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Vorsicht da kommen Touristen - Aber niemand war dabei und keiner hat's gewusst - das mit den 2 1/2 Erden

Vorher unter dem Titel: Wenn einer eine Reise tut… oder: Es könnte so authentisch sein. Aber diese Menschen da vorne!

Diskurs ist ja im Übrigen schön und gut - wollen wir nicht ein wenig streiten? Ich wundere mich beispielsweise, wie naiv und sprachlos wir alle miteinander diesen schönen Sommer genießen, der nicht enden will- und was hat das wohlmöglich alles mit Bildung zu tun???

Ein Diskurs zwischen Bildungsreise und touristischen Exzessen - so habe ich es 2015/16 verstehen wollen (veröffentlicht in: Silke Allmann/Denise Dazert, Hg.: Auf dem Weg zur Bildung - Individuelle Bildungsreisen als Horizonterweiterung, Weinheim 2016, S. 182-200).

Heute muss und will ich eine andere Sprache sprechen. Wenn ich (Massen-)Tourismus mit Terrorismus gleichsetze, dann vor allem deshalb, weil die (touristischen) Exzesse des Indvidualismus (präziser: eines individualistischen Bildungsverständnisses), die im westlich geprägten way of life häufig mit Aspekten der Bildungsreise legitimiert werden, geradezu als Inkarnation der Unbildung verstanden werden müssen:

(Damit wir uns im Übrigen nicht missverstehen: alle meine reise- und bildungshungrigen Verwandten und Bekannten sind hier selbstverständlich nicht gemeint - im Gegenteil verkörpern Sie ganz selbstverständlich immer noch Manfred Fuhrmanns Aura und Lauterkeit des Bildungsreisenden - das einzige, was Ihnen abgeht, ist - trotz aller Horizonterweiterung - die Klarheit des Blickes in dem Sinn, dass Sie sehen könnten, dass einige Milliarden Menschen darauf drängen die kinetische Verschwendungsneigung westlichen Ausmaßes ganz egoistisch auch für sich zu reklamieren - ich frage mich schon seit längerem, wo denn eigentlich all die Chinesen herkommen, die mal unseren Kaiser sehen wollen - oder sind es doch vielleicht Japaner, Koreaner, Usbeken, Kirgiesen oder was weiß ich?).

Aspekte einer - im übrigen alternativlosen -  Revision des Bildungsverständnisses auf der Höhe der Zeit hat Maximilian Probst am 26. Oktober 2017 in der ZEIT unter dem Titel veröffentlicht:

Umdenken oder untergehen

In diesem Kontext nimmt die nachstehende Form des Parlierens über Sinn und Unsinn des Reisens angesichts der eintretenden Klimakatastrophe durchaus zwingendere und gleichsam praktische Konturen an. Es geht um die Einpreisung der Folgekosten im Sinne des Verursacherprinzips. Ein Flug nach Malle (für de Omma oder mal eben kurz zum Chillen) nicht für 29,- €, sondern vielleicht für € 229,- oder vielleicht 2229,- € (allerdings ohne die Überführungskosten im gegebenen Falle - auch auf Malle gibt es inzwischen - wie man hört - nicht nur prima Klima!)!?

Was haben Touristen und Terroristen (häufig) gemeinsam? Einen Rucksack! (Nach einer Idee von Steffen Zink) - Die Last aller Rucksäche zusammengenommen trägt Mutter Erde mit ganz unterschiedlichen Auswirkungen für die vom (Massen-)Tourismus tangierten Ökosysteme - und wir meinen damit selbstverständlich nicht nur "die Natur" in ihrer ökologischen Fragilität (typisch anthropomorpher Blickwinkel), sondern auch die Lebewesen in ihr; und "die Menschen" stehen nicht außerhalb der Natur, sondern wie Maximilian Probst meint:

 "All das menschliche Tun, das über zwei Jahrhunderte folgenlos erschien, all das Verfeuern von Kohle und Öl zeitigt nun Wirkungen, mit denen niemand gerechnet hat: Die Natur feuert zurück. Mit Dürren, Wirbelstürmen, Überschwemmungen. Wir waren nie von ihr – der Natur – getrennt!"

Dass wir alle – unvermeidbar – moderne Massengesellschaft mitkonstituieren, und dass diese in einer permanenten touristischen Laune zu einer kinetischen Verschwendung nie gekannten Ausmaßes neigt (Peter Sloterdijk 2004), ist nicht zu bestreiten. Die von Robert Schäfer vertretene These, dass sich heute nicht derjenige zu erklären hat, der im Urlaub verreist, sondern wer zuhause bleibt (Robert Schäfer, Bielfeld 2015, S.10), gibt zu denken und gehört zu einer der verrücktesten Paradoxien der Gegenwartsgesellschaft. Wie bewegt sich ein gebildeter Bürger in der Auseinandersetzung mit dieser paradoxen Ausgangslage?

Orientieren wir uns grundlegend einmal an einem Bildungsverständnis, wie es von Wolfgang Klafki (in: Allgemeinbildung heute, aus: Pädagogische Welt, 9/93) zuletzt umrissen worden ist, dann können wir uns vielleicht mit dem von ihm begründeteten Verständnis einer Kategorialen Bildung auf die Ausbildung, Wahrnehmung und Anwendung von Wissen und Können in Verantwortung verständigen. Sie offenbart sich für jeden Einzelnen und bezogen auf die Gestaltung von Gesellschaft in den drei Dimensionen von Selbstbestimmungs-Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit. Ein Gebildeter (nach W. Klafki) könnte in diesem Sinne jemand sein, der gleichermaßen über diese drei Grundfähigkeiten verfügt, der um die Schlüsselprobleme der Welt weiß und der sich verantwortlich mit um die Lösung dieser Probleme bemüht: 1993 wie heute durchaus aktuell und angemessen spricht Wolfgang Klafki die Themenkomplexe Krieg und Frieden; Kulturspezifik und Interkulturalität; ÖkologieWachstum und Weltbevölkerunggesellschaftliche UngleichheitInformationstechnologie und Kommunikation und die sogenannten Ich-Du-Beziehungen an.

Der folgende Beitrag setzt sich mit einem Kernmerkmal moderner Gesellschaften auseinander, und zwar mit dem allenthalben zu beobachtenden Zwang sowie der Lust zur Mobilität und einer damit verbundenen und historisch so nie möglichen kinetischen Verschwendung. Dass beispielsweise Erscheinungsformen des Massentourismus in der durch Bewegung erzeugten Wärme etwas zu tun haben könnten mit der Überhitzung unseres Planeten, ist vermutlich eine schlichte Tatsache, von der heute niemand mehr sagen kann: Davon habe ich nichts gewusst.

Wir können uns an dieser Stelle durchaus eingeladen fühlen einmal unser Tun im Sinne eine Nützlichkeitsethik zu rechtfertigen, die sich am größtmöglichen Erfolg bzw. Nutzen einer Handlung für eine größtmögliche Zahl der davon Betroffenen orientiert. Lasst uns doch einmal einen Brief in diesem Sinne schreiben an unsere Kinder und Kindeskinder :-)

Ich danke bei dieser Gelegenheit vor allen Silke Allmann – der geschätzten Kollegin – für die Gelegenheit, meine etwas eigensinnige Position im Rahmen der Festschrift für den Kollegen Winfried Rösler vertreten zu dürfen (siehe oben):

Manfred Fuhrmann (Frankfurt 1999) vertritt die unstrittige These, dass die jüngst vergangene Epoche der europäischen Geschichte – „die Neuzeit von der Aufklärung bis zu den beiden Weltkriegen“ – zweifellos einen für sie verbindlichen Kanon der Bildung gekannt und anerkannt habe. Träger dieser Bildung seien nicht mehr oder allenfalls beiläufig Klerus und Adel gewesen und vor allem noch nicht die moderne Massengesellschaft: „Träger dieser Bildung [war] eine hinlänglich scharf begrenzte Schicht, eben das Bürgertum“ (a.a.O., S. 9).

Im folgenden soll es darum gehen, zunächst die Idee der Bildungsreise als nostalgische Reminiszenz aufleben zu lassen und den Tourismus in der modernen Massengesellschaft als ein Phänomen zu beschreiben, das sich im selbstreferentiellen globalen Prozessieren eben dieser Massen- oder Weltgesellschaft als ein Funktionssystem beobachten lässt, dessen binärer Code in grundsätzlicher Orientierung an Niklas Luhmann (1998) und konkret –sozusagen tourismussoziologisch – im Sinne Robert Schäfers als Reisen/Nicht-Reisen in Erscheinung treten könnte. Die Beobachtungen lassen sich unter kinetischen Gesichtspunkten schärfen, insofern Bewegung im Raum Wärme und andere Sekundärfolgen zeitigt. Ökologische Perspektiven könnten wiederum im Erziehungssystem scharf gestellt werden und ein Bildungsverständnis begründen, das den nostalgisch beschränkten Horizont bildungsbürgerlicher Vorstellungen übersteigt. Hinsichtlich einer ausgeprägten Neigung zur touristischen Laune und zur kinetischen Verschwendung löst ein solches Bildungsverständnis die unterschiedlichsten Reaktionen aus. Darauf wollen wir einen Blick werfen.

Wir wenden uns allerdings mit Manfred Fuhrmann zunächst der Bildungsreise zu und verlassen das hier angedeutete Reflexionsniveau vor allem in bildungstheoretischer Hinsicht. Mit Robert Schäfer (a.a.O., S. 26f.) reklamieren wir in Anlehnung an Dean MacCannell (1976) zur Beantwortung der Frage, was das Moderne an der modernen Gesellschaft sei, eine reflexionstheoretische Annahme: Der moderne Mensch sei zur Selbstreflexion aufgerufen und führe eine permanente Auseinandersetzung mit der Frage, "wie das, was man gerade tut, auf andere wirkt und ob sie es auch so verstehen, wie man es verstanden haben möchte". Die starke Repräsentanz dieser Idee auch in einigen Reformulierungsversuchen des Bildungsbegriffs wird eingedenk ihrer Ambivalenzen – im Rekurs auf Wolfgang Klafki, Hartmut von Hentig und Dieter Lenzen – Berücksichtigung finden.

Methodisch greife ich auf eine Luhmannsche Anregung zurück (Frankfurt 2000) – eine meinerseits schon lange angewandte Strategie –, die die Auseinandersetzung mit Texten auf eine gleichermaßen kreative wie unterhaltsame Weise ermöglicht. Hierzu bietet sich einleitend eine (Selbst-)Provokation an:

Ich bin schon da

Das Reisen gibt mir keinen Sinn.
Ich komme an,
Wo immer ich schon bin.
Ich ahne keinen Ort,
Der wirklich führt mich fort.
So oft der Horizont sich auch verschiebt,
Der Kreis bleibt in sich selbst verliebt.

Eine solche Position bietet natürlich Angriffsflächen. Sie wirft vor allem die Frage auf, inwieweit und unter welchen Bedingungen ein statisches (Selbst-)Bild des Kreiselns – zumindest bezogen auf’s Reisen – mit einer Vorstellung von Entwicklung vereinbar ist? Und mit der Bildungsreise begegnen wir in der Folge einem Bildungsverständnis, das genau hier – nämlich entwicklungsbezogen – seine besonderen Ansprüche und Potentiale offenbart. Das Interview mit Manfred Fuhrmann führt im Übrigen – in bewährter Manier – mein Alter Ego Adrian Nemo:

1. Die Bildungsreise

Adrian: Sehr geehrter Herr Fuhrmann, in Ihr Buch „Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters“ haben Sie die Bildungsreise neben der Literatur, der Philosophie, der Geschichte, dem Theater, dem Konzertwesen, dem Lexikon und dem Museum – Sie erwähnen auch die Mathematik und die Naturwissenschaften – als eigenen Sachbereich eingeführt. Kann man die Bildungsreise als eigenen Typus des Reisens verstehen und beschreiben?

Fuhrmann: Ja, das sehe ich so. Bei der „Bildungsreise“ handelt es sich um einen eigenen Typus. Er ist in der durch zahllose Berichte bekannten Form ein Produkt des 18. Jahrhunderts, der beginnenden bürgerlichen Epoche. Man leitet ihn mit Recht aus einer frühzeitlichen Vorstufe ab: aus der Kavalierstour, der Grand Tour, einem Erziehungsmittel, das den jungen Adligen auf seine Karriere vorbereiten half.

Adrian: Sie sprechen mit der Kavalierstour eine Vorstufe an. Muss man denn aus einer aktuellen Perspektive die Bildungsreise bürgerlichen Zuschnitts ihrerseits als überholt betrachten, und stellt sie möglicherweise selbst die Vorstufe zu einem aktuellen zeitgemäßen Begriff des Reisens dar?

Fuhrmann: Man könnte die bürgerliche Bildungsreise als ein abgeschlossenes Kapitel der europäischen Kulturgeschichte betrachten und mit guten Gründen behaupten, dass sie seit etwa einem halben Jahrhundert durch eine neue Form des Reisens, durch den Massentourismus, abgelöst worden sei. Doch treffender wäre wohl die Feststellung, dass die – im Unterschied zur Kavalierstour – nicht mehr auf eine künftige Funktion bezogene und in diesem Sinne zweckfreie Bildungsreise im modernen Tourismus ihre zeitgemäße Fortsetzung gefunden hat, wenn auch verengt und vereinseitigt auf die Betrachtung landschaftlicher und kultureller Sehenswürdigkeiten – ohne die Dimension der Erfahrung im Umgang mit Menschen.

Adrian: Der Mittelmeerraum als Sehnsuchtsort (Goethes Italienische Reise) ist inzwischen die dichteste Reisegegend der Welt. Schätzungen gehen davon aus, dass in diesem Gebiet bis 2020 ca. 350 Millionen Menschen als Touristen in Erscheinung treten werden – insgesamt treten jährlich weltweit etwa 700 Millionen Menschen eine Auslandsreise an. Mögen Sie da in der Tat den Begriff der Bildungsreise noch als angemessen erachten?

Fuhrmann: Anders als das Gymnasium, das Theater oder das Museum hatte die Bildungsreise nie eine feste institutionelle Basis. Bei ihr schlug der soziale und ökonomische Wandel ohne Verzögerung durch. An ihr lassen sich daher die drei Hauptphasen der neuzeitlichen Kulturgeschichte Europas, die aristokratische oder feudale, die bürgerliche und die der weithin egalisierten Massen, besonders deutlich ablesen. Das Ziel der Bildung scheint sich hierbei erst verselbständigt, dann verflüchtigt zu haben: Es war in der primär der Instruktion dienenden Tour des jungen Adeligen implizit enthalten; es wurde während des bürgerlichen Zeitalters zum Selbstzweck und ging schließlich in einem diffusen Bedürfnis nach Abwechslung und Erholung auf, das nicht mehr an ein bestimmtes Alter, an eine aufnahmefähige, für formende Eindrücke offene Jugend, gebunden ist.

Adrian: Andererseits – man mag da den realen Ort einer Buchhandlung aufsuchen oder sich im virtuellen Raum des Internet bewegen – sind beispielsweise Vielzahl und Vielfalt von Reiseführern und länderkundlichen Publikationen nicht mehr zu überschauen. Kann man dies nicht als Reflex auf ein nach wie vor bürgerliches Niveau der gepflegten, reflektierten, vor- und nachbereiteten Reisetätigkeit betrachten?

Fuhrmann: Während das 18. und das frühe 19. Jahrhundert offenbar die große Zeit der individuellen Reiseberichte waren, stehen für die jüngste Vergangenheit mit ihrem stereotypen Massenbetrieb meist nur noch die unpersönlichen Reiseführer zu Gebote, wo, wenn Stichproben nicht trügen, der einst überwiegend kunsthistorische Inhalt mehr und mehr bunter, auch das Kulinarische einbeziehender Information weichen muss. Kavalierstour und Bildungsreise gelten als hinlänglich erforscht; für die spätere Zeit jedoch fehlt es noch an Darstellungen, die das Material sammeln und sichten, was nicht zuletzt durch dessen zunehmende Oberflächlichkeit oder Trockenheit bedingt zu sein scheint.

Adrian: Es scheint mir, als zeige sich hier ein gewisser Dünkel, wie ihn im Übrigen der verehrte und sehr geschätzte Kollege Schwanitz auf unvergleichliche Weise zelebriert. Er geht in seinem Versuch einer Kanonisierung von Bildung (Frankfurt 1999) davon aus, dass gebildet sei, wer an der öffentlichen Kommunikation teilnimmt – diese sei heute international und teile jede Gesellschaft in zwei Klassen: „In diejenigen Menschen, die auch an der internationalen Kommunikation teilnehmen, und jene, die sich auf den Horizont von Wanne-Eickel-Süd beschränken.“ Sehen Sie das ähnlich?

Fuhrmann: Ich antworte mit den Worten Rousseaus, der sich ja als Theoretiker des Reisens hervortat, und bei dem man (in seinem pädagogischen Roman Emile ou De l’éducation) – neben manch bedenklich klingenden Lehren – die folgenden goldenen Worte lesen kann: „Genügt es, dass ein Gebildeter lediglich seine Landsleute kennt, oder kommt es darauf an, die Menschen im allgemeinen zu kennen? Hierüber kann es weder Streit noch Zweifel geben.“ Reisen ist nach Rousseaus Überzeugung ein vorzügliches Mittel, Vorurteile zu entlarven und zu widerlegen – allerdings nur das richtige Reisen.

Adrian: Das richtige Reisen?

Fuhrmann: Ja, das richtige Reisen, bei dem man danach strebt, sich belehren zu lassen! Mit Diderot – einem weiteren Didaktiker der Bildungsreise – kann man dieses Motiv bestätigen. Er schreibt, sinnvoll sei das Reisen vor allem in einem Alter, in dem sich das Urteilsvermögen noch bilden lasse – jedoch nur, wenn gewisse Kenntnisse bereits vorhanden seien.

Adrian: Sie sprechen von einer „Didaktik der Bildungsreise“ und Vorkenntnissen bei den Reisenden. Als hochpreisiges exklusives Geschäftsmodell – sozusagen als bildungsbürgerliche Variante im globalen Rauschen des Massentourismus – erinnert Diderots Forderung an die Angebote von Studiosus oder in ihrer sportlichen Variante an Wikinger-Reisen.

Fuhrmann: Ohne Wissen – so Diderot – gebe es keine Vergleichsmaßstäbe – man solle sich daher auch mit der Literatur des jeweiligen Volkes befassen, dessen Land man zu besuchen gedenke. Vor allem dürfe man nicht allzu rasch urteilen, solle vielmehr ruhig beobachten, ehe man urteile. Man höre viel zu und rede selbst wenig – wer redet, sagt, was er weiß, wer hingegen zuhört, erfährt, was die anderen wissen.

Adrian: Lässt sich denn auch heute noch gewissermaßen der Prototyp einer Bildungsreise benennen bzw. beschreiben?

Fuhrmann: Die klassizistisch-ästhetische Variante der Bildungsreise führte notwendigerweise nach Italien. Trotz aller Gräkomanie der Goethezeit kam Griechenland kaum in Betracht, auch nicht, nachdem es von der Türkenherrschaft befreit war – die Reise dorthin war zu weit und zu beschwerlich, und über ein Jahrzehnt sich hinziehende Kriege hatten das Land verwüstet. Die Italienreise blieb somit die Bildungsreise par excellence – für alle West- Mittel- und Nordeuropäer. Hierfür standen zahlreiche Reisehandbücher und Kunstführer zu Gebote.

Adrian: A là Baedeker?

Fuhrmann: Oh ja, Baedeker avant la lettre! Der erste Band dieser berühmten Einrichtung erschien 1829, ein Stadtführer durch Koblenz.

Adrian: Wir parlieren hier ganz nett über die Bildungsreise. Bleibt die Frage, ob es andere Zugänge zu der brisanten Frage gibt – Studiosus hin, Studiosus her –, ob im Zeitalter des Massentourismus ein bildungsbürgerlich geprägter Begriff des Reisens noch eine angemessene Perspektive bietet? Dieter Lenzen (2003) hat vor mehr als 10 Jahren – unisono mit Ihnen – darauf hingewiesen, dass unser Bildungsideal aus dem 19. Jahrhundert stammt. Damals habe eine bürgerliche Elite die Adelsgesellschaft abgelöst. In Zukunft weise Bildung aber keine Standesgesellschaft mehr aus, die irgendjemanden ausschließe. Jeder werde sich ein Leben lang weiterbilden müssen, bis ins hohe Alter. Denn Bildung werde nicht mehr darüber entscheiden, ob wir parlieren können, sondern ob wir genug zu essen haben.

Fuhrmann: Ich möchte mit einem Verweis auf Walter Jens antworten und dazu ein wenig ausholen: Walter Jens erhielt viel Beifall, als er 1971 in einem Vortrag auf ein bis dahin wenig beachtetes Merkmal hinwies – nämlich auf die kommunikativen Fähigkeiten der Gebildeten, auf die die Verständigung mit dem Wort erleichternde Funktion der Bildung. Jens sagte: „Ein scheinbar befremdlicher, in Wahrheit plausibler Gedanke: das Pantheon des 19. Jahrhunderts, bevölkert von Männern, zwischen denen es im Raum der Politik keine Gemeinsamkeit gab, [...] deren Lehren sich diametral unterschieden, und alle hatten genau die gleiche Bildung genossen, alle die gleichen Texte gelesen: das gab ihnen die Möglichkeit, sich einander noch in schroffster Gegnerschaft auf gemeinsamer Basis verständlich zu machen.“ Selten ist der Prägestock der Bildung, der bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das gesamte Bürgertum Europas – Engländer, Franzosen und Deutsche, Konservative, Liberale und Sozialisten, Pfarrer, Ärzte, Ingenieure – formte, so nachdrücklich beschworen worden. Der Hauptgedanke des Vortrags von Jens zielt allerdings in eine andere Richtung: Die bürgerliche Bildung sei nicht erst, wie Litt angenommen hatte, im Zeitalter der Weltkriege ihrer Substanz verlustig gegangen, sie habe vielmehr – jedenfalls in Deutschland – schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren politischen, freiheitlichen, ‚jakobinischen’ Impetus eingebüßt und sei schon damals zu einer apolitischen, eskapistischen, ästhetisierenden Ideologie verkommen. Dieses Urteil gibt, wenn auch pointiert, den tatsächlichen Verlauf der Dinge wieder.

Adrian: Aha, den tatsächlichen Verlauf der Dinge. Sehr geehrter Herr Fuhrmann, ich danke Ihnen sehr für Ihre geduldige Gesprächsbereitschaft. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, mit Ihnen zu parlieren. Aber ich vermute, damit ist auch die Grenze markiert, an der ich mir andere Gesprächspartner suchen muss, um zwischen Bildungswert und Bildungsnot des Reisens, also gewissermaßen zwischen Skylla und Charybdis einen Weg zu finden.

2. Echt jetzt? Reisen – kinetische Vibration und Zeitvernichtung

Manfred Fuhrmann stimmt Walter Jens darin zu, dass die bürgerliche Bildung ihren politischen, freiheitlichen Impetus schon lange eingebüßt hat. Eine der markantesten Freiheitsbewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts: „Wir sind das Volk“ sah in der Reisefreiheit zumindest einen Kern ihrer Freiheitsbestrebungen und konkreten Forderungen. Mit Blick auf jemanden, bei dem man schon fast geneigt ist, die Bewegung im Raum als Element einer deformation professionelle zu sehen, lässt sich – wie so oft – Provokantes in sprachlich erfrischender Form vernehmen. Fragen wir doch einmal Peter Sloterdijk (Frankfurt 2004, S. 833-838), wie sich „die Windrose des Luxus“ dreht und verkneifen uns dabei vorläufig, seine eigene kinetische Unruhe zu thematisieren:

Adrian: Sehr geehrter Herr Sloterdijk, Sie deuten den Begriff der Freizeit in seinem klischeehaften alltäglichen Gebrauch etwas tiefschürfiger und bringen ihn zusammen mit dem, was Sie Mobilitätsluxus nennen. Sie unterstellen, dass sich dahinter ein folgenschwerer, nicht leicht zu überblickender Tatbestand verberge.

Sloterdijk: Ja, ich deute ihn als eine Explosion von Selbstaufmerksamkeit. Ihre unmittelbare Konsequenz ist die allgemeine Unterwerfung des Lebens unter die Alternative von Langeweile oder Unterhaltung.

Adrian: Können Sie uns einmal eine Vorstellung davon vermitteln, welche Ausmaße diese Explosion inzwischen angenommen hat?

Sloterdijk: Die jüngste Ausweitung der für die Selbstaufmerksamkeit (und ihre massenhafte Vernichtung durch Unterhaltung) freigegebenen Phasen ist auch numerisch eindrucksvoll. Ziehen wir von den 8760 Stunden, die ein Jahr ausmachen, täglich 8 Stunden Schlafzeit sowie das Jahresarbeitspensum von 1700 Stunden ab, bleibt für die Bewohner der Superinstallation ein mittleres Jahresguthaben von 4140 disponiblen wachen Stunden zurück. Wenn hiervon auch ein Gutteil durch Routineakte alltäglicher Selbst- und Familiensorge und Fahrten zum Arbeitsplatz aufgesogen wird, ergibt sich für die meisten Zeitgenossen noch ein Restguthaben an selbstbezüglicher Zeit weit über allen historisch bekannten Zuständen.

Adrian: Sie sprechen im Folgenden von vielfältigen Luxusdimensionen, die inzwischen fest zum Bild der Existenz in der Superinstallation – ich übersetze das hier einmal im weitesten Sinne mit Wohlstandsgesellschaft – gehören. Und Ihnen fällt an allererster Stelle „ein enormer Grad an Mobilitätsluxus“ auf.

Sloterdijk: Ja, fast jedes zeitgenössische Leben hat in einem unbekannten Ausmaß an der Transportmacht Anteil. Die modernen Körper definieren sich – neben ihrer auto-operablen-Verfasstheit – durch ihre Fähigkeit, Entfernungen zu überwinden und willkürliche Bewegungen auszuführen. Dies geht soweit, dass der Begriff Freiheit heute nicht mehr ohne den Bezug auf das Recht zur kinetischen Verschwendung und die touristische Laune definiert werden kann.

Adrian: Höre ich da etwa kritische Untertöne heraus? Wie ist das gemeint: kinetische Verschwendung – touristische Laune?

Sloterdijk: Der Umfang des kinetischen Luxus erhellt unter anderem aus dem verkehrssoziologischen Befund, dass zwei von drei motorisierten Verkehrsbewegungen an nicht-ökonomische und nicht-berufliche Zwecke gebunden ist; je bouge, donc je suis.

Adrian: Mischen sich in dem, was Sie kinetische Verschwendung oder touristische Laune nennen, Aspekte, die sowohl den Bildungswert als auch die Bildungsnot des Reisens offenbaren - ich meine das durchaus auch im Hinblick auf die Motive, die die Mobilitäts-Akteure bewegen oder meinetwegen umtreiben, in dem von Ihnen angedeuteten Habitus: Ich bewege mich, also bin ich.

Sloterdijk: Eine Kritik der reinen Evasion ist noch zu schreiben.

Adrian: „Reine Evasion“? In Dresden gibt es einen exklusiven Reiseveranstalter der nennt sich: L’EVASION TOURS – wo lassen sich heute noch kritische Momente ausmachen im Hinblick auf Mobilitätsbedürfnisse und -zwänge?

Sloterdijk: Ja, es ist zunächst eine reine Feststellung, dass das Lebensmeilen-Konto eines durchschnittlichen Arbeiters oder Angestellten in den automobilistisch und touristisch aktiven Kernländern des Wohlstandssystems [schon] um das Jahr 2000 die Bilanz der leisure class des 18. und 19. Jahrhunderts um ein Vielfaches übertrifft, selbst wenn diese dem exquisiten Sport des Globetrotters oblag.

Adrian: Und wo führt das hin?

Sloterdijk: Rechnet man die gängigen ergotopischen Praktiken hinzu, die in Form von zahllosen Sportarten, physischen Übungen und Gymnastiken, Tänzen, Aufzügen und Bewegungstherapien ausgeübt werden, so bietet sich der Anblick einer Zivilisation, die in einem gefühlten kinetischen Luxus ohne Vorbild vibriert.

Adrian: Good or bad vibrations?

Ich greife zur Beantwortung dieser Frage einmal den von Manfred Fuhrmann verwendeten Begriff der weithin egalisierten Massen auf sowie die Idee von Dietrich Schwanitz, dass gebildet sei, wer an der öffentlichen Kommunikation – auch in ihrer internationalen Dimension – teilnehme zurück; zugegebenermaßen all dies im Hinblick auf das empirisch erweisbare, das heißt beobachtbare Phänomen, das sich Peter Sloterdijk im Anblick der Gegenwartszivilisation als kinetischer Luxus ohnegleichen offenbart.
Das Wort gebe ich weiter an Lea Schwer , weil bei meiner zufallsgenerierten Internetrecherche im Zusammenhang mit der von ihr verantworteten Website immer wieder die Rede von Nachhaltigkeit und Ökotourismus ist. Allein daran mag man erahnen, dass es sich in der Zivilgesellschaft westlicher Prägung verbietet von einem einheitlichen Tourismusverständnis auszugehen. Natürlich halte ich die Frage – ob good or bad vibrations – damit nicht für allumfassend und seriös beantwortet, zumal die – wenn auch spärlichen Verlinkungen in dem – von Lea Schwer verantworteten – Text mit dem Verweis auf ansprechende Reisedestinationen gleich die passenden Angebote für eine Authentizität verbürgende touristische Alternative“ vorhält:

Adrian: Also, meine liebe Lea Schwer, was können Sie uns zum Phänomen des Massentourismus in möglichst kompakter Form erzählen?

Lea Schwer: Massentourismus bezeichnet das gehäufte Auftreten von Touristen an einem Reiseziel. Die negativen Auswirkungen des Massentourismus auf das Reiseland überwiegen die positiven. Oftmals hinterlässt die große Masse an Touristen sozial, ökologisch und wirtschaftlich problematische Spuren. Der Massentourismus entwickelte sich in den 60er Jahre, als die Ausweitung des Reisewesens begann. Heutzutage begeben sich weltweit jährlich rund 700 Millionen Menschen auf eine Auslandreise. Dies hat Folgen für die Umwelt und Menschen der Reisedestinationen. Im ökologischen Bereich wirkt sich der Massentourismus bereits bei der Anreise negativ aus. Meist reisen die Touristen mit dem Flugzeug in die Ferien. Der Energieverbrauch und der Ausstoß an C02 sind enorm. Bei einer Reise von Europa zum Äquator verbraucht ein Fluggast so viel Energie, wie ein durchschnittlicher Autofahrer in sieben Monaten verfährt. Am Reiseziel angekommen, führt die hohe Zahl an Touristen zu einem hohen Landverbrauch vor Ort. Für Unterkunftszwecke werden Landschaftsteile mit großen Hotelkomplexen zugebaut. Aber auch Infrastrukturen, welche für touristische Aktivitäten errichtet werden, schaden der Natur. Beispielsweise führt der Bau von Skipisten zu einer Versiegelung des Bodens. Positiv zu erwähnen ist, dass der Tourismus eine wichtige Rolle bei der Errichtung und für den Erhalt von Naturschutzgebieten spielt. Zielländer müssen, um als Urlaubsdestination attraktiv zu bleiben, landschaftliche Schönheiten schützen. Touristen finanzieren mit ihrem Besuch das Naturschutzgebiet mit. Die sozialen, negativen Aspekte des Massentourismus sind divers. Für die einheimische Bevölkerung ist die Belastung groß, wenn die Lebensstandards der Touristen und der Einheimischen weit auseinander gehen. Es kommt zu einem Anstieg an Kriminalität, Betteln, Prostitution und der Kommerzialisierung von Gastfreundlichkeit. Übersteigt die Anzahl Touristen diejenige der Einheimischen, fühlt sich die lokale Bevölkerung als Konsumgut, es kommen Gefühle der Fremdbestimmung und Unterlegenheit auf. Zudem kann es zu einer Akkulturation kommen, wobei die regionale Kultur mit ihren Traditionen Gefahr läuft, verloren zu gehen. Wiederum kann der Tourismus auch positive, soziale Effekte haben. Um eine ansprechende Reisedestination zu sein, wird auf die Erhaltung des kulturellen Erbes, der Traditionen und der Baudenkmäler geachtet. Vom Massentourismus profitiert finanziell nicht, wie vielmals angenommen, auch automatisch die lokale Bevölkerung. Meist werden die Hotelangestellten schlecht bezahlt. Nur ein kleiner Teil des Preises einer Arrangement-Reise wird für die Bezahlung der Angestellten genutzt. Negative ökonomische Effekte für die Einheimischen durch den Massentourismus sind zudem die Gefahr einer Preissteigerung der Lebensunterhaltskosten und die große Abhängigkeit vom Tourismus.

Vibrationsausmaß und –richtung wird Lea Schwer selbstredend nur bedingt im Sinne eines Authentizität verbürgenden Tourismusverständnisses beeinflussen. Gleichwohl mischen sich hier Effekte, die unter der Leitunterscheidung: good or bad vibrationes zumindest ein zwiespältiges Bild offenbaren. Dennoch muss die Frage gestattet sein, ob sich Perspektiven anbieten, um unter der globalen Vibrationsglocke noch zwischen Bildungswert und Bildungsnot des Reisens unterscheiden zu können. Dazu gestatten wir uns zunächst einen bescheidenen tourismussoziologischen Exkurs. Adrian interviewt Robert Schäfer zu seiner aktuellen Studie Tourismus und Authentizität (Bielefeld 2015).

Tourismussoziologischer Exkurs:

Adrian: Lieber Herr Schäfer, worin sehen Sie den Antrieb für Ihre 270 Seiten umfassende Studie?

Schäfer: Es geht nicht primär um die Bestimmung der gesellschaftlichen Funktion des Tourismus und auch nicht um die Erforschung von Motiven, die Touristinnen und Touristen im Einzelnen antreiben. Das Ziel ist die Rekonstruktion eines Deutungsmusters, das den verschiedenen touristischen Praktiken und Institutionen ihren Sinn verleiht.

Adrian: Was macht dieses Deutungsmuster aus, und in welchem Maß kann es eine allgemeine Gültigkeit unter sinnstiftenden Perspektiven beanspruchen?

Schäfer: Zu erklären hat sich heute nicht, wer im Urlaub verreist, sondern wer zuhause bleibt. Dies geht doch problemlos als kulturelle Selbstverständlichkeit durch. Seinen Kern hat dieses Deutungsmuster [...] in der Idee der Authentizität. Sie bildet das ‚semantische Gravitationszentrum’, das das touristische Deutungsmuster zusammenhält und (nicht absolut und für immer, aber doch vorläufig in praktisch hinreichendem Maß) seinen Sinn sichert. Sie ist, frei nach Claude Levi-Strauss, der Unsinn, der dem Sinn seinen Sinn gibt.

Adrian: Sie rekurrieren damit auf Dean MacCannells Authentizitätsthese und versuchen in Ihrem zweiten Kapitel die Frage zu beantworten, worauf die moderne Suche nach dem Authentischen historisch zurückzuführen ist.

Schäfer: Ja, von aktuellen Zeitdiagnosen (Ulrich Oevermann, Luc Boltanski, Eve Chiapello, Charles Taylor) ausgehend, wird zunächst ein relativ weitreichender Konsens darüber festgestellt, dass die protestantische Ethik zunehmend verdrängt werde von einer ästhetischen Form der Lebensführung, deren zentraler Wert in der Authentizität bestehe. Auf der Suche nach der Herkunft solcher Deutungen wird in der Zeit zurückgeschritten und die Vorstellungen der 1960er-Avant-Garde besprochen, die schon die Einheit von Kunst und Leben gefordert haben... Authentizität wurde dadurch von einem genuin ästhetiktheoretischen Begriff zum allgemeinen Lebensideal.

Adrian: Sie weisen darauf hin, dass die romantische Vorstellung einer ‚Kunstreligion’ sehr viel weiter zurückreicht und etwa von Schelling, Schlegel und Novalis vertreten wurde. Partiell mag sie sich ja wiederbeleben, indem sich – wie sie im dritten Kapitel zeigen – ein zeittheoretischer Begriff der Muße mit einem raumtheoretischen Begriff des Fremden verbindet.

Schäfer: Ja, die touristische Reise, so verstanden, gründet in der müßigen Konfrontation mit dem Fremden, womit sie in theoretischer Hinsicht der ästhetischen Erfahrung gleicht.

Adrian: Zur Fundierung der im zweiten Teil ihres Buches vorgestellten empirischen Fallstudien beziehen sie sich auf den „Authentizitätsdiskurs“ zur Institution des UNESCO-Weltkulturerbes.

Schäfer: Ja, das Authentische wird darin in erster Linie als das Besondere behandelt, als etwas, was sich in irgendeiner Art und Weise von anderem unterscheidet... Und besonders ist schließlich das besonders Besondere.

Adrian: Durch diesen Zirkelschluss tritt schließlich eine bestimmte Form der Tourismuskritik in recht authentischer Form in Erscheinung.

Schäfer: Der Tourismus zeigt dort seine innere Spaltung am deutlichsten, wo er sich selbst zum Gegenstand der Kritik macht. Sein eigentliches Ziel ist ja das Authentische und genau das wird ihm als Inauthentizität vorgerechnet: Touristen sind für andere Touristen untrügliche Marker für die Inszeniertheit des jeweiligen Settings, in das sie geraten sind und ‚ent-authentifizieren’ sich gegenseitig ihre Destinationen durch ihre bloße Präsenz.

Adrian: Sie zitieren mehrfach Dean MacCarnell mit seiner historisch gewordenen Formulierung: „Tourists dislike tourists“. Gibt es denn keinen erkennbaren Ausweg aus der Authentizitätsfalle. Klaus Raab, der Ihr Buch in der ZEIT bespricht, zeigt z.B. eine Strandszene mit dem Untertitel: „Es könnte so authentisch sein. Aber diese Menschen da vorne!“

Schäfer: Der dritte Blog (innerhalb der Fallstudien) thematisiert das Reisen explizit unter dem Aspekt der Abenteuerlichkeit, einer besonders aufschlussreichen Form der authentischen Erfahrung... In ihrer konstitutiven Krisenhaftigkeit sind Abenteuer auch immer mehr oder weniger eng an die konkrete Leiblichkeit der Akteure gebunden, was sich auch zeigt in der starken Betonung des Gegensatzes von Erschöpfung und Erholung, von körperlicher Anspannung und Entspannung, die in erster Linie in der ‚Gemütlichkeit’ gesucht wird... Die Leiblichkeit ist außerdem noch in einem anderen Zusammenhang von Bedeutung, nämlich dort, wo es um Schmutz (hier v.a.: Uringestank) als Authentizitätsmarker geht. Das Authentische, das einerseits das Heilige ist und das Reine..., ist andererseits auch das Schmutzige. Das Zu-Saubere ist das Inszenierte, das Unnatürliche, während der Gestank ein Indiz dafür ist, dass die Ordnung gestört und nicht alles perfekt ist. Genau in dieser Natürlichkeit kann das Authentische gesehen werden, so dass sich das Unreine als eigentlich Reines erweist: als das zumindest, was von tourismusindustrieller ‚Verunreinigung’ (noch) nicht betroffen wurde.

Adrian: Das leuchtet mir ein. Man könnte sich den Schlafplatz in den Höhlen am Rande von Kuala Lumpur mit den Aussätzigen teilen und hätte in deren urin- und fäkalgeschwängerten Atmosphäre auch noch authentische Authentizitätsmarker gratis. Immerhin hat Klaus Raab (siehe oben) genau dies übersehen bei seiner Entzauberung des Authentizitätsklischees: „Die hübsche Pointe des Ganzen ist, das Authentizität im Tourismus, das Versprechen auf Sein statt Schein, eine Fassade ist. Eine schöne glitzernde Fassade. Und somit authentisch touristisch. Und wir holen uns jetzt erst einmal einen echten Filterkaffee und löschen ein paar E-Mails.“ Jedenfalls danke ich Ihnen sehr, Herr Schäfer, für Ihre Hinweise. Vor allem ironietechnisch haben wir inzwischen ordentlich aufgerüstet, und Sie haben die Paradoxien zwischen Schein und Sein ins Scheinwerferlicht gerückt. Stellt sich nur noch die Frage, wie reagieren wir bildungstechnisch – pardon, im Hinblick auf den Bildungsauftrag von Schule – auf diese Ausganglage?

3. Reisen bildungstheoretisch gewendet

Als erstes könnten wir ein Tourismusprojekt in den allgemeinbildenden Schulen damit legitimieren, dass wir mit unseren Schülern Maßstäbe für authentische Authentizitätsmarker entwickeln und das Maß an selbstreflexiven Impulsen stärken. Aber hören wir doch einmal, was Hartmut von HentigWolfgang Klafki und Dieter Lenzen zu sagen haben:

Adrian: Lieber Hartmut von Hentig. Man sagt ja allgemeinhin: „Reisen bildet“ oder wie Werbestrategen heute nahelegen: „Reise dich weise!“ bzw. „Reise dich interessant!“ Sie sind ein Intellektueller alteuropäischen Zuschnitts, aber eben auch ein alter, renommierter Schulmann – Gründer der weltweit anerkannten Laborschule Bielefeld. Und lange vor den harten Zumutungen des Alters haben Sie 1996 versucht die Frage noch einmal zu beantworten, was denn den Menschen bilde. Ihre Ausführungen sind für uns – und ich vermute auch für Sie selbst – beim Wiederlesen 2015 außerordentlich erhellend. Würden Sie uns noch einmal die Ehre geben?

HvH: Ja, was bildet den Menschen? Alles – selbst wenn es langweilt oder gleichgültig lässt oder abschreckt. Dann ist dies die bildende Wirkung. Alles, weil der Mensch ein – wundersam und abscheulich – plastisches Wesen ist: veränderbar, beeinflussbar, reduzierbar, steigerungsfähig auch gegen seinen Willen, gegen seine Einsicht, gegen seine Natur. Er lässt sich durch geeignete Maßnahmen dazu bringen, Gewichte von zwei Zentnern zu stemmen, mit Hurra in den Tod zu stürmen, sich – auch angesichts einer überwältigenden Lebensmittelfülle – von Körnern oder Salatblättern zu ernähren, sich – unter Qualen – Sonnenbräune zuzulegen wie auch – mit komplizierten Vorsichtsmaßnahmen oder unter Entbehrungen – diese zu vermeiden. Eine einzige Geste eines anderen, in seinem Gemüt gespeichert, kann ihn ein Leben lang mit Eifersucht oder Hass oder Hypochondrie erfüllen, ein einziges Wort ihn mit Sehnsucht oder Heilsgewissheit oder Verblendung schlagen. Der Mensch hat aus diesem Grund als einziges Lebewesen Geschichte. Anders als die übrige Kreatur ist er fast unbegrenzt auf Formung angelegt. Ist diese gewollt, nennt man sie Bildung.

Adrian: Dem ist nichts hinzuzufügen, und wir alle wissen einmal mehr, welche Einsichten wir Ihnen zu verdanken haben. Ihren Ausführungen würde sicherlich auch Wolfgang Klafki folgen. Ihn bitte ich nunmehr anhand seiner Skizze zu einem neuen Allgemeinbildungskonzept (Weinheim 1991 und 1993) ein paar konkretere Hinweise zu geben: Lieber Wolfgang Klafki, ins Zentrum ihres Konzept rücken sie sogenannte Epochaltypische Schlüsselprobleme. Können Sie uns in kompakter Weise Einblick gewähren in ihre Überlegungen?

Klafki: Bildung muss heute zentral als entwickelte Selbstbestimmungsfähigkeit, Mitbestimmungsfähigkeit und Solidaritätsfähigkeit verstanden werden. Das bedeutet: Als Fähigkeit zur Selbstbestimmung über die je eigenen, persönlichen Lebensbeziehungen und Sinndeutungen zwischenmenschlicher, beruflicher, ethischer, religiöser Art; als Mitbestimmungsfähigkeit, insofern jeder Mensch Anspruch, Möglichkeit und Verantwortung für die Gestaltung unserer gemeinsamen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse hat; als Solidaritätsfähigkeit, insofern der eigene Anspruch auf Selbst- und Mitbestimmung nur gerechtfertigt werden kann, wenn er mit dem Einsatz für diejenigen verbunden ist, denen solche Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse, Unterprivilegierung, politischer Einschränkungen oder Unterdrückungen vorenthalten oder begrenzt werden.

Adrian: Sie führen aus, dass sich dieser höchst anspruchsvolle Begriff von Bildung spiegeln muss in einem geschichtlich vermittelten Bewusstsein um die zentralen Probleme der Gegenwart und – soweit voraussehbar – der Zukunft. All dies verbunden mit der Einsicht in die Mitverantwortlichkeit im Sinne einer Bereitschaft, an der Bewältigung dieser Probleme mitzuwirken. Welche Schlüsselprobleme sehen Sie?

Klafki: Als erstes Schlüsselproblem nenne ich die Frage von Krieg und Frieden... Friedenserziehung als kritische Bewusstseinsbildung... wird eine langfristige pädagogische Aufgabe bleiben... Ein zweites Schlüsselproblem lässt sich mit der Doppelformel Sinn und Problematik des Nationalitätsprinzips und Kulturspezifik und Interkulturalität umschreiben. In diesem Zusammenhang wird es wichtig sein, auch die wechselseitig bereichernden Begegnungen zwischen nationalen Kulturen zu betonen und damit all jene Momente, die innerhalb dessen, was sich als nationale Kultur historisch entwickelt hat, über eben diese hinausweisen. Mit anderen Worten: Man muss sich auf ihre übernationalen, ihre generell humanitären Potenzen besinnen. Wir werden unseren Sprach- und Literaturunterricht – den eigen- wie den fremdsprachlichen –, unseren Geschichts-, Erdkunde- und Politikunterricht, den Kunst- und den Religionsunterricht, letztlich wohl fast alle Unterrichtsfächer oder –bereiche auch unter solchen Gesichtspunkten neu durchdenken müssen.

Adrian: Da sind Sie ja ganz bei Manfred Fuhrmann, und man möchte fast die Institution der Bildungsreise wiederbeleben. Es wäre gleichermaßen reizvoll, zu untersuchen, inwieweit Ihre Ideen Eingang gefunden haben in die Diskussion um Bildungsstandards und vor allem inwieweit sie Spuren hinterlassen haben im Hinblick auf eine solchermaßen aufgeklärte und reflektierte touristische Praxis unter den Bedingungen der egalisierten Massen. Ich habe da einen Kollegen im Blick, der kleinere Studien dazu veranlassen kann. Nach der Studienreform haben wir ja mit Bachelor- und Masterarbeiten doppelte Kapazitäten zur Verfügung. Lieber Herr Klafki, erwähnen Sie doch bitte noch die restlichen Schlüsselprobleme, an denen Ihr neues Verständnis vom gebildeten Menschen Profil gewinnt.

Klafki: Ein drittes Schlüsselproblem ist die Umweltfrage oder die ökologische Frage, d. h. die heute mit Recht viel diskutierte und wiederum in globalem Maßstab zu durchdenkende Frage nach Zerstörung oder Erhaltung der natürlichen Grundlagen menschlicher Existenz...

Adrian: Ja, ja eine spannende Frage – es gibt mehr als 20 Jahre nach Erscheinen Ihrer Vorschläge spannendes Bildmaterial zur Entwicklung der Küstenregionen im Mittelmeerraum und mit 300 bis 350 Millionen Touristen dort (bis 2020) lassen sich auch trefflich die von Ihnen aufgeworfenen Fragen diskutieren: Zum Verhältnis zwischen Ökologie und Ökonomie – Kosten-Nutzen-Analysen zu wessen Vor- und Nachtteil. Die Formulierung einer der aus diesem Schlüsselproblem folgenden Hauptaufgaben Ihrerseits klingt heute noch richtungweisend (Sie sind im übrigen nicht ganz unschuldig daran, dass ich in zwei Photovoltaik-Anlagen investiert habe!): „Die Entwicklung der Einsicht in die Notwendigkeit, ressourcen- und energiesparende Techniken und umweltverträgliche Produkte und Produktionsweisen zu entwickeln sowie unseren Konsum teils einzuschränken, teils umweltfreundlich zu praktizieren. Beides ist anhand von Beispielen für bereits heute, wenngleich noch in begrenztem Umfang vorhandene Verfahren wie etwa die Nutzung von Sonnen-, Wind- und Bioenergie bzw. Beispielen für umweltschonendes Konsumverhalten, z.B. durch die Reduktion und das Recycling von Abfall, möglich.“ Sie nennen als viertes Schlüsselproblem das rapide Wachstum der Weltbevölkerung – vor allem in den am wenigsten entwickelten, den ärmsten Länder der Welt“ sowie als fünftes Schlüsselproblem „die gesellschaftlich produzierte Ungleichheit“. Die Ungleichheit in internationaler Perspektive – Sie sprechen vom „Macht- und Wohlstands-Ungleichgewicht zwischen sogenannten entwickelten und wenig entwickelten Ländern“ – wirft die Frage auf, inwieweit und unter welchen Bedingungen der Massentourismus diesen wenig entwickelten Ländern eine Perspektive eröffnet (hat). Auch das sechste von Ihnen benannte Schlüsselproblem – die Gefahren und Möglichkeiten der neuen technischen Steuerungs-, Informations- und Kommunikationsmedien zeigt Sie auf der Höhe der Zeit. Ich bitte Sie abschließend uns das siebte von Ihnen exponierte Schlüsselproblem zu erläutern und in der gebotenen Kürze Ihre didaktischen Konsequenzen aus alledem zu skizzieren.

Klafki: Beim siebten Schlüsselproblem rücken die Subjektivität des Einzelnen und das Phänomen der Ich-Du-Beziehungen ins Zentrum der Betrachtung: die Erfahrung der Liebe, der menschlichen Sexualität, des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern oder gleichgeschlechtlicher Beziehungen – jeweils in der Spannung zwischen individuellem Glücksanspruch, zwischenmenschlicher Verantwortung und der Anerkennung des bzw. der jeweils Anderen. Die Aussicht auf solchermaßen gebildete Menschen wird ohne die Aneignung und Festigung folgender grundlegender Einstellungen nicht gelingen: Kritikfähigkeit (einschließlich der Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstkritik), Argumentationsbereitschaft und –fähigkeit, Empathie und ein Zusammenhangsdenken im Sinne eines vernetzenden Denkens. Zu den didaktischen Aspekte, für die ich stehe, beschränke ich mich auf Stichworte: Erstens: Einem Unterricht, der sich auf Schlüsselprobleme konzentriert (Problemunterricht) ist die 45-Minuten-Schablone mit ständigem Wechsel voneinander isolierter Fächer ersichtlich unangemessen. Selbst die Blockung zu Doppelstunden könnte nur ein begrenzter Zwischenschritt sein. Die angemessene Form ist der Epochalunterricht. Zweitens: Ich nenne folgende vier Unterrichtsprinzipien: Exemplarisches Lernen – Methodenorientiertes Lernen, Handlungsorientierung und die Verbindung von sachbezogenem und sozialem Lernen. Drittens: Problemunterricht im hier gemeinten Sinn erfordert auf der Lehrerseite die Bildung von Lehrer- bzw. Lehrerinnenteams.

Adrian: Wie entgehen wir beiden – und künftige Schülergenerationen – nun einem problemhypertrophen Tunnelblick? Bei Stichworten wie Sextourismus oder Überfremdung wird es richtig dunkel im Tunnel, und er scheint kein Ende zu nehmen!

Klafki: Ja das Ganze ist ergänzungsbedürftig: So unverzichtbar nämlich auf der einen Seite die Konzentration auf Schlüsselprobleme ist, sie führt doch auch die Gefahr von Fixierungen mit sich. Überdies ist jene Konzentration auf Schlüsselprobleme mit Belastungen intellektueller, emotionaler und moralisch-politischer Art verbunden, und zwar für Lehrer und Schüler, die nicht zuletzt für junge Menschen zur Überforderung werden könnten, wenn sie die schulischen Bildungsprozesse ausschließlich bestimmen.

Adrian: Und was tun?

Klafki: Wir brauchen eine Bildungsdimension, deren Inhalte und Lernformen nicht oder nicht primär durch ihren Beitrag zur Auseinandersetzung mit zentralen Zeitproblemen gerechtfertigt sind, sondern auf die Mehrdimensionalität menschlicher Aktivität und Rezeptivität abzielen, auf eine breit angelegte Entwicklung der kognitiven, emotionalen, ästhetischen, sozialen, praktisch-technischen Fähigkeiten sowie der Möglichkeit des jungen Menschen, das eigene Leben an individuell wählbaren ethischen und/oder religiösen Sinndeutungen zu orientieren. Abgekürzt kann man von der Notwendigkeit vielseitiger individueller Interessen- und Fähigkeitsbildung sprechen – unter Einschluss des Gesamtgebiets der sogenannten Freizeiterziehung.

Adrian: Passt denn in ein solches Verständnis z.B. ein an den kinetischen Luxus von Flugbewegungen gekoppelter massenhafter Schüleraustausch – sagen wir einmal weltweit, möglicherweise auch interkontinental? Lea Schwer vermerkt dazu: Der Energieverbrauch und der Ausstoß an C02 sind enorm. Bei einer Reise von Europa zum Äquator verbraucht ein Fluggast so viel Energie, wie ein durchschnittlicher Autofahrer in sieben Monaten verfährt.

Klafki: Also ich möchte es einmal so auf den Punkt bringen: Ein Gebildeter nach meinem Verständnis ist jemand, der gleichermaßen über die drei Grundfähigkeiten (Selbstbestimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit) verfügt, der um die Schlüsselprobleme der Welt weiß und der sich verantwortlich um die Lösung dieser Probleme mitbemüht. Lehrer und Schüler müssen eine verantwortliche Entscheidung treffen.

Adrian: Lieber, Dieter Lenzen, Sie betonen schon lange, dass Bildung nicht mehr darüber zu entscheiden habe, ob wir parlieren können, sondern ob wir genug zu essen haben. Wie stehen Sie denn insgesamt zu diesem anspruchsvollen Konzept von Bildung, wie es Ihr Kollege, Wolfgang Klafki, vertritt?

Lenzen: Nun ja, von mir gibt es den prägnanten Satz: „Bekanntlich werden aus den Besuchern ‚ethikhaltigen’ Unterrichts keineswegs immer gute Christen, Moslems oder Sozialisten – das kognitive System ist es, das selegiert (1997, S. 965).“

Adrian: Viele Vertreter einer systemtheoretisch argumentierenden Pädagogik haben Ihren Aufsatz zu Niklas Luhmanns 70stem Geburtstag gelesen (siehe oben). Ingeborg Schüßler und Rolf Arnold vermeiden allerdings Ihre Verkürzung auf die Kognition und sprechen von der „Logik der selbst gesteuerten Aneignung durch selbstreferentiell operierende, autopoietisch geschlossene kognitiv-emotionale Systemiken“, deren Erfolge nicht „erzeugt“, sondern lediglich „ermöglicht“ werden könnten (Arnold/Schüßler 2003).

Lenzen: Ja, dementsprechend kann Lernen, darauf hat Luhmann hingewiesen, „nicht als ‚Übernahme‘ einer Instruktion aus der Umwelt begriffen werden“. Konzepte von Nachahmung und Erziehung verbieten sich.

Adrian: Was folgt daraus für ein Bildungsverständnis, wie es Ihr Kollege Wolfgang Klafki (noch) vertritt?

Lenzen: Die Figur des „Nicht-mehr-Gebildeten“ gibt es im Bildungsdiskurs nicht... Für die klassische soziologische Vorstellung von der Sozialisationsfunktion der Gesellschaft gegenüber dem Individuum hat dieses eine radikale Folge: Es gibt sie nicht. Sozialisation ist Selbstsozialisation... Die wesentliche Differenz [zu einem Bildungsbegriff z.B. Klafkischer Prägung] liegt in dem Verzicht auf eine Humanitätsfiktion.

Adrian: Menschen tun halt immer nur, was sie tun, würde Niklas Luhmann sagen. Oder wie schon Herbart 200 Jahre zuvor bemerkte: ”...Die beste Erziehung mißlingt gar oft. Vorzügliche Menschen werden das, was sie sind, meist durch sich selbst ... (Herbart, Päd. Schr. Bd. 2, S. 386, Aphorismus 9).“
Das heißt, auch Wolfgang Klafki kann den Sextourismus nach Fernost oder nach Afrika nicht übersehen, mag die Ausrufung von Mallorca als 17. Bundesland befremdlich finden und all dies beklagen. Andererseits mag er die Initiativen zu einem vorbildlichen Tourismus begrüßen und die Hoffnung nicht aufgeben, mit seinen Vorschlägen wirksam im Sinne seiner Vorstellungen von einem gebildeten Menschen zu perturbieren.

Aber letztlich – so könnte man überspitzt sagen – spiegelt die Vielfalt touristischer Welterschließung bzw. Weltbeschädigung die Selektionsleistungen selbstreferentiell operierender, autopoietisch geschlossener kognitiv-emotionaler Systeme wider, die aufgrund ihrer auto-operablen-Verfasstheit über die Fähigkeit verfügen, Entfernungen zu überwinden und willkürliche Bewegungen auszuführen. Leider tun sie dies oft genug in einer Haltung touristischer Laune und kinetischer Verschwendung, so dass sich uns der Anblick einer Zivilisation bietet, die in einem gefühlten Mobilitätsluxus ohne Vorbild vibriert.

Zum Schluss dankt der Autor seinem Alter Ego. Er sieht sich bereichert und ernüchtert zugleich. Vor wenigen Wochen erst sah er sich dem Tumult ausgesetzt, den ein anderer universal Gebildeter – Hans Magnus Enzensberger (2014) – verursacht hat; nicht zuletzt dadurch, dass er sich in seinen jungen und mittleren Jahren regelrecht als Berserker des Reisens zeigte. Ihm, dem Vielgereisten und Altersweisen, sei hier das vorletzte Wort gegeben:

Kleiner Abgesang auf die Mobilität

Es war kalt in Bogotá.
Alle Restaurants hatten Ruhetag
In Mindelheim an der Mindel.
Auf Fidji strömender Regen.
Helsinki war ausgebucht.
In Turin streikte die Müllabfuhr.
Überall Straßensperren
in Bujambara. Die Stille
über den Dächern von Pécs
war der Panik nahe.
Noch am ehesten auszuhalten
war es unter dem Birnbaum
zu Hause.

Das letzte (Wort) nehme ich mir selbst für die:

Horizontverschiebung

Wie beunruhigend und beglückend,
wenn der Horizont noch ein Geheimnis böte,
wenn wir noch Amerika erwarten
und die Indianer erfinden könnten.
Andererseits bietet das Umgreifende
in jeder Lebenslage
die heilsame Horizontverschiebung
ad infinitum,
so dass für Gewissheiten kein Spielraum bleibt –

auch für diese nicht!

Schlusswort

Nein, Gewissheiten gibt es nicht, nur Wahrscheinlichkeiten. Was mich mit dem Geehrten verbindet, ist – neben einer gewissen Fußballverrücktheit – eine Neigung zum Reisemuffel. Nicht die Sorge um den individuellen ökologischen Fußabdruck treibt uns um, sondern es ist eher die Scheu vor der Last des Reisens ebenso wie Dean MacCanells Einsicht, dass Touristen Touristen nicht mögen. Je mehr die Menschen in die Welt drängen, desto diskreter und exklusiver bleiben mir der Feldweg und der Heyerberg als die Rückzugsräume zur physischen und mentalen Erholung. Menschen tun immer nur was sie tun. Dass sie in touristischer Laune und kinetischer Verschwendung diesen unseren wunderschönen blauen Planeten zum Schwitzen bringen, macht Winfried Röslers Entscheidung – genauso wie meine –, nämlich die kinetischen Bewegungen im Raum unter Kontrolle zu halten und einem Spärlichkeitseffekt zu unterwerfen, dann doch letztlich zu einer ehrenwerten Entscheidung. Ich vertrete sie mit Inbrunst jedermann und jederfrau gegenüber. In diesem Sinne setze ich mich gerne einem Legitimationsdruck aus und bekenne, dass ich in diesem Urlaub zu Hause bleibe und nicht verreise. Einzig die mir nahegelegte Bildungsreise nach Rom im Oktober liegt mir schwer im Magen, denn (siehe die Italienische Reise) die Suche nach dem Authentischen ist viel älter als der Tourismus. Die Emergenz – so Robert Schäfer – gehe einher mit der Entstehung von Sinn und dieser wiederum beruhe auf der Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit bzw. von unmittelbarer Gegenwärtigkeit und symbolisch vermittelter Repräsentation: „Aufgrund dieser Differenz lässt sich dann immer die Frage stellen, ob etwas ist, was es zu sein scheint oder ob es sich um eine Täuschung handelt, eine Inszenierung, eine Simulation, eine Kopie oder eine Fälschung; ob es sich also um etwas anderes handelt, als es scheint (Schäfer, a.a.O., S. 8). All diese Fragen scheinen mir in meiner Borniertheit schon entschieden. Und ich beuge mich, frei nach Claude Levi-Strauss, dem Unsinn, der dem Sinn seinen Sinn gibt. Umso mehr freue ich mich schon jetzt auf meine erste Wanderung – nach Rom – auf dem Maifeld, im Ahrtal oder schlicht auf dem Heyerberg – hoffentlich bald wieder mit Hund!

Literaturnachweise:

Arnold, Rolf: Ich lerne, also bin ich. Eine systemisch-konstruktivistische Didaktik, Heidelberg 2007

Arnold, Rolf/Ingeborg Schüßler: Ermöglichungsdidaktik. Erwachsenenpädagogische Grundlagen und Erfahrungen, Baltmannsweiler 2003

Enzensberger, Hans Magnus: Die Geschichte der Wolken 99 Meditationen, Frankfurt 2003

Fuhrmann, Manfred: Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters, Frankfurt 1999

Hentig, Hartmut von: Bildung, München 1996

Klafki, Wolfgang: Grundzüge eines neuen Allgemeinbildungsrezepts. Im Zentrum: Epochaltypische Schlüsselprobleme, in: Ders.: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik, 3. Aufl., Weinheim 1993, S. 43-81

Ders.: Allgemeinbildung heute. Grundlinien einer gegenwarts- und zukunftsbezogenen Konzeption, in: Pädagogische Welt, 3/93, 47. Jg.

Lenzen, Dieter: Lösen die Begriffe Selbstorganisation, Autopoiesis und Emergenz den Bildungsbegriff ab?Niklas Luhmann zum 70. Geburtstag, in: Z.f.Päd. 43. Jg., Nr.6

Ders.: Fitte Vierjährige in die Schule. Dieter Lenzen über die Zukunft unseres Bildungssystems und den Standort Deutschland, in: STERN, 47/2003

Luhmann, Niklas: Lesen lernen, in: Short Cuts. Frankfurt/Main 2000, S. 150-157

Ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft (2 Bde.), Frankfurt 1998

Raab, Klaus: Echt jetzt? ZEIT ONLINE 2015-03

Schäfer, Robert: Tourismus und Authentizität. Zur gesellschaftlichen Organisation von Außeralltäglichkeit, Bielfeld 2015

Schwanitz, Dietrich: Bildung – Alles, was man wissen muss, Frankfurt 1999

Sloterdijk, Peter: Sphären III - Schäume, Frankfurt 2004

Witsch-Rothmund, Franz Josef: Das Leben ein Klang – Gedichte, Aphorismen, Gedankenspiele, Koblenz 2003

 

   

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