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Noch haben wir die Wahl – Luisa Neubauer und Bernd Ulrich (Stuttgart 2021)

"Die Klimakrise wird uns hoffentlich nicht das perfekte mythische Ereignis bieten, das sich uns fein säuberlich orchestriert als Argumentationsgrundlage für weitreichende Klimamaßnahmen anbietet. Sich der ökologischen Krisen anzunehmen, ist eine Frage des politischen Willens (Luisa Neubauer, in: Noch haben wir die Wahl, Stuttgart 2021, Seite 93)."

Clemens Albrecht kommt in seinen Ausführungen zum Topos des Lebenslangen Lernens (in: Rademacher/Wernet: Bildungsqualen – Kritische Einwürfe wider den pädagogischen Zeitgeist, Wiesbaden 2015) zu einem bemerkenswerten Zwischenfazit:

„Wir leben, wie Max Weber bemerkt hat, schon seit Beginn der Moderne in einer sozialen Welt, die sich so rapide wandelt, dass die großen, die grundlegenden Wandlungszyklen, in denen gleichsam das soziale Paradigma umgestellt wird, die menschliche Lebenszeit unterschreiten. Deshalb steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle – und wir alle immer früher – vor der Erkenntnis stehen: nein, in diese Welt passe ich nicht mehr. Denn mit fundamentalen Wandlungsprozessen steht die Forderung an, uns nicht nur im Rahmen unseres biographisch angelegten, internalisierten, schicksalhaften Korridors zu perfektionieren, sondern diesen Korridor selbst zu verlassen: eine andere Person zu werden. Dieses Phänomen kann man die strukturelle Überforderung des Einzelnen durch den kollektiven Fortschritt nennen (a.a.O., S. 214).“

Ich möchte im Folgenden einmal diese von Clemens Albrecht vertretene These auf ein Menschheitsproblem anwenden, von dem viele behaupten, dass wir es nur durch eine enorm steile und dynamische Lernkurve zu lösen vermögen; eine Lernleistung, die in bislang unvorstellbarem Ausmaß die These Albrechts zu bestätigen scheint, dass erstens die Wandlungszyklen, in denen gleichsam das (soziale) Paradigma umgestellt wird, die menschliche Lebenszeit unterschreiten und zweitens sich abzeichnet, dass es nicht nur um eine individuell zu leistende Perfektionierung im Rahmen unseres jeweiligen biographisch angelegten schicksalhaften Korridors gehe, sondern darum, eine andere Person zu werden, eine andere Person in einem radikal neu zu entwerfenden sozialen, ökonomischen und ökologischen Umfeld - und zwar aus schlichten überlebensnotwendigen Motiven! Auf Seite 75 des Streitgesprächs zwischen Luisa Neubauer und Bernd Ulrich kommt es zu einer Zuspitzung, die den Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung des unter den Diskutanten unstrittigen Menschheitsproblems offenbart. Luisa Neubauer stellt folgende Position in den Raum:

„Natürlich ist es wenig interessant für die Menschen zu lesen, dass die CO²-Konzentration, wie seit 40 Jahren, stark gestiegen ist. Sie haben schließlich das Gefühl, das sei ein Problem der Atmosphäre – nicht ihres. Aber in dem Moment, in dem man anfängt, über das zu sprechen, was diese Konzentrationssteigerung für Lebenswelten, Gesellschaften und Zukünfte bedeutet, in dem Moment, in dem wir Geschichten von Menschen erzählen, in dem wir anerkennen, dass wir eine Menschheitskrise haben, gibt es acht Milliarden Geschichten zu erzählen.“

Bernd Ulrich (Jg. 1963) – mehr als doppelt so alt wie Luisa Neubauer (Jg. 1996) – liefert zunächst einmal eine Vorstellung ab, die wir aus einer traditionellen Orientierung an den üblichen und bekannten Einflussfaktoren für ein agenda-setting in Demokratien kennen: „Ich hätte Lust zu sagen: ‚Du hast recht‘… [aber] ich bleibe dabei, dass auch ihr ein Wiederholungsproblem bekommen werdet.“ Und wenige Sätze weiter: „Wie gesagt, wir befinden uns in einem harten aufmerksamkeitsökonomischen Wettbewerb.“

Luisa Neubauer hatte zuvor die Frage in den Raum gestellt:

„Du behauptest nach über einem Jahr täglicher, minütlicher, ja sekündlicher Corona-Bericht-Erstattung, bei der ununterbrochen auf allen Plattformen impliziert wird, dass es wichtig sei und alle betrifft, wovon viele zwar genervt aber kaum wer gelangweilt ist, dass man nicht ununterbrochen über ein Thema berichten kann? Tut mir leid, wir sprechen bei der Ökologie von einer Krise, die jedes Molekül auf der Erde betrifft. Du willst mir sagen, das ist auserzählt und dazu fällt einem nichts mehr ein?“

"Es war hart für mich, dort, am Konferenztisch, als Frau Merkel uns versucht hat zu erklären, warum nicht gehandelt wird." Luisa Neubauer begegnet Angela Merkel zu einem Gespräch im August 2020 - vor gut einem Jahr und reibt sich an dem Satz Merkels, Politik sei das, was möglich ist. Sie beginnt ihn zu kontextualisieren und der Zynismus einer solchen Position entlarvt sich im Zuge dieser Kontexutalisierungen, denn - so Luisa Neubauer:

"Die Katastrophen sind ja da. Nur entscheidet man sich, nicht hinzugucken, sie nicht ernst zu nehmen, sie nicht im Kontext der Klimakrise zu verstehen, obwohl die Wucht dieser Ereignisse evident ist: Sie werden dokumentiert und fotografiert, die Opfer werden gezählt."

Von den acht Milliarden Geschichten, die es im Zuge der Menschheitkrise erzählen müssten, sehen wir hier aus naheliegenden Gründen ab. Wir könnten beginnen mit den Geschichten der 133 Toten (die Rede ist von drei Vermissten), die im Zuge der Flutkatastrophe am 14. Juli 2021 im Ahrtal ihr Leben verloren haben - 47 Tote werden in den nordrhein-westfälischen Flutgebieten gezählt. Wenige der Toten habe ich gekannt. Wer wird ihre Geschichten erzählen, wer macht sich eine Vorstellung von ihren letzten Stunden, Minuten und Sekunden?

Luisa Neubauer erinnert das Gespräch mit Angela Merkel auch mit dem Vermerk, man nüsse viele Gespräche führen, die einen innerlich zum Weinen bringen und belegt dies wie folgt:

"Aber es gibt einiges, was man ausgerechnet von einer der mächtigsten Frauen der Welt nicht gerne hören möchte. Beispielsweise, das einkalkuliert wird, dass erst humanitäre Katastrophen eintreten müssen, bevor man politisch radikal einlenkt."

Reichen die 180 Toten für einen radikalen Paradigmenwechsel? Oder wieviel Nullen müssten da noch angehängt werden? Begreifen wir die Geschehnisse vom 14. Juli 2021 als jene fundamentalen Wandlungsprozesse, als das Menetekel, das uns zu radikaler Kurskorrektur veranlasst? Stellen wir uns erkennbaren Anforderungen, uns nicht nur im Rahmen unseres biographisch angelegten, internalisierten, schicksalhaften Korridors zu perfektionieren, sondern diesen Korridor selbst zu verlassen: eine andere Person zu werden; eine andere Gesellschaft zu kreieren? Werden uns all die Grenzerfahrungen strukturell überfordern oder wandeln wir uns auch individuell in einem kollektiven Fortschrittsgeschehen?

Luisa Neubauer formuliert mit deutlichem Vorlauf zur Flutkatastrophe am 14. Juli 2021 eine Ahnung, die sie für den ein oder anderen - wie Kassandra - zu mythischen Katatrophenseherin stilisieren mag, die kein Gehör findet:

"Die Klimakrise wird uns hoffentlich nicht das perfekte mythische Ereignis bieten, das sich uns fein säuberlich orchestriert als Argumentationsgrundlage für weitreichende Klimamaßnahmen anbietet. Sich der ökologischen Krisen anzunehmen, ist eine Frage des poltischen Willens (Luisa Neubauer, in: Noch haben wir die Wahl, Stuttgart 2021, Seite 93)."

Das Ereignis ist eingetreten. Die apokalyptischen Bilder - manche sprechen von realen Ereignissen einer Hölle auf Erden - stehen uns noch vor Augen; vergleichbare Ereignisse ereeignen sich weltweit mit zunehmender Häufigkeit, so dass man nicht von einem singulären Ereignis sprechen kann. Hier in Deutschland, zumal für die Menschen im Ahrtal und in den Überflutungsgebieten in Nordrhein-Westfalen, hat die Klimakrise jenes perfekte Ereignis geschaffen, das uns fortan begleiten wird in der Frage, ob wir im Stande sind, den internalisierten, schicksalhaften Korridor, den unsere Gewohnheiten begründet haben, zu verlassen.

Gehen wir an der Stelle einmal auf eine andere Ebene der Auseinandersetzung - die intergenerative. Die 70jährigen und jene, die sich schon deutlich jenseits dieser Altersgrenze bewegen (also die jungen Alten und die Alten) spielen hier schon gar keine Rolle mehr; es geht um die Auseinandersetzung zwischen den Boomern und den FfF-AktivistInnen (Luisa Neubauer ist im übrigen mit Jahrgang 1996 schon etwas jenseits der FfF-Alterskohorte). Bernd Ulrich gesteht Luisa zu, dass die Kritik an den Boomern gerechtfertigt sei, weist gleichwohl darauf hin, dass auch die Boomer eine Lebensleistung vorzuweisen hätten: "Wir haben das Land einen Hauch besser gemacht, als es vorher war, unsere Vorgängergeneration entgiftet und die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts einigermaßen unschädlich gemacht." Und dann bemerkt Bernd Ulrich noch etwas offensiver - nachdem Luisa im Generalverdikt anmerkt: "Liebe Boomer, war nicht alles so gut." "Ich wäre mir nicht ganz so sicher, welche Generation mehr um die eigenen Befindlichkeiten rotiert, deine oder meine."

Luisa Neubauer ist keine Politikerin - aber sie macht Politik. Da sie niemandem anderen verpflichtet ist, als ihrer Generation und den Zielen von FfF redet sie Tacheles. Dabei geraten nicht nur die Boomer in ihr Visier, sondern - selbstredend - auch alle, die älter sind, also meine Generation und natürlich auch alle Kriegskinder:

"Meinetwegen müssen wir nicht tagein, tagaus über die vergangenen Verfehlungen der Boomer diskutierren. Total okay. Viele Boomer sind hier ja überhaupt nicht mit gemeint, einge der engiertesten Klimaschützer:innen dieses Landes sind Boomer! Der Genrationenkonflikt zwischen Boomern und den jüngeren Generationen ist nicht vom Himmel gefallen, sondern erwächst aus dieser bizarren Situation, das zwar riesengroß im Raum die wissenschaftlich klar fundierte Feststellung steht, dass zu viele Boomer, obwohl informiert und aufgeklärt, die Klimakrise immer weiter befeuert haben [...] Nein, Vertreter:innen der Generation Altmaier ist allen Ernstes nichts Besseres eingefallen als 'Nicht in diesem Ton, und schon gar nicht am Freitag', 'Schön, dass ihr euch engagiert', 'Das könnt ihr ja dann besser machen, wenn ihr alt genug seid'. Es wurde sich in einer beeindruckenden Selbstgefälligkeit an uns abgearbeitet, als wären wir schuld an der Klimakrise, nur weil wir aussprechen , dass es sie gibt. Forderungen nach Kohlausstige, CO²-Preis und Kleinigkeiten wie Menschheitsrettung wurden von den Boomern diskursiv in so viel Ideologie getränkt, bis sie zu Rufen nach Ökodiktatur, Planwirtschaft, Freiheitsberaubung oder gleich Sozialismus entstellt wurden."

Zwischenbemerkung: Lanz gefällt sich in der Rolle des narzistischen Selbstdarstellers. Ihm ist durchaus zuzugestehen, dass er mit seinem Team investigative Attitüden in den TV-Tagesjournalismus einbringt - zuweilen gut und akribisch vorbereitet. Gestern Abend (21.9.21) hatte er neben Kevin Kühnert und Volker Wissing auch Luisa Neubauer zu Gast. Luisa Neubauer , die zwar Mitglied der Grünen ist, beanspruchte an diesem Abend zwischen den Wahlkämpfern die Rolle der FfF-Aktivistin. Das war insofern gleichermaßen erhellend wie deprimierend, weil sich damit einmal mehr zeigte, dass diese (ungemein wichtige) Haltung zu einem appellativen Dauerrauschen anschwillt, das seine Politikfähigkeit noch unter Beweis stellen muss. Kevin Kühnert veranlasste das zu der beiläufigen Bemerkung: "Willkommen in der Politik!"

In Kapitel 13 (S. 186f.) des Streitgesprächs zwischen Bernd Ulrich und Luisa Neubauer wird zu Beginn sehr schnell deutlich, was Kevin Kühnert gemeint haben könnte, und was Luisa Neubauer durchaus realisiert hat, wenn sie versucht die Frage zu beantworten, was Demokratien den benötigen, um "gut und souverän zu funktionieren":

"Wenn man Politik hier mal als eine Kombination aus Krisenprävention und Krisenbewältigung versteht, wäre es die Aufgabe, Ersteres so engagiert und effektiv wie möglich zu betreiben, damit Letzteres nur im Notfall eintreten muss. Wer Politik nur für den Augenblick macht, wird irgendwann zum Gefangenen dieses Augenblicks. Deshalb brauchen wir in meiner Wahrnehmung Programmatik, Pläne und Mechanismen, die gewährleisten, dass wissenschaftliche Erkenntnisse, Warunungen und Szenarien Einzug halten in politische Eintscheidungsprozesse, selbst wenn besagte Erkenntnisse den gewohnten politischen Narrativen widersprechen."

Hier wird das ganze Dilemma deutlich, dass sich aus der Notwendigkeit eines radikalen Politik- bzw. Paradigmenwechsels ergibt, der sich aus wissenschaftlicher Einsicht zu legitimieren hätte. Demokratien funktionieren nicht ohne wirksame, nachhaltige Mehrheitsbeschaffung. Wie Kühnert - selbst Neubauer - einräumen, eben nicht ohne die Menschen mitzunehmen bei dieser radikalen Kurskorrektur! Genau betrachtet ist es ja genau umkehrt: Eine irgendwie erkennbare, auf Mehrheiten basierende Legitimation muss Wissenschaft und objektiv notwendige Maßnahmen mitnehmen - ihnen die Bahn freimachen. Ansonsten müssen wir den Wechsel anstreben in eine Autokratie der Wissenschaft, die uns oktroyiert, wo es lang zu gehen hat!

In Deutschland passiert von beeindruckenden Verkörperungen einer Intelligentia - da kann man dann sehen, dass Intelligenz allein nicht reicht - aber genau das Gegenteil. Bernd Ulrich bringt es auf den Punkt. Und ich schreibe es hier auf zwei Tage vor dem Wahlsonntag:

"Sie wollen nicht den Klimaschutz sozial gestalten, sondern das Soziale gegen den Klimaschutz in Stellung bringen. Wenn FDP und CDU sagen: ' Wir dürfen das Fleisch und das Autofahren nicht so teuer machen, weil die Ärmsten auf ein Auto angewiesen sind. Und wollen wir ihnen wirklich auch noch ihre Bratwurst nehmen?', frage ich mich immer, wie lange man auf diesem toten Pferd noch reiten will. Wenn Union und FDP sagen würden: 'Wir müssen den Mindestlohn erhöhen, damit sich die Ärmsten noch Bratwurst leisten können', dann würde ich sagen: 'Respekt, die haben wirklich was verstanden, guten Appetit.' Sogar wenn man vorschlagen würde, dass es billiges Fleisch nur noch für die Einkommensschwachen gibt, fände ich das durchaus diskussionswürdig. In Wirklichkeit stammen aber 98% des Fleisches, das in Deutschland hergestellt wird, aus Massentierhaltung, mit oft kranken, gestressten Tieren und gestressten Schlachtern. Im Namen der Armen essen dann die Reichen das viel zu billige Fleisch."

Ja, so ist das wohl. Bernd Ulrich ist 10 Jahre jünger und Luisa Neubauer ist 35 Jahre jünger als ich. Mit Blick auf die Boomer macht das den Bock nicht fett, und ich folge Bernd Ulrich wenn er meint, statt mit großer Geste aufzugeben, gelte es einerseits den Weltrettungsdruck auf sich selbst nicht zu groß werden zu lassen und die ökologische Trauer als Teil des Lebens zu sehen: "Es bedeutet manchmal einfach auch nur zu weinen."

Das Weinen ist als überlebensnotwendige, als einerseits sinnverbürgende als  andererseits sinnbegrenzende Grunderfahrung ist mir habituell geworden. Es nimmt oft in den Blick, was - wie Luisa Neubauer meint - schon verloren ist. Aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich jene beweine, die mir voran gegangen sind und die mich im besten Fall - so wie meine Großeltern und Eltern - in einen Kraftsstrom einbinden, der mir noch heute Geborgenheit und Zugehörigkeit vermittelt. Es nähme jedoch Züge von schuldhafter Mitverantwortung und hilfloser Resignation an, wenn ich begänne, die Zukunftslosigkeit einer Welt zu beweinen, die für unsere Kinder und Kindeskinder zunehmend unbewohnbar wäre. Deshalb folge ich gleichermaßen Luisa Neubaure, wenn sie feststellt:

"Niemand muss alles alleine machen... Aber irgendwer muss sich kümmern, Millionen Irgendwers müssen sich kümmern... und ich habe mich entschieden eine davon zu sein... Unser Menschsein wird sich maßgeblich durch das definieren, was wir aus diesen Krisen machen."

Es wird nicht einfach sein, seine eigene Rolle als Irgendwer zu definieren. Zumal die reine Individualisierung der Klimakrise keinen Ausweg weisen wird. Luisa Neubauer sagt in dieser Hinsicht die Problemlage unverblümt beschreibend:

"Nimm mich, ich habe so viele Tonnen CO² auf mein Konto geladen, dass es jetzt schon nicht mehr aufgeht. Und ich bin 25. Ein Teil davon geht auf ein privilegiertes Setting zurück. Aber der größte Teil geht auf die Menge an CO², die Menge an Umweltzerstörung zurück, die wohlständige Gesellschaften infrastrukturell ausstoßen. Es funktioniert einfach nicht: Es gibt kein nachhaltiges Leben in einer nicht nachhaltigen Welt."

Nebenbei bemerkt, ergibt sich natürlich auch aus der Summe von Millionen ökologischer Fußabdrücke einen Befund, der jenseits von Luisa Neubauers infrastrukturellen Vorbehalten, seine eigene Relevanz und seine eigene Klimamächtigkeit entfaltet: Wohnen, Essen, Reisen, Konsumieren, alltägliche Ignoranz gegenüber simplen und klimagerechteren Verhaltensgewohnheiten verbieten schon lange und erst recht in Zukunft jede Bequemlichkeit in Form einer Weltrettungs-Entlastungs-Haltung im Sinne eines: Ich-kann-ja-doch-nichts-ändern/beitragen!

Immerhin firmiert Bernd Ulrichs und Luisa Neubauers Streitgespräch ja unter dem sinnigen Titel: Noch haben wir die Wahl! Na, dann lasst uns mal schön wählen/gewählt haben.

Ganz anderer Kontext und Rückkehr zum Eingangsstatment Clemens Albrechts. Ich möchte mich gerne der Würdigung unseres besonderen Kollegen und meines Freundes Winfried Rösler anschließen:

Seine einleitenden Bemerkungen zum Lebenslangen Lernen im oben erwähnten Sammelband widmet er eben jenem Kollegen, Winfried Rösler. Clemens Albrecht erinnert sich an eine gemeinsame Fachbereichsratssitzung an der Uni Koblenz, an deren Ende ein älterer Kollege den Kopf schüttelt und meint: "Nein, das ist alle nicht mehr meine Welt, es wird Zeit das ich gehe." Und im Fortgang schreibt Clemens Albrecht:

"Dieser Kollege ist besonders. Er kann unsere universitären Feiern durch Klaviersonaten umrahmen, er liest die Pädagogik von Comenius über Schleiermacher bis zu Dewy wie eine selbst erlebte Geschichte, er publiziert über Cosi fan tutte als didaktisches Lehrstück. In seinem Arbeitszimmer türmen sich keine Kopien empirischer Studien über das Schreibverhalten linkshändiger Zweitklässler, sondern die Weimarer Goethe-Ausgabe thront hinter dem Stehpult. Kurz: Wo bei uns Normalprofessoren kleinbürgerliche Professionalität herrscht, hat er Stil. Was bedeutet für ihn die Forderung nach 'lebenslangem Lernen'? Denn dass er lernt, pausenlos lernt, ist eine Selbstverständlichkeit. Seminare und Vorlesungen müssen vorbereitet werden, neue Literatur rezipiert, er leitet die Theatergruppe der Universität und studiert Stücke ein, er wartet regelmäßig mit Funden aus der Lektüre auch entlegener Klassiker auf. Aber all das ist mit 'lebenslangem Lernen' wohl nicht gemeint, es ist gleichsam normalneues Wissen, Hobby, auch und gerade, wenn es in den Beruf eingebunden ist (Clemens Albrecht, a.a.=., S. 207)."

   
   
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