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Die Mutter als "Ikone der Lust" und als "Objekt von Tötungsphantasien" - Morgen ist Muttertag

"Es gibt kein größeres Tabu als den Mord an jener Frau, die uns geboren hat." Die ZEIT 19/2015 entwirft ein Mosaik, das die aktuelle Ausgabe durchwirkt und das Mütter in allen denkbaren Kontexten und Einflussspähren erscheinen lässt - als Mütter und als Schwiegermütter. Christian Fuchs inszeniert "Die Mutter als Sexobjekt" (S. 10), während Daniel Müller unter dem Titel "Mutter muss weg" (S. 74) das Phänomen des "Mordes an jener Frau, die uns geboten hat" als das "größte denkbare Tabu" thematisiert. Zu denken gibt der von Rudi Novotny verantwortete Text: "Danke, Schwiegermonster!" (S.75).

Das Begehren der eigenen Mutter bleibt meinerseits im Dunkel frühester Kindheit geborgen, während die Angst um die Mutter schon sehr früh beziehungsgestaltend wirkte und zuletzt tatsächlich die Tötung erwog, weil der finale Todeskampf über 10 Tage - und nach einem langen Leidensweg - Erlösungsphantasien mobilisierte. Das eigene Leiden im Leiden der Mutter auszuhalten war sicherlich einer der letzten Schritte zu einem reifen, verantwortlichen Leben als Erwachsener. Aber da war meine Mutter bereits 79 und ich immerhin 51 Jahre alt. In einer weiteren Bewährung - der Begleitung des Schwiegervaters durch die Demenz in der häuslichen Pflege - bis ganz ans Ende, vollendete sich (vorläufig) das, was uns Wohlstandskindern als echte Bewährung - vor dem eigenen Ende - bleibt. Der wahre Verlust in einer funktional differenzierten Gesellschaft mit ihren je eigenen Funktionslogiken beruht im im Outsourcing der letzten uns verbliebenen Verantwortung.

Wo die Sorge und Fürsorge für die Kinder und die alten Eltern, den Zwängen des Erwerbslebens und der Konsumorientierung weicht, verlieren wir unsere Erdung und den Sinn unseres Lebens. Morgen ist der 10. Mai 2015 - Muttertag. Ich freue mich, wie jeden Sonntag, meine Schwiegermutter Lisa zu sehen; mit 91 Jahren die letzte Ahne über uns, die uns mit ihrer mentalen und körperlichen Präsenz das vitale Lebensgefühl vermittelt, noch nicht in vorderster Reihe zu stehen.

Der letzte Satz in Daniel Müllers kluger Analyse lautet: "Wer seine Mutter loswerden will, sollte keinen Mord begehen, sondern besser zu Hause ausziehen. Bert Hellinger - so wie viele andere - ist nicht müde geworden darauf hinzuweisen, dass, wer Mann werden und bleiben wolle, unter Männer gehen  müsse (vice versa). Ist das Männliche nicht präsent, sind beide überlastet - Mutter und Sohn, so Daniel Müller:

"Der Sohn sucht es (das Männliche) intuitiv, findet es aber nicht, weshalb die Mutter nicht stolz auf in sein kann. An seine Mutter gebunden, wird der Sohn permanent entwertet. Je weniger das Kind sich entwickelt, desto gefährlicher die Nähe zur Mutter. Der Kriminologe Hans von Hentig nennt dieses Phänomen das 'Trennungstrauma'. Es gelingt dem Sohn nicht, sich von der Mutter zu lösen. Und wenn er es versucht, etwa durch eine andere Frau, wird die Mutter zur Furie."

Eine meiner Tanten lebt noch - die Schwester meines Vaters. Es ist ein Wunder, dass sie noch lebt und aller Voraussicht nach und hoffentlich im Juli 2015 ihren 91sten Geburtstag feiert. Vor vielen, vielen Jahren schockierte sie mich mit der Feststellung, sie sei die einzige, die ihren Sohn - meinen Cousin - verstehe. Sie sei seine beste Freundin. In einer langen Elendsgeschichte hat sie alle Frauen, die sich je ihrem Sohn genähert haben, buchstäblich weggebissen. Dass sie noch lebt, verdankt sie der Kraft ihres Sohnes, dann doch - im hohen Alter, fast jenseits der 50 - ausgezogen zu sein und zwei Dutzend Kilometer Distanz zwischen sich und seine Mutter geschoben zu haben.

In Daniel Müllers Spurensuche taucht das "wütende Kind" auf. Er schildert jene Kinder, deren Mütter den Ablösungsprozess nicht vollziehen und die "es verpasst haben, zu tun, was jede Affenmutter kann: das Kind wegschubsen" (Wolfgang Schmidbauer). In allen Fällen fehle der Vater als rettender Dritter und Vorbild. Mit Verweis auf feinsten griechischen Tragödienstoff - die Verstrickungen von Klytaimnestra, die ihren Ehemann Agamemnon (den König von Mykene) tötet, und die sich der unheilvollen Rache ihres Sohnes Orest aussetzt, der schließlich im ausweglosen Dilemma und auf Druck seiner Schwester die Mutter tötet - zeigt Daniel Müller die Konsequenzen des Muttermordes auf:

"Es sind fast immer erwachsene Täter, die solch tödliche Störungen entwickeln. Neben Schizophrenie sind das vor allem bipolare affektive Störungen, schwere Depressionen oder durch Alkohol oder andere Drogen verursachte Psychosen."

Muttermörder dieser Kategorie hätten fast nie zuvor eine Straftat begangen und seien auch sonst nicht antisozial auffällig geworden. Daniel Müller kategorisiert hier den schwachen Mann, der sich ein Leben lang in einem ausgweglosen "Doublebind" wähne: "Doublebind" argumentiere mit einer sozialen Dauerspannung, die kommunikativ "pausenlos widersprüchliche Signale" sende. "Es ist ein ständiges 'Komm her! Geh weg!, eine Überprotektion bei gleichzeitiger Zurückweisung." Das Kind reagiere verunsichert, Selbstvertrauen nähme ab und Ängste nähmen zu.

Daniel Müller erwähnt mit dem "antisozialen Muttermörder" schließlich einen weiteren Typus, den "nihilistischen Killer", der aus eigennützigen Motiven handele. Als exemplarischen "antisozialen Muttermörder" nennt er Nero, dem es erst beim fünften Versuch gelingt, seine Mutter Aggripina zu töten - mit den bekannten Konsequenzen des eigenen Irre-Werdens.

In seiner conclusio greift Daniel Müller auf ein altes bretonisches Märchen zurück, das die Unmöglichkeit einer Loslösung von der Mutter durch Gewalt eindrucksvoll beschreibe:

"Ein junger Mann verehrt ein Mädchen, das ihn zunächst zurückweist. Dann will sie einen Beweis für seine Unterwerfung - ein ganz besonderes Geschenk. Einen Leckerbissen für ihren Hund - aber nicht irgendetwas: das Herz der Mutter des jungen Mannes. Der blind Verliebte geht hin, schlägt seine Mutter nieder und entreißt ihrem Brustkorb das noch pochende Herz. Damit rennt er zur Angebeteten. Doch er strürzt, und das Herz fällt in den Sand. Da spricht es plötzlich zu ihm: 'Mein Kind hast, du dir wehgetan?' Also: Wer seine Mutter loswerden will, sollte keinen Mord begehen, sondern besser zu Hause ausziehen."

Christian Fuchs hingegen warnt uns in anderer Hinsicht vor seinem prominent platzierten Text: "Mutter, Sex, Objekt - Eine Bewegung aus dem Volk erhebt die reife Frau zu einer Ikone der Lust" (ZEIT 19/15, S. 10). "Dieser Text ist nichts für empfindliche Gemüter. Legen Sie ihn lieber weg, liebe Leser, wenn Sie schwache Nerven haben: Er enthält 33 Mal das Wort fuck, und ganz schlimm - es geht um Sex mit Müttern."

Die einschlägigen ZEIT-(Muttertags-)Beiträge sind mit Fotos unterlegt. Christian Fuchsens Artikel rahmt als (Kon)Text eine Fotografie, die "Erotikstar Dirty-Tina: 47 Jahre, zwei Kinder, 350 selbst gedrehte Pornos" in Szene setzt: Ein ca. 19 x 30cm großes Foto, das "Dirty-Tina", eine blonde - wie bereits bemerkt - Endvierzigerin in schwarzen Dessous (mit Strapsen) zeigt, und die vermutlich mit Blick auf den durchschnittlichen Heteromann jeder Altersklasse offenbart, was unter dem in der Folge breit explizierten Akronym MILF von Christian Fuchs erläutert und entfaltet wird. Das Kurzwort bedeutet ausgeschrieben: Mother I'd like to Fuck, auf Deutsch: "Eine Mutter, mit der ich ins Bett gehen möchte". Dirty-Tina löst - natürlich nur bei den stinknormalen Heteromännern - im Vergleich mit den Hungerhaken, die uns die Haute-Couture-Welt aufdrängt, und die von schwachsinnigen Klum-Epigoninnen (wobei die alte Heidi sicherlich einmal für Männerphantasien stand) repräsentiert werden, potentiell jene autologischen Prozesse aus, die uns bis ins hohe Alter bei der Stange halten. Und die (alten) Männer, die noch verheiratet und bei Stange sind, gehen in der Regel ja (auch heute noch, vielleicht sogar am Muttertag) mit den Müttern ihrer Kinder ins Bett. Also  M I L F  ist ein alter Hut; zumindest für uns schon ältere wie die ganz alten Männer.

Was Christian Fuchs natürlich meint, das ist der Reiz, den MILFs auf junge, viel jüngere Männer ausüben:

"Sex mit reiferen Frauen zu haben kommt zwar jetzt in Mode, ist aber streng genommen keine sehr neue Männerfantasie, es gibt sie schon in den antiken griechischen Sagen: Iokaste, die Mutter des Prinzen Ödipus, war wohl die erste MILF überhaupt. Auch Goethe soll auf deutlich ältere Frauen gestanden haben. Ende der sechziger Jahre nahm dann im Kino Mrs. Robinson als raffinierte Verführerin dem blutjungen Dustin Hoffmann die 'Reifeprüfung' ab."

Was also ist nun möglicherweis dennoch neu am MILF-Phänomen? Christian Fuchs spricht von mehreren parallel verlaufenden Entwicklungen. Zum einen habe die Emanzipationsbewegung die Frau grundsätzlich auf eine Augenhöhe mit dem Mann gebracht. Dazu gehöre zum anderen, dass beruflicher Erfolg und finanzielle Unabhängigkeit zunehmend auch weibliches Selbstverständnis definiere: "Und spätestens seit den Desperate Houswives gehört die sexy-selbstbewusste reife Mutter zum Rolleninventar der westlichen Gesellschaften." Und was sagen die jungen Männer:

"'Ich habe das Gefühl, dass eine Frau, die schon ein Kind zur Welt gebracht hat, weiblicher ist', sagt einer. 'MILFs sind starke Frauen, solche Frauentypen gab es früher nicht', sekundiert ein Zweiter. 'Eine reifere Frau, die schon Kinder hat, weiß, was sie will'. Oft fällt auch das Wort 'Ausstrahlung' in diesen Gesprächen. Ausstrahlung? Eine schwer zu beschreibende Aura sei das, die sich keine Frau im Fitnessstudio antrainieren könne, sondern nur durch Lebenserfahrung. MILFs sind keine Prinzessinnen, sie sind Königinnen."

So lasst uns alte Männer auf der Hut sein. Viele von uns wissen gar nicht, dass sie eine Königin an ihrer Seite haben. Aber andere Männer - und hört und staunt - durchaus jüngere Männer entwickeln dafür ein feines Gespür. Andererseits was kann uns alten Männern besseres widerfahren, als auf diese Weise noch einmal auf Touren zu kommen? Denn generell gelten ja Peter Sloterdijks so wunderbar formulierte Einsichten in das Erototop:

"Zur Anthroposphäre gehört unübersehbar und prägend das Erototop, das die Gruppe als einen Ort der primären erotischen Übertragungsenergien organisiert und als Eifersuchtsfeld unter Stress setzt. Es markiert Eifersuchtsfelder und Stufen des Begehrens. Zugegeben, man muss schon eine ganze Saison auf der anthropogenen Insel zugebracht haben, um eine Witterung dafür zu bekommen, wie die Einwohner ihr Wunschleben organisieren. […] Wer sich im Inseltreiben zurecht finden will, ist gut beraten, seine Aufmerksamkeit auf das affektive Treiben der anderen zu verstärken. […] Das erotische Feld wird unter Spannung gesetzt, indem die Gruppen durch ständige subakute Selbstirritation eine Art von begehrlich-argwöhnischer Aufmerksamkeit auf die Unterschiede zwischen ihren Mitgliedern produzieren. Daraus entsteht ein Eifersuchtsfluidum, das durch prüfende Blicke, humoristische Kommentare, herabsetzende Nachreden und ritualisierte Konkurrenzspiele in Zirkulation und Fluss gehalten wird. […]

In dieser Dimension manifestiert sich der Eros nicht als dual-libidinöse Spannung zwischen Ego und Alter, sondern als trianguläre Provokation: Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, sobald ich annehmen darf, dass ein anderer dich liebt und deine schöne Gestalt ihn genügend reizt, um dich in Besitz nehmen zu wollen. […] Erotische Prozesse in der Gruppe bilden demnach die Grundform des Wettbewerbs – ausgelöst durch die imitative Beobachtung des Strebens anderer nach der Beschaffung von Seins-, Besitz- und Geltungsvorteilen. […] Und folglich gehört zur Gruppenweisheit ein Eifersuchtsmanagement, das dreidimensional ansetzt. Sollen die Selbstirritationen der Gruppe in einem lebbaren Tonus gehalten werden, braucht das Kollektiv ausreichende Diskretionen für die Seinsdifferenzen, die Besitzdifferenzen und die Statusdifferenzen in seinem Inneren. Diskret ist, wer weiß, was er nicht bemerkt haben soll."

Hier könnte ich nun wieder von vorne beginnen und doch so viele neue Facetten in diesem Spiel um Seins-, Besitz- und Geltungsvorteile beginnen. Und es wird eine Fortsetzung geben, die auch in die Auseinandersetzung mit Müttern - auch der eigenen Mutter - neue Impulse hineintragen wird.

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund