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Thomas Assheuer: Die Heimsuchung – Mythen und Verschwörungstheorien

Mythen des Alltags und Verschwörungstheorien sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Thomas Assheuer erörtert dies in der aktuellen ZEIT (14/20, S. 49f.) unter dem Titel: „Die Heimsuchung“. Mittelbar schreibt er damit natürlich auch an gegen die von Bernd Ulrich eine Woche zuvor flapsig eingebrachte These, die Klimakrise habe sich ein neues Gesicht gegeben – die langsame Krise sattele auf die schnelle auf, um sich effektiver im kollektiven Gedächtnis zu verankern.

Assheuer beginnt mit den Mythen, wonach Viren kommen, wenn es an der Zeit ist: „Das kulturelle Narrativ ist fast immer identisch. Wie ein feindlicher Agent schleicht sich das Virus in den Alltag und infiziert die gedankenlos durch den Lebensstrom treibenden Menschen mit Krankheit und Tod.“ Viren seien nicht nur unheimlich, sondern auch unheimlich konservativ. Niklas Luhmann hätte seine Freude gehabt an Assheuers Deutungsweise, die Viren erinnerten die Normalbürger an die Vergänglichkeit ihres Daseins und machten ihnen vor allem unbarmherzig klar, „dass es ein Wunder ist, wenn eine so unbegreiflich komplexe Gesellschaft, wie die moderne eine ist, überhaupt funktioniert“.

Das reicht dann aber auch und Thomas Assheuer beugt jedem Irrtum vor, indem er sich verwahrt gegen jede Spekulation, die der Corona-Pandemie einen höheren kulturellen Sinn abzutrotzen suche: „Das Virus ist nicht mythenfähig.“ Andererseits – so Assheuer – verbreite die Pandemie das impertinente und nicht abzuweisende Gefühl, „die tödliche Gewalt ihres Auftretens müsse etwas mit unserer Lebensweise zu tun haben“. Mit dem von Ulrich Beck geprägten Begriff des „Zwangskosmopolitismus“ drängt uns Assheuer zu der Einsicht, dass wir „in einer synchronen Gleichzeitigkeit leben, in einer existentiellen Abhängigkeit von weltweiten Produktionsketten, Wertschöpfungsketten, Versorgungsketten, Rohstoffketten, Lieferketten, Verantwortungsketten, Informationsketten, Energieketten“.

Die Verhängung des politischen und gesellschaftlichen Ausnahmezustands meint jeden einzelnen von uns und weckt neben Panik Schuldgefühle. Das Virus bestätige „die bewusstlos gewusste Wahrheit, dass der Restrisiko-Empfänger der Weltgefahrengesellschaft immer der Einzelne ist“.

Genau dies ist die Nahtstelle, an der Thomas Assheuer mit Ulrich Beck eine „schwer einzudämmende Quelle für Rechtsradikalismus und Fundamentalismus“ markiert. Sein Referenzautor bleibt Ulrich Beck, der den Einzelnen alleingelassen sieht „mit Unentscheidbarkeiten und den vielschichtigen Unsicherheiten“. Zweifellos liege hierin eine „mächtig sprudelnde Quelle für Rechtsradikalismus und Fundamentalismus“. Ulrich Beck ist 2017 plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben. Assheuer greift seine Argumentation auf und meint, dass Beck richtig lag:

„Für völkische Gefühlsausbeuter wird es ein Kinderspiel sein, die Pandemie propagandistisch auszuschlachten und aus virulenten Ängsten den üblichen Hasscocktail anzurichten …] Schon jetzt wittern rechte Politiker ihre Chance und präsentieren in der Stunde der Entscheidung den autoritären Maßnahmenstaat als Alternative zur ‚verweichlichten‘ Demokratie.“

Bei Victor Orban und Salvini kann man in der Tat solche Strategien beobachten. Andererseits muss sich ein etabliertes System – bei uns rechtsstaatlich gebunden und föderalistisch strukturiert im Management einer Notstandsituation bewähren. Es lässt sich nicht wirklich nachvollziehen, wie Ulrich Beck die aktuelle Krise beurteilt und bewertet hätte. In seiner letzten – posthum – veröffentlichten Schrift ist er jedenfalls noch der vorsichtig optimistischen Auffassung, dass der Klimawandel die Welt retten könne:

„Das Momentum der Metamorphose besteht verblüffender Weise gerade darin, dass der feste Glaube an die Gefährdung der gesamten Natur und der Menschheit durch den Klimawandel eine kosmopolitische Wende unserer gegenwärtigen Lebensweise herbeiführen und die Welt zum Besseren ändern kann (Die Metamorphose der Welt, Berlin 2017, S. 55). Beck spricht von einer „emanzipatorischen Katastrophe“.

Auch Thomas Assheuer sieht – ähnlich wie Bernd Ulrich – Argumentationsansätze, die mittelalterlich bewährte theologische Schuld-Sühne-Muster ihres religiösen Kerns entledigen und die zunächst einmal nur festhalten, „dass es die Erde höchstpersönlich ist, die mit einer natürlichen Immunreaktion die planetarische Pest niederringt – die Globalisierung, den ‚großen Austausch‘, den Sieg raumfremder Mächte über den angestammten ‚Volkskörper‘. Ersetzen wir „Volkskörper“ durch „Weltgefahrengesellschaft“, dann stoßen wir zumindest darauf – wie auch schon Bernd Ulrich feststellte, dass die aktuelle Krise irgendetwas mit unserer Lebensweise zu tun haben muss. Und Assheuer bemerkt ja dann auch zutreffend, dass dies eine Einsicht sei, die eben nicht zum Geist einer neoliberalen Revolution passe, „die dem Aberglauben verfallen war, der magische Markt werde wie durch Zauberhand eine gerechte Ordnung entstehen lassen“.

Ich bin aber ganz und gar nicht der Auffassung, dass all dies rechter Gesinnung mit radikalen Phantasien zu einem „autoritären Maßnahmenstaat“ in die Karten spielt. Das dies nicht so sein muss, hängt zweifellos von Bedingungen ab, die eher die Frage beantworten werden, ob der Souverän in seinen individuellen Repräsentationen seine Lektion lernen wird:

  • dass die aktuelle – schnelle – Krise genauso, wie die langsame Klimakrise etwas mit unserer Lebensweise zu tun hat;
  • dass große Politik und individuelles Verhalten gleichermaßen in der zentralen Verantwortung stehen, die Zwangsalgorithmen zu entkoppeln, die beide Krisen zu irreversiblen Menschheitsbedrohungen ausufern lassen;
  • dass die parlamentarische Demokratie sich sowohl in ihrem exekutiven Krisenmanagement als auch in ihren jeweiligen Lösungsangeboten angesichts des unübersehbaren Krisentempos und – ausmaßes bewährt; es ist hier gegenwärtig nicht ansatzweise zu erkennen, dass sich die bewährte republikanische Verfassung und ihre Repräsentanten, samt ihren Entscheidungsträgern von hilf- und profillosen rechten Politikansätzen das Wasser abgraben lassen – verspielt diese Hypothek und Chance nicht, sie wird sich wohl kaum ein zweites Mal in dieser Weise ergeben.

Aber es ist auch wahr, dass die aktuelle Krise – wie Assheuer bemerkt – „die innere Wahrheit der Weltgesellschaft enthüllt – den Kampf aller gegen alle“. Sollte seine zweite – wie eine Gewissheit daher kommende – Prophezeiung alternativlos erscheinen, wird es auch den unausweichlichen Untergang der Menschheit bedeuten: „Es stimmt schon: Wenn es gelingt, den globalen Kollaps abzuwenden, dann wird kapitalistische Weltmaschine irgendwann wieder anspringen und zum business as usual zurückkehren.“ Dann aber erübrigt sich auch Thomas Assheuers Frage, welche Spuren die Heimsuchung im gesellschaftlichen Gedächtnis hinterlassen wird.“

Um an die oben geäußerten optimistischen – oder doch zumindest alternativlos erscheinenden Einsichten anzuknüpfen, stelle ich mit Thomas Assheuer abschließend die Frage, „warum Regierungen beim Kampf gegen die Erderhitzung nicht eine ähnliche Entschlossenheit an den Tag legen“. Wenn diese Krise für eines gut ist, dann letztlich für die Einsicht, dass sowohl das Klimabeben als auch Corona-Seuche nicht von außen kommen, sondern aus dem Innenraum einer Zivilisation, die nun zur Getriebenen ihrer eigenen Verhältnisse werde.

P.S. Der Generationenkonflikt wird befeuert, wenn Thomas Assheuers These stimmt, dass sich auch in den unterschiedlichen Modi des Krisenmanagements die pure Egomanie der Lebenden offenbare: „Eine Infektion kann jeden jederzeit treffen; die Erderhitzung, glaubt man, treffe erst die Nachgeborenen. Das erklärt, warum beim Kampf gegen covid 19 alles getan wird, um diese Naturgewalt zu besiegen – und beim Klimawandel lange Zeit alles getan wurde, um sich (mit einem Wort des erwähnten Jean Baudrillard) ‚dieser ungeheuren, unerträglichen menschlichen Verantworlichkeit  der Welt und der Natur gegenüber zu entledigen‘.“

P.S. Kleine Ergänzung aus einem Briefwechsel mit Winfried Rösler, der meine Beiträge stets kritisch begleitet:

Lieber Winfried,

mit Hölderlin ist das auch so eine Sache. Jetzt bin ich auch schon 68 und kann mich nicht erinnern, je einen Zugang gefunden zu haben - aber vielleicht heute???

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch ... Aber nachher sein Licht war Tod. Denn begrifflos ist das Zürnen der Welt, namlos. Das aber erkannt er. Alles ist gut... Drum sandt er ihnen den Geist, und freilich bebte das Haus und die Wetter Gottes rollten ferndonnernd über die ahnenden Häupter, da, schwersinnend, versammelt waren die Todeshelden...

Patmos - zerstückelt, verzeih - aber die Corona-Krise lädt ein; sogar Bernd Ulrich und Thomas Assheuer grabschen in der Mythenwelt und hoffen und hoffen, dass da, wo die Gefahr ist, das Rettende auch wachsen möge. Möge uns Gott den Geist senden, auf dass Drosten, Kekulé und all die schönen Virenfrauen zu Heldinnen und Helden werden mögen, um uns zu erretten, so wie das Pflegepersonal sich nicht nur in Italien und Spanien den Heldenstatus erwirbt, so sich aus ihm denn nicht im schlimmsten Fall die Todesengel quälen, die sich durch das Dunkel eines absoluten medizinischen Notstands tasten!

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch - so möge mir Hölderlin zu prophetischer Größe erwachsen.

Siehste, das haste jetzt davon - liebe Grüße Dein Jupp

   
   
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