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"Frauen können sehr von Pornos profitieren"

Die Schwedin Erika Lust dreht Sexfilme, die sich an ein weibliches Publikum wenden, und sieht sich selbst als Feministin. Wie passt das zusammen? Und was hat das alles mit Schule zu tun?

Meine Frau hat seit gefühlten 100 Jahren die "Brigitte" abonniert. In seltenen Fällen kommt es schon einmal vor, dass wir streiten, wer sie zuerst lesen darf. Regelmäßig schreiben Frauen (und Männer) auch zu allen denkbaren Themenbereichen der Sexualität. In der Ausgabe 10/2014, S. 136-139 wird mit obiger Überschrift "Erika Lust" interviewt. Sie lebt seit über 10 Jahren in Barcelona und berichtet, dass sie "nach ein paar Abendkursen Regie" einen eigenen Film drehen wollte. Sie hatte in Schweden politische Wissenschaft studiert und wegen ihres Hintergrundes in "Gender Studies" kam sie auf die Idee, einen "Sexfilm ohne Rollenklischee" zu machen. "The good girl" kam 2004 auf den Markt "und wurde sehr positiv aufgenommen". Ihre weitere Entwicklung schildert sie folgendermaßen: "Ich war damals schon mit meinem Mann Pablo zusammen, und wir haben beschlossen weiterzumachen. Und so wurde ich zu 'Erika Lust'. Denn das ist ja auch eine Rolle, die ich spiele. Erika Lust kann provokativ sein, klare Meinungen vertreten und kein Blatt vor den Mund nehmen. Wenn ich diese Rolle ablege, bin ich wesentlich zurückhaltender, und eine zu freizügige Sprache mach mich geradezu nervös."

Ich bin passionierter ZEIT-Leser. Auch die ZEIT forciert in unregelmäßigen Abständen den gesellschaftlichen Diskurs zu "Liebe, Sex und solchen Sachen"; zuletzt dürfte jedem in der aktuellen Ausgabe 35/2014 die Headline in Erinnerung sein: "Außen PORNO, innen PRÜDE - Wie wir in einer sexualisierten Welt in alte Verhaltensmuster zurückfallen". In der Nummer 21/2014 (15. Mai) beschäftigen sich Jeanette Otto und Johanna Schoener unter dem Titel "Die große Erregung" auf der in jeder Ausgabe (unter der Rubrik "Chancen") Fragen der Schule und Hochschule thematisierenden Seite mit "Sexualkunde": "Kinder und Jugendliche wachsen heute mit Nacktfotos und Pornofilmen auf. Ein großes Thema für die Schule. Aber das Fach Sexualkunde ist bei Lehrern so unbeliebt wie nie. Was hat das für Folgen?"

Bereits im April (15/2014) hatte der SPIEGEL getitelt: "JUGEND FORSCHT - Wie schädlich ist Pornografie?" Der SPIEGEL plädiert mit Verweis auf die Sexualforschung hinsichtlich der Fragen, ob "legale Pornografie wirklich frauenverachtend oder jugendgefährdend ist", für einen "entspannteren Umgang mit der Flut der Nacktfilme aus dem Internet". Der SPIEGEL steckt zunächst einmal den Spannungsraum ab, der uns traditionell geläufig ist: Männer mögen Pornos - bei Frauen weiß man das nicht so genau. Zunächst polarisieren die Redakteure - ja beim SPIEGEL sind es Männer (sie heißen Marco Evers und Cristoph Scheuermann) - indem sie die inzwischen diskreditierte "Feministin" Alice Schwarzer zu Wort kommen lassen. Die ihrerseits berät eine Hilfe suchende, nicht mehr ganz junge Frau (Maren, 32), die bei ihrem Mann - S C H O C K - Pornos gefunden hat. Alice lässt keinen Handlungsspielraum offen: "Auf jeden Fall müsstest du ihn bitten, mit dem Konsum von Pornos aufzuhören." Ansonsten "solltest du ihm klarmachen, dass es Konsequenzen  für eure Beziehung hat. Und das solltest du ernst meinen, Deine Alice."

Soweit, so gut. Zum Beleg, dass Männer Pornos mögen, wird anschließend ein kanadischer Sexualforscher (Simon Lajeunesse) zitiert, der für eine projektierte Studie 20 junge Männer suchte, "die noch unbefleckt waren vom allgegenwärtigen Porno-Sudel". Er scheiterte: 'Wir konnten nicht einen finden'."

Im folgenden werde ich zwischen den ausgewiesenen journalistischen Zugängen switchen, um aus den gegenwärtig erkennbaren meinungsbildenden Impulsen Tendenzen sichtbar zu machen. Nebenbei sollen Überlegungen für sexualpädagogische Perspektiven zumindest angesprochen werden. All dies dient natürlich auch der Schärfung der eigenen Haltung und Position.

Kehren wir zurück zu Erika Lust. Die erste Frage der Brigitte-Redakteurin geht gleich ins Eingemachte: "Frau Lust, wissen Ihre beiden Töchter, was sie eigentlich beruflich machen?" Erika Lust antwortet nachvollziehbar, dass dies gegenwärtig noch nicht der Fall sei: "Lara, die Ältere, ist sechs Jahre alt und fängt an, Fragen zu stellen. Bis jetzt weiß sie nur, dass wir irgendwas mit Bildern machen. Die Kleinere ist erst drei, die hat noch kein Interesse. Ich glaube aber nicht, dass mir die Erklärung schwerfallen wird, ich bin ja stolz auf meine Arbeit." Die Hauptlinien in Erika Lusts Argumentation fasse ich im Folgenden stark pointiert zusammen:

  • Erika Lust wendet sich gegen "die gesellschaftlichen Vorstellungen über Frauen". Sie meint damit in erster Linie die Konfrontation, die sich ergibt aus den traditionellen stereotypen Männerphantasien, wonach Frauen immer den heimlichen Wunsch hätten "richtig hart rangenommen zu werden". Erika Lust meint eindeutig, dass "die Frauen, die ich kenne, diese extremen Wünsche nicht haben".
  • Auf das Argument, dass Pornos überwiegend von Männer geschaut würden, reagiert Erika Lust ohne jede Verwunderung: "Eine Frau mit Selbstwertgefühl wird nur schwer Pornos finden, die ihr gefallen. Normale Pornos sind chauvinistisch, kitschig, eklig, langweilig, aggressiv gegenüber Frauen und hässlich gefilmt." Dagegen setze sie "Ästhetik und schöne Dinge". Sie wolle Körper zeigen, die auf unterschiedliche Weise schön seien, gut gekleidet und an schönen Orten. Sie wolle das Intime und Schöne am Sex zeigen: "Das ist übrigens nicht nur für Frauen interessant. 60 Prozent der Käufer meiner Filme sind Männer." (Das kann ich bestätigen, denn ich bin einer von ihnen. Bereits vor diesem Interview war mit "Cabaret Desire" bekannt)
  • Was meint Erika Lust zur These, dass Frauen weniger stark von optischen Reizen erregt würden? Sie hält dies für ein Vorurteil. Ihre Zielgruppe seien unabhängige, gebildete Frauen. Frauen seien überaus visuell orientiert und könnten von Pornos profitieren: "Pornos - in ihrem Sinne - können helfen, weil sie uns erregen, inspirieren, auf neue Ideen bringen. Nebenbei können wir entdecken, dass unsere sexuelle Fantasien, die wir vielleicht für komisch halten, gar nicht so einzigartig sind... Viele Fantasien ähneln einander. Am häufigsten bekommen wir Fantasien über ein Paar, das etwas Exhibitionistisches macht, wie Sex an einem öffentlichen Ort. Sehr beliebt ist auch die klassische Fantasie vom Sex zu dritt."
  • Erika Lust versteht sich als "Feministin" und meint, dies sei "selbstverständlich". Sie plädiert dafür, dass mehr Frauen die "Pornografie" beeinflussen sollten: "Porno hat einen enormen Einfluss auf unsere Kultur, und wir können das nicht einfach ignorieren... Auch wenn wir selbst keine Pornos schauen, tun das fast alle Männer. Ihr Bild vom Sex wird durch Pornos beeinflusst und dringt so auch in unser Leben ein."
  • Auf die Frage, wie sie Darstellerinnen für ihre Filme finde, antwortet sie - für die Porno-Branche sicherlich ungewöhlich, dass es ihr darauf ankomme, "dass wir die gleichen Werte teilen und dass sie verstehen, was ich kreieren will. Wir setzen uns also hin, trinken eine Kaffee, und wenn ich das Gefühl habe, dass es strimmt, habe ich auch kein Problem damit, mit Porno-Profis zu arbeiten."
  • Interessant ist sicherlich die Antwort auf die Frage, was das denn für Frauen seien. Und man frage sich schließlich doch auch, ob sie diese Arbeit "wirklich gern machen? " Ein wenig entlarvend die Antwort, mit der Erika Lust ein weiteres Stereotyp aufgreift, wonach jeder automatisch davon ausgehe, dass Männern die Arbeit Spaß mache: "Ich finde, das sagt eine Menge darüber aus, wie Frauen gesehen werden und wie wir uns selbst sehen." Sie nehme ihre Verantwortung ernst, und sie arbeite nicht mit Darstellern, bei denen sie das Gefühl habe, "dass es ihnen mit ihnen mit dieser Arbeit nicht gut ging."

Die große Erregung - Grundfragen und Befunde zu einer "sexuellen Bildung"

"Kinder und Jugendliche wachsen heute mit Nacktfotos und Pornofilmen auf." Ein großes Thema für die Schule - meinen Jeannette Otto und Johanna Schoener - und stellen gleichzeitig fest, dass das Fach Sexualkunde bei Lehrern so unbeliebt sei wie nie - und sie fragen nach den Folgen (in der ZEIT, 21/2014, S. 65f.):

"Der Weg zu den Lehrern führt vorbei an Sexshops mit roten Lackstiefeln und Dessous im Schaufenster. Vom Bremer Hauptbahnhof aus sind es nur ein paar Meter bis zum Nachtclub Parisé. Wer dort die Straße überquert, ist schon angekommen - beim Landesinstitut für Schule und bei der Fortbildung für Sexualerziehung." Jeanette Otto und Johanna Schoener nehmen teil an dieser Fortbildung - beobachten einerseits und reden andererseits mit den Referenten bzw. Teilnehmern. "In einem nüchternen Konferenzraum sitzen 15 Pädagogen und reden über Pornografie." Christian Scheidt, der Referent stellt fest: "Bei keinem Thema herrscht unter Lehrern so viel Unsicherheit wie bei der Sexualaufklärung - erst recht, wenn es um Pornografie geht." Man kann dieser Feststellung sicherlich zustimmen, wobei der andere existentielle Themenkomplex "Tod, Sterben, Trauer" vergleichbare Berührungsängste auslöst. Man stößt auf ähnliche Vorbehalte mit typischen Unsicherheitsaffekten - vor allem, wenn man, wie Scheidt, mittels "Selbsterkundungsbögen" die Vermeidungsstrategien konsequent unterläuft: "Ich kenn pornografische Seiten im Internet" oder: "Ich habe Pornografie in meinem Leben bereits zur sexuellen Stimulation benutzt." Natürlich fällt es LehrerInnen schwer, hierzu eindeutig Stellung zu beziehen. Damit ergibt sich aus der Erfahrung Christian Scheidts ein erstes Erfordernis:

  • Um mit Schülern über derart intime Dinge sprechen zu können,  ist es unerlässlich, sich erst einmal selbst Rechenschaft abzulegen - auch wenn es erheblicher Überwindung bedürfe. Dazu gehört wohl auch die Einsicht, dass sich "nicht jeder Lehrer gleichermaßen für die Aufklärung eignet". Und so hänge es oft von der Schamgrenze des einzelnen Pädagogen ab, wie gut der Unterricht am Ende werde.
  • Wir benötigen einen grundlegenden Diskurs darüber, was denn überhaupt der Gegenstand einer zeitgemäßen Sexualerziehung sein soll und wie ein zeitgemäßer Sexualkundeunterricht aussehen kann. Die ZEIT-Radakteurinnen referieren das Beispiel des Gymnasiums Klosterschule in Hamburg und unterstreichen, dass Christian Scheidt (aus seiner Erfahrung als LehrerInnen-Fortbildner) eine solche Form allen Schulen wünschen würde: "Die ganze Schule ist in ein Konzept involviert, das von der fünften bis zur zehnten Klasse reicht und genau erfasst, was die Schüler in Sexualkunde erlernen und wissen sollten. Herzstück der sexuellen Aufklärung ist dabei eine zweiwöchige Projektwoche unter dem Titel 'Liebe, Freundschaft und Sexualität' in der sechsten Klasse."
  • Ein weiterer wichtiger Hinweis bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die "Stärkung von Lebenskompetenzen, um einen guten und selbstbewussten Umgang mit dem eigenen Körper und alldem, was Jugendlichen aus den Medien entgegenstürzt". Das aber bleibe gewiss eine Utopie - so die Sexualwissenschaftlerin Silja Matthiesen -"solange die Sexualität von Jugendlichen unter dem Vorzeichen der Gefährdung diskutiert werde und auf diese Weise die schönen und heilen Seiten der Sexualität völlig in den Hintergrund geriete".

Auf der gleichen Seite der ZEIT-Ausgabe (21/2014, S. 66) weist Uwe Sielert (Professor für Pädagogik an der Uni Kiel) und Vorstand der Gesellschaft für Sexualpädagogik) in einem Interview auf die eklatanten Defizite in der Lehrerausbildung hin: "In der Regel werden Lehrer gar nicht ausgebildet. Wer Glück hat, landet an einer Uni, in der Sexualpädagogik zumindest punktuell im Wahlpflichtbereich angeboten wird. Dort sind Seminare stets hoch frequentiert. Eine Vorlesung im Studium zu diesem Thema sollte Pflicht sein. Aber von dieser Minimalforderung sind wir weit entfernt." Wir erfahren, dass es in Deutschland eine einzige Professur für Sexualpädagogik gab. Erst der Runde Tisch zur Prävention des sexuellen Missbrauchs habe dazu geführt, dass seit 2012 fünf - allerdings befristete - Juniorprofessuren eingerichtet wurden. Sielert betont, dass die Schulen ein eigenes Bildungsrecht in diesem Bereich haben (mindestens drei Viertel der Jugendlichen haben ihre Kenntnisse über Sexualität, Fortpflanzung und Verhütung aus dem Schulunterricht): "Sie müssen bilden, dürfen aber nicht indoktrinieren." Ebenso wie Jeannette Otto und Johanna Schoener weist Sielert darauf hin, dass die meisten Kinder und Jugendlichen nach den vorliegenden empirischen Befunden "sehr wohl zwischen pornografischem Fantasialand und der Realität unterscheiden können." Das gelte - so Otto/Schoener auch für die Wirkung von "Pornokonsum". Das Interesse an Pornografie sei vor allem Jungensache. Studien hätten ergeben, dass der durchschnittliche Jugendliche sehr wohl zwischen Fiktion und Realität unterscheiden könne. Aber das gelte - so Sielert - nicht für alle: "Gerade in der Jugendhilfe haben wir ein bestimmtes Klientel mit beschädigten Skripten."

Entscheidend für individuelle Entwicklungsprozesse und die Ausrichtung von Lebensskripten bleibt zweifellos der Gesamtrahmen, in dem sich Bindungsqualitäten, die Bedingungen für nachhaltige Geborgenheit, die Ausbildung eines (Ur-)Vertrauens und ein Klima wechselseitiger Anerkennung ausbilden können. Aber eine günstige Bedingungskonstellation ist heute alles andere als selbstverständlich. Einmal ganz abgesehen davon, dass der "Indoktrinationsvorbehalt" eine Definition oder zumindest eine Vorstellung davon und einen Diskurs darüber erzwingt, was es denn unter den gegebenen Voraussetzungen bedeutet "Liebe, Freundschaft und Sexualität" (siehe weiter oben den Hinweis zur Projektwoche des Klosterschule in Hamburg) angemessen zu thematisieren. Sielert reagiert auf Jeannette Ottos Schulkritik, dass "Lesen, Schreiben, Rechnen rauf und runter getestet werden", dass aber die sexuelle Bildung nicht interessiere, mit der frappierenden und ernüchternden Feststellung: "Die Schäden einer unzureichenden sexuellen Bildung werden nicht sofort offenbar, sie verstehen sich in persönlicher Unzufriedenheit mit dem Lebenslauf, privaten Identitätskrisen, gescheiterten Beziehungen, sexueller Gewalt und Depression."

Die Verunsicherung in einem konkreten sozialen System wie Schule und Unterricht kommt nicht von ungefähr. Wie sollen Lehrer vermitteln zwischen dem, was an Vorstellungen zu Fragen von "Liebe, Freundschaft und Sexualität" bei ihren Schülern in einem komplexen Einflussfeld prozesshaft entsteht und dem, was sie zu diesem Themenfeld in einer Gesellschaft sagen können, die in sich selbst nicht mehr repräsentationsfähig ist - in der keiner weiß mehr, was richtig und was falsch ist.

Beispiel: Jeannette Otto bemerkt dem Experten, Prof. Uwe Sielert (64 Jahre alt) gegenüber, es werfe doch bei Eltern einige Fragen auf, wenn sie hören, dass in aktuellen Lehrbüchern zur Sexualpädagogik Aufgaben vorgeschlagen würden, "in denen 15-Jährige einen Puff umbauen und so bewerben sollen, dass er allen sexuellen Orientierungen gerecht wird. Ein anderes Beispiel: Schüler sollen ihre 'erstes Mal' pantomimisch darstellen. Zur Auswahl steht unter anderem Analverkehr."

Antwort Prof. Sielert: "Das sind zwei provokante Anregungen aus einer Materialsammlung mit über 70 Übungen, von denen alle anderen die klassischen Themen der Sexualpädagogik abdecken. Sicherlich kann man darüber trefflich streiten, aber eine erfolgreiche Didaktik kommt manchmal an der provokanten Jugendsprache und den gesellschaftlich existierenden Realitäten nicht vorbei. Mit Analverkehr wird zumindest die Mehrheit der Jungen in Pornos konfrontiert. Also sollten sie darüber reden dürfen. Und durch die Übung zum 'Puff für alle' lässt sich über sexuelle Ausbeutung genauso diskutieren wie über die sexuellen Liebesmöglichkeiten von Menschen in sehr verschiedenen Lebenslagen, weil Sexualität als Lebensenergie allen zusteht."

Spätestens hier wird deutlich, dass "gesellschaftliche Realitäten" und ihre Bewertung zu ausweglosen Kontroversen führen müssen, weil viele Eltern nicht akzeptieren, dass die von Sielert angeführten verschiedenen Lebenslagen ohne Weiteres zum Ausgangspunkt unterrichtlicher Kommunikation werden. Was können wir heute unter einer sexuellen "Normalbiografie" verstehen, gibt es sie überhaupt, und welche Konsequenenzen haben solche Überlegungen für die Konzeptualisierung einer zeitgemäßen sexuellen Bildung? Dass sich Eltern selbst mit "offenem Visier" diesen Fragen stellen müssen, offenbaren die empirischen Befunde zum Kontakt Jugendlicher mit Pornografie: Mit 16 Jahren hatten - laut einer Studie des Instituts für Sexualforschung an der Uni Hamburg - 89% der Jungen und 63% der Mädchen mindestens einmal Kontakt mit Pornografie. Der SPIEGEL (15/2014), dem diese Zahlen entnommen sind, stellt gleichzeitig fest: "So gut sich die Jugendlichen mit Online-Sex auskennen, so gering ist die Pornografie-Kompetenz macher Eltern."

Im Grunde genommen konfrontiert der aktuelle medienweite Diskurs uns alle mit der Frage, wie wir uns zwischen "gesellschaftlichen Realitäten" und vermeintlicher sexueller "Normalbiografie" positionieren. Wir können vergleichbare Diskurse im Übrigen beobachten zu Fragen einer "Tierethik". Die Kontroversen sind heillos und heterogenensten Zuschnitts. Die Frage nach einer gesellschaftlich konsensfähigen "Sexualethik" lässt sich ebensowenig eindeutig beantworten. Zumal wir hier auf etwas gestoßen werden, was sehr viel grundlegender wirkt und die vitalen Grundbedürfnisse nach Essen und Sexualität gleichermaßen zentral betrifft: Uli Clement hat zuletzt (in: Familiendynamik 2/2014 - "Ambivalenzen des sexuellen Begehrens") auf die Differenzen hingewiesen, die zwischen einer offen kommunizierten Paarkultur und sexuellen Phantasien bzw. Bedürfnissen "normal" seien:

"Das Leitbild einer (offen kommunizierten) Paarkultur ist das reflektierte, kommunikative, demokratische Paar, das eine romantische Sexualität lebt oder jedenfalls leben will. Sie soll fair sein, gegenseitig, egalitär, respektvoll, nicht besitzergreifend, Autonomie gewährend, nicht instrumentalisierend, nicht objektivierend, gewaltfrei, liebevoll." Clement weist darauf hin, "dass unser sexuelles Potential freilich viel älter als unsere demokratischen Errungenschaften ist. Und unser Unbewusstes ist nicht zivilisiert (sonst brauchte es ja gar nicht unbewusst zu sein). Es beinhaltet auch 'inkorrekte', also undemokratische und unromantische Wünsche."

Ein "Leitbild" lässt sich also formulieren. Es entspricht einer schönen und heilen Welt, nach der sich - vermutlich - die meisten Menschen in offenen Bekenntnissen auch sehnen. Heile Welt bringt heile Welt hervor. Aber die Welt ist ja nicht heil. Und dann wäre da noch unser archaisches, evolutionäres Erbe! Hier entsteht also einerseits der Raum für andere Grundorientierungen, die gemeinsam mit den Auswirkungen "verschiedener (oft nicht heiler) Lebenslagen" (Sielert), die Abweichungen von der gesellschaftlichen "Norm" zur Folge haben.

Pornografiekompetenz und Lust an der Pornografie!?

(Vorläufig) abschließend noch einmal zu Erika Lust und Feona Attwood; letztere ist Professorin der Medienwissenschaft an der Londoner Middlesex University und gleichzeitig Begründerin eines seriösen Fachblattes, für das es - laut SPIEGEL - bisher in der akademischen Welt kein Beispiel gab: "Porn Studies". Sie empfiehlt - so fasst es Marco Evers im SPIEGEL zusammen -, statt Pornografie pauschal zu verdammen, bei diesem Thema nicht anders vorzugehen, als bei jedem Verbraucherthema auch: "Fair-Trade-Produkte aus nachhaltiger Produktion seien der Ware von Ausbeutern vorzuziehen. 'Wir müssen wissen: Wie wird das hergestellt? Nehmen die Produzenten Rücksicht auf die Gesundheit der Darsteller? Wie sind die Arbeitsbedingungen in der Branche?'."

Erika Lust scheint diesen Kodex zu respektieren - zumindest "Brigitte" gegenüber bekennt sie sich zu entsprechenden Prinzipien. Bildsprache und Skripte ihrer Produkte überzeugen mich persönlich nicht zur Gänze, aber in partiellen Ausschnitten doch auf hohem bis höchstem Niveau.

Und zuletzt ein wichtiger Hinweis in eigener Sache: Eine Pornokompetenz lässt sich nicht (ausschließlich) akademisch begründen. Sie setzt eine aktive Auseinandersetzung und Aneignung voraus und hat vermutlich genauso viel oder noch mehr mit einer offenen "Lustkompetenz" zu tun, die nicht moralisch und inquisitorisch zensiert werden will/kann!

 

 

   

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