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Der Download zu Kurz vor Schluss II ist nur über ein Passwort möglich. Dies hängt damit zusammen, dass - anders als bei Kurz vor Schluss I einige Kapitel nicht für eine breitere Öffentlichkeit bestimmt sind; warum dennoch die Platzierung im Rahmen des Blogs? Beide Formate bergen so etwas wie eine Lebensbilanz - zwar äußerst selektiv - gleichwohl zu verstehen als Quersumme eines Lebens, das in der Reflexion sowohl den wendepunktträchtigen Glücksfällen als auch den Zufällen nachspürt. Zufälle im Übrigen, die als Zufälle deklariert werden, weil ich mit Odo Marquard die Auffassung vertrete, dass wir alle weit mehr unsere Zufälle als unsere Wahl verkörpern. Nimmt man alleine einmal Kapitel 3 - "Das Wissen darum, wie Kinder in diese Welt kommen - Der absolute Zufall der Geburt" - wird deutlich, warum ich diese Auffassung in so radikaler Haltung vertrete: Die Ereignisse vom 15. August bis zum 9. September 1941 (niedergeschrieben in Hildes Geschichte) zeigen auf so unfassbar authentische wie dramatische Weise, dass weder meine Schwester, ihr Kind und ihr Enkelkind - vermutlich aber auch ihre Geschwister (mütterlicherseits) das Licht der Welt, so wie sie nun einmal sind (auf jeden Fall in ihrer genetischen Grundausstattung) nicht erblickt hätten. Grund genug Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Dabei werden Geschichten erzählt, die häufig Elemente von Hybris, Peripetie und Katharsis enthalten. Nur so ist Kapitel 23 zu verstehen, dass aufzeigt, "Wie lernte zu wollen, was ich soll". Alle Kapitel dazwischen und drum herum basieren auf der These, dass Menschen lernfähige Wesen sind und dass Überleben häufig von radikalen und nachhaltigen Lernprozessen abhängen. Vielleicht machen das Inhaltsverzeichnis und die Gebrauchshinweise bzw. das Nuller-Kapitel (zur Einführung) neugierig:

 

Inhaltsverzeichnis


Vorbemerkung I .......................................................................................................14
Vom Verrücktwerden (0)............................................................................................14
Vorbemerkung II ......................................................................................................19
Einleitung.................................................................................................................23
Am Anfang war die Tat (1) .........................................................................................24
Die Liebe ist ein seltsames Spiel (2) ............................................................................38
Das Wissen darum, wie Kinder in diese Welt kommen –
Der absolute Zufall der Geburt (3)...............................................................................40
Spurensuche I (4).....................................................................................................45
Das Herz (der Verstand) hat seine Gründe, welcher der
Verstand (das Herz) nicht kennt (5).............................................................................51
Vier Männer in mir (6)...............................................................................................58
Zeitgeist und Kontenausgleich I (7).............................................................................60
Spurensuche II: Vom Familien- zum Sippenkontext (8) .................................................63
Assimilation und Akkomodation: Was machen wir, wenn
das Unfassbare geschieht? (9) ...................................................................................71
Gaudeamus igitur – Studium (10) ...............................................................................79
Kindheit, Jugend und Schule (11)................................................................................84
Kindheit, Jugend und Studium - Der Zugang zu Bildung (12).......................................... 99
Zur Welt kommen – zur Sprache kommen - Spurensuche III (13)..................................101
Ein ehrenwertes Haus I (14).....................................................................................113
Ein ehrenwertes Haus II - Die vierte Generation (15) ..................................................115
Ein ehrenwertes Haus III - Erosion und Verfallserscheinungen (16)................................121
Nähe und Abstand: Symmetrie und Asymmetrie in Beziehunhgen (17)...........................128
Welche Welt tritt da zutage – zwischen Wahlmöglichkeiten und Festlegungen? (18)..........131
Ich schreibe, also bin ich! (19)..................................................................................135
Zusammenbleiben wäre eine prima Alternative - Zwischen
Durchreise und Landnahme (20a)..............................................................................137
Zusammenbleiben ist eine prima Alternative - Alles auf Sieg (20b).................................156
Auch wer sein Pferd von hinten aufzäumt, muss nicht verkehrt herum aufsitzen -
Warum ich unbedingt einem toten Gaul die Sporen geben wollte (21).............................184
Lautverschiebung (22).............................................................................................200
Wie ich lernte zu wollen, was ich soll (23)...................................................................207
Das Unfassbare als basso continuo
unseres Lebens (24) ...............................................................................................216
Kurvenverläufe und #metoo (25)...............................................................................232
Anhang .................................................................................................................250
Anhang 1: Familie im intergenerativen Kontext............................................................250
Anhang 2: Putins Krieg.............................................................................................298
Anhang 3: Die Flut..................................................................................................351
Schluss..................................................................................................................375
Nachtrag (unmittelbar vor Drucklegung am 14.6.2022)................................................379
Zuletzt - Viel Spaß mit einem Kryptographen..............................................................388

 

Gebrauchshinweise


1. Adressaten: Wie einst mein Neffe gehe ich davon aus, dass Kinder und Kindeskinder Fragen haben – Fragen, die in der Regel niemand mehr beantworten kann, wenn sie gestellt
werden. Gewiss gibt es hier in Kurz vor Schluss II auch Antworten auf Fragen, die nie jemand gestellt hat und die niemals jemand stellen wird – außer mir; gleichwohl: auf jeden Fall schreibe ich für meine Kinder und Kindeskinder! Bei Ihnen entschuldige ich mich jetzt schon für all die unverhofften Zumutungen, die mit diesen Projekten Kurz vor Schluss I und
II verbunden sind. Gleichzeitig beglückwünsche ich sie zu diesem Fundus, denn er offenbart gleichzeitig, wie ausgeprägt die Liebe nicht nur rein bindungstheoretisch ist, sondern wie
tief sie in unseren Alltag hineinwirkt – über Generationen hinweg!


2. Ich habe Fragen, die ich mir versuche so redlich wie möglich zu beantworten: Warum bin ich der, der ich bin – oder zumindest der, als der ich mir vorkomme? Warum ich zeitweise in dieser Welt wie ein marodierender Berserker agiert habe? Warum und in welcher Hinsicht bin ich verrückt worden? Vor allem diese letzte seltsame Frage, ihr Hintergrund und ihre Sinnhaftigkeit werden sich im Laufe des Lesens jedem erschließen, der sich tatsächlich einlässt.


3. Worauf kann man sich hier einlassen? Jedenfalls auf die Frage, wie soziale Herkunft und Bildungschancen sich zu einem Lebenslauf verhalten, der mir im Rückblick bemerkenswert und erstaunlich vorkommt: Aus derMöglichkeit zur Welt zu kommen – und vor allem zur Sprache zu kommen, ergibt sich die Hintergrundmusik, ohne die keine Silbe, kein Klang und vor allem nicht die besondere Klanggestalt eines von Glück und Gunst getragenen Lebens in Erscheinung treten würde. An dieser Klangbildung haben und hatten viele ihren Anteil. Und so ist auch dieses Buch…


4. …ein Buch, in dem der Dank überwiegt; der Dank an alle, die mich geliebt, gefördert, versorgt, umsorgt und mit all dem ausgestattet haben, was mir meinen ganz persönlichen
Lebensweg ermöglicht hat.


5. Stelle ich selbst die Frage, wie es mir gelungen ist, bei alledem tatsächlich nicht verrückt zu werden, obwohl ich in meinem Leben einige Male verrückt worden bin und vor allem andere aktiv verrückt habe – auch gegen ihren Willen. Die vielleicht merkwürdig anmutende Begriffsverwendung des Wortfeldes verrücken/verrückt werden wird in einer eigenen
Vorbemerkung näher erläutert.


6. So ist dieses Buch sechstens nicht nur ein Buch des Dankes, sondern auch eines der Entschuldigung. Wer sich entschuldigen will, nicht nur Schuld abtragen will, sondern auch schuldhafte Verstrickungen anerkennen will, benötigt dazu sowohl den Mut als auch die Tapferkeit, Zusammenhänge herzustellen und wenigstens ansatzweise in ihren Wechselwirkungen zu ergründen. Denn Kränkungserleben, das die Selbstwahrnehmung so vieler Menschen prägt, beruht immer auf einem wechselwirksamen Beziehungsgeschehen.


7. Da ich ein Alt-Heidelberger (IGST) bin, dort gediegene Einblicke in eine lösungsorientierte Haltung gewinnen und mir zu eigen machen konnte, liegt mir nichts – weniger als nichts –
am Waschen schmutziger Wäsche. So sehr ich und wir gescheitert sind im Versuch die Welt ein bisschen besser zu machen, so sehr liegt mir daran vermeidbare Fehler anzusprechen und doch noch ein Lernfeld aufzuschließen, das Fehler nicht nur Fehler sein lässt, sondern ihnen jene Lernchancen abgewinnt, die mir – zumindest mir – im Alter hoffentlich die Aussicht auf mehr Milde, mehr Gelassenheit und mehr Friedfertigkeit eröffnen.


8. All dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir (meine Generation) Anteil haben an einer Zunahme der ökologischen und sozialen Verwüstungen auf diesem Planeten. So
mögen die Maßstäbe für eine wahre Umkehr – für die Begründung und Gestaltung von wahrhaftigen Wendepunkten – auch nur Akzeptanz finden in einer entsprechenden Praxis;
einer Praxis eines verträgliche(re)n sozialen Miteinanders; einer Praxis einer ökologisch vertretbare(re)n Lebensweise.


9. Zu Lesen gibt es Biografisches in seiner zeitgeistbegrenzten (Selbst)Wahrnehmung; aber auch in dem immer wieder auflebenden Versuch die Haltung eines Beobachters zweiter
Ordnung einzunehmen. Allein Letzteres erschließt den mit Dirk Baecker begründeten Versuch, uns selbst nicht mit den Bedingungen zu verwechseln, unter denen wir handeln. So
entdecken wir die Kunst des Abstands mit der Fähigkeit sagen zu können: „Das ist nahe genug!“. Nahe genug ist mir das, wozu ich einen Abstand suche, weil ich die Beziehung
nicht aufkündigen möchte (dies schließt zweifellos auch immer den möglichen Beziehungsabbruch ein, wenn ich dennzu der Schlussfolgerung gelange: „Das ist mir zu nahe“). Man mag sich vorstellen, dass uns in der Pflege – ich spreche eher von der liebevollen Fürsorge – naher Angehöriger (ob alt oder jung) ein Balanceakt aufgetragen ist, bei dem Abstürze die Regel sind. Hier geht es immer um die (erfolgreiche) Balance von Nähe und Distanz.


10. Man kann einzelne Kapitel lesen. Aufschlussreich sind allerdings eher Zusammenhänge, die die einzelnen Kapitel häufig wie ein roter Faden durchziehen. Vorschnelle Kritik mag ich
denn auch nicht entgegennehmen, wie sie sich möglicherweise durch die Lektüre eines einzelnen Kapitels aufdrängt. Ich weise immer wieder darauf hin, dass ich das Pferd von
hinten aufgezäumt habe. Manches fragwürdige Handeln – in einem zugegebenermaßen unübersichtlichen Kontext – erweist seine Fragwürdigkeit letztlich erst durch Wirkungen,
die in der Zukunft liegen; einer Zukunft, die inzwischen Vergangenheit ist und daher den Blick freigibt, auf das was einst als Zukunft noch vor uns lag.


11. Dass wir die Zukunft weder planen noch nach unseren Wünschen gestalten können, ist einer der trivialen Befunde von Kurz vor Schluss II. Dennoch wird auch dieses Buch getragen
von dem eindringlichen Wunsch, es möge nicht nur Vergnügen bereiten, sondern es möge – wie weiter oben bereits angedeutet – auch ein Lernfeld und Lernmöglichkeiten eröffnen, die in kritischen Lebenslagen hilfreich sein könnten; manchmal – dies ist halt (leider manchmal) so – erst im Rückblick.


12. Redundanz (das Vorhandensein von eigentlich überflüssigen, für die Information nicht notwendigen Elementen; Überladung mit Merkmalen) – hier bekenne ich mich schuldig! Es
gibt Passagen – wie die Baeckersche Metapher – die mehrfach wiedergegeben werden, weil sie für ein angemessenes Verständnis unverzichtbar sind. Es gibt Passagen, die im Verlauf des biografischen Parforce-Ritts dermaßen bestimmend wirken, dass sie ebenfalls mehrfach auftauchen – man kann sie überspringen oder im Zusammenhang respektieren.

Und nun hinein in den unendlichen Spaß!

 

Vorbemerkung I


Bevor es losgeht mit dem zweiten Teil von Kurz vor Schluss, ist es aus meiner Sicht hilfreich auf zwei Ausgangspunkte hinzuweisen, ohne die das Nachstehende vielleicht unverständlich(er) bleibt - unverständlicher als ohnehin. In Kurz vor Schluss I stand bei allen biografischen Auslassungen das Motiv des Dankes im Vordergrund: Der Mensch ist, weil er sich verdankt - genealogisch und nahezu in jeder Hinsicht (diesen Gedanken habe ich von Fulbert Steffensky übernommen); in den meisten Fällen - in nahezu allen Lebensläufen - gibt es aber eben auch besondere Umstände, die man als Zufälle begreifen kann: Aus der philosophischen Perspektive Odo Marquards sind wir weit mehr unsere Zufälle als unsere Wahl. Mit unterdessen siebzig Jahren ist mir bei alledem aber auch deutlich geworden, dass eben genau diese angedeuteten Umstände auch dazu hätten beitragen können regelrecht verrückt zu werden. Deshalb beginne ich - sozusagen im Sinne einer Einleitung der Einleitung - damit, zunächst einmal darauf hinzuweisen, dass ich mich durchaus in einem gewissen Sinne für verrückt halte - vermutlich würde man ansonsten die Anstrengungen von Kurz vor Schluss I und II gar nicht auf sich nehmen. Bemerkenswert bei dieser Diagnose ist die Einsicht, dass man selbst immer auch Anteil hat am Verrückt-Werden anderer. Was als flapsige Bemerkung aufgefasst werden könnte, hat einen handfesten Hintergrund, den man mit Humor, durchaus aber auch mit Betroffenheit beschreiben und bewerten kann.


Vom Verrücktwerden (0)


Ich bin ein wenig verrückt. Der Maßstab dafür ist ein Unterscheidungsmerkmal, dass mich von all meinen Verwandten und Bekannten deutlich unterscheidet: Ich bin schreibbesessen (jeder hat da so seine Obsessionen – Claudia macht es in Farbe, und so viel besser als
ich; schaut Euch doch einmal das Eingangsportal zum Heyerberg Numero 11 an - ein Geschenk Claudias zu meinem Siebzigsten, das mein Herz und meine Augen Tag für Tag erfreut!). In den letzten 25 Jahren habe ich tausende von Seiten beschrieben. Peter Sloterdijk spielt in seinen Poetik-Vorlesungen aus dem Jahr 1988 mit der Vorstellung,
dass jeder Mensch eine Silbe verkörpere, ein einmaliges unverwechselbares Gewächs aus Konsonanten und Vokalen, eine lebende Silbe, unterwegs zum Wort, zum Text. Er spricht davon, dass durch viele Schreibversuche hindurch eine Annäherung an die Klanggestalt der
sich verborgenen Lebenssilbe stattfinde. Diese Annäherung hat sich freilich auf intensivste Weise Bahn gebrochen in meiner Lyrik – vielleicht führt mein nächstes Projekt einmal alle meine lyrischen Versuche zusammen?

Für die hier vorliegende Anstrengung weise ich einleitend darauf hin, dass ich haarscharf dem tragischen Schicksal eines Verrückten entgangen bin – das meint einen Tatbestand - vielleicht besser Gemütszustand, der in der Regel als pathogen empfunden und manchmal auch so diagnostiziert wird! Mir ist nur aufgefallen, dass das Verrücktsein und das Verrücktwerden in einem ganz und gar gewöhnlichen Wortsinn eine unvermeidliche Grunderfahrung in einem langen Leben ist. Die Behauptung: Ich bin verrückt, begreift man normalerweise - wie weiter oben angedeutet - als eine Pathologisierung des eigenen Zustands, des eigenen Befindens. Die Tatsache, dass man verrückt (ge)worden ist, beschreibt aber nichts weiter als eine
schlichte Tatsache, die man sich in aller Gemütsruhe vor Augen führen kann. Einer der größten Fußball-Philosophen hat in einem aufsehenerregenden Interview einmal eine gleichermaßen frappierende wie aufschlussreiche Formulierung in die Welt gesetzt: „Ich habe fertig!“ Gewiss unterstellen ihm viele, er habe schlicht sagen wollen: Ich bin fertig! - hier und jetzt in diesem Augenblick.

Bezogen auf das Wortfeld verrücken – verrückt werden kann man den umgekehrten Weg gehen, um auf bemerkenswerte Unterschiede in der Frage zu stoßen, ob der Mensch nur gelebt werde oder ob er auch aktiv und gestaltend in sein Leben eingreift? So hat die Selbstbeschreibung: Ich bin verrückt gewiss eine vollkommen eindeutige Botschaft zum Kern. Sage ich hingegen: Ich verrücke bzw.: Ich habe verrückt, treten offenkundig andere Optionen in den Vordergrund. Dabei geht es nicht nur darum, beispielsweise Möbel oder andere Gegenstände/Sachen zu verrücken. Es könnte vielmehr auch darum gehen, in bestehenden Beziehungen einen anderen Ort einzunehmen oder anderen einen anderen Ort zuzuweisen, also sich selbst oder andere zu verrücken. Aktive Handlungen und Gestaltungsabsichten in diesem Sinne können durchaus zur Folge haben, dass die/der ein oder andere verrückt wird – räumlich, aber auch seelisch und gemütsbezogen. Verrückt zu werden führt in der Regel zu Kränkungseffekten – Kränkungseffekte initialisieren häufig aber auch entsprechende Prozesse. Und die wenigsten vermögen sie als Chance zu betrachten. Zumal man selbst dabei in eine passive Rolle gerät. Davon handelt und erzählt dieses Buch.

Vieles in Kurz vor Schluss II folgt solchen Logiken. Verrückt zu werden – das ist die Leitunterscheidung, an der sich vieles scheiden lässt und die im vorliegenden Buch eben meine Welt(en) (unter)scheidet und für Trennschärfe sorgt: Gutes und Schlechtes; Kränkendes und Ermunterndes; Zornerregendes und Besänftigendes; Krankmachendes
und Heilendes; Erfreuliches und Trauer-Auslösendes; Leidenschaftlich-Beflügelndes und Lähmend-Herabziehendes.

Das gesamte Buch verstehe ich mit einem Zitat Dirk Baeckers unter diesem speziellen Blickwinkel. Selbstverständlich – wie in allen Büchern – überwiegt bei alledem der Dank dafür, nicht völlig verrückt worden zu sein – in eine Ecke gestellt worden zu sein und dort verharren zu müssen; in eine Ecke, in die ich mich zeitweise selbst gestellt habe. Wem könnte ich dabei mehr danken als Claudia und meinen Kindern (und meiner großen Familie)? Bevor ich Dirk Beackerdas Wort gebe, hilft mir daher George Steiner (eine Entdeckung der
letzten Jahre). Dieses erste Zitat kann einen freilich angesichts des gegenwärtigen Rückfalls in die Barbarei verzweifeln lassen. Ich möchte es aber – zumindest für mich – verstanden wissen als Hoffnung in einer abartgen Welt. Machen wir sie ein bisschen besser! George Steiner (in: Errata – Bilanz eine Lebens, Hanser Verlag - München 1999, S. 220-221):

„Liebe ist die dialektische Entsprechung zu Haß, ihrem spiegelbildlichen Gegensatz. Liebe ist in wechselnder Intensität das gebieterische Wunder es Irrationalen. Wie über die (verdammte) Suche nach Gott unter seinen Gebrechlichen läßt sich darüber nicht verhandeln. Beim Anblick, beim Klang der Stimme, bei der geringsten Berührung des geliebten Menschen in seinem innersten Geist, Nerv und Knochen erzittern; Mittel und Wege finden, sich abmühen, ohne Ende lügen, um den geliebten Mann oder die geliebte Frau zu erreichen, in seiner/ihrer Nähe zu sein; die eigene Existenz – persönlich, öffentlich, psychologisch, materiell – in einem unvorhergesehenen Augenblick verwandeln, aufgrund und infolge von Liebe; unaussprechliche Schmerzen und Leere bei der Abwesenheit des/der Geliebten, beim Welken von Liebe durchzumachen (das Vorstehende liest sich wie die Regieanweisung zu Kapitel 1 von Kurz vor Schluss, Teil II, Anm. Verf.); das Göttliche mit der Emanation von Liebe gleichsetzen, wie es aller Platonismus, und das heißt das abendländische Modell der Transzendenz, tut – das bedeutet, daß man an dem alltäglichsten und unerklärlichsten Sakrament im menschlichen Leben teilhat. Es bedeutet, nach seinen persönlichen Möglichkeiten, die Reife des Geistes zu berühren. Dieses Universum der Erfahrung mit dem Libidinösen gleichzusetzen, wie es Freud tut, es mit biogenetischen, fortpflanzungsbezogenen Vorteilen zu erklären, das sind fast verächtliche Reduktionen. Liebe kann das ungewählte Band, bis hin zur Selbstzerstörung, zwischen Individuen sein, die füreinander eklatant ungeeignet sind. Die Sexualität kann nebensächlich, vorübergehend sein oder völlig fehlen. Die Häßlichen, die Elenden, die Bösesten unter uns können das Objekt von interesselosem, leidenschaftlichem Eros sein. Der Wunsch, für die Geliebte oder die Freundin – l’amie, wie es im Französischen so exakt und klar heißt – zu sterben, und die klarblickenden Verrücktheiten der Eifersucht sind aus jeder denkbaren biologischen (Darwinschen) oder sozialen Sicht kontraproduktiv. Die gefeierte Pascalsche Maxime, wonach das Herz seine Gründe hat, welche der Verstand nicht kennt, spielt defensiv mit der Rationalität. Es sind nicht ‚Gründe‘, die das Herz bevölkern. Es sind Notwendigkeiten ganz anderen Ursprungs. Jenseits der Vernunft, jenseits von Gut und Böse, jenseits von Sexualität, die selbst auf dem Höhepunkt der Ekstase ein so unbedeutender und flüchtiger Akt ist. Ich habe eine ganze regendurchweichte Nacht hindurch dagestanden, um einen Blick von der Geliebten, wie sie um die Ecke kam, zu erhaschen. Vielleicht war sie es noch nicht einmal. Gott erbarme sich derer, die nie die Halluzinationen eine Lichtes gekannt haben, das während solchen Wachens die Dunkelheit erfüllt.

Aus all der unvernünftigen, unanalysierbaren, oft verderblichen Allmacht der Liebe stammt der Gedanke – ist er wiederum eine Kinderei? -, daß >Gott< noch nicht ist. Daß er erst dann ins Sein treten, präziser, in manifeste Reichweite menschlicher Wahrnehmung gelangen wird, wenn es einen unendlichen Überschuß von Liebe über Haß gibt. Jede Grausamkeit und jede Ungerechtigkeit, die Mensch oder Tier zugefügt werden, rechtfertigen die Befunde des Atheismus, insofern sie Gott an einem Kommen hindern, das allerdings ein erstes wäre. Doch ich vermag selbst in den schlimmsten Stunden dem Glauben nicht zu entsagen, daß die beiden bestästigenden Wunder der sterblichen Existenz die Liebe und die Erfindung
der Zukuft beim Verb sind.“


Dazu passt die Intervention Dirk Baeckers. Sie hat mich vom Kopf wieder auf die Füße gestellt und mir ein wenig transparenter gemacht, wo das Herz seine Gründe hat (die es ja eigentlich nicht hat, weil es der Herzenslogik widerspricht) und wo der Verstand dem Herzen zurSeite springt, damit wir nicht völlig verrückt werden und Ikarus‘ Schicksal erleiden:

„Stellen Sie sich vor […] Sie seien der Schiedsrichter, ein Mitspieler oder auch der Trainer bei einem ungewöhnlichen Fußballspiel, in dem das Spielfeld rund ist, mehrere Tote ### zufällig über das Spielfeld verteilt sind, die Leute auf das Spielfeld
kommen und es wieder verlassen, wie sie wollen, jeder jederzeit einen neuen Ball ins Spiel bringen kann und jederzeit eins oder auch mehrere Tore zu seinem Tor erklären kann, das Spielfeld insgesamt eine abfallende Fläche ist und das Spiel überdies auch noch so gespielt wird, als habe es Sinn. In dieser Situation, die die Wirklichkeit selber ist und die so wenig mit der klaren Sachordnung zu tun hat, von der wir träumen, hilft
nur die lose Kopplung. Wer sich in dieser Situation fest koppeln lässt, das heißt, wer sich für Nähe oder Ferne entscheidet, so als gäbe es diese in der Form einer eindeutigen, sich wechselseitig ausschließenden Alternative, muss zwangsläufig verrückt werden. Wer in dieser Situation jedoch sagen kann, das ist ‚nahe genug‘, entscheidet sich für lose Kopplung, fängt an zu beobachten, verwechselt sich selbst nicht mit den Bedingungen, auf die er sich einlässt, und entdeckt auch bei den anderen Spielräume des Verhaltens, die das Chaos nicht etwa noch größer werden lassen, sondern es für einen Moment so zu ordnen erlauben, dass man Spaß daran bekommt, sich an dem Unsinn zu beteiligen (Dirk Baecker, Nie wieder Vernunft, Heidelberg 2008, S. 632).“

Kurz vor Schluss - Teil II: Es ist ein verrücktes, ein spannendes Buch geworden – Antrieb und Vermächtnis zugleich, getrieben und getragen von der Einsicht, dass im Ozean des Vergessens vergeht und erlischt, was wir nicht erinnern - vielleicht auch von der Hoffnung Antworten auf Fragen zu geben, die einem nicht gestellt worden sind.

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund