debekabanner.svgcafe hahn bannerreuffel banner

Die ewige Wiederkunft des Gleichen?

Ich habe innerhalb dieses Blog-Geschehens unter vielen anderen Alexander Kluge recht prominent platziert; vor allem an einer Stelle, die uns - ob wir es wollen oder nicht - mit unserer Herkunft in Berührung bringt. Im aktuellen Kulturmagazin des Goethe-Instituts (Oktober 2016 - siehe: www.goethe.de/migrationundintegration)) antwortet er auf die Frage, was für ihn der Begriff "Flüchtling" bedeute, etwas ausholender folgendermaßen:

"Der Führer der Nachhut in Troja, Aeneas, ist ein eindrucksvoller Flüchtling: Er überquert das Mittelmeer. An den Sohlen seiner Füße klebt Trojas Unglück. So bringt er der schönen Königin Dida seine Verliebtheit, aber wenig Glück. Er wird der Stammvater Roms. Rom vernichtet die Griechenstadt Korinth. Dieser Flüchtling ist der Bote einer langfristigen Rache für das, was die Griechen Troja antaten.

Ein entgegengesetztes Beispiel ist die Großmutter meiner Großmutter, Caroline Louise Granier, ein Flüchtling aus Frankreich. Sie fand im Südharz ihren deutschen Mann. Aufmerksam lasen beide später in Goethes 'Hermann und Dorothea' das Spiegelbild ihres Geschicks. Ohne diese Flüchtlingsfrau gäbe es mich nicht. Hugenotten übrigens - Flüchtlinge wie diese Frau - waren der Motor, der den Fortschritt Deutschlands um mehr als 50 Jahre voranbrachte. So etwas sind Glücksfälle. Den Begriff 'Flüchtling' assoziiere ich mit 'Glück' und mit 'Unglücksbote' und somit mit einer großen Summe von Erzählungen und Romanen."

Zwischen dem "Glück" und der "Unglücksbotschaft" liegt die ganze Welt. Dass die meisten von uns aus naheliegenden Motiven des Überlebens im Sinne Piagets den Zustand der "Äquilibration" anstreben bzw. ersehnen, ist menschlich, wenn nicht allzu menschlich. Zu erleben, wie man erleichtert, ja mehr noch beglückt, das Fremde, das Neue, das Ungewohnte nach und nach in die eigene Lebenswelt integriert, vermittelt uns ein gutes Gefühl. Wir sind in der Lage, zwischen Assimilation und Akkomodation eine erfolgreiche und angemessene Pendelbewegung auszuführen, ohne uns zur Gänze an den Selbst- oder den Fremdpol zu verlieren. Warum aber gelingt dies in der Regel nur begrenzt und möglicherweise vielen Menschen so unzureichend, dass Autismus auf der einen Seite oder eine manisch-depressive Haltungen auf der anderen Seite grenzwertige Verhaltensmuster zur Folge haben? Wovor haben wir Angst?

Ich gebe noch einmal Alexander Kluge das Wort und zitiere aus einem Interview mit Denis Scheck: "Sehn sie, wenn die Zeiten sich so verdichten und beschleunigen, dass sie unheimlich sind - wenn die zeiten sozusagen zeigen ein Rumoren der verschluckten Welt, als seien wir im Bauch eines Wals angekommen... wenn das alles so ist, dass man sich wie im Bauch eines Monstrums fühlt, dann kommt es darauf an sich zu verankern. Es ist am leichtesten sich zu verankern, in dem, was wir in uns tragen! Sehen Sie, wenn wir beide unsere 16 Urgroßeltern nehmen - unter der Zahl werden wir nicht geboren sein - dann können sie sagen, die sind so extrem verschieden und wussten so wenig, in welchen Körpern sie einmal zusammen kommen werden, dass wir eigentlich denken müssten, bei uns müsste Bürgerkrieg herrschen."

Natürlich interessiert mich diese Metapher des "Bürgerkrieges bei uns". Alexander Kluge hat gut reden. Neben der Großmutter seiner Großmutter - also seiner Ururgroßmutter - mag er in seiner Ahnenreihe viele weitere Beispiele finden, die sich für ihn als "Glücksfälle" herausstellen. Aber vielen von uns begegnet das Fremde im Sinne eines "Unglücksboten" - in der eigenen Familiengenealogie. Damit wächst die Erkenntnis, das dieses Fremde eben nicht fremd ist, sondern in uns selbst lebendig und auf vielfache Weise assimiliert. Schaut doch alle einmal in den Spiegel, um gewahr zu werden, wie sehr wir uns in jeder Hinsicht "verdanken". Darüber ist in diesem Blog schon so unendlich viel geschrieben und sinniert worden (zuletzt in "Hildes Geschichte" oder natürlich im Zusammenhang mit Hannah Schmitz).

Heute wird diese Auseinandersetzung um eine Facette erweitert, die dazu geeignet ist, alle naive Zuversicht auf Heilung oder Gesundung fahren zu lassen, weil die Betroffenen an einer unheilbaren Krankheit leiden; eine Krankheit, die sozusagen einer Selbstverkörperung gleichkommt, also einem  Z U S T A N D, der identitätsverbürgend ist! Aber wohin fährt die Hoffnung. Was ich in der Folge vortrage ist ja nur eine These - dazu noch eine, die aus abstrusen philosophischen Überlegungen resultiert. Ich beziehe mich auf einen Sammelband: Alfredo Guzzoni (Hg.): 100 Jahre philosophische Nietzsche-Rezeption, Frankfurt 1991. Darin findet sich unter dem Titel: "Die ewige Wiederkunft des Gleichen: Nietzsches List" auf den Seiten 103-107 ein knapper Auszug aus Jean-Paul Sartres Nietzsche-Rezeption:

Dabei geht es mir lediglich um die Schärfung der von Guzzoni in den Raum gestellten These, dass Sartre Nietsches Gedanken von der ewigen Wiederkunft des Gleichen nicht als "ontologisches Theorem" sieht, sondern vielmehr als einen (fatalen) "Lebensversuch". Bereits der erste Satz bringt dramatisch und drastisch auf den Punkt, worum es in den folgenden Ausführungen gehen soll:

"Ende des letzten Jahrhunderts hat die Geschichte eine Erfahrung wirklich werden lassen, die - grausam und ganz und gar durchsichtig - uns Aufklärung bringt: ein Mensch hat seine Kräfte bei dem gewaltigen und vergeblichen Versuch verbraucht, die Gesamtheit dessen, was ist, zu wollen. Jeder weiß, was daraus geworden ist."

Dass Nietzsche letztlich buchstäblich  v e r r ü c k t  wurde, ist uns allen bekannt. Und Sartre gibt uns in der Folge eine Reihe plausibler Hinweise, wie diese  V e r r ü c k t h e i t  zustande gekommen ist. All dies klingt evident und soll von mir lediglich um die These erweitert werden, dass es eine Haltung gibt, die vordergründig betrachtet so vollkommen anderer Ausrichtung ist, dass man annehmen kann - stellt man sich beide Haltungen in einem kreisförmigen Arrangement als Gegenpole vor -, sie seien so sehr verwandt, dass sie im Endeffekt exakt die gleichen Wirkungen zeitigen. Sie erscheinen mir als zwei Seiten ein- und derselben Medaille:

"Nietzsche hat seinen Willen darauf gerichtet, die geistige Einsamkeit, das literarische Scheitern, den Wahnsinn, den er kommen spürte, die Beinahe-Blindheit und - in und mit all dem - das Weltall zu wollen. Vergebliche Anstrengung: sein Wille gleitet an dem glänzenden, glatten Block des Seins ab, ohne Halt zu finden. Der Nebel vor seinen Augen, das Klopfen in seinem Kopf - was sollte er tun, um es zu wollen, um es gewollt zu haben? [...] Er tanzt das Ballett der Freude: da das vollendete Werk das Herz seines Schöpfers mit Freude erfüllt, freut er sich vor der Weltgeschichte, um sich einzureden, sie sei sein Werk; und da sie ihn zwingt, alle Widerwärtigkeiten dieser Welt ertragen zu müssen, gewöhnt er sich daran, die Tränen seines Schmerzes Freudentränen zu nennen; wenn er sich windet, dann kann es nicht anders sein als vor Lachen; wenn er röchelt, so ist es notwendigerweise aus Lust."

Sartre zeigt im Folgenden, dass dies alles vergeblich ist: er meint, hinter diesem Tanz verberge sich lediglich die Abwesenheit der Seele. Nietzsche glaube nicht, er wolle schlicht glauben, dass er glaubt:

"Diesmal ist das Spiel entschieden: zerteilt zwischen einer imaginären Zukunft und einer ebenso imaginären Vergangenheit, bricht die Gegenwart auseinander [...] da der Wille das Sein nicht hervorbringen kann, leugnet er es. Wir können schließlich die Lehre aus dieser Niederlage ziehen: wenn es nicht gelingt, eine unerträgliche Lage zu verändern, ist es gleichgültig, ob man sie will oder ablehnt, denn wer sie öffentlich ablehnt, arrangiert sich insgeheim mit ihr, und wer vorgibt, sie zu wollen, verabscheut sie in der Tiefe seines Herzens [...] Welche der beiden Einstellungen ich auch wähle, ich bin zum Scheitern verurteilt, weiß es und suche die Niederlage [...] Im ersten Fall ist man darauf aus, ein für unvermeidlich gehaltenes Unheil zu wollen, damit der Tod des Menschen zum Triumph des Willens werde; im zweiten Fall hat die Weigerung den Zweck, die Seele vom Sein abzulösen, um sie nach dem Bild der Werte zu formen."

Sieht man einmal ab von dem ungeheuren weltgeschichtlich entbundenen destruktiven Potential dieser Philosophie (durch ihren verbrecherischen Missbrauch), so bleibt immerhin - heruntergebrochen auf ein individuelles, lebenslaufbezogenes Format - die Ausweglosigkeit im Hinblick auf lebenstüchtige Lösungen!

Beide Grundhaltungen sind gleichermaßen tödlich: die Haltung etwas radikal unhinterfragt um jeden Preis zu wollen ebenso wie die Haltung etwas radikal unhinterfragt um jeden Preis zurückzuweisen bzw. abzulehnen!

Ich bewege mich auf dünnem Eis, wenn ich an dieser Stelle den Ausweg in einer therapeutisch gewollten und geduldeten - nein besser in einer kultivierten Haltung sehe, die sich darum bemüht, anzuerkennen was ist, um endlich frei zu werden für den eigenen Lebensentwurf samt einer Praxis, die sich ihm annähert. Das bedeutet die radikale Zurückweisung Nietzschescher Allmachtsphantasien nach dem Motto: Ich dulde nicht - nein, mehr noch: ich weise radikal zurück, was nicht sein darf, weil es meine ethisch-moralische Selbstvergewisserung stört bzw. unterläuft. Es lohnt sich, den Bürgerkrieg bei sich anzuschauen, um zu einer Befriedung zu gelangen. Dass dies möglich ist, dafür mögen - neben Alexander Kluge - so viele mein Zeuge sein.

Diese Einsichten mögen sicherlich dazu taugen, auch die im aktuellen Goethe-Magazin (siehe: www.goethe.de/migrationundintegration) verhandelten Fragen zu Flucht und Migration nüchterner zu überdenken und zu beantworten.

 

 

 

 

   

Zurück

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund