debekabanner.svgcafe hahn bannerreuffel banner

<<Zurück

 
 
 
 

Martin Walser sähe sich gerne anders (ZEIT 30/22, S. 45)

Martin Walser sähe sich gern anders, als er ist und stellt fest, dass er auf diese Weise natürlich nicht so wird, wie er sich gern sähe. Mit fünfundneunzig Jahren gestattet er sich einen gleichermaßen geistreichen wie larmoyanten Epilog - ein Schlussakkord aus Donnerhall und sphärischen Klängen (alle Zitierungen kursiv):

Es dunkelt jetzt, wird eng im Jahr. Du kannst Dir nichts mehr denken. Fast alles, was im Garten sein kann, ist geschehen. Schau in die Wolken, dort lebt immer ein Text, den es nicht gibt, den musst Du finden.

Lasst Euch von Martin Walser sagen – gleich immer wie alt oder jung Ihr auch seid:

Jeder Tag ist ein Gedicht, das wir aus Unachtsamkeit nicht lesen.

Aber bleibt skeptisch, wenn jemand – inmitten der Neunziger – in Lieblosigkeit bei Lebzeitenund in einem sich nicht auskennen wollen, seine nachgetragenen Ideale sieht. Und dabei vor allem keine Hoffnung mehr züchten will. Martin Walser bekennt, unsere hart gewordenen Zungen müssten splittern, wenn sie beten müssten. Und vor allem, dass wir alle Angst haben voreinander! Und die keine Angst haben, sollte man fortschicken, damit sie das Fürchten lernen. Als wäre uns nicht allen schon die Furcht und die Angst in die Gesichter geschrieben und in die Seelen gekerbt.

Und eines lässt Martin Walser Gewissheit werden: Es ist gewesen. Das und das. Sein wird. Nichts. Es lebe die Niegewesenheit. Wenn das so ist, ja dann wird die Sehnsucht verständlich, die aus dem Glück der Selbstvergessenheit jenes Unglücklichsein schöpft, das uns die Frage nach dem Warum erspart und auf diese Weise die menschenwürdigste Form des Unglücklichseins begründet.

Und über allem die Frage: Wenn das Leben nicht mehr tobt, warum soll man dann noch leben???

Lieber Martin Walser. Du kannst Dir die Antwort nicht geben – und ganz gewiss kann ich sie Dir nicht geben. Ich bin mit meinen siebzig Jahren noch viel zu jung! Mir fällt auf, dass Dein Geist wach und Deine Gedanken rege sind – zumindest kann ich ja lesen, was Du bereit bist uns zu erzählen! Und Du erzählst uns eine Menge auch über Deine Biologie, gewissermaßen über Dein gelebtes Leben. Das ist geeignet uns jene Angst zu vermitteln, die uns so viele schon vermittelt haben, die vor uns gegangen sind. Martin Heidegger gehörte zu jenen, die meinten, die menschliche Grunderfahrung sei die Angst. Und die Angst ängste sich nicht so sehr vor anderem Seienden – seit Putins Amoklauf kann man das gewiss auch wieder anders sehen –, sondern um das In-der-Welt-Sein als solches; genauer: um die Möglichkeit des eigenen Nicht-Seins. Wie es philosophisch weitergeht, wissen wir: Die Angst tritt auf den Plan als die radikale Erfahrung, in der dem Menschen das Seiende im Ganzen entgleitet. Wir begegnen unserem eigenen Tod!

Du, Martin Walser, lässt uns nun teilhaben an der Erfahrungswelt eines 95jährigen – und das in aller Ambivalenz. Was wir lesen zum Erleben des Bios im Alter, das ist in der Tat – wie schon viele vor Dir feststellten – nichts für Feiglinge. Du eröffnest mit einer finalen Attacke: Glaubt keinem, der über das Altwerden und Altsein spricht. Er lügt. Keiner kann die Wahrheit sagen über das Altwerden und das Altsein: Sie ist zu scheußlich. Je älter man wird, desto mehr muss man lügen.

Du weißt nicht mehr wohin Du Dich drehen sollst. Die Widerlegung alles bisher Erfahrenen erwartest Du. In der Bestätigung des von der Überzahl der Menschen Erfahrenen schreibst Du hingegen:

  • Rinn herab, quälende Schmiere, füll mir die Augen mit Brand, es kann nichts Falsches geschehen. Es gibt das Richtige nicht.
  • Zwischen meinen Zehen wächst der Tod, meine Lippen verkaufe ich gern als Mund.
  • Abschied auf jeder Seite, jede Bewegung Flucht, Fluch aller Weite, gesucht wird die Schlucht.
  • Am Anfang ist jeder ein reicher Bettler. Am Ende ein armer Fürst, der durch Hallen tanzt mit seinem Partner Tod.
  • Wir sind ein Geschmier und kennen den Schmierer nicht. Die meisten nennen ihn Gott.
  • Ich bin ausgelaufen, danach vertrocknet, hat mich jemand aufgewischt, war’s Gott.
  • Allein genügt im Raum, Erkältungswahn und Purzelbaum, ich denk an den Lebensquell, mein totes Hirn döst grell.
  • Ich komme nicht mehr dazu, an meinen Tod zu denken, aber mein Tod denkt ja an mich.

Und bei alledem immer noch ein bisschen Hybris – eitler Fatzke: Wenn mich jemand Literaturpapst nennt, lächle ich und sage: Ein Papst kann höchstens ein Stellvertreter auf Erden sein. Wieso halten Sie mich für einen Stellvertreter?

Auf der anderen Seite sind vielleicht diese Empfehlungen bzw. Mahnungen zur Übernahme ins Langzeitgedächtnis geeignet (so kann natürlich nur jemand reden und argumentieren, der sich noch jung fühlt bzw. noch nicht für alt – jedenfalls nicht so alt wie Du, lieber Martin Walser:

  • Wie konnte man tändeln, allem entgegenstehend, Zeit, eine Ahnung die nichts wog.
  • Wie konnte man tändeln damals am Ufer der Gewissheit, die’s nicht gab.

Am See hast Du wohl die Seite gewechselt. Du schreibst: In der Klinik Abendfrieden, in Kreuzlingen kann man sterben (dafür ist die junge Frau ausgebildet – und wieder und immer noch eitler Fatzke: Vielleicht will man, wie man stirbt, sie beeindrucken. Man tut so, als sei es gar nicht so schlimm. Und sie tut auch so). Dort scheint man auch seinen Frieden mit dem Unausweichlichen zu machen, indem man irgendwann hofft langsam, aber irreversibel hinüberzudämmern – wohin? Die Müdigkeit meint’s gut mit mir, betäubt gleite ich durch meine Verhängnisse, der Erdball voller Schmerz stürzt mutlos durchs Blau meiner Benommenheit… Ich bin schon ein Freund der Wurzeln, der Katze fahre ich endlos durchs Fell und lass mir ihre kleinen Knochen begegnen, aber am Abend starr ich ratlos ins Dunkel. Dann renn ich zum Retter Wein.

Der Tanz ist zu Ende, wo Dichten und Lachen eins warenstumm auf Steine beißen, das ist heute Deins, taub Dein Geschick, liegt todmüde Dein Lachen Dir im Mund; die Zeit ist vorbei, wir haben nicht mehr hitzefrei, wir sind jetzt kalt und arm und fluchen uns warm. Du schreibst – es hört sich fast tröstlich an: Ich dämmere im Licht, der Tag sieht mich, ich ihn nicht. Ich bin geborgen. Schwäche schützt. Weitab liege ich. Abgeblitzt.

Du ziehst Dich in Deine Träume zurück – sie gehören Dir allein. Und schließlich: Mich verbergen in mir, die Sprache wechseln, dass ich mich nicht mehr verstehe.

Aber sei gewiss, davon weißt Du noch nichts! Hättest Deinen Schwiegervater pflegen sollen tief in die Dunkelheit hinein; die dunkelste Schwärze, die sich keiner vorstellen kann. Übrigens lies doch einmal: Hast Du uns endlich gefunden von Deinem Schwiegersohn Edgar!

Wie schön, dass im Garten Dein Freund Salbei wartet – und Deine Freundin Melisse!

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund