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(M)Ein Adventskalender - Heute öffnen wir das zweite Türchen/Fensterchen (2)

Auch heute kein leichtes, unbeschwertes Driften in der Weihnachtswunderwelt - dafür aber ein Angebot, das offenkundige und manchmal unverhoffte Lösungskraft in sich birgt. Ich knüpfe heute an Svenja Flaßpöhler an, die 2017 ein Buch veröffentlicht hat, das Hilfen im Umgang mit Schuld verspricht - zumindest aber doch Anregungen (Verzeihen - vom Umgang mit Schuld, München 2017). Ich werde mich in den folgenden Hinweisen im Wesentlichen auf ihren Prolog und ihren Epilog beschränken und nur wenige Hinweise aus den übrigen Kapiteln aufnehmen. Gewiss von besonderer Bedeutung scheint die Widmung (ich widme diesen Beitrag meiner weitverzweigten Familie und besondern meinen Kindern und Patenkindern):

Für meine Mutter

Sehr schnell wird deutlich, dass Svenja Flaßpöhler dieses Buch nicht geschrieben hätte, ohne die außerordentlich schwierige und belastete Beziehung zu ihrer Mutter. Die sechseinhalb Seiten des Prologs sind ausschließlich dieser schwierigen Beziehung vorbehalten. Gleichwohl weist schon der Klappentext darauf hin, dass (alle) Menschen sich schuldig machen. Svenja Flaßpöhler erachtet das Verzeihen (daher) als grundlegend für das menschliche Miteinander - allein schon, um endlosen Spiralen aus Schuld und Sühne zu entkommen.

Svenja ist 14 als ihre Mutter geht. Ihrer (erinnerten) Wahrnehmung nach geht die Mutter konsequent und eher unbeschwert: "Der Mann, Anlass ihres Weggangs, wurde wenig später ihr dritter Ehemann. Zur Hochzeit eingeladen wurden wir Kinder nicht (12)." Anfängliche Besuche, die "immer im Streit endeten hörten bald auf." Svenja hält den Kontakt, gewinnt Einblick in das neue Leben der Mutter - irgendwann mit Baby, dem bald ein zweites folgte. Svenja Pöhler erwähnt eine Geschichte, die sie sehr viel später aufschreibt, als sie schon in Berlin wohnte:

"Meine sechs Jahre jüngere Halbschwester und ich dringen nachts in das neue Haus meiner Mutter ein. Anfänglich wirkt es, als wollten wir die ganze Familie, zumindest aber unsere Mutter töten, doch stattdessen hängen wir uns beide im Dachstuhl auf (12)."

Hier offenbart sich eine extreme Form der Konfliktverarbeitung, die wenig Hoffnung lässt für einen halbwegs versöhnlichen Ausgang dieser komplexen Gemengelage. So bekennt Svenja Flaßpöhler denn auch, dass sie ihre Mutter zwar nie offen gehasst habe - im Übrigen auch nie offensiv zur Rede gestellt habe -, dass sie aber den tiefen Wunsch gehegt habe, dass ihre Mutter irgendwann bestraft werde. Begegnungen zwischen den beiden ereigneten sich sporadisch und "eher unfreiwillig auf Familienfesten". Was sich beharrlich verfestigt - auch über all die Jahre - war "der stille Wunsch, von ihr eine Erklärung zu bekommen, gar ein Wort des Bedauerns zu hören". Erst in Berlin lässt Svenja die Hoffnung  auf ein an ihre Mutter geknüpftes Heil fahren. Sie unterzieht sich einer Psychoanalyse - fünf Jahre lang:

"Der graue Schleier, der für mich bis dahin unauflöslich zur Welt gehört hatte, lichtete sich; die Nächte, in denen ich auf Selbstzerstörungskurs allein durch die Stadt zog, wurden seltener. Meinen Mann lernte ich kennen, als die Analyse gerade begonnen hatte. Als sie auf ihr Ende zuging, wurde ich schwanger (13)."

Schwangerschaft und Geburt bedeuten einen Wendepunkt. Es mag sein - wobei ich daran nicht glauben mag -, dass in diesem unzweifelhaft Zustand und Prozess der Schwangerschaft nach wie vor das wahrhafte Schisma zwischen Männer und Frauen begründet ist (viele Frauen und ihre Haltung zu Schwangerschaft und Kindern lassen mich daran zweifeln). Svenja Flaßpöhler bekundet jedoch, dass ihr Wunsch, sich ihrer Mutter mitzuteilen im Verlauf der Schwangerschaft größer wurde, je stärker sie das Baby in sich spürte:

"Die kleinen Schmetterlingsschläge, später dann die deutlichen Tritte hatte auch sie gefühlt, als sie mit mir schwanger war. Ich tauschte mich mit ihr am Telefon aus. Dann wurde unsere Tochter geboren. Tage und Wochen verflogen. Meine Mutter kam nicht. Monate vergingen. Meine Mutter kam nicht. Irgendwann telefonierten wir auch nicht mehr. Zum ersten Mal gesehen hat sie ihre Enkelin, zu diesem Zeitpunkt fast ein Jahr alt, auf der Beerdigung meines Großvaters. Ein Blick in den Kinderwagen; mehr gab die Situation nicht her (13f.)."

Persönliche Einlassung: Ich schreibe jetzt und hier, nachdem ich den Vormittag mit meinen beiden Enkelkindern verbracht hab (einunddreißig und elfundeinhalb Monate alt). Die Zeit mit meinen Enkelkindern - jede Sekunde und jede Minute - sind von jener Labsal, die jede Seele jubilieren - und wenn nötig - gesunden lässt. In der Folge wächst meine Bewunderung für Svenja Flaßpöhler in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Unverständnis ihrer Mutter gegenüber. Es ist genau die Haltung dieser Mutter, die mir selbst die abstruse Phantasie verstellt, ich würde zuweilen mit übermäßigen weiblichen Anteilen den Körper eines Mannes behausen. Ich plädiere mit voller Überzeugung und Leidenschaft für ein Bild des Mannes (auch des alten), das sich endlich verabschiedet von einer durch Schwangerschaft und Geburt geadelten Weiblichkeit. Sind es ohnehin viel zu viele Frauen, die (zumeist kinderlos) Männlichkeitsidealen und attitüden hinterherhecheln, so scheint es mir fundamental bedeutsam darauf zu beharren, dass Männer - sieht man von Schwangerschaft und Geburt ab - alle, aber auch alle erdenklichen Anlagen und Begabungen zu einer liebevollen Zugewandtheit in sich verkörpern, in der alle Geborgenheit, Sorge und Fürsorge beheimatet sind.

Svenja Flaßpöhler hält auf eine unheimliche Art und Weise fest - woran?

"Die Abwesenheit meiner Mutter war jedoch nur äußerlich. Denn: Es gibt kaum ein Ereignis, das einen Menschen so unwiederbringlich auf seine Herkunft zurückwirft wie die Geburt eines eigenen Kindes. Als ich selbst Mutter wurde, fühlte ich meine Mutter in mir wie einen Geist, den ich doch längst in seine Flasche zurückgesperrt zu haben glaubte. Wenn ich mit meiner Tochter sprach, erklang aus mir ihre Stimme. Wenn ich sie wickelte, sah ich ihre Hände an meinen Armen. Die plötzliche und notgedrungene Identifikation rief verstörende Fragen in mir wach. Werde ich meine Vergangenheit jemals los? Ist eine solche Befreiung überhaupt je möglich, und wenn ja, bis zu welchem Grade? Kann ich mich tatsächlich von meiner Mutter lossagen? Die Herkunft hinter mir lassen, wie einen beschwerlichen Sandsack? Wie kann ich verhindern, dass ich mein Leid auf mein Kind übertrage? Ja, und dies ist ein Gedanke, den ich gar nicht denken will, den ich sogleich erschrocken von mir weise, wenn er mir kommt: Könnte es sein, dass ich - trotz oder vielleicht sogar wegen meines unbedingten Wunsches, nie dieselben Fehler zu wiederholen - eines Tages ähnlich agiere wie meine Mutter (S. 14f.)"

Gestern habe ich Habekuss/Ulrich beim Blick durch das erste Fensterchen mit dem Satz zitiert: "Der Verlust der Biodiversität lässt sich nur systemisch aufhalten." Der Verfall und die völlige Zerrüttung von Familien - so muss man ähnlich argumentieren - lässt sich nur in den Blick nehmen (und auch heilen), wenn man den systemischen Nexus familiärer Dynamiken in den Blick nimmt. Verschließt man sich dieses Blickes und seiner heilenden Aussicht, geraten ganze Familien, aber auch Alleinerziehende häufig genug in heillose Turbulenzen, aus denen es kein Entrinnen gibt. Svenja Flaßpöhlers Angst ist - wie sie selbst bekennt - nicht grundlos:

"Immerhin zeigt sich in individuellen Biographien genauso wie im großen Lauf der Geschichte, wie insistierend schmerzhafte Erfahrungen sein können. In Form der Rache, eines diffusen Schuldgefühls oder der Depressionen schreibt sich der Schmerz ein Leben lang fort und in die Körper der Nachgeborenen ein; ja bisweilen entsteht sogar der Eindruck, als akkumulierte sich das Leid nachgerade, ähnlich einem Schuldenberg, der von Generation zu Generation immer größer wird (S. 15)."

So schmerzt es Svenja, wenn sie andere Mütter mit ihren Müttern auf Spielplätzen sah, "Großmütter, die ihre Enkel mit leuchtenden Augen anschaukelten, ihnen beim Rutschen zuschauten, die Schuhe banden (s, 15)."

Im Sommer 2012 - so erzählt Svenja Flaßpöhler - nimmt sie den Kontakt zu ihrer Mutter, die sich inzwischen von ihrem dritten Mann getrennt hatte, wieder auf. Es ist nun bemerkenswert, auf welche Weise sie das von ihr angeregte Treffen erinnert:

"Am vereinbarten Tag erwartete ich meine Mutter auf einem Parkplatz unweit des Kölner Doms. Als ich meine Mutter von Ferne aus dem Auto steigen sah, schlug mir das Herz bis zum Hals. Sie ging auf mich zu, dann drehte sich abrupt um: Sie hatte vergessen, Geld in den Parkautomaten zu werfen. Noch im selben Augenblick entschuldigte ich innerlich ihr Verhalten: Dass sie nicht als Erstes auf mich zulief, mich umarmte, war keine Böswilligkeit, noch nicht einmal Gedankenlosigkeit, sondern ihr mir nur allzu bekanntes Pflichtbewusstsein, die andere Seite ihrer Explosivität. Bis der Schein ordnungsgemäß hinter der Windschutzscheibe platziert war, dauerte es ein paar Minuten, in denen ich nicht wusste, wohin mit mir (S. 16).",

Jedes Wort - die Wahl der Worte hat Gewicht - scheint zu zählen. Die fett markierten Textstellen im vorherigen Zitat lassen ahnen, dass hier etwas wirkt, was offenkundig nur das Herz erzählen kann, wo die Vernunft (als Hure des besseren Arguments) verstummt oder zumindest nicht die rechte Antwort findet. Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt - so oder so ähnlich George Steiner. Wie anders lassen sich die abschließenden Sätze im Prolog verstehen?

"Meine Halbschwester fragt mich oft, warum ich unsere Mutter eigentlich sehen will. Ich sage dann: Weil sie irgendwann sterben wird. Weil sie unsere Mutter ist. Weil ich mir nach ihrem Tod nicht vorwerfen möchte, die Zeit, die mir noch mit ihr geblieben wäre, nicht genutzt zu haben. Also erwartest du noch etwas von ihr?, fragt meine Schwester. Nein, antworte ich. Sie kann mich nicht mehr verletzen. Ich erwarte nichts. Weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung. Du hast also verziehen? Meine Schwester bemüht sich, die Frage lässig und beiläufig klingen zu lassen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Verzeihen. Ein großes Wort (S. 17)."

180 Seiten später - Epilog: Svenja Flaßpöhler feiert ihren 40. Geburtstag. "Der einzige Gast, der noch fehlt, ist meine Mutter." Am frühen Morgen entsinnt sie sich jener Frage, die ihre Schwester ihr vor einigen Jahren gestellt hatte: "Ob ich unserer Mutter etwa verziehen habe?" Sie notiert dann:

"Ich selbst habe noch nie zu meiner Mutter gesagt: 'Ich verzeihe dir', und kann mir auch nicht vorstellen, diesen Satz je zu äußern. In meinen Ohren klingt diese Formel kitschig, überheblich - und , nun ja, formelhaft. Das wahrhaftige Verzeihen ist an keinen Sprechakt gebunden. Es ereignet sich schweigend und zeigt sich im Tun (S.199)."

Und selbstverständlich möchte ich Euch allen nicht vorenthalten, welche Erwartungen sich denn an diesem 40. Geburtstag Svenja Flaßpöhlers noch erfüllen. Mit diesen Sätzen schließt sie ihre Ausführungen ab, die - sieht man vom Prolog und vom Epilog ab - von Kritikern klassifiziert werden als "eine lebendige Mischung aus Selbsterfahrung, Reportage und Philosophie" - "Feinsinnig und intelligent gewoben". Ich möchte hinzufügen: Wenn je, dann findet in Svenja Flaßpöhlers Ausführugen neben einer kognitiven eine sozial-emotionale Intelligenz ihren Ausdruck! Sie endet:

"In meiner Gesäßtasche klingelt es. Sie sei jetzt da, sagt meine Mutter, warte vor der Kleingartenanlage. Meine Schwester und ich stehen auf, um sie abzuholen. 'In eurer Laube sitzt mein halbes Leben', sagt meine Mutter zu mir, während ich ihre Tasche über den Hauptweg trage, und lacht. Eskortiert von ihren Töchtern tritt sie durchs Gartentor (S. 199)."

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund