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Das Geheimnis eines Lebens - im Spiegel von Wendepunkten

Iris Radisch reist nach Paris und interviewt Patrick Modiano, den designierten Literatur-Nobelpreisträger (ZEIT 49/2014, S. 55)

Ich bekenne, ich habe von Patrick Modiano nichts gelesen, lese aber gerne die ZEIT, insbesondere auch die Beiträge von Iris Radisch; so heute morgen wieder in der Frühe um sechs. "Das Geheimnis des Lebens" steht dick und fett über dem Interviewtext - inclusive des Hinweises, dass der Nobelpreisträger zwar entspannt wirke, sich jedoch

"tastend und immer wieder lange nach den richtigen Worten suchend (und ungeduldig mit der Zunge schnalzend, wenn sie sich nicht einstellen wollen) auf die Fragen der Besucherin so antwortet, als würde er über alles, was er sagt, zum ersten Mal nachdenken."

Und in der Tat, so liest sich denn auch der Interviewtext, immer wieder von naiven bis widersprüchlichen Einlassungen geprägt:

Iris Radisch fragt: Als Leser hat man das Gefühl, dass Ihr Werk eine immer neu unternommene Rückkehr zu den ersten Bildern ihrer Jugend ist." Und Modiano antwortet: "Es geht in meinen Büchern überhaupt nicht um mein eigenes Leben oder darum, mich selbst besser zu verstehen." Aber Iris Radisch insistiert und bemerkt, dass er aber doch sehr dafür bewundert würde, dass er als einer der ersten französichen Autoren über das verdrängte Kapitel der deutschen Besetzung von Paris geschrieben habe. Immerhin räumt Modiano ein, dass er immer denke, er wäre ohne die Okkupation nicht geboren worden:

"Mein Leben verdankt sich Begegnungen, die es nur in so schwierigen Zeiten gibt. Es war ein solches Durcheinander."

Iris Radisch insistiert weiter, indem sie nachhakt: "Und dieses Grundgefühl, dass das Leben im Kern unverständlich und unerklärlich ist, hat sie nie wieder verlassen?" Nun ist auch Patrick Modiano bereit die Katze aus dem Sack zu lassen und räumt ein, dass aus der Bedrängnis heraus, nicht verstanden zu haben, was seine Eltern in dieser Zeit gemacht haben, die Inititalzündung für sein eigenes Schreiben entstanden sei:

"Man kann sagen, ich fing an zu schreiben, um ein Geheimnis aufzudecken."

Modiano enthüllt im Fortgang des Interviews ein desaströses - in gewisser Weise traumataugliches Vater- und Mutterbild. Iris Radisch fragt naiv, aber vollkommen angemessen: "Warum haben Sie (zu alledem) Ihre Eltern nicht einfach gefragt? Und Modiano antwortet - offenkundig ungerührt: "Ich konnte sie nicht fragen. Meinen Vater habe ich mit 16 Jahren zum letzten Mal gesehen, obwohl er erst viel später gestorben ist. Aber er hätte mir auch nie geantwortet. Meiner Mutter fragen zu stellen, war auch schwierig." Er tröstet sich damit (für sich selbst) festzustellen, dass einem auch eine "unglückliche Kindheit" als Kind ganz normal vorkomme. Aber auch hier lässt ihn Iris Radisch nicht so leicht aus: "In ihrem autobiographischen Text  Ein Stammbaum schreiben Sie ziemlich kalt und nüchtern über Ihre Mutter und Ihre einsame Jugend."

Modiano:

"Ich wollte das einfach nur festhalten, so wie es war. Das Buch ist keine Autobiographie. Alles Intime habe ich weggelassen. Ich mag Autobiographien nicht."

Ich kann mir - in unglaublicher Hybris - denken, was Iris Radisch gedacht haben mag: Das Intime repräsentiert und verbirgt bei Modiano, der im nächsten Jahr 70 wird und selbst von einer "unglücklichen Kindheit" spricht, vermutlich unter anderem ein typisches Kindheitstrauma, das man in den intimen (möglicherweise verdrängten) für andere (gottlob) instransparenten Geheimkammern des (Unter-)Bewussten abgelegt hat. Die weiteren Mosaiksteine liefert Modiano selbst:

  • "Der Vater ist ein Mensch, der mir unverständlich geblieben ist [...] Ich habe ihn mit 16 Jahren zum letzten Mal gesehen, obwohl er erst viel später gestorben ist. Aber er hätte mir auch nie geantwortet." Als weitere negative - mütterliche - Projektionsfläche kommt der Hund in den Blick:
  • "Meine Mutter hat sich um den Hund nicht gekümmert. Der Vergleich mit mir war vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber ich wurde wie der Hund ständig bei irgendwelchen Leuten abgegeben und habe nie verstanden, wer diese Leute waren. Einen Hund bringt so etwas völlig durcheinander."
  • Über den Bruder, Rudy: "Ja, sein Tod war sehr einschneidend, eine Art Matrix meines Lebens, die in meinem Schreiben immer wiederkehrt. Ich suche ständig nach verschwundenen Menschen, gehe Spuren nach."

Patrick Modiano widmet seinem Bruder, Rudy, seine ersten acht Romane und bekennt in seinen Erinnerungen nachdrücklich: "Abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle." Aber immerhin bekennt er sich zu einem System, in dem sich zusammengehörende Einzelfaktoren konfigurieren, nämlich zur "Matrix meines Lebens", die unabdingbar mit dem Tod des Bruders vorgegeben ist.

Damit ist der Raum für Träume eng. Auf die Frage, ob denn Träume besser nicht in Erfüllung gehen sollten, antwortet er nüchtern: "Nein, das Leben führt doch auch nirgendwo hin, alles muss offen bleiben. Alles muss weitergehen."

Auch das Schreiben!

   

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