmal betrachtet Ebba die Fotos ihrer Kinder, sie schaut lange, sehr lange, als gäben sie die Antwort auf alle Fragen. Vier, eins, drei; alle Kombinationen sind möglich. Die vier kommen wieder zusammen. Oder auch: Drei bleiben zurück, und einer fehlt. Und auch die böse Dreizehn ist noch im Spiel."

We don't need another hero! Sondern ein Gespür für Wendepunkte und Veränderungsbedarf. Also seit sieben Jahren lässt es sich meine Frau in hochalpinen Luxusressorts gut gehen, allerdings nicht als Alleinreisende! Aber dass es ihr gut geht, tut auch mir gut, tut uns gut, uns allen, weil wir ein wenig vom kostbaren Stoff der "Selbstdesinteressierung" gekostet haben.

 

 

   

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