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Auf die Flutwelle folgt eine gigantische Welle der Hilfe – auch aus Güls – erscheint am 10.8.21 im Gölser Blättche

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli begräbt eine Flutwelle das Ahrtal unter sich. Sie verwüstet das Tal von Schuld bis zur Mündung bei Sinzig in den Rhein. Inzwischen wissen wir, dass in dieser Nacht nahezu 200 Menschen ihr Leben verlieren – tausende verlieren ihre Häuser, ihren Hausstand und ihre materielle Existenzgrundlage.

Ich habe in Bad Neuenahr – am heutigen Apollinarisstadion – in der Kreuzstraße meine Kindheit und Jugend verbracht; dort stehen bis heute die Elternhäuser meiner Mutter und meines Vaters. Im umgebauten und renovierten Elternhaus meiner Mutter wohnt meine Cousine Gaby (wir beide haben im Zeittakt von wenigen Stunden - am 20. und 21. Februar das Licht der Welt erblickt). Wenige hundert Meter entfernt – in der Apollinarisstraße lebt meine Schwägerin.

Die beiden haben „Glück“. Die Flutwelle dringt in ihre Häuser ein, flutet die Erdgeschosse, beide können sich in die Obergeschosse retten. Mein Neffe, der in Ahrweiler wohnt – unmittelbar an der Ahr, gegenüber des Ahrweiler Freibades, kämpft in dieser Nacht um sein Leben. Während sich seine Frau und seine Tochter zu Nachbarn retten, gelingt ihm – er ist gehbehindert – dies nicht mehr. Er entgeht dem Ertrinkungstod um Haaresbreite und kann sich mit allergrößter Mühe ins Dachgeschoss seines Hauses retten. Das Haus wird von der Flut und der Wucht des Treibgutes zerstört. Das THW retten ihn und seine Familie am Vormittag des 15. Juli aus ihrer prekären Lage. In dieser Nacht ertrinken seine unmittelbare Nachbarin zur Linken und enge Freunde seiner Mutter, wenige hundert Meter entfernt in der Schützenstraße. Mein Neffe und seine Familie finden Zuflucht im Haus meiner Schwester – hoch über Ahrweiler.

Ich schreibe dies so detailliert und personalisiert, weil wir natürlich schon anderntags versuchen Hilfe zu organisieren. Aber es gelingt uns erst am Samstag bis in die Kreuzstraße vorzudringen. Ein Hilfstrupp – bestehend aus meinen Kindern und Schwiegerkindern, meinen Nichten mit Mann und Maus und nahen Freunden, die sofort Gewehr bei Fuß stehen – macht sich mit Hilfsgütern auf den Weg. Im VW-Bus meines Schwiegersohnes befinden sich da schon ein Notstromaggregat, das Andreas Kunz uns noch in der Nacht bereitstellt. Eckhard Kunz, sein Vater – aus meiner Nachbarschaft am Heyerberg –, der im Urlaub in Frankreich weilt, ordert von dort aus ein zweites Notstromaggregat und spendet als Soforthilfe € 200,- für die Beschaffung von Benzin, genauso wie die Nachbarin meiner Tochter, Frau Zimmermann. Andreas stellt schon am Montag ein zweites Aggregat zur Verfügung, daneben eine gasbetriebene Kühlbox, mehrere Gaskocher, Kabel und Kanister. Währenddessen stellen Ingrid und Klaus Fraedrich den Kontakt zur Familie Peter Alscheid her. Am Sonntagmorgen um 9.00 Uhr hole ich bei ihnen ein drittes Notstromaggregat ab; sie wünschen uns Kraft und alles Gute. Frau Alscheid drückt mir einen Zwanziger in die Hand – für Benzin!

Dies ist ein kleines Beispiel, mit dem sich die übergroße Hilfsbereitschaft zeigen lässt, die in den ersten Tagen so überlebensnotwendig ist. Im Ahrtal gibt es keine Strom-, keine Gas- und keine Wasserversorgung mehr. Mit Hilfe der Notstromaggregate stellen wir eine Grundversorgung her und betreiben vor allem die Pumpen, um den Schlamm aus den Kellern und den betroffenen Geschossen zu entfernen; zu diesem Zeitpunkt gibt es schon wieder Brauchwasser, so dass wir die Schlammmassen in einem pumpfähigen Zustand halten können.

Die enorme Welle der Hilfe spiegelt sich in der Dankbarkeit der Betroffenen; allein in der Kreuzstraße stellt sich schnell wieder Zuversicht ein, weil wir alle miteinander wirksam helfen können. Man erkennt, wie entscheidend die Stromversorgung ist, um nicht nur auf Eimer und Schippen angewiesen zu sein.  Zu Hause in Güls sorgt meine Frau abends in Güls für eine warme Mahlzeit und Unterkunft, wenn wir erschöpft für wenige Stunden Zuflucht suchen, um dann anderntags – ausgeschlafen und gestärkt – wieder an die Ahr zu fahren.

An dieser Stelle möchten wir, meine Cousine und die Nachbarn meiner Cousine in der Kreuzstraße den Familien Kunz, Fraedrich und Alscheid aus Güls herzlich danken für ihre großzügige Hilfe und Unterstützung. Sie tragen dazu bei, dass die Menschen an der Ahr wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft schauen.

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund