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Nochmals: Was ist falsch an der Weihnachtsgeschichte???

Was ist falsch an der Weihnachtsgeschichte? Friede der Welt und unseren Seelen – Weihnachten 2019

Das Weihnachtsfest 2019 ist Vergangenheit – 2019 mal der Geburtstag Jesu. Im Halbdusel – noch im Bett – hatte ich - schon vor einem Jahr - in einer Art Faktencheck Petra Gersters Auseinandersetzung mit der historischen Haltbarkeit der Weihnachtsgeschichte verfolgt; der Geschichte, von der Werner Siefer (ZEIT, 52/2015, S. 43) behauptet, sie sei in der Wiedergabe des Evangelisten Lukas „eine richtig gut Story“.

  • Der „Faktencheck“ Petra Gersters legt mir zum einen nahe, dass es bereits die harte Qualität eines Übersetzungsfehlers annehme, wenn immer von der „Jungfrau“ Maria die Rede sei. Vielmehr handele es sich um eine „junge Frau“, die halt eben, wie es im Orient üblich gewesen sei, im Altern von 14 bis 15 Jahren (vielleicht ungewollt) schwanger geworden sei.
  • Ich horche auf, als ich die Ambivalenz der historischen Figur Josefs gewärtig werde. Da gibt es eben zwei überzeugende Alternativen: den starken Josef, der Maria schützt und der gegen die moralischen Vorbehalte auch seiner Zeit zu ihr steht. Und es gibt den schwachen Josef, der hinter all den Ereignissen unkenntlich wird und eine Randfigur bleibt.

Wenn ich mich nun frage, was möglicherweise falsch ist – grundlegend falsch ist – an der Weihnachtsgeschichte, dann offenbart sich dies in aller Totalität in der Figur Jesu selbst. Alttestamentarisch gibt es zwar das Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren! Mir bleibt bis heute – nun bin ich 67 Jahre alt – unerfindlich, wo der mit 33 Jahren gekreuzigte Jesus diesem Gebot wirklich folgt. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Und ich bekenne an dieser Stelle, dass ich mich theologisch für ungebildet halte. Und ich muss an dieser Stelle offen lassen, ob mir hier eher exegetische Expertise oder schlicht eine gute Portion Ironie Luhmannscher Qualität weiterhelfen könnte. Was ich hier schlicht in den Raum stellen möchte, setzt allerdings eine Etage tiefer an: Ich gehe einmal davon aus, dass Josef allein deshalb schon eher schwach erscheint, weil er als Vaterfigur von Anfang an in die Defensive gerät. Wenn Jesus tatsächlich Gottes Sohn ist – geworden ist durch einen Gott, der durch den Heiligen Geist gewissermaßen das Mysterium der „unbefleckten Empfängnis“ bewahrt, dann ist Josef – ganz gleich, ob er nun der biologisch-genetische Vater Jesu ist oder nicht – aus dem Spiel. Die Hybris Jesu, Gottes Sohn zu sein, sein zu wollen, sein zu müssen, lässt in der Figur Josef zum ersten Mal manifest werden, was es bedeutet, als Vater vom Sohn weder anerkannt noch genommen zu werden; einmal ganz abgesehen davon, dass auch Maria in der Konsequenz - als Leihmutter - eher als das Opfer eines Missbrauchs dasteht, denn als jemand, zu dem das Kind aufschaut und ihm dankt, indem er zum Beispiel den Dank am Morgen des Lebens spricht:

 

Liebe Mama

Ich nehme von Dir alles, das Ganze,

mit allem Drum und Dran,

und ich nehme es zum vollen Preis, den es Dich gekostet hat

und den es mich kostet.

Ich mache was daraus, Dir zur Freude

(und zum Andenken).

Es soll nicht umsonst gewesen sein.

Ich halte es fest und in Ehren,

und wenn ich darf, gebe ich es weiter, so wie Du.

Ich nehme Dich als meine Mutter,

und Du darfst mich haben als Dein Kind.

Du bist für mich die Richtige, und ich bin Dein richtiges Kind.

Du bist die Große, ich der/die Kleine.

Du gibst, ich nehme.

Liebe Mama!

Ich freue mich, dass Du den Papa genommen hast.

Ihr beide seid für mich die Richtigen. Nur ihr!

(Es folgt das gleiche in Bezug auf den Vater.)

 

Den Dank am Morgen des Lebens habe ich Gunthard Webers „Zweierlei Glück“ entnommen (9. Auflage, Heidelberg 1999) und natürlich dürft ihr mich fragen, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe??? Aber zu Beginn der 90er Jahre, als Gunthard Weber die Arbeit Bert Hellingers beobachtete und protokollierte, war der wohl noch zurechnungsfähig und hat Zusammenhänge (Systemisches) auf eine so schlichte Weise benannt, dass der Gram, die vertikale Spannung, die Verrücktheit, die uns heute – wie je – umgibt bzw. charakterisiert, sowohl unmittelbar als auch in ihrer historischen Bedingtheit in die Augen springt. Aber – ich gebe zu –, auch dies ist leider an ein paar schlichte Voraussetzungen gekoppelt:

  • Der Mensch ist das einzige Wesen mit Geschichte – mit Geschichten. Wir können – bei aller Beschränktheit – etwas wissen über unsere Herkunft. Wir können uns Fragen stellen. Wir sind begabt zur (Selbst-)Reflexion. Diese Begabungen bedeuten im Zusammenhang, dass wir auch die großen Geschichten hinterfragen können – so auch die Weihnachtsgeschichte, von der Werner Siefer ja zu Recht behauptet, dass sie eine Weltgeschichte ist bzw. dieselbe entscheidend mit geprägt hat.
  • Im Ringen um Fragen unserer Existenz, unserer Herkunft und unseres Wohl- oder Unwohlseins können wir auf einen großen Schatz gemeinsamer Erfahrungen zurückgreifen. Sie lassen sich vielleicht verdichten zu solch fundamentalen Einsichten, dass der Mensch angewiesen ist – und dies von Anfang an: auf Zuwendung und Fürsorge, eingebettet und aufgehoben am besten in einer liebevollen Zugewandtheit der bedeutsamen Anderen – gemeinhin Mutter und Vater, Großmutter und Großvater. Daraus folgt – und da kann der Mensch sich drehen und wenden, wie er will –, dass wir uns verdanken und dass sich im Nehmen dieser Gaben genauso wie im Dank für diese Gaben, der menschlichste aller menschlichen Grundzüge ausdrückt.

Was nun ist falsch an der Weihnachtsgeschichte?

Jesus wuchs hinein in die Hybris Gottes Sohn zu sein – der Erlöser der Menschheit. Der Zimmermann aus Nazareth und das junge, gefallene Mädchen verblassen hinter dieser galaktischen Selbstüberhebung - heute spricht man auch von Selbstermächtigung - und das Morgengebet eines Kindes an seine Eltern muss ins Leere gehen. Zumindest für uns gewöhnliche Menschenkinder liegt es auf der Hand und in so unendlich vielen Geschichten geborgen, dass ein jeder und eine jede sich überhebt, wenn er in Hybris lebt. Gunthard Weber protokolliert in schlichter Sprache, um welche Zusammenhänge es hier geht:

„Weit verbreitet ist die Haltung, dass Eltern es sich erst verdienen müssen, dass die Kinder sie nehmen und anerkennen. Sie werden wie vor ein Tribunal zitiert, und das Kind schaut sich die Eltern dann an und sagt: ‚Das mag ich nicht an dir, deshalb bist du nicht mein Vater‘, oder: ‚Du verdienst es nicht meine Mutter zu sein‘. … Sie rechtfertigen das Nichtnehmen mit Fehlern des Gebers und machen es von gewissen Qualitäten der Eltern abhängig, ob sie die Eltern sein dürfen, ersetzen also das Nehmen durch Fordern und die Achtung durch Vorwurf… Es ist verrückt und eine völlige Verkehrung der Wirklichkeit. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Die Kinder bleiben untätig und fühlen sich leer.“ (Weber, 62)

Jesus mag ich das nicht unterstellen. Allerdings ist das, was ich das Verblassen von Maria und Josef nenne, allein schon der Hybris jemandes geschuldet, der sich tatsächlich als Gottes Sohn stilisiert – und dem bzw. dessen unsäglichen Statthaltern es gelingt, eine große Erzählung geschichtsmächtig werden zu lassen, indem sie die Menschheit, das heißt jeden Einzelnen

„in jener orthopädischen Katastrophe fixieren, die ihn unfähig macht, sich zu entkrümmen und aus eigenen Kräften den abgebrochenen Kontakt mit dem guten Ganzen und seinem personalen Prinzip, dem brüskierten Gott, wiederherzustellen; sie … hängen folglich ganz von dem Entgegenkommen der anderen Seite ab. Dieses Entgegenkommen stellt sich ein Weltalter lang unter dem Titel der Gnade vor (Peter Sloterdijk, 2010, S. 111f.).“

Ich habe von Peter Sloterdijk hier unter anderem das Bild von der „orthopädischen Katastrophe“ übernommen, weil Körper und Seele gleichermaßen gesehen werden können als Ausdruck eines nicht abschließbaren Prozesses des Erwachsenwerdens; einer wohlverstandenen Emanzipation zu jener Individualität, die sich gleichermaßen begreift als Synthese aus dem was wir sind, durch Zeugung und Geburt einerseits und dem, was wir hinzufügen andererseits. Das eine ist ohne das andere nicht zu denken – schlicht nicht vorstellbar.

Wie sehr dieser Gedanke sich selbst noch in Hellingers Betrachtung enthüllt, zeigt sich, wenn er meint:

„Was die Eltern am Anfang machen, zählt mehr, als was sie später machen. Das Wesentliche, das von den Eltern kommt, kommt durch die Zeugung und durch die Geburt. Alles, was dann folgt, ist Zugabe und kann auch von jemand anderem übernommen werden.“ (Weber, 63)

Bedienen wir uns noch einmal der Terminologie Peter Sloterdijks möchte man anmerken, dass die „Zugaben“ – von wem sie auch immer gewährleistet werden mögen – von jener Qualität sein müssten, die von der Bindungsforschung mit urvertraulicher Geborgenheit in der Gestalt möglichst liebevoller Zuwendung beschrieben wird: Zumindest wenn wir daran die Erwartung knüpfen möchten,

dass „ein korrekt funktionierender Referenz-Oszillator, sagen wir ein Bewusstsein menschlicher Qualität, sich weder ganz an die Welt als den Fremdreferenzpol verliert, noch ganz in sich selbst als den Selbstreferenzpol versinkt.“ (Sloterdijk, 131)

Der Sprung zurück zu Hellingers Einsichten findet hier durchaus eine (psycho-)logische Entsprechung:

„Ein Kind kann nur dann mit sich selbst im Reinen sein und seine Identität finden, wenn es mit beiden Eltern im Reinen ist. Das heißt, dass es beide nimmt, wie sie sind, und sie anerkennt, wie sie sind. Wenn einer der Eltern ausgeklammert ist, ist das Kind halb und leer, und es spürt den Mangel, und das ist die Grundlage der Depression. Die Heilung der Depression ist, dass der ausgeklammerte Elternteil hereingenommen wird und seinen Platz bekommt und seine Würde.“ (Weber, 63)

Ich möchte Psychologie gewiss nicht zu einer Psychomechanik verkürzen. Aber es gibt – zumindest für diejenigen unter uns, die selber Kinder haben, einen untrüglichen Selbsttest: Die Beziehung zu den eigenen Eltern – mit all ihren Stärken und Schwächen, mit all ihren Vorbehalten und Zurückweisungen, mit all den vermeintlichen und faktischen Kränkungen – spiegelt sich in der Beziehung zu den eigenen Kindern; in der Regel zunehmend und mit zunehmend markanter Ausprägung. Denn eines sollten wir nie vergessen. Die Individuation der eigenen Kinder ist und bleibt unvermeidbarer Weise ein Prozess mit und gegen die bedeutsamen Anderen – also sowohl mit als auch gegen uns. Schauen wir unseren Kindern in die Augen und beantworten wir uns die Frage, ob wir zur jesuitischen Hybris neigen oder ob wir begreifen, dass wir uns verdanken, so wie sich unsere Eltern genauso verdanken, wie sich unsere Kinder verdanken. In diesem systemischen Nexus und mit dieser Einsicht lässt sich kraftvoll und selbstbewusst ins Leben gehen – auch in ein Leben, in dem wir erfahren werden, ob unsere Kinder uns als hilfreich erleben oder als strukturelle Behinderer.

Heute habe ich Reinhard Vossens alljährlichen Adventsbrief erhalten. Im Mittelpunkt steht ein Gedicht Hilde Domins:

 

Ziehende Landschaft

Man muß weggehen können

und doch sein wie ein Baum:

als bliebe die Wurzel im Boden,

als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

Man muß den Atem anhalten,

bis der Wind nachläßt

und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,

bis das Spiel von Licht und Schatten,

von Grün und Blau,

die alten Muster zeigt

und wir zu Hause sind,

wo es auch sei,

und niedersitzen können und uns anlehnen,

als sei es das Grab

unserer Mutter.

Die Ex-Post-Faktum-Perspektive

Die Hilde Domins, die Bert Hellingers, die Gunthard Webers, die Jelluscheks, die Welter-Enderlins, die Helm Stierlins… die alle sind ja keine Idioten! Ja, wir können aus  Hilde Domins Wendungen, die mit eigener Vertreibung und Verfolgung zusammenhängen, die oben ausgeführten elementaren Einsichten bekräftigen und uns niedersetzen und uns anlehnen, als sei es das Grab der Mutter. Nach einem langen Leben beginne ich die von Hellinger und Weber formulierten Grundgesetze eher aus einer Ex-Post-Factum – Perspektive zu begreifen: Die Menschen, die mir begegnen, lassen recht schnell und präzise erkennen, ob sie um ihre eigene Mitte pendeln, ähnlich wie der weiter oben erwähnte „Referenz-Oszillator“. So denke ich und plädiere erst recht nicht mehr dafür, jemand sollte „Vater und Mutter ehren“, um zu eigenen Mitte und damit zu seinen eigenen Möglichkeiten zu gelangen. Aber ich denke mir häufig genug, es ginge Diesem® oder Jenem® weitaus besser, wenn er sich von seiner Hybris heilte; ich behalte solche Hypothesen für mich und kommuniziere sie nicht mehr. Denn nichts ist konfrontativer und stabilisierender im eigenen Elend als die Vorhaltungen oder auch nur die Ratschläge eines notorischen Besserwissers. Das Elende an der eigenen Befindlichkeit und Situation leiten Betroffene häufig aus gescheiterten Lebensentwürfen ab, für die es nicht selten genug empirische Anhaltspunkte gibt:

  • Gescheiterte Berufskarrieren;
  • Gescheiterte Beziehungen zu Partnern und Kindern;
  • Physische und psychische Erkrankungen – häufig in psycho-somatischer Wechselwirkung;
  • Formen von Selbstgerechtigkeit und Hybris;
  • Externalisierung und Zurückweisung von Eigenverantwortung;
  • Rigide Ordnungs- und Moralvorstellungen als Gegenentwurf zu einer grundschlechten Welt;
  • Die Weigerung die Dinge und Zusammenhänge auch anders sehen zu können.

Das eigene Leben empfindet man dann häufig als eine Folge von fortgesetzten Kränkungen und Ungerechtigkeiten. Man findet sich wieder in beharrlichen Schieflagen – eine „gedächtnisgestützte Pendelbewegung in einem psychischen System als bistabiles Schwanken zwischen Innen- und Außenreferenz“ mag nicht mehr gelingen. Eine erfolgreiche Individuation als Loslösung von den Eltern beispielsweise mag selbst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter immer aussichtsloser erscheinen; die Eltern bleiben die Projektionsfläche für alles, was im eigenen Leben schiefgelaufen ist. Dabei mögen die Eltern lange verstorben sein. Der lange Arm ihrer Verfehlungen und Versäumnisse reicht bis in die unmittelbare Gegenwart. Vor allem die gedächtnisgestützte Deutung und Erinnerung der eigenen Kindheit gerät für den/die ein oder andere zum fortgesetzten Trauma. Der noch zurechnungsfähige Bert Hellinger findet selbst da kein Gehör, wo er uns den schlichten Hinweis vermittelt, dass das, was die Eltern am Anfang gemacht haben, mehr zählt, als was sie später gemacht haben. Das Wesentliche, das von den Eltern kommt, heißt es ja bei ihm, komme durch die Zeugung und durch die Geburt. Alles, was dann folge, sei Zugabe und könne auch von jemand anderem übernommen werden – zum Beispiel einer liebevollen Großmutter oder einem – cum grano salis – insgesamt zuträglichen und gewogenen sozialen Umfeld.

Den Realitätsglauben als eine auswechselbare Größe beschreiben, jahrzehntelang gepflegte Narrative überhaupt in Frage stellen zu können, dies scheint mit Blick auf kultivierte Formen der kritischen Selbstreflexion heute ein – wenn nicht das – zentrale(s) Emanzipationskriterium darzustellen.

Diese Form der selbstkritischen Infragestellung von Glaubenssätzen und eine damit verbundene wahrhafte Emanzipation könnte heilen und schützen von/vor dem – wie Sloterdijk in Anschluss an Luhmann – feststellt „allen Weltbeschreibungen erster Ordnung inhärenten Paranoia-Potential“. Mit Blick auf therapeutische Praxis kann dies bedeuten nicht länger die erfolgreiche Anpassung des Subjekts an eine vorgeblich objektive Realität zu betreiben, sondern den Austausch eines unlebbaren Realitätskonstrukts gegen ein weniger unerträgliches zu erwägen.

Auch dazu benötigt man dann Einsichten, die  - wie Fulbert Steffensky empfiehlt – Abstand nehmen von überhöhten Erwartungen an das Leben: Totalitätserwartungen an das Leben programmieren sein Scheitern. „So ist das Leben nicht:

  • Die meisten Ehen gelingen halb, und das ist viel.
  • Meistens ist man nur ein halb guter Vater,
  • eine halb gute Lehrerin,
  • ein halb guter Therapeut. Und das ist viel.“

Fulbert Steffensky lobt die gelungene Halbheit. Die Endlichkeit als Existential liege im Leben selber, im begrenzten Glück, im begrenzten Gelingen, in der begrenzten Ausgefülltheit. Souverän wäre es – so Steffensky –, die jetzt schon mögliche Güte des Lebens anzunehmen und zu genießen; das Halbe also nicht zu verachten, nur weil das Ganze (noch) nicht möglich ist. Er spricht vom „Mut zu fragmentarischem Handeln“. Meine Erfahrung vermittelt mir unterdessen, dass wir nur auf der Grundlage dieser Prämisse uns überhaupt als handlungsfähig erleben und eben nicht gleich bei jedem Scheitern und jedem Rückschlag resignieren. Ob ich das konkretisieren kann?

Meine Schwiegermutter lebt seit 2 ½  Jahren in einem Pflegeheim – hier in unserem Wohnort. Mit wenigen Ausnahmen führt mich mein Weg täglich für ein bis eineinhalb Stunden dorthin. Ein Gemisch aus Dankbarkeit und Pflichtgefühl stellt einen schier unerschöpflichen Treibstoff bereit. Alles, was ich dort tue, verwandelt sich in schlichtes Glück und trägt täglich reiche Früchte. Der heutige Tag belegt dies auf gleichermaßen eindrückliche wie wunderbare Weise: Heute Morgen – kurz vor Weihnachten –  habe ich eine lange Exkursion mit meinem Enkel Leo (gut sieben Monate alt) genossen. Wir sehen uns (fast) jeden Tag, und es erfüllt sich zum zweiten Mal, was ich vor 20 Jahren in Unsere Kinder geschrieben habe. So fühlt sich die erfüllte wechselwirksame Formel von Geben und Nehmen zwischen Eltern und Kindern im alltäglichen Leben an:

 

Unsere Kinder

Oder: Wie man lernt die großen Dinge zu sehen

Unsere Kinder

waren schön von Anfang an.

An der Nabelschnur

schon (aus)gewogen,

ohne Makel

- kleine Druckstelle auf der Stirn die eine,

- die andere ein rötlich Mal im Nacken.

Welch ein großes,

welch ein grenzenloses Glück.

Und wie ängstlich und behutsam

das erste zaghafte Berühren.

Ungläubig,

dass sie aus eignem Atem leben nun.

Das Glück, den Unterschied erklären?

Wohl kaum -

und doch,

man kann ihn schon erahnen:

Vertrauen und Vertrautheit wachsen

Zug um Zug

mit jeder Windel, die bekackt

Entzücken weckt

und Zuversicht,

dass Leben lebt und sich vollzieht.

Und dann beginnt das Spiel der Liebe;

ein Spiel des Herzens und der Sinne,

das gleichermaßen uns betört.

Und so, wie eine dürre Steppe

blühen kann und sprießen,

wenn sie der Regengott erhört,

so kräht und strampelt ihr ins Leben.

Und wie die wilden Bächlein fließen

treibt’s euch voran – kein Wasser fließt zurück!

Dies ist der Kreislauf,

der alle tief entzückt

und wechselseitig uns beglückt.

So viel, so oft seid ihr geherzt,

wird eure Haut umschmeichelt,

dass unser aller Seelen stark und fest

in dieses Leben gehen,

in diesem Leben stehen,

als sei’s ein Fest.

Viel später sehen wir und hoffen,

dass dies ein guter Boden sei,

der lange nährt,

bis Leben sich erschöpft.

Doch bis dahin soll der Weg ein Weg sein.

Mein Blick erwischt noch mal den Punkt,

an dem ihr losgegangen seid.

Es sind die Plattitüden,

die heut mich noch erbaun:

Wohl mehr als 10mal tausend

Windeln habt ihr grün und gelb und braun beschissen,

und jede war mir wohl ein Fest,

(obwohl die Hälfte hat die

Mama übernommen,

deren Nase feiner ist und nicht so grob!)

Das könnt ihr nicht verstehn?

Nun, ich hab als Baby schon bekommen

Und meinen Eltern was gegeben.

Und was sie von mir bekommen,

hab ich von euch genommen.

Wer Nehmer ist und Geber?

Zwischen Kind und Eltern schwer zu sagen

Und wenn es rund wird, ist’s auch schnuppe!

Mit Niklas könnt man sagen: Kot hin, Kot her,

im Code der Liebe sind beide stets Gewinner!

Und merkt euch eins – in euren Herzen aufgehoben:

Die erste Liebe ist zu Hause –

bedingungslos und ohne Schranken!

Der Eros treibt euch dann hinaus

und lässt euch wanken

((Die Eltern (er)trugen meinen ersten Liebeswahn

Und auch ein Stück von meinem Kummer.))

Ich hoffe – wir sind für euch da,

wenn ihr im Rausch kein Ufer seht,

dass ihr im Sturm der ersten Liebe

nicht alleine steht!

Und später

sucht ihr einen Ort.

Vielleicht gebt ihr dem Mann (?) des Herzens

dann das Wort.

Und macht dann eure Welt

mit allem Mut und allen Fehlern,

denn Lernen könnt allein ihr nur und selbst

erfindet ihr das Rad dann neu

und häutet euch von Mal zu Mal.

Solange bis ihr groß und stark seid

und eignen Kindern putzt und streichelt dann den Po

(und auch die Seele)

und gebt das Leben weiter.

Dann kehrt vielleicht zurück

ein Stück des selbstverständlichen Verstehens,

wo heut sich Gräben auftun und auch Wut.

Die Liebe bleibt und langsam wächst ein Mut,

der uns die großen Dinge lehrt zu sehen.

 

Ja, die Mitte fühlt sich leicht an. Sie gerät immer da mühelos in Reichweite des Erlebens, wo Geben und Nehmen innerhalb der Familie gelingen – und hier ist bei Weitem nicht nur an die materielle Dimension von Geben und Nehmen gedacht. Der Dank am Morgen des Lebens erinnert uns daran, dass kein Wasser zurückfließt. Die Folgen einer Verweigerung dieser elementaren Einsicht gegenüber hat wiederum Bert Hellinger zusammengefasst. Auch hier greife ich auf den frühen Bert Hellinger zurück, weil wir (inzwischen) alt gewordenen Kritikaster uns den evidenten ex-post-factum-Einsichten nur um den Preis der Selbstverleugnung und vermutlich auch der Selbstverfehlung entziehen können. Wer nicht leugnet, dass die Mitte sich leicht anfühlen kann, der wird untrüglich – verbunden mit dem eigenen Erleben – die authentische Resonanz auf interne Unstimmigkeiten registrieren. Zum Dank am Morgen des Lebens führt Hellinger aus:

„Manche meinen, wenn sie ihre Eltern auf diese Weise nehmen, dass dann auch etwas Schlimmes in sie einfließen könnte, etwas, das sie fürchten. Zum Beispiel eine Eigenart der Eltern, oder eine Behinderung, oder eine Schuld. Dann verschließen sie sich auch vor dem Guten der Eltern und nehmen nicht das Leben als Ganzes. Viele von denen, die sich weigern, ihre Eltern als Ganzes zu nehmen, suchen diesen Mangel auszugleichen. Dann streben sie vielleicht nach der Selbstverwirklichung und nach Erleuchtung. Die Suche nach Selbstverwirklichung und Erleuchtung ist dann nur die heimliche Suche nach dem noch nicht genommenen Vater und der noch nicht genommenen Mutter. Wer aber seine Eltern ablehnt, der lehnt sich selber ab und fühlt sich entsprechend unverwirklicht, blind und leer.“

Für mich resultiert die Brisanz dieser grundgesetzlichen Zusammenhänge bei weitem nicht aus moralischen Erwägungen. Familiendynamisch betrachtet lässt es der Blick älter werdender Menschen zu – man könnte auch sagen, es nötigt sich geradezu auf –, im Zusammenhang mit den intergenerativen Dynamiken einmal danach zu schauen, wie sich das Nehmen der eigenen Eltern auf das Nehmen der eigenen Kinder auswirkt. Denn:

Die Kinder nehmen in erster Linie ihre Eltern als Eltern, und in zweiter Linie alles, was ihnen die Eltern sonst noch geben. Dafür geben die Kinder, was sie von ihren Eltern bekommen haben, später an andere weiter, vor allem als Eltern an eigene Kinder.“

Es mag verwundern, dass manche Väter und Mütter – auch als Eltern – verwundert auf Dynamiken innerhalb der eigenen Familie reagieren, die sie vermeintlich überraschen. Das ist selbstredend den blinden Flecken geschuldet, mit denen wir alle im eigenen Familienkontext unvermeidbarer Weise geschlagen sind. Aus diesem Hintergrund erweisen sich familientherapeutische Verfahren als so eminent bedeutsam und möglicherweise eben auch hilfreich – vorausgesetzt Menschen öffnen sich in festgefahrenen innerfamiliären Krisensituationen für solche Angebote. Zu wünschen ist diese Offenheit Betroffenen vor allem, wenn auf der Grundlage fragwürdiger Lebensentwürfe mit den weiter oben angedeuteten Implikationen

  • das Hadern mit den eigenen Eltern gewissermaßen konstitutionell für den eigenen Lebensentwurf geworden ist;
  • das Gefühl überwiegt, auch die eigenen Kinder nicht mehr wirklich zu erreichen und damit unerwünschte Wiederholungseffekte drohen;
  • sich einstmals liebevoll verbundene Ehepartner zunehmend entfremden, weil sie die Welt und ihre Beziehungen darin (auch zu den eigenen Kindern) aus grundlegend und vermehrt unvereinbarer Perspektive erleben und deuten;
  • die Fremdwahrnehmung (durch andere) im eigenen Erleben zunehmend den Effekt hat, nicht mehr ernst genommen zu werden, nicht mehr geliebt zu werden, nicht mehr gebraucht zu werden;
  • das eigene Selbstbild Schaden nimmt und mehr und mehr von Selbstzweifeln attackiert wird. Wir erkennen unter Umständen nicht mehr den Wert und die singuläre Bedeutung, die wir für unsere Partner und Kinder verkörpern.

Zu den grundlegenden therapeutischen Einsichten gehört Zurückhaltung aufgrund der Erfahrung, dass viele – teils schwer belastete Menschen – Ratschläge auch als Schläge wahrnehmen, als Angriff auf die eigenen Autonomie – defensiv formuliert verbunden mit der Haltung: „Ja nicht helfen, es ist so schon schwer genug!“ Dazu gehört der Respekt vor einer Haltung, die das Leiden möglichen Lösungen vorzieht. Die therapeutisch und auch lebenspraktisch heikelste Situation resultiert häufig schlicht aus der Weigerung von leidgeprüften Menschen, es sich und anderen tatsächlich besser gehen zu lassen. Auch Chancen, Veränderungen auszulösen bzw. zu erzwingen, indem z.B. einer geht, werden häufig durch Kollusion im Leid verunmöglicht. Im wirksamen Zusammenspiel der Betroffenen konstituiert sich nicht selten eine stabile Leidensgemeinschaft. Auch hier wirken die von Hellinger angedeuteten Dynamiken, weil der Bindungsmodus innerhalb der Familie stärker ist als der Leidensmodus. Stabile kontinuitätsverbürgende Leidensgemeinschaften basieren auf der Wirksamkeit von Bindung – selbst dann, wenn man sie rational ablehnt und kommunikativ schlicht leugnet.

Die Mitte fühlt sich leicht an – dies gilt wohl auch im ganz Großen und Ganzen:

„Wo die Ordnungen der Liebe herrschen, hört die Sippenhaftung für geschehenes Unrecht auf. Denn die Schuld und deren Folgen bleiben dort, wohin sie gehören, und an die Stelle des dumpfen Ausgleichsbedürfnisses im Bösen, das fortzeugend Böses aus Bösem gebiert, tritt nun der Ausgleich im Guten. Er gelingt, wenn die Späteren von den Früheren nehmen, was immer der Preis ist, und wenn sie die Früheren ehren, was immer sie sonst noch getan, und wenn das Vergangene, ob schlimm oder gut, auf vergangen sein darf. Die Ausgeschlossenen bekommen dann wieder ihr Gastrecht, und statt uns zu ängstigen, bringen sie Segen. Und wir, wenn wir ihnen in unserer Seele den Platz, der ihnen gebührt, auch gewähren, sind mit ihnen im Frieden und fühlen uns, weil wir alle, die zu uns gehören, auch haben, vollkommen und ganz.“

Das ist der Unterschied, der den Unterschied macht. Er hat mit der Gewissheit zu tun, dass jeder und jede untrüglich merken wird, wenn er sich vollkommen und ganz fühlt – statt nur halb, leer und voller Griesgram und Hader. Am 23.12.19 bin ich über DlF Zeuge eines Gesprächs zwischen Christiane Florin und Matthias Lohre geworden – Thema war Lohres Veröffentlichung „Das Opfer ist der neue Held“. Nachstehend nehme ich zwei Zitate auf, die sich nahtlos einfügen lassen in die mit der häufig zu beobachtenden Weigerung erwachsen werden zu wollen/müssen verbundenen Grundhaltung.

Quellen:

Bert Hellinger: Die Mitte fühlt sich leicht an, München 1996

Peter Sloterdijk: Luhmann, Anwalt des Teufels – von der Erbsünde, dem Egoismus der Systeme und den neuen Ironien, in: Luhmann Lektüren,Berlin 2010, S. 91-158

Fulbert Steffensky: Mut zur Endlichkeit – Sterben in einer Gesellschaft der Sieger, Stuttgart 2007

Gunthard Weber: Zweierlei Glück, Die Systemische Psychotherapie Bert Hellingers, Heidelberg 1997

https://www.deutschlandfunk.de/gefuehlte-benachteiligung-wer-sich-zum-opfer-erklaert.886.de.html?dram:articleid=466450

Auszüge:

Florin: Sie haben von „wahren Opfern“ gesprochen. Wie unterscheiden Sie zwischen „wahren Opfern“ und Jammerlappen, die wie Auserwählte aussehen wollen? 

Lohre: Letztlich werden wir alle als Opfer geboren. Das heißt, wir sind unfähig, uns selbst am Leben zu erhalten. Wir sind darauf angewiesen, dass Menschen uns mit Zuneigung entgegentreten. Wir können unser Schicksal nicht selbst bestimmen. Das versuchen wir dann schrittweise in unserem Leben hinter uns zu lassen, dieses Gefühl der Ohnmacht. Das gelingt uns ja auch in vielen Fällen. Ein Baby kann zum größeren Opfer werden, als die meisten erwachsenen Menschen das werden können, weil wir Erwachsene Mittel und Wege gefunden haben, uns zu wehren, auch Gefahren aus dem Weg zu gehen.

Florin: Wenn wir die wahren Opfer hinter uns lassen und über diejenigen sprechen, von denen Sie sagen, die wollten dauerhaft einen Opferstatus haben, obwohl sie Mittel hätten, sich zu wehren. Wie kommen diese Opfer aus ihrem Status raus?

Lohre: Der erste Schritt ist meiner Meinung nach zu erkennen, dass der Opferstatus nur kurzfristig einen Vorteil bringt. Denn mittel- und langfristig sperren wir uns selbst im Opferstatus ein. Was heißt das? Es heißt: Wer sich als Opfer sieht, der darf seinen Status nicht wieder aufgeben, weil viele Menschen sich deshalb als Opfer sehen, weil sie öffentliche Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommen. Wenn sie diesen Opferstatus aufgeben, so fürchten sie, dann verlieren sie wieder die Zuneigung. Aber mittel- und langfristig mauern wir uns dann ein. Wenn wir sagen: Wir sind Opfer, dann heißt das, wir können uns nicht aus dem Status herausbewegen. Wir können nicht unsere eigenen Handlungsmöglichkeiten, die wir auch haben, trotz allem nutzen. Das ist, glaube ich, der erste Schritt, um zu erkennen, dass der Opferstatus nicht hilft. Der zweite Schritt wäre zu erkennen: Was sind denn meine Handlungsmöglichkeiten? Was kann ich denn? Ich muss zu unterscheiden lernen, was ich beeinflussen kann und was sich nicht beeinflussen kann. Also letztlich müssten wir dann, verkürzt gesagt, erwachsen werden.

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund