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(M)Ein Adventskalender - heute öffnen wir das fünfte Türchen/Fensterchen (5)

Heute ist Nikolausabend. Durch das Türchen will ich nicht gehen. Ich werde nur einen kurzen Blick werfen durch das Fensterchen in eine Zeit, da ich noch Kind war. Das ist mehr als 60 Jahre her und der Rückblick fällt mir durchaus schwer. Denn ich war wohl ein völlig normaler Junge ohne besondere Auffälligkeiten. Wir wohnten dort - ganz am östlichen Ende der Stadt - wo sich in den fünfziger Jahren noch eine Kindheit zutragen und entfalten konnte, die heute zu legendenhaften Erzählungen taugt. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

An dem mir erinnerlichen Nikolausabend Ende der fünfziger Jahre trug sich etwas zu, was verständlich wird auf dem Hintergrund einiger Geschehnisse, die ohne die adventliche Rahmung - just im Vorfeld des 5./6. Dezember - gänzlich folgenlos geblieben wären. Wir, das heißt mein bester Freund, sein Bruder, mein Bruder, meine Cousine und einige andere, deren tatsächliche Mittäterschaft ich hier nicht verbürgen kann, hatten uns tief in den Garten meines Freundes zurückgezogen - die Gärten reichten ganz sicher 100 Meter in die Tiefe. Dort stand eine alte einachsige Karre, unter deren schräger Kippe wir eine heimelige Schutzhöhle erkannten. Peter - er war mit Abstand, das, was man heute vielleicht einen Frühentwickler nennt - hatte ein Packung Zigaretten besorgt (woher auch immer). Fast im Sinne einer Mutprobe nahmen wir dort in den Tiefen des Gartens, unter der Karre unsere ersten Züge. Wir hatten nicht die geringste Ahnung, dass uns Peters Oma vom Küchenfenster aus beobachtete - die war doch ohnehin viel zu weit weg, um auch nur zu erahnen, was wir da an Verbotenem zelebrierten. Im Nachhinein erklärt sich auf diese Weise aber, wie der Heilige Nikolaus zu seinen Informationen gekommen sein mag.

Der Nikolaus selbst war im Übrigen überhaupt nicht mein Problem. Erst in der Gemeinsamkeit des mit ihm in Erscheinung tretenden Hans Muff - unter diesem Namen bleibt er mir in lebenslanger Erinnerung - geriet sein Auftritt am Abend zu einer wahren Bedrohung, für mich zu einer Katastrophe. Das Foto, das vor mir liegt, zeigt meinen Bruder, meine Cousine und eine Freundin aus der Nachbarschaft in recht heiterer Stimmung. Nur mir stehen die Tränen in den Augen, aus denen die pure - ich möchte fast sagen - eine existentielle Angst schaut. Die anderen hatten wohl den Ernst der Lage nicht annähernd begriffen. Mir war klar, als der Nikolaus aus seiner gewaltigen Kladde ein ganzes Sünderegister vortrug, dass nun mit der Schilderung unserer verbotenen Taten etwas ans Tageslicht drang, was zu den ärgsten Befürchtungen Anlass gab. Dieser Hans Muff - ein düsterer Schreckensgeselle - rasselte im Hintergrund mit seinen Ketten. Der Sack auf seinem Rücken drohte allen Bösewichten als Schleuse zur Hölle.

Kleine Randbemerkung zu den Erlebnissen meines Schwiegervaters (Jg. 1924) - so etwa zu Beginn der dreißiger Jahre: Er erzählte uns, dass der Knecht Ruprecht - damals in Ittendorf (im Hinterland von Meersburg am Bodensee - ihn auf Geheiß des Heiligen Nikolaus aufgrund seiner Schandtaten in den Sack steckte und erst wieder ausließ in beachtlicher Entfernung vom elterlichen Haus. Stelle ich mir dies vor, so mag ich an den Erzählungen meines Schwiegervaters einerseits zweifeln - er trug eine deutliche Seelenverwandtschaft zu Ludwig Thoma und seinen Lausbubengeschichten in sich. Andererseits passt es vielleicht in eine Zeit, in der die Bestrafung von Saujungs, wie der Leo - mein Schwiegervater wohl einer war - auch schon mal drastische Formen annehmen konnte. Mir ist klar, dass ich einen solchen Exzess mit einem veritablen Trauma beantwortet hätte.

Für mich bedeutete die Bloßstellung und die Erzählung meiner Vergehen eine unfassbare Bedrohung, deren schlichte Hintergründe ich nicht zu durchblicken vermochte. Erst als der Nikolaus dann endlich die andere Seite seines Buches öffnete, konnte ich mich beruhigen und meinen Frieden finden, da ich mich ja vor allem auch des elterlichen Schutzes sicher sein konnte. Ich vermute einmal, dass meine Mutter mindestens genauso gelitten hat, angesichts meiner angstvollen Haltung. Mein Freund Rudi hat mir einmal den beträchtlichen Unterschied zwischen Mut und Tapferkeit nahe gebracht. Heute - im Alter von fast siebzig Jahren - weiß ich längst, dass ich nicht zu den Mutigsten, gewiss aber zu den Tapferen gehöre.

Wenn wir heute in Rübenach - bei Opa Hermann (übrigens wie ich auch ein 52er Jahrgang) den Nikolaus empfangen, dann wird er ohne Knecht Ruprecht in Erscheingung treten. Mein Freund Herbert, bewährter Nikolaus für so viele Gründschüler:innen Claudias (und im  Übrigen auch für die eigenen Kinder) wird die rechten Worte der Ermahnung und Ermunterung finden, wenn er Florian, Leah, Anna und Leo begegnet - unser Julchen ist noch zu klein. Sie wird in 11 Tagen ein Jahr alt. Wir halten nichts von einer Erziehung, die mit der Erzeugung von Ängsten einhergeht - daraus ist zu häufig schon Schlechtes entstanden - wenn Erwachsene, aber auch schon Kinder ihre Ängste beginnen zu projizieren und zu externalisieren auf die, die schwächer sind und die dann oft genug als Schuldige für das eigene Unbehagen herhalten müssen.

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund