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Die Mohnfrau

Wozu „erfindet“ man eine Mohnfrau? Gedanken lyrisch und in Prosa

 Wenn ich etwas über die Liebe sagen wollte und dabei von mir absehe, um wenigstens die „blinden Flecken“ abzuwenden, die sich in selbstbildbezogenen und –beschränkten Auslassungen unvermeidbarer Weise einstellen, kann ich in diesem BLOG-Kontext ohne weiteres auf Tina Schneiders „Papa Anna Bleiben“ verweisen. So wie vermutlich wir alle, bestätigt sie David Schnarch (in diesem BLOG unter: „Kopfschmerzen und Herzflimmern“) in seiner These, dass die meisten Menschen sich natürlich an Zeiten erinnern – meist eher die jungen Jahre – in ihrem Leben, in denen eine leuchtende und glänzende Erotik die ganze Welt zu durchfluten schien: „Sie erinnern sich an das herrliche Prickeln beim Anblick eines bestimmten Menschen und an ihren sehnlichen Wunsch, dieser möge lächelnd auf sie zukommen; sie erinnern sich an die heftige Gefühlswallung, als eine bestimmte Person ihren Arm berührte; sie erinnern sich an die unerträgliche Freude, dem geliebten Menschen unerschrocken in die Augen zu schauen. Selbst wenn die Menschen älter werden, heiraten, Kinder haben und in verantwortungsvoller Position sind, durchzuckt diese sexuelle Elektrizität sie immer wieder… Das kribbelnde Versprechen des Erotischen rüttelt einen immer noch auf, schenkt immer noch Lebenskraft und das innere freudige Erwachen, das nicht unerheblich zu dem Vergnügen und der Lust beiträgt, die man im Leben empfindet.“

Das ist die eine, immer noch und immer wieder lebendige Seite unserer Welterfahrung und Welterzeugung. Die andere Seite – mit der Absicht mehr Differenzierung in die Welt des Eros zu tragen – vermittelt uns Julia Onken indem sie es als Entwicklungsaufgabe versteht, sich aus den Niederungen der sexuell(en) motivierten (An-)Triebe zu erheben, den aufrechten Gang zu erlernen und den Chancen und Herausforderungen von Philia und Agape Rechnung zu tragen. Arnold Retzers Plädoyer für die Vernunftehe (in diesem BLOG unter: „Der mörderische Beobachter – paardynamisch“ und auch Karl Otto Hondrichs Werben für die bindungsintensiven Kräfte von Geborgenheit und Entschiedenheit schlagen tendenziell in die gleiche Kerbe (in diesem BLOG unter: „Der mörderische Beobachter – paardynamisch“).

Versucht man seine Enttäuschungen und Abstürze aus der Welt der eher sexuell gefärbten Dimension des Eros lyrisch zu verarbeiten und dann sogar Kapital daraus zu schlagen für eine „resignative Reife“ im Sinne Arnold Retzers, dann hört sich das z.B. folgendermaßen an:

 

Die Mohnfrau

Heut ging ich durch ein Kornfeld

Und sah auf einmal nur noch Mohn –

So rot, so leuchtend, so verlockend;

Nur noch Mohn schien mir die Welt,

Wie eines langen Lebens Lohn,

Unendlich zart und lockend.

Doch als ich näher kam,

Den Mohn dann gar bedrängte

Und eine Blüte brach, verging die Pracht

Und jedes Leben wich.

So wie ich ihre Schönheit engte,

Erstarb die Anmut rasch,

Gab meinem Herzen einen Stich.

 

So lässt man sich umfangen – ja zeitweise blenden – und verliert sich dabei im Feuerwerk eines chemotionalen Overkills. Der kann, wie bei meiner Mutter – gepaart mit Unwissen und Naivität – auch schon einmal in eine absolute existentielle Grenzsituation führen (siehe Hildes Geschichte). Die systemischen Auswirkungen eines vom Eros angetriebenen Blindflugs offenbaren sich nicht zuletzt in meiner eigenen GeschichteI („Ich weiß es noch“), die zeigt, wie jemand aus einer bestehenden Paarbindung heraus den pheromonalen Irritationen erliegt und tatsächlich nicht nur den sexuellen Anlasser betätigt, sondern sich mit der Erwählten (vice versa) gemeinsam auf die Achterbahn von Paar- und Familienleben begibt. Die ersten beiden Strophen der Mohnfrau tragen unser Paardasein bis zum heutigen Tag. Als erklärungsbefürftig erweisen sich hingegen die beiden letzten Strophen und das grundsätzliche Festhalten an der Metapher des Mohns.

 

Mohn

Der Mohn ist wie ein kurzes Lachen,

Ein Wimpernschlag –

Er strahlt

Und prahlt,

Malt jeden Tag

Und stirbt schon beim Erwachen

Erblüht zu voller Pracht

Vergeht er über Nacht

Und hält nicht ein Versprechen.

Er taugt als Sinnbild kaum,

Gleicht eher einem Traum,

An dem die Träumer dann zerbrechen.

 

Der fette Ziermohn – weniger der magere Feldmohn (der im Übrigen durch den Terror der Argrikultur fast ausgerottet ist) lacht uns entgegen und suggeriert die Kontinuität und Faszination einer prallen, farbenfrohen Welt mit rubinroten Untertönen. Dass dieses recht einseitige Weltbild eher einer Traumwelt entspricht, mögen manche von uns dann schließlich kultivieren in einer Haltung, die mit der von Arnold Retzer empfohlenen „resignativen Reife“ einhergeht.

When we get older – jenseits der 60 – haben wir dann den Paarlauf schon hinter uns; möglicherweise befinden wir uns aber noch mitten drin. Dann ist es von Vorteil, die Hinweise von Karl Otto Hondrich und Arnold Retzer zu beherzigen:

 

Paarlauf

Schau, das Paar und seine Kreise –

Wie es sprüht und lebt

Und auf synchrone Weise

Über allen Niederungen schwebt.

Siehst du ihre Augen strahlen

Und ihr Lachen in der Sonne blitzen,

Ihre Körper fliegen, malen

- Während ihre Spuren ritzen -

Feine Linien in das Eis.

Ihre Herzen jubilieren, springen,

Ihre Seelen schimmern rein und weiß,

Engel hört man Halleluja singen.

Ach, so leben wir doch alle

Für ein Jahr, auch mal für zwei

Tappen blindlings in die Falle

Und aus Eigenart wird Einerlei.

 

Und aus Eigenart wir Einerlei! Nun ja, das sind Stationen in den ersten Jahren und Jahrzehnten einer Paarbeziehung. When we get older, losing our dreams, dann ist eher resignative Reife angesagt. Positiv gewendet versetzt sie uns in die Lage, dass wir uns vielleicht noch einmal der Anfänge erinnern und den „gemeinsamen Mythos“ wiederbeleben (Arnold Retzer). Und auch schwere Kost kann dann zu einem anregenden Stoffwechsel führen (siehe die Rezeptur zum „Mohnheimer Schnittchen“):

 

Old Love

Es kommt mir mächtig in den Sinn,

ich riech es – bin verrückt.

Und weiß nicht wer ich bin,

bin ruhelos verzückt.

So tief kriecht es hinein

in mich – so sehr es mich beglückt,

es sickert in mein Sein,

und doch bleibt es entrückt.

Ist es der Duft der Frauen,

der lockend mich umfängt?

Ein Fenster öffnet sich zu schauen,

was meine Sinne so bedrängt.

Es lässt am Tage mich nun träumen

und lenkt den Blick zurück.

Aus alten, ewig jungen Träumen

Wächst du und schimmert Glück.

 

Die pragmatische Variante mit einer guten Mischung von Eros, Philia und Agape – enttäuschungsfest und frustrationsresistent – hört sich dann vielleicht so an:

 

Draw a distinction!

Unterschiede,

Die einen Unterschied machen,

Beleben das Leben.

Dies dacht ich grad eben!

Fast nüchtern und unaufgeregt

Pfleg ich Arschloch und Zähne.

Die Kellnerin hat gut aufgelegt:

Und wie ich so wähne

Regt sich ein wenig die Trauer.

Bescheiden – aber immer ein Abschied –

Sitzt der Frosch vor der Mauer,

Beginnt müde sein Lied.

Er weiß: Heute erhört ihn niemand.

Da bleibt er lieber gleich stille

Und blickt in ein Land

Voll Lust, doch mit nüchterner Brille.

Unterschiede,

Die einen Unterschied machen,

Beleben das Leben.

Dies dacht ich grad eben,

Was will man da machen.

Es vollzieht sich das Leben

Und manchmal die Ehe.

Mal Wohl und mal Wehe.

Draw a distinction – na eben!

Hier schließt sich dann ein Kreislauf und für manche Paare führt der Weg in eine Paartherapie, vielleicht sogar in eine Sexualtherapie, die inzwischen beginnt neuere Erkenntnisse zu berücksichtigen, wie sie vor allem von Frauen vorgelegt werden. Eine Zusammenfassung findet ihr in diesem BLOG unter dem Link „Sexuelle Allesfresser?“.

Ich selbst surfe weiter auf den Wellen meiner eigenen (Paar-)Erfahrungen und den Erkenntnissen bzw. Anregungen, die ich aus dem Rauschen des medialen Raumes empfange.

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund