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Hildes Geschichte - "Ich wünsch mir eine kleine Ursula!"

In welcher Situation erreichte Franz wohl die frohe Botschaft Hildes?

Während die großmäuligen Verlautbarungen des Völkischen Beobachters und des gleichgeschalteten Rundfunks weiterhin gebetsmühlenartig die kurz bevorstehende Kapitulation der Bolschewiken verkündete, ahnte zu Hause niemand, dass sich der Angriff der Wehrmacht vor Moskau totgelaufen hatte. Und erst Recht konnte sich niemand vorstellen, dass die Russen Anfang Dezember das Heft des Handelns in die Hand nehmen würden und bei genauer Betrachtung von da an vorwärts verteidigen würden, bis die rote Fahne mit Hammer und Sichel auf dem Reichstag in Berlin wehen würde.

Während Franz schon ahnte, welch inneren und äußeren Bedrohungen ihre Liebe ausgesetzt war, während er spürte, dass Hildes naive und wahnhafte Liebesblödigkeit an seinem Doppelspiel zerschellen musste, kämpfte Hilde wie eine Berserkerin um ihre Liebe. Natürlich hatte sie noch nicht die geringste Ahnung davon, was ihr Leben künftig unnachsichtig beeinflussen würde. Auch Franz mag um diese Liebe gekämpft haben und verlor dabei alles, vor allem sein Leben.

Wer hätte wohl ahnen mögen, dass vom 9. September 1941 an die Lunten gelegt waren, die bis weit in das 21. Jahrhundert hinein immer wieder für Schwelbrände sorgen würden. Und wer hätte wohl ahnen können, dass in der Familie Hildes alle Fundamente auf unsicherem Gelände gründen und dass jede neue Ordnung brüchig und fragil bleiben würde(n). Ein filigranes Gewebe aus Scham und Verleugnung, aus Verdrängung und falscher Rücksichtnahme, aus Loyalität und Eigensinn, aus Schuld und Sühne, würde fortwährend im Verborgenen schwelen.

Schon lange vor Weihnachten, Mitte Oktober quälten sich die Verbände der Wehrmacht mühsam durch den grundlosen Schlamm feindwärts. Der Zustand der Truppe hatte sich erheblich verschlechtert. Ein Teil der Mannschaften –wird berichtet – marschierte bereits in Schnürschuhen. Fälle von Krätze häuften sich. Die Trosse lagen weit hinten fest und die für die Stimmung so wichtige Feldpost war seit Wochen nicht mehr herangekommen.

               Wie sehr wurde die Post aus der Heimat ersehnt und ließ dennoch häufig genug wochenlang auf sich warten. Das Lebenszeichen aus der Heimat war für die Moral überlebensnotwendig. Für die Stimmung in der Truppe war es bitter, wenn die Feldpost wochenlang ausblieb.

Und für Franz mag die Situation wohl ähnlich gewesen sein.

Mit frischen sibirischen Eliteverbänden gelang es den Russen alle strategischen Absichten der deutschen Heeresführung zu unterlaufen und das Blatt Zug um Zug zu wenden. Erst am 23. Dezember um 13.45 Uhr, einen Tag vor Heiligabend kam für die Einheiten vor Moskau der Befehl, „Ursula“ sei durchzuführen, der Rückzug auf befestigte, winterfeste Stellungen.

Hildes Brief mag Franz wohl Anfang bis Mitte November – nach der Eroberung von Kursk und vielleicht auch schon der Einnahme von Tim, am 20.11.41, erreicht haben. Und Franz mag den Brief wohl auf seinem Herzen getragen haben bis zum Heiligen Abend, an dem unter dem Decknamen „Ursula“ der Rückzug in die Winterstellung begann.

Seit gut 6 Wochen mochte Franz wissen, dass er, der schon einen Sohn hatte, erneut Vaterfreuden entgegensah. In den mühsamen, aufreibenden Vorwärtsbewegungen, die vom 6. Dezember an zunehmend in unverhoffte und prekäre Abwehraktivitäten übergingen, gab es kaum einmal Gelegenheit zu sich selbst zu kommen; neben dem Überleben das Leben in den Blick zu nehmen. War die bewegliche, flexible Kampfführung lange das Signum einer das Geschehen bestimmenden Überlegenheit gewesen, so erhöhte – neben den unsäglichen, erst durch Schlamm und Morast, dann durch Schnee und abartige Kälte einschränkenden Bedingungen – die Überlegenheit des Gegners im Winterkampf den Druck auf die eigene Reaktionsfähigkeit in der jetzt aufgezwungenen Defensive.

Franz mochte auf die neuerliche Wende im Kriegsglück hoffen, mochte einfach glauben, dass Weihnachten schlicht eine Atempause bringen möge, so wie es uns die Divisionsberichte glauben machen wollen. Darin wird sozusagen in einem Gesamtresümee der Eindruck geweckt, alles sei weder so schlimm noch so dramatisch gewesen:

„Ohne echte Winterausrüstung wird der ‚letzte Sprung‘ bis zum Don versucht, wechselvoll ostwärts Schtschigry gefochten, von Mann und Fahrzeug das Letzte verlangt. Der Stoß der abgekämpften Division gelingt nicht mehr: Allein die mühsam aufgebaute Abwehrfront hält“.

Auf einer Doppelseite in Carl Hermanns Divisionsbericht finden sich – neben diesem Resümee – insgesamt 5 Fotos, die eine Vorstellung von der Härte des Winters 1941/42 in Russland erahnen lassen. Aber auch in einem weiteren Kommentar überwiegen besänftigende bis beschwichtigende Untertöne: „Die Spähtrupps müssen immer hinaus – selbst im täuschendsten Wintermärchen. Der Schütze, Kampfpionier oder Panzerjäger steht trotz aller Unbilden und Widrigkeiten.“ (28) Buch Jupp   Hildes Geschichte   final 2 page313 image156Und neben dem Foto eines mit Schnee bedeckten Panzers in einem Unterstand kommentiert Hermann:

„Die Besatzungen des PzRgts 33 sind glücklich, wenn ihr Wagen ein Dach über dem Kopf hat.“ (29)Buch Jupp   Hildes Geschichte   final 2 page313 image157

Vielleicht hatte auch Franz ein Dach über dem Kopf und hatte über Weihnachten Gelegenheit, Hilde, seinem Hildchen, einen langen Brief zu schreiben. Denn Franz hatte inzwischen von Hilde einen weiteren Brief und ein großes Päckchen erhalten. Die Päckchen der Familie aus Mistelbach sorgten im Übrigen dafür, dass Franz nicht nur doppelte Fürsorge erfuhr. Franz fand sich vielmehr in der gleichermaßen merkwürdigen wie komfortablen Lage wieder, ein Füllhorn mit so ersehnten Wohltaten wie Schokolade, Kuchen, Zigaretten, Wurstkonserven, einer Pelzmütze und Pelzhandschuhen über sich ausgeschüttet zu sehen. Franz sah sich dem Kraft- und Energiefeld zweier liebender Frauen ausgesetzt, dessen wärmende Mitte zuweilen eine regelrechte Hitze entfaltete; manchmal auch eine Gluthitze, die Franz den Schlaf raubte, wenn Gerda und Hilde ihm im Traum seine Kinder entgegenhielten.

Hilde hatte ihm geschrieben, wie sehr sie in ihrem künftigen Leben auf ihn setzte, ja in ihrer großen Not ihn beim Wort nahm, ihn heiraten und dem einen noch viele weitere Kinder folgen lassen wollte. Sie hatte sogar schon einen Namen – zumindest für den Fall, dass es ein Mädchen werden sollte: „Ich wünsch‘ mir eine kleine Ursula!“ Dieses Lied hatte es Hilde angetan und sie hatte es ständig im Sinn und auf den Lippen. Wie dringend hatten sie „Ursula“ die Rücknahme der Front in die Winterstellung erwartet und herbeigesehnt!?

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© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund