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Jeder ist seines Glückes Schmid - über sexuelle Inappetenz und neue Prüderie

Ja, ist schon klar! Es muss doch heißen:Jeder ist seines Glückes Schmied. Aber Orthographie ist nicht alles. Ich beziehe mich auf Wilhelm Schmid, ja den Wilhem Schmid, seines Zeichens Philosoph und Glücksforscher: "Sex ist stimmungsaufhellend, schmerzlindernd, sogar sättigend. Warum machen Menschen von den Segnungen der Sexualität nicht mehr Gebrauch?" (ZEIT 45/2016, S. 58)

Ich gestatte mir an dieser Stelle eine knappe aktuelle Einlassung (6.11.16), um die folgende selbstironische Eröffnung Schmids und die Ernsthaftigkeit mit der er die Frage dann vorfolgt, "warum die Menschen von den Segnungen der Sexualität nicht mehr Gebrauch machen?" in den Kontext öffentlicher Erregungsanlässe einordnen zu können. Ich habe inzwischen - etwas verspätet - Sloterdijks "Schelling-Projekt" gelesen, und dazu zwei vorläufige Einschätzungen, die ich an anderer Stelle aufgreifen werde:

1. Der von mir nach wie vor geschätzte Sloterdijk hat - ironietechnisch betrachtet - endlich das Dach der Welt erklommen mit der Konsequenz, dass Wilhelm Schmids Empfehlungen tatsächlich auf das - zweifelsfrei verdienstvolle - Format Oswald Kolles schrumpfen (deine Frau bzw. dein Mann - das unbekannte Wesen).

2. Der Egomane Sloterdijk, der in seinem Schelling-Projekt zum fünffachen Sloterdijk-Klon mutiert - da hilft auch der Verlust des "t" nicht (aus Peter wird Peer!) - provoziert und polarisiert wieder einmal vielfältigste Konfliktlinien, weil er sprachlich luxurierend, wie meist, Ironie in pure Arroganz überführt. Vielleicht ist er aber auch nur jenes Zwitterwesen, das endlich Licht in die dunklen Zonen unserer Evolutionsgeschichte trägt - nicht nur als Peter und Peer, sondern vielleicht auch als Pee Sloterdijk?

Wilhelm Schmid eröffnet seinen Beitrag selbstironisch mit der Frage, ob die Philosophie denn nicht die "asexuelle Disziplin schlechthin" sei? Aber er will uns vom Gegenteil überzeugen. Dazu erfindet er zuerst einmal den Begriff des "Sexouts" und illustriert ihn am Beispiel von Sokrates; dem Vater der Philosophie, der über seine Frau Xanthippe erfahren musste, was denn bleibt, wenn die Ehefrau nichts mehr von einem wissen will.

Viele Männer erleben sich in der Folge als enttäuschte Kränkungsopfer oder werden gar im schlimmsten Fall zu unverhohlenen oder gar bekennenden Frauenhassern à la Trump oder sie sehen sich der Anschuldigung ausgesetzt, machtbesessene Vergewaltiger à la Dominique Strauss-Kahn zu sein. Solche Egoman(n)en räumen angesichts solcher Vorwürfe auch schon einmal ein, eine „unangemessene Beziehung“ zur Angestellten eines Hotels gehabt zu haben, legen aber Wert auf die Feststellung, dabei habe jedoch keine strafbare Handlung stattgefunden; weder seien Gewalt noch Zwang im Spiel gewesen.

Dem Philosophen Wilhelm Schmid als Generalist geht es aber ums Große und Ganze. Und so wird aus der kruden empirischen Feststellung, dass eine große Zahl von Menschen über fehlenden Sex klage - Schmid zitiert Pairfam, die umfassendste Langzeitstudie Deutschlands zu Partnerschaft und Familie - ein Frage Kantschen Ausmaßes: "Was darf ich hoffen?" Natürlich gibt sich Schmid nicht überrascht davon, dass z.B. die Häufigkeit und die sexuelle Zufriedenheit in den ersten neun Monaten am obere Limit seien, dass aber 10 Jahre später - wenn es denn ein Später gibt - das Nivau bei vielen Paaren in Richtung null tendiere. Schmid will der Hoffnung Beine machen - ihr eine Perspektive geben. Und so wird der Philosoph nebenher zum beflissenen Soziologen und gleichzeitig zum ambitionierten Sexualtherapeuten!

Nebenbei bemerkt und in Klammern gesetzt lässt Schmid seinen Kahn von so Vielen ziehen, die die hier von ihm angerissene Themenpalette schon lange auf differenziertem Niveau beackern, aber in einem Zeitungsformat keine Erwähnung finden. Das Wenigste - vielleicht die Wortschöpfung Sexout - ist auf Schmids Mist gewachsen:

Jedenfalls meint Wilhelm Schmid, Gesellschaft trete vor allem als Stressgesellschaft in Erscheinung und werde so zu einem Lustkiller, flankiert durch ein unvermeidbares Abflauen der beflügelnden Hormone. Andere Interessen, andere Präferenzen drängten sich vor. Schmid nennt den Sport oder eben auch die Arbeit. "Die Vertiefung in den Beruf ist es, auch unfreiwillig. T-Shirt über einer Frauenbrust: 'Ich brauche keinen Sex - die Arbeit fickt mich'."

Was stellt Schmid fest, und was empfiehlt er?

  • Er hat ein wenig Schwierigkeiten in den fatalen Kreislauf einzusteigen, sozusagen die Interpunktion der kreisförmigen Problemspirale zu initiieren und agiert ein wenig willkürlich: "Eine ungute Spirale beginnt sich zu drehen: Weil es in der Beziehung keinen Sex mehr gibt, entsteht Stress. Weil Stress entsteht, gibt es keinen Sex mehr."
  • Empfehlung: "Die Spirale wäre leicht zu stoppen, wenn auf die immer zaghafteren Anfragen des einen nicht immer wieder Abweisungen des anderen folgen würden. Die Voraussetzung dafür wäre jedoch das Wohlwollen füreinander." Wenige Seiten zuvor hat uns im Übrigen Jens Jessen in derselben Ausgabe der ZEIT unter der Überschrift: "Warnung - Dieser Artikel kann Gefühle der Kränkung auslösen" (S. 41f.) erklärt, dass es heute Mode sei beleidigt zu sein (ich persönlich kann das sehr gut nachvollziehen, habe ich doch in einem meiner letzten Beiträge ebenfalls die These vertreten, dass die meisten von uns ihre biografischen Rekonstruktionen unter dem zentralen Narrativ von Kränkungsgeschichten erzählen).

Also wie war das jetzt bzw. was kommt da jetzt? "Das Wohlwollen des einen könnte darin bestehen, die Lustlast zu übernehmen, sich also etwas einfallen zu lassen, um dem anderen Lust zu machen, sodass es ihm leicht fällt zuzustimmen." Schmid möchte (also) die Erotik wiederbeleben - sagt er jedenfalls. Er sieht zwei Möglichkeiten:

  • Die Inszenierung jenes Spiels der Möglichkeiten, "mit Blicken, Gerüchen, Gesten, Worten, um den anderen in Stimmung zu bringen. Der andere könnte sein Wohlwollen zeigen, indem er es dem, der die Initiative ergreift, nicht zu schwer macht und ihn gewähren lässt: 'Ja heißt ja!'"
  • Eine weitere Möglichkeit sieht Schmid darin, aus dem Sex ein Ritual zu machen, über das nicht jedes Mal mühsam neu entschieden werden müsse: "So wie keiner lange darüber nachdenkt, ein Frühstück zu sich zu nehmen, könnte auch ein Spätstück eingerichtet werden oder ein frühes Frühstück der anderen Art."

Und nun kommt Wilhelm Schmid dann auch endlich zu sich selbst, indem er uns daran erinnert, dass die Nächstenliebe nur über uns selbst geht: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (siehe stellvertretend Evangelium nach Markus 12, 29ff.)!" So geht Wilhelm Schmid denn auch davon aus, dass Vorraussetzung für das Wohlwollen sei, "dass jeder der Beteiligten ein gutes Verhältnis zu sich selbst hat". Immerhin sei schon Aristoteles der Auffassung gewesen, dass einer sich dem anderen am besten zuwenden könne, "wenn er sich selbst mag". Also wissen wir jetzt, wo der Hase im Pfeffer liegt!

Wo der Hase im Pfeffer liegt, das könnten wir uns mühelos erschließen, weil - wie Schmid feststellt - der Sex nie so gut erforscht war wie heute! Dennoch: "In der Praxis fehlt es jedoch oft an rudimentären Kenntnissen schon der Anatomie, etwa was eine Klitoris ist und wie weit ihre Nervenenden im Körper verzweigt sind oder was Damm und Hoden für die männliche Erregung bedeuten." Und mehr noch. Liest man weiter, stößt man auf Erkenntnisse, die man wissen kann. Von Wilhelm Schmid werden sie allerdings so vorgetragen, als wolle er sich zum Generalbeauftragen für die Volksgesundheit empfehlen:

"Kommt es zum Sex,

  • ist er bindungsfördernd, denn das Hormon Oxytocin wird freigesetzt.
  • Sex wirkt stimmungsaufhellend, Dopamin sorgt dafür.
  • Er stärkt das Immunsystem, Immunglobuline sind dafür verantwortlich.
  • Entzündungshemmend ist er auch, das ist dem endogenen Cortisol zu verdanken.
  • Er wirkt sogar sättigend, das liegt am Prolaktin.
  • Er lindert und dämpft Schmerzen jeder Art, das resultiert aus der Ausschüttung von Opioiden.
  • Er fördert die Kreativität, das machen die Endorphine.
  • Er fördert die Durchblutung und Regenerationsfähigkeit der Haut,
  • hebelt Ängste und Depressionen aus
  • und trägt zum Entstehen von Resilienz bei, also der Widerstandsfähigkeit mit dem Gefühl: Alle Probleme kann ich bewältigen. Jeder Ärger perlt an mir ab."

Und vor allem dieses 10-dimensionale Gesundheitspaket nicht einmal verschreibungspflichtig und ohne zusätzliche Kosten zu haben. Klar, dass Schmid fragt: "Warum machen die Menschen von diesen Segnungen der Sexualität nicht mehr Gebrauch?" Seht Euch mal Schmids Internetauftritte an! Der ist nur ein Jahr jünger als ich, relativ faltenfrei und sprüht vor positiver Ausstrahlung - honi soit qui mal y pense!

Jedenfalls bietet Schmid im Weiteren neben der philosophischen und der therapeutischen auch noch gesellschaftskritische und wirtschaftliche Expertise an: Ausgehend von einer Jahrhunderte währenden Schamhaftigkeit und einer moralischen Abwertung des Sexuellen stellt Schmid im Zuge der "sexuellen Befreiung" im dritten Drittel des 20. Jahrhunderts eine Konjunktur von Schamlosigkeit und hysterischer Überbewertung alles Sexuellen fest: "Ein paar unbekümmerte Jahrzehnte brachten Sex im Überfluss." Ökonomisch betrachtet führt Überfluss zu einer Entwertung, im schlimmsten Fall zu einer Sinnleere - Insignien der modernen Welt; zumindest der Wohlstandsgesellschaften. Und obwohl Sex ein Sinnspender ersten Ranges sein könne, habe ihm die zitierte Hochkonjunktur in dieser Hinsicht den Garaus gemacht!

So setzt Wilhelm Schmid alle Hoffnung auf eine "neue Prüderie". Denn die könne die Wiederkehr der Erotik befördern - und dies vor allem im Einklang mit einem wachsenden Bedürfnis, Sex wieder als Vertrauenssache mit einem Menschen zu erleben, auf den man sich verlassen könne:

"Nach der sexbesessenen Moderne könnte so eine andersmoderne Erotik entstehen, in der Menschen Sinn auf umfassendere Weise als durch momentane Sinnesaufwallungen beim Gelegenheitssex gewinnen."

Damit nun nicht der Eindruck entsteht, Schmid rede der Restauration vermuffter Spießerszenarien aus den fünfziger Jahren das Wort, gibt es zu guter letzt noch experimentelle Tipps zur Beziehungsgestaltung. So "etwa mit einer Erweiterung dessen, was unter Freundschaft verstanden wird. Darf in ihr noch etwas mitschwingen, kann sie zur erotischen Freundschaft werden, die mehr ist als die Beziehung bloßer friends with benefits."

"Zwei Varianten sind möglich: die erotische Akzentuierung in einer freundschaftlichen Beziehung, deren Verlässlichkeit durch erotische Momente an Intensität gewinnt. Oder die stärkere Betonung der Freundschaft in einer erotischen Beziehung, die damit über lustvolle Momente hinaus an Verlässlichkeit gewinnt."

Jawohl - das war mal die Message an alle Mohnfrauen, die man leicht hätte ausdehnen können auf die weiblich dominierten Anglervereine in den neuen Ländern, die eher auf die radikalökonomische, mit erotischen Lockanteilen versehene Variante von Freundschaft - setz(t)en, um mit kleinen Ködern fette Fische zu angeln. Der beste Freund meiner Schwester geriet so zum Opfer, dass mit seinem Opfergang allerdings nicht alle Schulden tilgen konnte, die er seinerseits als Täter angehäuft hatte. Es ist eigentlich auch das Verdienst Wilhelm Schmids einmal grundlegend aufzuräumen mit der unseligen Opfer-Täter-Zuschreibung, indem wir mit ihm betonen: "Ja heißt ja!" und vor allem:

"Vergeuden wir nicht zu viel Zeit mit Selbstmitleid, wenn wir nicht den Sex haben, den wir uns wünschen. Dafür, dass das anders wird, hat nicht ein anderer etwas zu tun, sondern ich selbst".

Denn merke: Jeder ist seines Glückes Schmid!

 

 

   

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