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Die absolute Kindheit oder eine Nachlese (12 Jahre später)

 zu Burkhard Spinnen: Die absolute Kindheit, in: „Literaturen“ (9/01, S. 10-13)

Die nachfolgende Wiedergabe einer Gedankenspielerei Burkhard Spinnens ist 2001/02 entstanden und in „Ich sehe was, was du nicht siehst – Komm in den totgesagten Park und schau“ abgedruckt. Seitdem sind gut 12 Jahre vergangen; mein fünfzigster Geburtstag dementsprechend lange her. Meine Kinder sind nicht mehr 15 und 13 Jahre alt – sondern eben 12 Jahre älter. Sie haben noch keine Kinder, aber jeweils einen Partner, mit dem sie ihr Leben teilen. Meine Ehe hat gehalten – und wir beiden danken uns gegenseitig dafür. Ich danke in erster Linie, weil ich – den Kontinuitätsverlockungen und -erwartungen nicht standhaltend – vor langer Zeit (so um 1997 herum) selbst die von Burkhard Spinnen phantasierte „Delete-Taste“ gedrückt habe: „Es werde getilgt!“ Gib Dir noch eine Chance! Aus „Chance“ wurde Krise und aus Krise wurde Chance, was in manchen Kulturen ohnehin nur als dialektische Einheit gedacht werden kann. Und warum sollen wir nicht von anderen lernen?

Und in den zwölf vergangenen Jahren haben in meinem unmittelbaren Umfeld eine Reihe von Jungs und Mädels – auch große Jungs und Mädels – die „Delete-Taste“ gedrückt. Daran versage ich mir selbstverständlich jede Kritik. Die dialektische Spannung zwischen Chance und Krise, ihr Ausloten und ihre Überführung in erträgliche und unter dem Gesichtspunkt von Kollateralschäden vertretbare Lebensentwürfe muss jede® für sich entscheiden (siehe: "Das Trauma überwinden"). Burkhard Spinnen sinniert im Referenztext über diese „Delete-Taste“ – ja er kann als ihr literarischer Erfinder gelten:

Deleatur! Spinnen artikuliert den „unerhörten Wunsch nach einer Delete-Taste im eigenen Leben: das falsche Studium – delete! die große Liebe, die es alsbald doch nicht war – delete! ein Ich-Bild, dem ich vergeblich ähnlich zu werden suchte – delete!"

Beim Wieder-Lesen des Textes kommt mir die Lebensspanne der letzten 12 Jahre als unerhört dicht und ereignisreich vor. Ich sollte doch endlich damit beginnen, diesen dichten „Stoff“ auf seine Beschaffenheit und Webmuster (noch genauer) zu untersuchen. Am Patch-Work der letzten zwölf Jahre haben neben mir viele andere mitgewebt. Und jeden Tag frage ich mich, inwieweit das „homo homini lupus est“ unter meiner entscheidenden wölfischen Beteiligung tatsächlich den basso continuo begründet, der unserer Lebensmelodie den Grundton vermittelt? Und es sei an dieser Stelle – wie an so vielen – das Bekenntnis erneuert, dass ich den Pfeifton der Altvorderen gehört habe: Karl Otto von Hondrich, den ich gar nicht genug würdigen kann – und natürlich auch Arnold, der ist genauso alt wie ich, also ein 1952er und hat dieselbe Schule besucht wie ich. Ihm verdanke ich den Hang zur „resignativen Reife“. Sie verbietet mir Moral und sie verbietet mir missionarischen Eifer. Aber z.B. meine Studenten, die ja alle Lehrerinnen und Lehrer werden wollen, zu (er)mahnen zu lesen, das gehört schlicht zu meinem beruflichen Ethos. Ich lese auch – zum Beispiel Zeitung: Heute – während des Abbackens eines Apfelkuchens – eine alte Ausgabe der ZEIT – in der Sparte WISSEN: „Das Trauma überwinden – Wenn Eltern sich trennen, sind Kinder häufig die Leidtragenden“ (ZEIT, 18/2014) und in einer noch viel älteren Ausgabe der Literaturen (6/2003) „Himmel und Hölle – Wie Kinder auf die Reise zu sich selbst gehen“ (es handelt sich um Sabine Berloges Rezension zweier Kinderbücher: „Mama verliebt“ von Beate Dölling und „Der Mechanische Prinz“ von Andreas Steinhöfel).

Um zunächst auf Burkhard Spinnen, geboren 1956, zurückzukommen: Er lebt als Schriftsteller in Münster und ist Mitglied der Jury für die Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Preises; nicht preiswürdig, aber würdig über Preiswürdigkeit zu befinden – immerhin.

Burkhard Spinnen bietet in den „Literaturen“ (9/01, S 10-13) vier Seiten Selbstreflexion mit der Aura jemandes, der gleichermaßen sachkundig wir literarisch niveauvoll zu räsonieren versteht. Meine Wertschätzung ist beachtlich, weil Burkhard Spinnen das Luhmannsche Präjudiz, dass jede Repräsentation der Außenwelt eine bestimmte Form der Selbstrepräsentation sei, eindrucksvoll demonstriert. Spinnen eröffnet mit dieser Haltung einen Zugang zu Problemstellungen, die uns – um Wolfgang Hörisch zu folgen – kein Soziologe, kein Psychologe, kein Historiker und im Übrigen auch kein Philosoph in entsprechender Weise und Schärfe – hier bezogen auf „Kindheit“ – liefern kann.

Die formale Textstruktur: „1 eine szene“; „2 bring the boys home!“ und „3 junge literatur“ bildet eine Klammer, die Allgemeines – das Ende einer Beziehung – in singulärer Konfiguration interessant erscheinen lässt, die Singuläres in die allgemeinen Daseinsbedingungen einer ganzen männlichen Generation und in die ihrer Söhne übersetzt und die schließlich drittens aus Allgemeinem und Besonderem einen neuen Kindheitsbegriff synthetisiert.

Burkhard Spinnen baut eine argumentative Klammer, die geeignet erscheint, gegenwärtig beobachtbare Folgekosten veränderter Kindheit mit den habituellen Eigenheiten gegenwärtiger Elterngeneration(en) kurzzuschließen:

„Da liegt es nahe, dass wer jetzt Literatur zu schreiben beginnt, die Gegenwart dort schildert, wo ihre allegorische Figur steht: in der Kindheit. Denn gerade Heranwachsen heißt seit einiger Zeit, die Gemengelage des Gegenwartsbewusstseins ungemildert erfahren: als eine Mischung aus Totalversicherung und schlechten Prognosen, aus Overprotection und Verwahrlosung. Das Kind heute steht für uns alle! Kinder werden jetzt, wie immer verlangt, sehr ernst genommen, dafür bürdet man ihnen unerträgliche psychische Lasten auf und ruiniert so ihre Kindheit. Die Kleinfamilie siecht vor sich hin, aber keine der alternativen Lebensformen taugt auch nur als Hoffnungsträger mehr. ‚Lebensabschnittspartnerschaft’ und ‚Patchworkfamilie’ heißen die Euphemismen für eine gesellschaftliche Dauerratlosigkeit; und sie werden im Gegensatz zu durchsichtigen demagogischen Phrasen der Völkermörder nur deshalb nie zum ‚Unwort des Jahres’ gekürt, weil ihre Benutzer in der Jury sitzen. Zu leiden aber haben unter diesem gelebten Struktur- und Utopieverlust am meisten die Kinder... Kind zu sein ist heute in den allermeisten Fällen so wunderbar schrecklich wie furchtbar endlos. Und es ist vollkommen beispielhaft. Denn wer unter fünfzig lebt nicht unter der Verheißung, nein: unter dem Fluch, er bleibe, wenn er sich ein wenig Mühe gebe, ‚forever young’? Eine ganze Generation hat ihre Sicherheits- und Versorgungsansprüche auf die eines verhätschelten Nesthäkchens eingepegelt, alles wollen wir haben, nichts darf uns zustoßen, wir wollen in Watte gepackt sein; doch gleichzeitig sind wir der Wolf unseres Nebenmenschen und ganz besonders der unserer Kinder (Spinnen, 12).“

Burkhard Spinnen schlägt der aktuellen Sandwichgeneration mit spitzem Florett den Aufschrei ihrer Kinder um die Ohren, ein Aufschrei, der erstickt im Konsumwahn der feinen Unterschiede, der untergeht im Zeitrafferleben und der Verweigerung früh alternder Junkies, der erstirbt im Stellvertreterkrieg leistungsgeiler Welt- und Standortretter, ein Aufschrei, der uns selbst allen im Halse stecken bleibt, wenn wir unsere Kinder sehen:

„Kinder, die ihre Kindheit nicht mehr als eine mehr oder weniger erfreuliche Durchgangsstation auf dem Weg zum Erwachsensein betrachten, sondern vielmehr als ein Reservat, in dem freundlich sorgsame Entmündigung und habituelle Brutalität einander fein die Waage halten. Man tauscht ein wenig Vernachlässigung durch den Vater gegen etwas Trennungsangst der Mutter. Nie wird man gegen die Eltern aufbegehren können, weil man nie Respekt vor ihnen hatte. Nie wird man wirklich aus dem Haus gehen können, weil es das Haus schon lange nicht mehr gibt. Kein Erwachsenwerden, da die Kindheit alles umschließt. Verständlich also überdies, dass für die Mitglieder einer jüngeren Generation von Autoren ‚Kindheit’ die aktuellste Daseinsmetapher ist (Spinnen, 13).“

Ja und dann fasziniert Spinnen durch einen kleinen Klammersatz, in dem er beiläufig mitteilt, dass gerade jetzt wieder Tausende von Männern auf Balkonen sitzen und erwägen, demnächst einfach wegzugehen, „beleidigt darüber, dass ihre Kinder sie nicht weiter ihr Spiel haben spielen lassen“.

Von Burkhard Spinnen erfährt man immerhin, dass er als Schriftsteller in Münster lebt und dass er Mitglied der Jury für die Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Preises ist. Unter „1 eine szene“ erfindet Burkhard Spinnen die Delete-Taste für’s eigene Leben. Aber mit Distanz, mit der gewachsenen Distanz, in der Jahresringe wachsen, in der das Deleatur zu einer großen Inszenierung dessen gerät, der seine Krisen „ausgehalten hat“, der sie bis an ihr „schlimmes Ende durchlitten hat“, und der wie eine Henne auf gipsernen Eiern in Tagen, Wochen, Monaten und Jahren jene „ewig ungeliebten, wenngleich prägenden Erinnerungen“, hütet, pflegt und bebrütet.

„Noch unereignet, wartete (auf ihn) nichts anderes als lauter schlechte Vergangenheit.“ Aber aus schlechter Vergangenheit spinnt Burkhard Spinnen ein subtiles Netz selbstbezüglicher Verwobenheit:

„Es ist Sonntagmorgen, ich sitze auf dem Balkon im achten Stock und schaue über die Stadt... Es ist, wie gesagt Sonntagmorgen. C. holt die noch fehlenden Sachen zum Frühstück aus der Küche und braucht dafür furchtbar viel Zeit. Ich überlege, was den Sonntag retten könnte. Da plötzlich geschieht es, dass ich denke, ganz wörtlich so: Lass es! Geh einfach weg! Geh nach Hause!

Burkhard Spinnen räsoniert darüber, wie er diesem Gedanken eine Form geben kann, der ihn abhebt von den tausend und abertausendmal gedachten Gedanken der anderen Balkonsitzer. Und er schießt dabei so übers Ziel hinaus, dass er sich beinahe um die Nabelschnur gebracht hätte, die ihm seine Gedanken- und Leidensnahrung zuführt:

Doch was ich auf jenem Balkon dachte und – skandalöserweise! – auch einen Moment für möglich hielt, das war: Ich könnte mein Leben mit C. in toto rückgängig machen. Ich könnte die zwei wunderbaren Jahre und das Desaster der letzten Wochen einfach streichen, löschen, ungeschehen machen. Alles zurücknehmen, für ungültig erklären.“

Deleatur! Spinnen artikuliert den „unerhörten Wunsch nach einer Delete-Taste im eigenen Leben: das falsche Studium – delete! die große Liebe, die es alsbald doch nicht war – delete! ein Ich-Bild, dem ich vergeblich ähnlich zu werden suchte – delete!“

Die soziologisch unterlegte Reflexionsfolie bietet übrigens Ulrich Beck in „eigenes Leben“ mit fünfzehn Thesen, die an anderer Stelle nachgelesen werden können. Das „Deleatur“ von Burkhard Spinnen gerät hier seriös zum „Experimentur“. All das, was Spinnen zynisch als „Euphemismen“ bezeichnet, gerät bei Ulrich Beck zur Herausforderung alltäglicher Selbstgestaltung, zu Optionen - bei aller „Schmuddeligkeit“, die mit der „Dignität der Praxis“ verbunden ist.

Und dennoch gerät durch Spinnens literarischen Zugriff auch weiterhin etwas in den Blick, dass durch die soziologische oder andere –logische Brillen betrachtet, merkwürdig blass bleiben muss: Spinnen (re)konstruiert passend - zum „deleatur“ alles Widrigen - aus dem Daseinshintergrund der männlichen Nachkriegsgenerationen ein Lebens- und Kindheitsmotiv, das vor allem die Kultur des Sterbens für’s Vaterland radikal verändert hat. Menschen tun zwar immer nur, was sie tun! Es wird weiterhin getötet und gestorben; auch wenn die zweifelhaften Enklaven einer heilsgeschichtlich legitimierten Tötungsideologie und die Heldenaura von Selbsttötung in Kauf nehmender Todeskommandos sich auf die religionsfundamentalistisch motivierten lebenden Sprengsätze á la bin Laden, Hisbollah (neuerdings ISIS) – beschränken. In westlich geprägten Kulturen aber verfängt längst nicht mehr die Idee, es sei süß und ehrenvoll fürs Vaterland oder irgendeine Heilsidee zu sterben.

Burkhard Spinnen nimmt die gleichermaßen brutale wie unauflösbare Paradoxie von Steven Spielbergs „Saving Private Ryan“ und zeichnet noch einmal nach, was den Helden schließlich fünfzig Jahre nach den Ereignissen völlig ratlos vor dem Gräbern seiner Retter stehen lässt: Um ihn, dessen drei ältere Brüder bereits den Heldentod fürs Vaterland gestorben sind, als blutjungen Soldaten auf höchsten Befehl zu retten, müssen eine Hand voll erfahrener Soldaten sterben. „War ich das wert?“

Darauf gibt – in aller Gnade wie Gnadenlosigkeit - immer nur das Leben die Antwort: „Das Folgende muss möglich sein.“ Die Frage ist rhetorisch! Nur wer lebt, lebt! Paradox und vollends widersprüchlich werden die Botschaften eines „dulce et decorum est pro patria mori“ oder eines „Du bist nichts, dein Volk ist alles“, weil es bis zum 11.9.2001 keine historischen und ideologischen Kontexturen mehr gab, die sie mit Sinn erfüllen. Das "Bring the boys home!“ signalisiert völlig andere Werte- und Erwartungshierarchien:

„Denn das sind ja keine Soldaten dort draußen im Stacheldraht und in den Minenfeldern von Somalia, Bosnien und dem Kosovo (das war damals – heute wie damals müss<t>en wir über Afghanistan, Syrien und den Irak, über Afrika reden, WR) – das sind vielmehr lauter Jungen, nein, Jungs, Kinder eben, deren prinzipielles Recht auf Befreiung von jedem Schicksal auch in Kriegszeiten gültig bleibt... Den Tod umgibt keine Gloriole mehr, auf den Schlachtfeldern wie auf den Landstraßen und in den Spitälern der Heimat ist er ein bedauerlicher Unfall, zu dessen Vermeidung nicht genug unternommen werden kann: Airbags, Dreipunktgurt, Antiblockiersystem, Vorsorgeuntersuchung, Bombardement als chirurgischer Eingriff, Krieg der Sterne.“

Die eigenwillige Interpretation, die sich anschließt, ist Spinnens Spinnerei. Sie legt möglicherweise Steven Spielbergs zentrales Motiv frei: Aus „Saving Private Ryan“ einen „Private Everybody“ abzuleiten, dessen Rettung dann – wie Spinnen meint – „für eine grundsätzliche Beherrschung des Schicksals“ stehe als einer Regel, von der selbst das tödliche Schicksal der Massen in den modernen Kriegen nur die Ausnahme bilde. All dies lässt sich seit dem 11.9.2001 allerdings nicht mehr so lapidar daher sagen. Er erinnert uns äußerst brutal an die „Kontingenz“ aller biografischen Verläufe; was es bedeutet, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Unter dem bunten Mäntelchen der Spaßgesellschaft kristallisiert sich eine existentielle Grunderfahrung umso deutlicher heraus: die der Angst: „Die Angst ängstet sich nicht so sehr vor anderem Seienden, sonder um das In-der-Welt-Sein als solches, schärfer gefasst: um die Möglichkeit des eigenen Nicht-Seins. Die Angst ist die radikale Erfahrung, in der dem Menschen das Seiende im Ganzen entgleitet: Er begegnet seinem eigenen Tode. Der Tod begegnet aber dem Dasein nicht von außen her. Er gehört ihm zu: Dasein ist nur als Sein-zum-Tode. Aus dieser Begegnung mit dem eigenen Tod als der absoluten Grenze entspringt die eigentliche Bedeutsamkeit und Dringlichkeit des menschlichen Daseins. Verfügten wir über eine un-endlich lange Zeit, so wäre nichts dringlich, nichts wichtig, nichts ‚wirklich’. Für gewöhnlich schließen wir die Augen vor diesem Sachverhalt. Wir vergessen, dass wir angesichts des Todes unser je eigenes, unverwechselbares Leben zu verwirklichen haben. Wir gleiten ab ins Uneigentliche, ins Unverbindliche, ins ‚man’. Besinnung aber lehrt uns erkennen, dass der Tod uns zur Übernahme der eigenen Existenz aufruft, er offenbart die Unwiderruflichkeit unserer Entscheidungen, ruft uns auf zum eigentlichen und eigenen (‚je meinen’) Leben in Freiheit und Selbstverantwortung (Heidegger in Sein und Zeit, nachgezeichnet von Hans Joachim Störig, Frankfurt 1999, S. 683).“

Die letzten Monate, seit dem 11. September haben mich selbst aus der Bahn geworfen und die militanten Anteile in mir hervorgekitzelt, atavistische und archaische Motive mobilisiert. All denjenigen, die die zivilen Opfer der Militärschläge in Afghanistan ins Feld führten, habe ich angeblafft und die von Heiner Geißler zu Beginn der 80er Jahre in die politische Diskussion eingeführte – und aktuell von Wolf Biermann bemühte - pazifismuskritische Argumentationsfigur für mich entdeckt. Das Münchner Abkommen von 1938 und die Fehleinschätzung der nationalsozialistischen Expansionspolitik haben ihre bittere Wirkung nicht verfehlt:

Um das Primat der Politik durchzusetzen braucht man allerdings einen politischen Partner, zumindest aber einen politisch handelnden Kontrahenten. Im Falle der Terrorschläge vom 11. September 2001 hat sich Politik in Trümmer aufgelöst und mit einem Leichentuch zugedeckt. Und es besteht kein Zweifel, dass die Vereinigten Staaten von Amerika dafür gesorgt haben, dass ihnen der politische Kontrahent abhanden gekommen ist, und dass sich aus den Wirkungen einer radikalen Machtpolitik oder einer ignoranten Wegguck- und Duldepolitik im nahen Osten die bin Ladens dieser Welt rekrutieren und erklären (inzwischen haben die Todeskommandos der US-Armee bin Laden elimeniert, ohne die Wurzel des Terrorismus, die sie zu guten Teilen nähren, auch nur anzutasten).

Andererseits kann nur ein Primat der Politik dafür sorgen, dass die Welt nicht den völligen Rückfall erleidet in das alte Schisma, in dem sich Glaube und Wissen bekämpfen. Zweifellos gibt es keine Alternative dazu, die Errungenschaften der westlichen Zivilisation als solche zu begreifen und zu verteidigen, eingedenk des Preises, den wir im Prozess der Säkularisierung als Individuen auch immer zahlen. An dieser Stelle gestehe ich meinem Neffen, Michael, heute (im November 2014) uneingeschränkt zu, dass die heutige Gestalt Europas – bei aller Kritik und allen Vorbehalten – ohne das philosophische Projekt der Moderne (incl. des damit einhergehenden Ringens um eine vernünftige politische Ordnung) nicht vorstellbar wäre.)

Und Burkhard Spinnen halte ich entgegen, dass es legitim ist, sich in dieser Welt als „Weichei“ zu bekennen, Airbags, Dreipunktgurte, Antiblockiersysteme und Vorsorgeuntersuchungen als Fanale der Achtsamkeit und Fürsorge und als „schicksalsflankierende Maßnahmen“ zu betrachten. Genauso wie ich es als alternativlos betrachte, die rechts- und sozialstaatlichen Errungenschaften zu verteidigen – wenn nötig auch mit der Waffe in der Hand!

   

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