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Literarische Kometen, Luhmannsche Blüten und Harald Welzers Theorie der Erinnerung

alles gelesen und kommentiert durch die Brille vom Jupp, der den ersten Text (zu Harald Welzers Theorie der Erinnerung) im Folgenden einfach mal umdreht und damit zeigt, dass Theorie und Praxis in einem strikten Wechselverhältnis stehen (alle Quellenverweise im Verlauf des Textes):

Unsere Kinder (um 1998)

Unsere Kinder
waren schön von Anfang an.
An der Nabelschnur
schon (aus)gewogen,
ohne Makel
- kleine Druckstelle auf der Stirn die eine,
- die andere ein rötlich Mal im Nacken.

Welch ein großes,
welch ein grenzenloses Glück.
Und wie ängstlich und behutsam
das erste zaghafte Berühren.

Ungläubig,
dass sie aus eignem Atem leben nun.

Das Glück, den Unterschied erklären?
Wohl kaum
- und doch,
man kann ihn schon erahnen:
Vertrauen und Vertrautheit wachsen
Zug um Zug
mit jeder Windel, die bekackt
Entzücken weckt
und Zuversicht,
dass Leben lebt und sich vollzieht.

Und dann beginnt das Spiel der Liebe;
ein Spiel des Herzens und der Sinne,
das gleichermaßen uns betört.
Und so, wie eine dürre Steppe
blühen kann und sprießen,
wenn sie der Regengott erhört,
so kräht und strampelt ihr ins Leben.
Und wie die wilden Bächlein fließen
treibt’s euch voran – kein Wasser fließt zurück!

Dies ist der Kreislauf,
der alle tief entzückt
und wechselseitig uns beglückt.

So viel, so oft seid ihr geherzt,
wird eure Haut umschmeichelt,
dass unser aller Seelen stark und fest
in dieses Leben gehen,
in diesem Leben stehen,
als sei’s ein Fest.

Viel später sehen wir und hoffen,
dass dies ein guter Boden sei,
der lange nährt,
bis Leben sich erschöpft.
Doch bis dahin soll der Weg ein Weg sein.

Mein Blick erwischt noch mal den Punkt,
an dem ihr losgegangen seid.
Es sind die Plattitüden,
die heut mich noch erbaun:
Wohl mehr als 10 mal tausend Windeln
habt ihr grün und gelb und braun beschissen,
und jede war mir wohl ein Fest,
(obwohl die Hälfte hat
die Mama übernommen,
deren Nase feiner ist und nicht so grob!)

Das könnt ihr nicht verstehn?
Nun, ich hab als Baby schon bekommen
Und meinen Eltern was gegeben.
Und was sie von mir bekommen,
hab ich von euch genommen.
Wer Nehmer ist und Geber?
Zwischen Kind und Eltern?
Schwer zu sagen!
Und wenn es rund wird,
ist’s auch schnuppe!

Mit Niklas könnt man sagen: Kot hin, Kot her,
im Code der Liebe sind beide stets Gewinner!
Und merkt euch eins – in euren Herzen aufgehoben:
Die erste Liebe ist zu Hause –
bedingungslos und ohne Schranken!

Der Eros treibt euch dann hinaus
und lässt euch wanken
((Die Eltern (er)trugen meinen ersten Liebeswahn
Und auch ein Stück von meinem Kummer.))

Ich hoffe – wir sind für euch da,
wenn ihr im Rausch kein Ufer seht,
dass ihr im Sturm der ersten Liebe
nicht alleine steht!

Und später
sucht ihr einen Ort.
Vielleicht gebt ihr dem Mann (?) des Herzens
dann das Wort.
Und macht dann eure Welt
mit allem Mut und allen Fehlern,
denn Lernen könnt allein ihr nur und selbst
erfindet ihr das Rad dann neu
und häutet euch von Mal zu Mal.
Solange bis ihr groß und stark seid
und eignen Kindern putzt und streichelt dann den Po
(und auch die Seele)
und gebt das Leben weiter.

Dann kehrt vielleicht zurück
ein Stück des selbstverständlichen Verstehens,
wo heut sich Gräben auftun und auch Wut.
Die Liebe bleibt und langsam wächst ein Mut,
der uns die großen Dinge lehrt zu sehen.

aus: Das Leben ein Klang - Gedichte Aphorismen Gedankenspiele
Koblenz 2003

 

Nehmen wir mal ein klitzekleines, aktuelles Beispiel, denn meine Impressionen zu  Unseren Kindern liegen ja schon mehr als 25 Jahre zurück! Seit wenigen Tagen übe ich wieder eine Praxis, bei der Leo, mein Enkel - auch noch im Alter von 16 Monaten - bauchseits auf meinem linken Unterarm zu liegen kommt; der rechte Unterarm unterstützt und sorgt dafür, dass Leo vollkommen sicher und geborgen auf meinen Armen ruht. Dann drehe ich mich langsam - oder auch mal schneller - im Kreis und sage Leo im Tempo meiner Drehungen: "Du bist mein kleiner Maikäfer - nun fliegt der kleine Maikäfer, rund und rund und rundherum!" (einmal, zweimal, dreimal, so oft wir wollen). Leo ist ein Maikind, geboren am Tag der Befreiung. Was ein Maikäfer ist, weiß er (noch) nicht - zumindest nicht so genau. Dass in der von mir ausgeübten Bewegung und in der Art und Weise, wie ich ihn auf meinen Armen halte, eine Praxis wiederkehrt, die ich mit seiner Mutter und mit Laura, seiner Tante, lange aus den vielfältigsten Gründen geübt habe, weiß er nicht. Das tiefe Wissen, das sich in ihm ausbildet, handelt von Geborgenheit, Urvertrauen und liebevoller Zuwendung - ich sehe es an seinem Gesicht, ich spüre es an seiner entspannten Körperhaltung und ich höre es aus seinem vergnügten Quietschen. Wir beide spüren es mit der gemeinsamen, harmonischen Bewegung.

Harald Welzer resümiert, dass "in seine Erfahrung [die des Säuglings und Kleinkinds] immer schon eingeht, dass er selbst Teil einer sozialen Praxis von Geben und Nehmen ist und dass diese Praxis immer eingebettet ist in symbolische und protosymbolische Ausdrucksformen wie die Artikulation von Freude durch Lächeln und Lachen, mithin auch durch protosprachliche Ausdrucksfomen, das heißt Vokalisierungen bzw. wie Mead das genannt hat, Lautgebärden [...] Mit der Möglichkeit, ein episodisches Gedächtnis zu bilden, liegt eben auch die Möglichkeit für eine soziale Formbestimmung des Erlebens vor, und mit dieser geht in jedes Erlebnis, in jede Erfahrung des Kindes schon immer ein reflexiver Anteil ein: nicht nur, dass etwas so ist, sondern eben auch, dass es so gut, schlecht oder was auch immer ist (106f.)."

Also Großmütter - Großväter, Mütter und Väter, wir können da eine Menge bewegen - und sei es auch nur das Enkelkind in unseren Armen!

Was könnte uns dazu ermuntern, außer der konkurrenzlosen Tatsache, dass wir zu unseren Kindern und zu unserern Enkelkindern und über diesen Weg zu uns selbst kommen? Vielleicht die in Botho Strauß' folgendem Aphorismus zusammengefasste überwältigende, schlichte Einsicht:

"Einige Augenblicke mit Menschen waren erfüllt von Zuwendung, die unanfechtbar bleibt, und man darf sagen: jawohl, da war man nicht allein, da ist man zusammengerückt, da hat man etwas Gutes erlebt. In einer einzigen gelungenen Umgangsform steckt schon mehr Glück, als man verkraften kann. Kaum je sind dies Momente körperlichen Begehrens, der Wollust gewesen. Die Erinnerung selbst ist zärtlich, ist ein Geschenk der Sublimation (in: Paare, Passanten, S. 63)."

Manche nennen es ja implizites Wissen, jenes vorbewusste Wissen, das uns recht handlungssicher durch die Welt gehen lässt und manchmal auch einfach das Richtige tun lässt. Wenn aber Pascal Mercier weiter unten die Atemlosigkeit der frühen Jahre erwähnt, den Sturm und Drang, der uns in die Welt getrieben hat, dann nimmt dies mit zunehmendem Alter unter Umständen eine Dimension an, die uns dazu verleitet, verführt womöglich verpflichtet, gar zwingt, die genauen Umstände zu vergessen: "Das liegt so weit zurück, das habe ich doch vergessen." Und Pascal Mercier lässt seinen Hauptprotagonisten im "Gewicht der Worte" - Simon Leyland - ergänzen: "Gott sei Dank!" Dies alles vor dem Hintergrund eines tiefen Erschreckens darüber, "dass ich einmal so weit weg von mir, wie ich heute bin, sein konnte". Was Pascal Mercier hier zusammenträgt, wird aber nur demjenigen etwas sagen, der sich selbst zuweilen unheimlich bzw. fragwürdig wird und auch eine Ahnung davon behält/erfährt, warum dies so ist: "Wie groß die Unwissenheit über uns selbst doch ist, mit der wir leben."

Simon Leyland bekennt seiner verstorbenen Frau gegenüber, dass er gern wissen möchte, wie er der geworden ist, der er ist. Lassen wir einmal die Fallstricke beiseite, die sich aus der Zeitform des geäußerten Wunsches ergeben, und wenden uns Harald Welzer zu. Im Teilkapitel "Die Entstehung der Sprache beim Sprechen" (83-91) verweist er zuerst auf einen funktionalen Aspekt und gelangt zu der Auffassung, dass das unablässige Sprechen in der sozialen Umwelt des Kindes ein Überschussmaterial liefere, das - obgleich es über weite Strecken nicht verstanden werde - zu gegebener Zeit verwendet werden könne. Scheint allein dafür einiges zu sprechen, so verbindet sich mit einem weiteren Aspekt - jedenfalls für mich - eine faszinierende Beobachtung. Welzer argumentiert:

"Man sollte übrigens nicht nur den funktionalen, sondern auch den emotionalen und ästhetischen Wert des Überschusses an sprachlicher Information sehen. Es gibt in bestimmten Entwicklungsphasen offenbar wenig Faszinierenderes, als dem dunklen Sinn von Worten und Wortverbindungen nachzusinnen, die man nicht versteht, die aber Assoziationen und Bedeutungen mitzuführen scheinen, die fesselnd erscheinen. Vielleicht liegt das Faszinierende auch darin, dass solche Worte oder Wortverbindungen (furchterregende oder lustvolle) Emotionen mitschwingen lassen, ohne dass ihr semantischer Gehalt sich erschließen würde (88f)." Zusammenfassend wirkt dann schließlich Welzers Generalresümee als vollkommene Ermunterung: "Jedenfalls scheint der Umstand, dass erwachsene Bezugspersonen das Baby oder das Kleinkind praktisch als kompetenter behandeln, als es in Wirklichkeit ist, ein zentraler Motor seiner Entwicklung zu sein (90)."

Harald Welzer betont ja - wie weiter unten noch zu lesen sein wird, dass das Verbindende zwischen allen Quellen in der sozialen Praxis liege, die ihrerseits - hier stimmt er mit Luhmann überein - aus kommunikativen Prozessen bestehe. Kehrt man nun einmal die Seiten um und bilanziert den Gewinn, den beispielsweise ein Großvater aus der Interaktion mit seinem Enkel bezieht, dann kann man - wie in meinem Fall - zu dem Ergebnis kommen, das Botho Strauß auf gleichermaßen präzise wie einfühlsame Weise weiter oben beschreibt. Und - nebenbei bemerkt - Simon Leyland kann ich an der Stelle zurufen: In diesen Augenblicken, die Strauß beschreibt, bin ich der, der ich sein will, und ich bin ganz gewiß, dass Leo - so heißt mein Enkel - in sich ein autobiografisches Gedächtnis ausbilden wird, in dem unsere gemeinsame soziale Praxis mächtige Spuren hinterlassen wird; Spuren, auf deren Suche sich eben auch Pascal Merciers Held Simon Leyland begibt:

Pascal Mercier (Peter Bieri), fasst  diese Suche literarisch auf seine immer wieder unvergleichliche Weise zusammen. Vielleicht wird hier eindrucksvoll deutlich, wonach wir (alle) suchen. Im "Gewicht der Worte" (Carl Hanser Verlag, München 2020, S. 246f) treibt Pascal Mercier seinen Hauptprotagonisten Simon Leyland in einem seiner Briefe an Livia - seine verstorbene Frau - zu folgender, schwindelerregender Selbsterforschung:

"Cara -
wie sonderbar ist es, mir zu vergegenwärtigen, wie es vor langer Zeit war, ich zu sein. Ein großes Erstaunen, dass ich auch der von damals war. Und ein tiefes Erschrecken, dass ich einmal so weit weg von mir, wie ich heute bin, sein konnte. Wie war es möglich, dass ich mich damals bei mir selbst gefühlt habe? Oder war es am Ende gar nicht so? Bin ich durch die Welt gegangen, ohne mich irgendwo zu fühlen – sozusagen nur in einem Zwischenraum in mir selbst, mich fälschlich bei mir selbst wähnend, da man ja irgendwo sein musste? Ist es vielleicht immer so: dass man in sich selbst nur in Zwischenräumen lebt und gar nie bei sich ankommt, sondern nur den Zwischenraum vergrößert? Und bin ich vielleicht auch jetzt nur in einem solchen Zwischenraum? Bei dem Gedanken wird mir unheimlich. Wie groß die Unwissenheit über uns selbst doch ist, mit der wir leben.

Ich möchte wissen, wie ich der geworden bin, der ich bin. Nicht an der Oberfläche, nicht den äußeren Situationen nach, sondern im Innern. Es geht nicht darum, welchen Straßen ich gefolgt bin, sondern welchen Gedanken und Empfindungen. Ich möchte spüren, wie aus dem einen Erleben ein anderes geworden ist und dann ein weiteres. Man spürt ja nicht recht, wie man sich verändert, und im Rückblick ist man ein anderer und dann auch wieder nicht.

Das Vergessen beginnt mich zu beschäftigen und, umgekehrt, die Idee der lückenlosen Erinnerung – der Fähigkeit, im Inneren Episode nach Episode des eigenen Lebens rekapitulieren zu können. Manchmal spüre ich, wie die eine Schattierung des Erlebens in eine andere hinüberspielte. Das ist – warum auch immer – eine beglückende Erfahrung. Dann wieder ist zwischen verschiedenen Episoden des Erlebens ein stummes Dunkel, als hätte sich das Leben hinter meinem Rückenabgespielt, und ich frage mich, wo ich damals war. Sich an bestimmte Episoden nicht mehr erinnern zu können, sogar an ganze Perioden: Früher, als ich nach vorne lebte, energisch, freudig und außer Atem, spielte das keine Rolle. ‚Das liegt so weit zurück, das habe ich doch vergessen‘, sagte ich und mochte hinzufügen: ‚Gott sei Dank!‘ Und nun erscheint es mir mit einemmal als ein Verlust, dieses Vergessen, in gewissen Fällen als eine dunkle, schmerzliche Lücke, eine kleine, lautlose Katastrophe. Es macht mich sprachlos, dass ich mich so vergessen konnte, und darüber hinaus: dass ich dieses Vergessens in keiner Weise gewahr geworden bin. Es kommt mir vor, als hätte ich mich mit unbedachter Wucht nach hinten in eine bewusstlose Vergangenheit gestoßen. Aber da war doch etwas, eine gelebte Zeit – und ich weiß davon nichts mehr!“ (246)

Das Vergessen beginnt also Simon Leyland zu beschäftigen. Ich bin 68 Jahre alt und bewege mich in einem entsprechenden Altersmilieu. Meine Schwiegermutter ist als letzte der Ahnen meiner Kinder vor 6 Wochen im Alter von fast 97 Jahren verstorben. Immer noch lebten in und aus ihr die Reste einer weit zurückreichenden Erinnerung, während alles Näherliegende immer mehr verblasste. Vielleicht hilft uns eine Theorie der Erinnerung. Vielmehr aber sollten wir die Anstrengung der Erinnerung pflegen, feiern, solange sie uns leicht fällt, solange sie uns Spaß macht und Freude vermittelt, auch wenn sie uns manchmal erschüttert und zutiefst zu erschrecken vermag. Nur wer erzählt, überlebt!?

Harald Welzer arbeitet sich in seinem Buch Das kommunikative Gedächtnis - Eine Theorie der Erinnerung (4. Auflage, München 2017 - Erstveröffentlichtlichung bereits 2002) mit Blick auf die Frage, was denn eine Autobiographie ausmache, zu der These vor, dass es hier nicht um die schlichte Repräsentation eines Lebens von der Geburt bis zum Tode gehe, sondern dass die Beantwortung der damit verbundenen Fragen zunächst einmal auf der sorgfältigen Unterscheidung der vielfältigen Quellen, die das Selbst hervorbrächten (Welzer bezieht sich hier auf Mark Freeman), beruhe (alle Hervorhebungen in Zitaten, Verf.):

"Das Verbindende zwischen diesen Quellen" - so Welzer - "ist soziale Praxis, und die besteht in kommunikativen Prozessen. Es ist ein 'kommunikatives Unbewußtes, das diese Quellen verbindet und grundsätzlich auf mehr 'Wissen' basiert, als jedem einzelnen Handelnden und auch allen bewußt verfügbar ist (224f.)."

Harald Welzer zeigt sich überrascht davon, dass unser autobiographisches Gedächtnis darauf basiert, "mehr zu wissen, als wir selbst wissen". Eine weitere plausible Annahme beruht auf der These, dass dieses Gedächtnis, das - so Welzer - mehr als alles andere unser Ich bestimme, bezeichne und gewährleiste, sich in sozialen Austauschprozessen heranbilde:

"Wenn wir dann [schließlich] bemerken (wenn wir es denn je bemerken, Verf.), wie sehr unser Selbst in Wahrheit in geschichtlicher und sozialer Bezogenheit herangebildet wird und lebt, erscheint es vielleicht weniger unabhängig, als uns lieb ist, aber nichtsdestoweniger doch immer noch als etwas ganz und gar Einzigartiges (223)." Für die literarische Verarbeitung dieser Einblicke sorgt einmal mehr Pascal Mercier (siehe weiter oben).

Was macht nun gleichwohl, wovon Harald Welzer überzeugt ist, unsere Einzigartigkeit aus? Welzer fasst zusammen, die Einzigartigkeit für jeden einzelnen der Milliarden Menschen bestehe im Zusammentreffen all jener genetischen, kulturellen, sozialen und kommunikativen Bedingungen, die so - in dieser Summe und Gestalt - nur er allein erfahre. Man vermisst hier bei Harald Welzer eine weitere einflussreiche Variable, die von Niklas Luhmann mit dem Begriff der Kontingenz eingeführt wird, weil sie den Lebenslauf jeweils eines Individuums zu einem anderen mache als der jedes anderen Individuums. Dies ist die daher die Stelle, an der wir die Lebenslauftheorie Niklas Luhmanns hinzunehmen und auf den Kontingenzbegriff verweisen, dem in Luhmanns Überlegungen eine entscheidende Bedeutung zukommt. Es ist hier schon längst klar, dass Niklas Luhmann mit seiner kleinen, bescheidenen Skizze aus dem Jahr 1997, mit der er uns Erziehung als Formung des Lebenslaufs nahebringt (in: Dieter Lenzen/Niklas Luhmann, Bildung und Weiterbildung im Erziehungssystem, Frankfurt 1997, A. 11-29), all die von Harald Welzer zusammengetragenen Mosaiksteine bereits thematisiert und aufeinander bezogen hat. Und es wird über die Maßen deutlich, dass es dabei nie um die schlichte Repräsentation eines Lebens von der Geburt bis zum Tode gehen kann. Denn ein Lebenslauf ist - nach Luhmann - "eine Beschreibung, die während des Lebens angefertigt und bei Bedarf revidiert wird" (18). Wenn Harald Welzer zusammenfasst, dass der soziale Verfertigungsprozeß von Vergangenheit sich in drei Zeitgestalten bewege - in der Vergangenheit, über die erzählt wird, in der Gegenwart, und in der Zukunft, dann bedeutet dies auch, dass keine Vergegenwärtigungssituation ist wie eine vorangegangene. Bei Niklas Luhmann klingt dies ungemein präziser und anschaulicher: 

"Der Lebenslauf schließt die vergangenheitsabhängige, aber noch unbestimmte Zukunft ein [...] Die Einheit des Lebenslaufs muss also Vergangenheit und Zukunft umgreifen, ohne doch eine teleologische Struktur aufzuweisen. Sie liegt in einer Integration von Nichtselbstverständlichkeiten. Sie ist eine rhetorische Leistung, eine Erzählung." Im Gegensatz zu Harald Welzer entzieht Luhmann allen naiven Narrativen dabei den Boden, indem er den Zufall - das Prinzip einer allgegenwärtigen Kontingenz - einführt: "Die Komponenten eines Lebenslaufs bestehen aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen (18f)." Das beginne bereits mit der Geburt: "Sie wird als ein Faktum deklariert, ist aber zugleich, wenn man mitberücksichtigt, wie es dazu gekommen ist, ein extrem unwahrscheinlicher Zufall."

Niklas Luhmann bevorzugt den Begriff des Lebenslaufs gegenüber dem der Biografie, weil er neben Vergangenheit und Gegenwart eine zukunftsoffene Perspektive einschließt:

„Einerseits gilt: wäre man nicht geboren, wäre es nicht zu einem beschreibbaren Lebenslauf gekommen. Andererseits gilt, dass damit so gut wie nichts festgelegt ist. Das Muster wiederholt sich von Ereignis zu Ereignis. Immer gewinnt etwas Bestimmtes Form. Man erhält einen Namen, lernt seine Eltern kennen (oder nicht), lässt sich durch dieses oder jenes beeindrucken, arbeitet sich spielend in die Welt hinein, beginnt eine Karriere mit der Erfahrung von Erfolgen und Misserfolgen und schiebt mit alledem eine noch nicht bestimmte Zukunft vor sich her (19).“

Harald Welzer bemerkt, lebensgeschichtliche Ereignisse zu erzählen, bedeute selbst ein lebensgeschichtliches Ereignis – oder wie Luhmann sagt: „Der Lebenslauf selbst ist eine Komponente des Lebenslaufs (19).“ Es gehört sicherlich zu den signifikanten Merkmalen der Moderne und erst recht der Spätmoderne, wenn man dabei feststellt, dass vor allem die Vergangenheit – Originalton Luhmann - "nicht ein für allemal gegeben ist". Harald Welzer bemüht Martin Walser, der dies prosaischer, gleichwohl präzise und prägnant in der Sentenz zusammenfasst: Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Bei der Erzählung eines Lebenslaufs führe dies – so Luhmann – mit neuen Lagen immer auch zu Neubeschreibungen, und vor allem Neubewertungen der Vergangenheit.

So untermauert auch Niklas Luhmann noch einmal, dass der Lebenslauf nicht eine für sich bestehende Entität bedeute, sondern "nur ein Schema, durch das die Formen, die es ermöglicht, Sinn gewinnen. Beide Seiten dieser Differenz, Medium und Form, sind nur im Bezug aufeinander realisierbar. Der Lebenslauf ist diese Differenz. Oder besser: er geschieht als Prozessieren dieser Differenz. Er ist eine Form für die unaufhebbare Kontingenz der Geschehnisse des Lebens - eine Kontingenz, die sich allein schon daraus ergibt, dass es sich um Individuen handelt, die ihr Leben zugleich hinzunehmen und zu gestalten haben mit nur einem natürlichen Ende, das als Ziel nicht in Betracht kommt: dem Tod (22)."

Wenn nun Harald Welzer im Anschluss an Wolf Singer folgert, dass all jenes, was in der Erinnerung bleiben soll, immer wieder der Konsolidierung durch wiederholtes Durchdenken und Durchfühlen desselben Ereignisses bedürfe, so deutet er in einer zweiten Schlussfolgerung an, dass es nicht auszuschließen sei, dass die alte Erinnerung dabei in neue Zusammenhänge eingebettet und damit aktiv verändert werde. In der Luhmannschen Betrachtungsweise ist dies der Normalfall:

„Nach der Scheidung findet man sich wieder als jemand, der das erreicht hatte, was er gewünscht hatte, und dann einsehen musste, dass es nicht so gut war, wie er gedacht hatte (21).“ Man möchte hinzufügen, dass auch dies mit neuerlichem Abstand betrachtet, nicht der Weisheit letzter Schluss sein muss – zumindest deutet Karl Otto Hondrich an, dass es sich lohnen könnte, voreilige Entscheidungen zu überdenken bzw. eine Revision in Erwägung  zu ziehen und nicht kategorisch auszuschließen.

Kein Wunder, wenn aus dieser Perspektive Biografien und Lebensläufe wie aus einem Guss nur vostellbar sind unter konsequenter Einführung und Verwendung sogenannter - um einen weiteren von Niklas Luhmann geprägten Begriffe zu bemühen -  Inkonsistenzbereinigungsprogramme:

„Wollte man nur die Ziele und die Erfolge hervorheben, wäre sofort einsichtig, dass etwas verschwiegen wird (20).“ Ein Lebenslauf vermag demnach als einmalige, widerspruchsfreie Beschreibung kaum zu überzeugen, sondern legt nach Luhmann eine ständige Wiederbeschreibung nahe „mit jeweils neuen Kompromissen zwischen Kontinuität und Diskontinuität. Sie mag erklären, weshalb man so geworden ist, wie man sich vorfindet; aber sie garantiert nicht, dass diese Beschreibung auch morgen noch überzeugt (21).“

Bewegt man sich statistisch betrachtet im letzten Viertel seines Lebens, hält Niklas Luhmann eine weitere schlichte Erkenntnis bereit: „Standarderwartungen zufolge nehmen die Möglichkeiten im Laufe des Lebens zunächst zu (sofern man nur artig und fleißig ist) und später, wenn man unbeweglich geworden ist, wieder ab." Niklas Luhmann ist damit nicht ganz einverstanden und erweitert die Möglichkeitsräume durch die weiter oben bereits eingeführte Grundannahme, dass vor allem die Vergangenheit nicht ein für allemal gegeben sei. Gleichwohl schließen wir Luhmanns Beitrag zu Elementen eines autobiografischen Gedächtnisses mit der grundsätzlichen Idee ab, dass „der aus Wendepunkten bestehende Lebenslauf betrachtet werden kann als ein Medium im Sinne eines Kombinationsraums von Möglichkeiten und andererseits als eine von Moment zu Moment fortschreitende Festlegung von Formen, die den Lebenslauf vom jeweiligen Stand aus reproduzieren, indem sie ihm weitere Möglichkeiten eröffnen und verschließen“ (21f).

Ich kann mir vorstellen, dass man all diese theoretischen Erörterungen nicht wirklich braucht. Deshalb hab ich den Text einfach umgedreht und umkomponiert, so dass Poesie und poetische Impressionen den Auftakt bilden. Denn die sind selbst mir allemal wichtiger als alle graue Theorie!

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund