debekabanner.svgcafe hahn bannerreuffel banner

Eine erotische Ökologie?

Vor einigen Wochen, noch beeindruckt und erregt durch die Lektüre, empfahl mir Reinhard Voß Andreas Webers "Lebendigkeit - Eine erotische Ökologie" (erschienen im Kösel-Verlag, München 2014). Das Vorspiel weckt Neugier:

Andreas Weber beschreibt die Errettung zweier Mauersegler aus einem Kamin. Ihre Befreiung und ihr pfeilartiges Entschwinden und Wiederkehren eingewoben in die komplexe Choreografie einer Mauerseglerkolonie entfaltet sich in reiner Poesie. Andreas Weber ist Biologe und als Biologe Poet. Man hat den Eindruck, in seinen Beschreibungen erfülle sich die Idee Niklas Luhmanns, der meinte, es fehle uns nicht an gelehrter Prosa, sondern an gelehrter Poesie:

"Vielleicht sollte es für anspruchsvolle Theorieleistungen eine Art Parallelpoesie geben, die alles noch einmal anders sagt und damit Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystems zurückweist (in: Soziologische Aufklärungen, Band 6, Opladen 1981)."

Wenn Andreas Weber "Liebe als ökologisches Phänomen" beschreibt, springt eine Deutung von Wirklichkeit ins Auge, die einem System-Umwelt-Verständnis Luhmannscher Prägung nahekommt. Er folgt nämlich einem Prinzip, "das aus der Berührung zweier Pole stets ein Drittes schafft", eine relationale Welt, die sich nie wirklich nach einem Pol hin auflösen lässt. Es geht dabei um die Einheit der Differenz, in der sich die Vorläufigkeit und dynamische Verflüssigung unserer Unterscheidungen heillos manifestiert. Umso interessanter fällt mein Gesamtvotum nach Abschluss meiner Lektüre aus, denn Andreas Weber vermag diesen Anspruch nicht einzulösen. Das ganze Gegenteil ist der Fall - ein Rückfall in eine Welt, die noch glaubte - gewissermaßen als objektiver Beobachter ein gelungenes Selbst von einem verfehlten Selbst unterscheiden zu können.

Das Anliegen Andreas Webers ist klar definiert: "Ich schreibe [...] eine 'erotische Ökologie'. Die fundamentale Erotik, von der Welt berührt zu sein und diese zu berühren, erfahren wir mit unserer Geburt als eine Leben spendende Macht." Dass diese Absicht einer grundlegenden Nüchternheit verpflichtet ist, könnte man schlussfolgern aus seiner Idee, dass unter Lieben aus einer ökologischen Sicht eine "Praxis des Interessenausgleichs" zu verstehen ist, die einerseits zu mehr Lebendigkeit führe, andererseits ein Scheitern von vornherein in Kauf nehme. Erfolgreiche Bindung heiße so immer zweierlei: "Ohne Angst lebendig sein - und mutig sterben lernen." Das ist ein anspruchvolles Motiv. Ich habe es vor wenigen Tagen bei Henning Mankell (und auch bei Ilka Piepgras -> diesselbe Verknüpfung) gefunden.

Aber es finden sich bei Andreas Weber (AW) auch Sätze wie: "Wir lieben oft falsch (S.18)." Und schon heult die Sirene! Es gibt viel Matabiologisches bei AW zu lesen; aber kann er auch mit der Beobachterrolle jemandes umgehen, der zu Selbstreferentialität und zum autologischen Prozessieren keine Alternative sieht? Wenige Zeilen danach stellt er die Frage: "Aber lässt sich überhaupt 'richtig' lieben?" (S)eine Antwort will er mit diesem Buch geben: "Um die Liebe zu verstehen, müssen wir das Leben verstehen." Hier macht nun AW einen Vorgriff, und wir werden sehen, ob er damit - zumindest vorläufig - nicht zu einer der vielen normativen Ratgeber verkommt, die uns das richtige Lieben beibringen wollen. Er meint, um lieben zu können - als Subjekte mit einem empfindsamen Körper - müssten wir lebendig sein können:

"In Fülle lebendig sein zu dürfen heißt, geliebt zu werden. Sich selbst seine Lebendigkeit zu erlauben heißt, sich selbst zu lieben - und zugleich die schöpferische Welt, die ihrem Prinzip nach zutiefst lebendig ist. Das ist die Grundthese der erotischen Ökologie (S. 18)." Und "Eros ist das Prinzip schöpferischer Fülle, das Prinzip des Überfließens, des Teilens, des Mitteilens - der Selbstrealisierung, die in jedem Mineral schon schlummert, und um die wir, so schmerzhaft sie immer wieder ist, in dieser Welt nicht herumkommen, wenn wir mit der Wirklichkeit in Kontakt bleiben wollen, gleich wie: als Denker oder als jemand, der einfach nur ist (S. 21)."

Sieht man einmal davon ab, das AW ein Denker ist, und dass er als Beobachter hier auch denjenigen positioniert bzw. hervorbringt, "der einfach nur ist", kann man doch gespannt sein, wie er sein Programm, eine "erotische Öklologie" zu schreiben, einlöst.

"Ich werde mit den Mineralen beginnen", schreibt AW. Ich füge an dieser Stelle ein kleines Gedicht ein, das mich sehr an das Motiv AWs erinnert:

 

Ein Scherbengedicht

Du seelenloses Ding,

Du bist so hart und weich zugleich,

Hast dich am Sand gerieben -

Und von den messerscharfen Kanten

Ist nur ein Bild geblieben.

Du schmeichelst meinem Daumen,

Gibst Widerstand

Und bist des zarten Fühlens harter Widerpart -

Erweckst in mir ein Sehnen und ein Fühlen,

Wo Fluten dich umspülen

Und Sand dir deine Schärfe nimmt -

Wie Glut dereinst verglimmt,

Wenn aller Tage Ende

Uns den Atem nimmt.

 

2 Berührung (in Teil 1 Ich)

Andreas Weber argumentiert mit naturwissenschaftlichen Kategorien - allerdings mit Verweis auf Natalie Knapp: Die Welt der vielschichtigen Verbundenheit lässt sich auch in einer Sprache der Poesie ausdrücken; eine Sprache, die seröse Naturwissenchaftler vermutlich weit von sich weisen würden. Sie meint z.B., dass auch Atome so etwas verspüren wie ein Begehren nach einander, um mehr zu sein, um sich in ein gemeinsam gebautes, komplexeres Molekül zu verwandeln. Für Kann - so Weber - sei das ein elementarer Liebesakt. Auch für Andreas Weber sind wir selbst ein "Resultat dieses Tanzes": Die Zellen, die uns ausmachen, seien direkte Nachfahren der ersten autokatalytischen Ketten. Jedes Lebewesen sei ein Erbe einer ununterbrochenen Reihung von Leben, die bis zur frühesten Selbstorganisation zurückreiche.

"Weil alle Berührungen zwischen den Körpern dieser Welt neue Möglichkeiten von Sinn hervorbringen, kann die Kompexität der Welt ansteigen [...] Moleküle sammeln sich zu Reaktionskreisläufen, und diese kapseln sich als lebende Zellen gegen jene Umwelt (Hervorhebung, Verf.) ab, die sie hervorgebracht hat."

Ohne Bezug zu den Naturwissenschaften, auf deren Beschreibungspotentiale Andreas Weber immer wieder rekurriert, lassen sich in poetischen Beschreibungen Aspekte dieser nüchternen Beobachtungen entdecken. Wer mein Scherbengedicht liest und den beharrlichen Einfluss des Wassers über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende in den Blick nimmt, kann folgende Passage in der Argumentationskette Webers nachvollziehen:

"Der harte kristalline Granit, abgeschliffen über Jahrhunderte, entdeckt das Potential des Runden, des Fließenden an sich - und das geschmeidige Wasser erfährt den muskulösen, voluminösen Katarakt als einen Aspekt von Massivität (36)."

Das fundamentale Prinzip sind Austauschbeziehungen, die Andreas Weber an elementaren Phänomenen verdeutlicht. Der Stein im Bachbett komme erst wirklich zur Geltung, indem er sich auf seine Antithese, das fließende Wasser einlasse. Seine Identität als Kiesel gewinne er dadurch, dass er nicht mehr mit sich identisch sei, sondern etwas anderes. Ausgehend von diesen elementaren Phänomenen erwägt Andreas Weber Axiome eines erotischen Weltbildes (37f.):

  • Die Welt besteht aus Materie, aus Körpern, die einander berühren.
  • Diese Berührungen sind körperlich und konkret zu verstehen. Jede Berührung hinterlasse irreversible Spuren, die alle Beteiligten verändern.
  • Berührungen bewirken Beziehungen und - bei Lebewesen - Interesse. Aus dieser Bezogenheit bilde sich eine "innerliche Erfahrungsebene".
  • Berührtsein habe einen grundsätzlich positiven Aspekt. Kontakte können zufällig sein, die Folgen hingegen nicht. Die "innigere" Verflechtung des Netzwerkes von Beziehungen mache die Wirklichkeit aus.
  • Der Kosmos sei in einer gigantischen "Autokatalyse" begriffen, in der Beziehungen, Strukturen, Sinn entstehen.
  • Alles, was von dieser Welt sei, sehne sich nach weiteren Berührungen, um stärker und inniger bezogen und damit tiefer gehend selbt zu sein.

Diese Axiomatik erscheint mir zunächst einmal relativ dünn und im letzten Punkt durchherrscht von einer fragwürdigen anthropomorphen Naivität. Auf Seite 47 seines Buches stellt Andreas Weber in den Raum, dass jeder Akt des Existierens - schon im Kleinsten des Atoms - ein Begegnen und ein Begehren nach Begegnung ist, um dann vor Kapitel 3 "Sehnsucht" genau die Erfüllung des existentiellen Grundbegehrens zu schildern:

"Wir haben unsere Kleider ausgezogen, sind in diesen ersten, allerersten Fluss gestiegen und haben uns nach dem kalten Rausch auf den warmen Steinen umarmt, bis es für einige Momente keine voneinander abgetrennten Dinge mehr gab, bis die Grenze zwischen der zitternden Kälte der Flüssigkeit und der wärmdenden Festigkeit des Steins sich ganz auflöste in ein Hinneinnehmen jenseits von Genuss oder Schmerz, in eine Form von sinnlicher Beobachtung, die jedes Detail innerlich notierte, obwohl sie vollkommener Rausch war, eine Vereinigung aus der Mitte des Minerals. Ekstase, Gleichmut (48)."

Jetzt kehrt allerdings bei mir Ernüchterung ein. Hier baut sich im Grunde genommen ein Pathos - im Sinne eines Schwebezustands - auf, das nicht einlösbar erscheint. Und was ist daran neu? Für ein Urteil ist es zu früh. Erst muss ich Hauptkapitel 4 "Tod" lesen, um herauszufinden, ob Andreas Weber uns etwas Bemerkenswertes, etwas Neues anzubieten hat.

4 Tod (S. 69f.)

Das Kapitel Tod beginnt mit dem Ausdruck urwüchsiger Sehnsüchte in einer zivilisierten Welt (der Sehnsuchtsbegriff wird sich zu einem Schlüsselbegriff entpuppen):

"Noch um halb elf Uhr nachts leuchtete die Sonne. Der Abend schien nicht enden zu wollen [...] Wir, das heißt die jüngeren Teilnehmer von Philosophen und Biologen einer Tagung über ein alternatives Bild des Lebendigen. Alle, die irgendwie in diesem endlosen Licht (nach einem Saunagang; Verf.) die Lust auf ein Abenteuer verspürten, auf ein kleines, zivilisiertes Abenteuer, hatten sich unter den Bäumen entkleidet [...] Die Welt zeigt sich als Potential (69)."

AW schildert wenig später ein Gespräch mit dem Biosemiotiker Kalevi Kull. Es fallen die Namen Karl Ernst von Baer und Jakob von Uexküll und es geht um die Vereinbarkeit des Unvereinbaren. Warum beispielsweise - so stellte Kull AW die Frage - belebt der Wechsel zwischen heiß und kalt so ungemein? "Tödlich heiß und lebensgefährlich kalt - warum bereitete uns dieser Wechsel so viel Vergnügen und sinnliche Lust?" Oder anders herum gefragt:

"Wie viel Widerspruch in sich selbst toleriert ein Lebewesen? Wie viel Widerspruch ist notwendig, damit der Lebensprozess überhaupt fortschreiten kann? Wie sehr ist die Idee des Widersprüchlichen, oder Paradoxalen, sogar entscheidend für unser Verständnis von Leben (71).?"

AW - angeregt von Kalevi Kull - beginnt zu recherchieren: Die Frage, wie tief der Tod das Leben präge und in welchem Maß auch das produktivste Leben den Tod beinhaltet, leitet seine Ökologie des Todes ein - nicht ohne Poesie:

"Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen, lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns." (R.M. Rilke).

AW entwickelt die folgenden Kapitel als ein anthropomorph ausgerichtetes Unterfangen: "Denn Leben: Das ist ja tote Materie, die plötzlich versessen darauf ist, sich selbst aktiv zu vermehren und zu immer unwahrscheinlicheren Gebilden aufzubauen." So gerät ihm die Existenz und das Streben "eigensinniger Zellen" sich beständig neu zu erschaffen "aus einem Stoff, der am allerliebsten für die nächsten Milliarden Jahre als lebloser Staub am Boden liegen würde", zum "eigentlichen Skandal". Ähnlich wie seinerzeit Gerd Binnig (1997) fasziniert ihn "die zu Tränen rührende Faktizität der Formen." Er sieht in dem Umstand, "dass jedes Blatt anders ist, jede Knospe ein einzigartiges Individuum", den "Spiegel des Todes", der auf alles warte als Zeuge der ganz eigenen Art, den Zerfall zu vermeiden und den Triumph darüber zu feiern:

"Erst der Tod schenkt allem, was existiert, dessen unteilbare Einzigartigkeit (76)."

AW bezieht sich hier letztlich auch auf die mittelalterlichen Mystiker und betont, wer solchermaßen im Vertrauen auf die Güte der Dinge vibriere, der brauche keine Antworten. "Er muss nur warten: Darauf etwa, dass sich am Ende des Winters die Märzbecher in quellenden Matten unter den Lindenstämmen zeigen, ihr dichtes Grün gekrönt  von einem Schwarm weißer Blüten:"

 

Blutrote Kirschen

Siehst du dort auf dem Teller

die lack-, scharlach-, türkisch-

granat-, mohn-, wein- und

blutroten Kirschen?

Spürst du,

wie Erde in dir aufbricht

und Blütenmeere hervortreibt,

deinen Leib begeistert

und deinen Geist beleibt?

Spürst du die Kraft,

die Stürme entfacht -

im Innersten Ruhe schafft

wie eine Himmelsmacht?

Spürst du den Keim allen Lebens,

der jede Fessel sprengt.

Und nichts ist vergebens,

was hin zum Leben drängt.

Spürst du, wie alles bebt?

In lebendiger Stille

formt sich und lebt

ein beharrlicher Wille.

Und so reifen die Kirschen hin

zur lockenden Frucht,

in all ihren Farben,

in all ihrem Duft.

 

"Jedes Lebewesen wird in einer sochen Sichtweise zum Zentrum des Universums, zu einer Singularität, in der sich das Wesen der Schöpfung enthüllt (77)." Ich bin hier ganz bei AW und komme ihm vielleicht näher im Verständnis des nunmehr überhand nehmenden inflationären Gebrauchs des Begriffes der S E H N S U C H T: AW definiert das Wesen der Schöpfung in der "Sehnsucht zu sein, die sich als Sehnsucht Form gibt, nicht als Souveränität und substanzielle Selbstherrschaft. Darum ist das Leben so leicht zu zerstören. Es trägt den Tod, dem man nur die Tür zu öffenen braucht, bereits in sich, ist ein feines Gewebe aus Begehren nach vollkommen zweckloser, unbestätigter Einzigartigkeit." Der programmatische Satz lautet:

"Weil aber diese Sehnsucht jeden Schritt leitet, mit dem der Stoff sich verwandelt, mit dem sich die Atome bewegen, ist sie das unzerstörbare Grundmuster, aus dem alle Form quillt (77)."

In der Tiefe der erotischen Produktivität liege das Aushalten der Sterblichkeit, schreibt AW auf Seite 94 - und kurz darauf: "Das - die Wirklichkeit anerkennen, wie sie ist, und in ihr den Tod - ist nichts anderes als der Kern des Erotischen." Und wenn auf Seite 140 folgende Impression als eine von vielen - sprachlich und erlebnisbezogen in Variation - immer wieder vorgetragenen zu lesen ist, dann bietet sich die lyrisch vorgetragene Antwort auf Augenhöhe an. Alles andere ist Beiwerk, wobei zuletzt eine Antwort zu finden ist auf die aus meiner Sicht unzuträgliche - vielleicht partiell sogar unerträgliche Form der anthropomorphen Interperation dessen, was häufig als Wechsel des Kontextes interpretiert wird und zwar von der Metaphysik hin zu Metabiologie:

"Alles ist schon da: Im Spätsommer gehe ich nach einem langen Arbeitstag hinaus in meine Lindenallee. Ich atme fast erschrocken die Frische der Abendluft, ich höre die unschuldige Versunkenheit der Heupferde in ihrem Gesang, ich spüre die Kühle der Steine, ich sehe die gleichmütige Ferne der wenigen Sterne, die bereits am dunkler werdenden Himmel zu erkennen sind, den perlmuttern im letzten Licht stehenden Dampfpilz über dem Heizkraftwerk Spandau weit im Nordosten hinter dem langen, glänzenden Bogen der Gleise. Ich bin Teil eines stummen Gewebes, das alles in sich einbettet und von alleine trägt, ohne je etwas zu erklären - und ohne je zu retten."

Ich danke AW dafür, das ich seine Naturpoesie mit Naturlyrik beantworten darf. Hier sind wir vereint im Geiste und im Erleben. Kommunizieren kann man das nicht oder nur sehr bedingt - hier gibt es weder etwas zu erklären noch zu retten:

 

Grenzgänger

Wenn mein Herz zerfließt

und alles in mir schreit,

wenn aller Regen fließt

und Leben wurzelt breit.

Wenn mein Herz vor lauter Freude weit

und meine Arme voller Liebe breit,

wenn alle Unterschiede dann zerfließen

und Phantasien über alle Ziele schießen.

Wenn ja und aber mich erheitern

und alle Blicke Horizont erweitern;

wenn Kleinmut meinen Großmut weckt

und Liebe unsere Wunden leckt,

und Sonne meine Seele wärmt,

und wenn meine Selbt in Liebe sich ersäuft -

vor lauter Wohlsein nur noch schwärmt,

wenn letzte Tage winken

und Frühjahr sich mit Herbst vermischt,

wenn Hoffnung und Erfüllung ineinander sinken

und letzter Unterschied sich dann verwischt,

dann geh ich weg und komme heim

und ahne jene Grenzen,

die jenseits bleiben und geheim

für alle - vor Gräbern und vor Kränzen.

 

Fraglos

Immer wenn die Welt sich offenbart,

dann werde ich ganz still,

weil meine Spur - die zielbestimmte Fahrt

sich wendet und sich ändern will.

Immer wenn sich Größe zeigt,

verwandle ich mich leise.

Wenn sich ein Irren hin zum Ende neigt,

werd ich - trotz blinder Flecken - manchmal weise.

Wenn leise Klänge sich verdichten

und großer Klang entsteht,

wenn Fragen sich in Fragen lichten,

ein Hauch von Weisheit uns umweht;

wenn Farben sich vermischen

und Buntheit sich in Grau ergeht -

wenn aller Hochmut dann verblichen,

am Horizont ein Hoffen steht,

dann geh ich auf die Reise

und frage nicht mehr viel.

Ich wandle einfach still und leise,

ich spüre Kraft und bin das Ziel.

 

Porentief

Wenn du alle Poren öffnest,

in ungeahnte Tiefen fühlst;

wenn du in die Sonne schaust

und aller Farben Spiel erhoffst -

wenn dein Körper wach und wacher wird

und jede Schwingung,

jedes sanfte Beben,

jede Regung

Flimmerhaaren gleich erfühlt.

Wenn zarte Klänge,

sanfter Hauch

und feines Lichterspiel

die Sinne irritieren

und deine Fühlwelt reicher macht,

dann ahnst du doch die Grenzen deiner Sicht,

das Schattenspiel im Licht.

Und deine Ahnung trägt dich weiter

in ein Land,

an dem die Phantasie sich bricht.

Und so sehr sie dich auch treibt,

dich reicher macht an Differenzen;

es bleibt, was immer dir auch bleibt

im Diesseit aller Grenzen.

 

Das Leben - ein Klang

Das Leben - ein Klang

und mittendrin mein Lied,

still, und kein Gesang -

rhythmisch und pulsierend eher;

manchmal fließend,

kurz im Takt - auf und ab.

Und manchmal zögernd -

ohne Drang.

Ein Klang,

ganz dumpf im Widerhall:

Die Höhen, Tiefen -

kaum zu hören,

wie in Starre stumpf,

sein Tremolo dann kaum zu spüren.

Dann eher wild,

der Moldau folgend,

die allen Flüssen gleich

aus Rinnsaln wächst.

Zuerst ganz leise

gebiert sie dann den Text,

in dem das Leben tönt,

in vielen Farben jubiliert

und vor dem Abgrund stöhnt.

Zwischendurch - Gewittern gleich -

erbebt die Seele,

während Körper

- zwischen Schmerz und Lust -

zerrissen im crescendo zittern.

Doch jeder Ausbruch

- zeigen Seismographen -

trägt im Anfang schon das Ende.

Wohl dem,

der dann an Stufen glaubt,

sich heiter Raum für Raum erlaubt.

Wie schön und gnadenreich

wär es zu wachsen

und im Ende - einer Ernte gleich -

wär jeder dann erwachsen.

 

Ja, lieber Reinhard, wer würde nach diesen lyrischen Exzessen AW widersprechen, wenn er schreibt:

"Gefühle sind die Stimme der Wahrheit über unsere existenzielle Lage. Sie sind subjektiv, weil es in ihnen um Gedeihen geht. Aber sie sind eben auch objektiv, weil sie den Grad unserer Lebendigkeit ausdrücken. Sie sind die ausdruckhafte Erfahrung des eigenen ökologischen Gleichgewichts. Oder noch deutlicher gesagt: Gefühle sind ein poetischer Kommentar zur eigenen Existenz - genauso indirekt, genauso kreativ, genauso schwer unterdrückbar wie ein Ausruf, eine Zeichnung, ein Vers, eine Melodie, eine Landschaft, deren emotionaler Gehalt uns bis ins Mark erschüttert [...] Doch nur wenn man seine Bedürfnisse hört und kennt und anerkennt, steht man mit seinem wahren, lebendigen Selbst in Verbindung. Erst dann kann man den eigenen Wahrnehmungen vertrauen, denn sie zeigen, was wirklich ist (192)."

Und dennoch schrillen die Sirenen und flackern die Warnleuchten, denn was er schreibt, verstrickt uns in unauflösbare Widersprüche. Wir erfahren also, "was wirklich ist". Und über vielen von uns - ich möchte sagen, fast allen - schwebt das Menetekel einer unzureichenden Kindheit. Denn "wer als Kind erfahren musste, dass ihn die gesunde Erfahrung der eigenen Lebendigkeit und ihrer natürlichen Bedürfnisse mit Vernichtung bedroht, bildet als Erwachsener ein 'falsches Selbst' (Alice Miller) aus." Unbewusst strebe er die Identität an, die ihm erlaubt war - und nicht diejenige, die in ihm schlummere.

AW verlässt hier endgültig die Welt des Relationalen, in der Identität doch nur vorstellbar ist als jener Prozess der Indidviuation mit und gegen die bedeutsamen Anderen (Helm Stierlin) - und die schlummernde Identität kann - genauso wie die falsche Identität - nicht gedacht werden als ein Zustand der allumfassenden Seligkeit bzw. des Verfehlens seiner selbst. AW verlässt die Errungenschaften des binären und polykontexturalen Denkens und gebiert sich als Dialektiker, der dialektische Prozesse schließlich doch einseitig auflösen und festhalten will. Dies verträgt sich im Übrigen auch nicht mit dem von ihm hundertfach fokussierten Begriff der Sehnsucht! Und er macht sich eines Vergehens schuldig, das schwer wiegt:

"Tatsache ist aber, dass in fast allen Gesellschaften [..] Interpretationen zur Verfügung stehen, die die körperliche Funktionsstörung als Text werten, der unfreiwillig Auskunft über eine verborgene Wahrheit gibt. Für das Individuum kann hier nicht selten Tragik dadurch entstehen, dass für es selbst sinnlose, bloß psychische Symptome sozial als Ehrlichkeit ausgelegt werden [..] Die Unterstellung der Wahrhaftigkeit des Körpers kann durchaus terroristische Konsequenzen haben (Alois Hahn: Konstruktionen des Selbst, der Welt und der Geschichte, Frankfurt 2000, S. 359)."

Richtige und falsche Identität? Ich antworte mit Worten Peter Sloterdijks in Würdigung Niklas Luhmanns; Worte, die eine Haltung beschreiben, die uns eher heilen könnten von der Hybris, für Andere das Richtige vom Falschen (unter-)scheiden zu können:

"Den Realitätsglauben als eine auswechselbare Größe beschreiben: Mir scheint, mit dieser Wendung hat Luhmann die expliziteste Annäherung an das Konzept der dritten Ironie als Umgangsform mit auflösbaren Immersionen erreicht. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Wendung im Kontext von therapeutischen Grundlagenreflexionen fällt. Luhmann sagt hier in Übereinstimmung mit Leitsätzen des Radikalen Konstruktivismus, therapeutische Praxis dürfe nicht länger als erfolgreiche Anpassung des Subjekts an eine vorgeblich objektive Realität verstanden werden, sondern als Austausch eines unlebbaren Realitätskonstrukts gegen ein weniger unerträgliches (Peter Sloterdijk: Luhmann Anwalt des Teufels, in: Luhmann Lektüren, Berlin 2010, S. 151f.)."

Lieber Reinhard, nun hast Du AW eingeladen - ein Wagnis. Ich halte ihn für einen poetisch begabten Naturschwärmer, der kenntnisreich und sprachschöpferisch natürliche Abläufe und Prozesse mit einer anthropomorphen Zuckerhaube überzieht. Dass dabei unter Umständen auch weltlose oder weltarme, instinktgesteuerte Prozesse zu möglichen Tragödien führen können, sei hier mit einem allerletzten Zitat aus der Naturpoesie AWs unterstrichen:

"Als ich mit dem Hund in Richtung des Friedhofs hinaufsteige, sehe ich einen gigantischen Schmetterling auf der Straße liegen. Der Körper mit den langen Flügeln ist auf die Seite gekippt. Im ersten Moment halte ich ihn für einen verletzten Vogel. Dann denke ich, dass es ein riesiger Schwärmer ist. Ich trete näher und drehe das Tier um. Es ist der größte Schmetterling, den ich in meinem Leben gesehen habe. Als ich ihn aufhebe, beginnt er schwach mit den Flügeln zu schlagen, die an den Rändern schon ausgefranst sind. Ich sehe die riesigen, federartig ausgefiederten Antennen am Kopf, die orange gezackten Binden auf den Schwingen, die vier spiegelnden Augenflecke, auf jedem Flügel einer. Es ist ein großes Nachtpfauenauge, der größte Schmetterling Europas [...] Die Spannweite des Falters ist so groß wie meine Hand lang ist. Ich betrachte die gefiederten Fühler, mit denen das Tier noch ein einziges Duftmolekül eines einsamen Weibchens auf Dutzende Kilometer Entfernung wahrnehmen kann und dann dieser Spur zur Paarung folgt. Wehmut ergreift mich. Mein Sohn fragt: Wie selten ist der Schmetterling? Ich sage: So selten, dass du ihn vielleicht niemals mehr in deinem Leben sehen wirst. Die Raupen fressen sich den Sommer hindurch dick; die Falter leben nur wenige Wochen oder sogar bloß Tage zwischen April und Juni. Wie rar sie geworden sind. Hat dieser sein Weibchen gefunden, bevor er nun sterben muss (256f.)?"

Lieber Reinhard, ich füge auch die nächsten fünf Sätze noch als Originalzitat an, um deutlich zu machen, wie sehr Biologie für AW Poesie ist, aber Biologie sich nicht in Poesie auflösen lässt. Für das Nachtfauenauge ist es vollkommen schnuppe, ob es sein Weibchen gefunden hat, "bevor es nun sterben muss", denn das Finden steht einzig in Abhängigkeit von den Lockstoffen, die die Duftmoleküle eines einsamen Weibchens in die Welt senden: Keine Duftmoleküle in Reichweite, pardon in Riechweite - kein Finden des paarungsbereiten Weibchens - basta! Für die Art möglicherweise fatal, für das individuelle Nachtpfauenauge in AWs Hand schnuppe, weil Sehnsucht schrumpft hier auf die Wahrnehmung eines Duftmoleküls zusammen. AW erklärt jedenfalls seinem Sohn dies als unverzichtbare Voraussetzung für den Paarungserfolg von Nachtfauenaugen. Dass ein Mensch, wie AW, von Wehmut ergriffen wird und im Handeln und Beschreiben in Poesie vergeht, ist eine (vielleicht besonders sympathische Seite) der weltbildenden (poetischen) Kraft, die uns (und insbesondere AW) gegeben ist:

"Ich setze ihn in das Laub eines Lorbeerbusches. Schwach schlägt er mit den Flügeln, müde streckt er seine pelzigen eine vor sich aus, unter den mattschwarzen runden Augen, in denen all diese Einzelheiten versinken wie in einer samtigen Nacht, die nicht mehr zu Ende geht. Eine Ameise betastet den Körper, der noch pulsiert, aber schon an der Schwelle zum Kadaver steht. Das Tier ist längst ein Fremder, ein letzter Aristokrat in seiner überdimensionierten Größe, der seine Kräfte beim nachtlangen Flattern um die Lampe am Haus der Bürgermeisterwitwe verbrannt hat. All diese Begegnungen mit versprengten Wesen, all diese glücklichen und melancholischen Treffen, welche jedes Mal das letzte sein können, lassen mich einem Aspekt meiner selbst begegnen - und einer Charakteristik der Welt (257)."

Die einleitend angenommene Nähe zu einer systemtheoretisch inspirierten Sichtweise war verfrüht und gänzlich verfehlt. Die "erotische Ökologie" als Poesie enthält bestechende Beschreibungspotentiale. Als Theorie schrumpft sie auf eine sentimentale, anthropomorphe, pudergezuckerte melancholische Haltung zusammen; dafür hege ich als Poet eine Menge Sympathien - als theoretisch interessierter Beobachter schreckt sie mich eher ab.

Nachtrag:

Lieber Reinhard,

für mich ist und bleibt Claudia ein erstaunliches Wesen. Ohne Therapie und ohne Theorie (über-)lebt Claudia seit fast 60 Jahren. Sie ist sicherlich in einem überdurchschnittlichen Maß begabt für eine SELBST-FÜRSORGE. Das passt sogar in Webers Ideologie. Er schreibt auf S. 58:

"Das Erstaunliche liegt darin: Sobald wir die biologischen Gesetzmäßigkeiten nicht mehr allein mit dem Reagenzglas und Elektrophorese-Bank zu bestimmen vermögen, sondern auch und vielleicht viel genauer mit unserer sinnlichen Wahrnehmung als Lebewesen, enthält jede Begegnung mit der Welt der anderen Wesen eine unerwartete Lehre, die über die Befunde der Schulbiologie weit hinausgehen. Die Ökologie, die aus der erotischen Begegnung unseres Körpers mit anderen lebenden Wesen resultiert, enthüllt sich als eine seit Jahrmillionen immer wieder getestete unde überarbeitete Anleitung, wie sich eigenes Leben aus dem Zusammenleben der Vielen gestalten lässt. Jedes Ökosystem - draußen, oder 'drinnen', in unserem Körper - illustriert anschaulich, dass die biologische Wirklichkeit nicht aus blinden, 'deterministischen' Befehlsketten besteht, sondern sich aus der Zusammenarbeit einer Unzahl eigensinniger Akteure ergibt, die alle ihr eigenes Glück verfolgen, und dazu jedoch nur in dem Maß befähigt sind, wie sie das große Ganze nicht verletzen."

Aber wir wissen doch alle, dass dies Quatsch ist. Weber tut so, als könne man biologischen Systemen normative soziale Erwartungen unterstellen. Es ist ja nicht nur Darwins "survival of the fittest", sondern es sind vielmehr die grundlegenden Differenzen und Operationsmodi, die nun einmal biologische und soziale Systeme und erst recht psychische Systeme voneinander trennen. Wir müssen mit Heinz von Foerster und all den anderen bis hin zu Niklas Luhmann fragen, wer ist der Beobachter und wo ist er? Weber  d e n k t  als Biologe und Philosoph über den Bios nach und glaubt eine erotische Ökologie begründen zu können. Alles, was er darüber sagt, sagt er mit und durch die Brille jemandes, der den "schulbiologischen Befunden" metabiologischen Sinn und metabiologische Aura attestiert. Im sozialen System  k o m m u n i z i e r t  er dies als eine Errungenschaft, mit der sich möglicherweise auch soziale Systeme beschreiben oder gar befrieden ließen.

Er meint - recht nüchtern -, wie oben zu lesen, eine Unzahl  e i g e n s i n n i g e r  Akteure würden alle ihr eigenes Glück verfolgen, dazu jedoch nur in dem Maß befähigt sein, wie sie das große Ganze nicht verletzten.

Wenn wir auf unsere verwandtschaftlichen und wahlverwandt-schaftlichen Netzwerke schauen, so fällt jedenfalls mir als Beobachter auf, dass sich die Lebensläufe der meisten eigensinnigen Akteure als eine Geschichte der Kränkungen beschreiben lassen. Man kränkt und wird gekränkt - z.B auch durch den  E i g e n s i n n  der Biologie. Auch die "Ökosysteme" in uns "drinnen" (wie AW schreibt) führen ein Eigenleben, ein eigensinniges Leben, so dass unter Umständen die Biologie unter ihren Möglichkeiten bleibt oder aus dem Ruder läuft: der eine leidet unter Bluthochdruck, der andere bekommt Krebs, und es gibt auf der anderen Seite die Menschen, denen der Bios bis hin zur Grenze gegenwärtiger Lebenserwartung eine gesundes, langes Leben erlaubt, das seine Grenzen erst am altersbedingten sukzessiven Verlust molekularer, zellulärer und natürlich auch sinnlicher und erotischer Vitalität findet.

Warum ich den Begriff der "Kränkung" hier verwende? Dass der Bios auch gewaltsam sein abruptes Ende finden kann - durch Unfall oder gar die Gewaltakte eigensinniger Akteure, wird von den Hinterbliebenen als lebenslange Kränkung erfahren und erduldet. Die soziale Erfahrung, dass die bedeutsamen Anderen sich entziehen, weggehen oder gar ihre vitale Existenz verschweigen und kein Zeugnis von sich geben - ich habe meine Schwester im Blick und auch viele andere, deren Eltern im Dunkel geblieben sind - ist wohl die tiefste Kränkung, denen sich Kinder, die irgendwann erwachen sind, ausgesetzt sehen.

AW schreibt auf Seite 59 (ich schließe an das obige Zitat an):

"Leben, an dem wir so empathisch teilnehmen, wenn wir die dunklen Rispen unseren Körper liebkosen lassen, ist somit kein netter Kindergarten, in dem alle immer nur gestreichelt werden, aber auch kein erbarmungloses Schlachtfeld zwischen unerbittlichen Kriegern, 'rot an Zähnen und Klauen' und 'beständig im Krieg mit sich selbst'. Die Welt der Biologie ist eher ein wilder Spielplatz mit anarchischen Elementen, auf dem zwar immer neu die Regeln kreativen Miteinanders ausgehandelt werden, auf dem es gleichwohl auch Bandenkriege gibt, verschworene Grüppchen, Intriganten - aber ebenso großherziges Teilen, heroischen Einsatz, versonnenes Glück."

Als Lyriker huldige ich dem versonnenen Glück und staune oftmals erschrocken und auch  g e k r ä n k t, mit welchem Eigensinn Akteure das "große Ganze" gefährden oder auch zerstören.

Lieber Reinhard - soviel heute zu meinen Blick auf die Welt. Ich - für mich - bin überzeugt, dass wir die große Bühne nicht mehr brauchen. Es hört eh niemand zu.

Und Claudia, die (auch) ihr eigenes Glück verfolgt, freut sich immer Euch zu sehen. Aber ich bin ganz gewiss, dass ihr dies auch sehen könnt, denn wenn Claudia eines nicht ist: eine Schauspielerin!

Liebe Grüße auch an Karin

vom Jupp

 

 

   

Zurück

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund