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Spurensuche I (4)

Gehen wir einmal – von 1988 aus gesehen – 28 Jahre rückwärts; wir landen im Jahr 1960, genauer im Juli 1960. Am 19. Juli 1960, an einem Dienstag, fährt Hilde mit ihren beiden Söhnen, Franz Josef und Wilfried, nach Flammersfeld, so ziemlich genau 18 Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Ursula. Die erste Frage, die sich heute stellt: „Was – um Himmels Willen – will sie dort in Flammersfeld?“ Die Erinnerungen des Schreibers dieser Aufzeichnungen sind dünn; hilfreich sind sechs Postkarten, die zum einen das Zeitfenster (19.7.-27.7.1960) exakt belegen, und die zum anderen etwas offenbaren über Umstände und Eindrücke dieser merkwürdigen Reise. Drei Karten sind adressiert an „Familie Theo Witsch“, jeweils eine Karte an „Familie Josef Lahnstein“, „Fräulein Ulla Witsch“ und „Herrn Theo Witsch“. Was am meisten irritiert, sind die Anreden, wobei die erste Karte (20.7.) an „Familie Theo Witsch“ einen rätselhaften, nicht mehr nachvollziehbaren oder irgendwie interpretierbaren Hinweis enthält (fett). Die Anrede irritiert, weil dem Schreiber dieser Aufzeichnungen die Anrede „Vati“ völlig fremd ist und in keiner Weise erinnerlich im Sinne einer alltäglichen Anrede (die lautete immer: Papa und Mama!) Da heißt es:

„Lieber Vati und Ulla, viele Grüße sendet Euch Mutti. Das geben 8 lange Tage. Franz-Josef sagte gestern Abend, da wäre er doch lieber zu Hause geblieben, immer nur spazieren gehen, das ist nicht das richtige. Im Schwimmbad ist kein Tropfen Wasser und spielen kann man auch nicht gehen. Jetzt gehen wir einen Ball kaufen, dann können wir wenigstens Fußball spielen. Der Herr mit Auto ist mir schon begegnet, war mir sehr peinlich. Nochmals Gruß Mutti.“

An ihre Eltern schreibt Hilde:

„Liebe Eltern! Viele Grüße senden Euch Hilde und Kinder. Hier kennt man sich nicht mehr aus. Flammersfeld ist noch 2-mal so groß, wie es war. Liebe Mutter, wie geht es Dir? Wenn es schlimmer ist, dann ruft mich vor 9 Uhr morgens an, die Nummer ist 286. Nochmals viele Grüße Hilde und Kinder.“

Am 21.7. gehen zwei weitere Karten nach Bad Neuenahr; eine an Herrn Theo Witsch und eine an Familie Theo Witsch:

Lieber Vati, heute regnet es in Strömen, als ob die Welt untergehen wollte, und ich sitze hier mit den Beiden auf dem Zimmer (ich möch zefoß no Kölle jon). Kannst Du Dir das vorstellen. Aber vielleicht regnet es sich heute aus und wir haben dann doch noch ein paar Tage schönes Wetter. Die Leute sind sehr nett und wir bekommen ein prima Frühstück: 6 Brötchen, Brot in Mengen, 1 Ei, Käse, Marmelade, drei Stück Butter. Die Kinder bekommen Kakao. Man könnte es hier schon aushalten. Aber es ist eben zu Hause doch am schönsten. Für heute viele Grüße an Euch beide Mutti.“

Eine mit Bleistift geschriebene Postkarte – liniert – habe offenkundig ich geschrieben:

Lieber Vati und Ulla! Ich wünschte es wäre schon Dienstag. Heute hat es fast den ganzen Tag geregnet. Mama hat uns heute Morgen Regenkeps gekauft. Eben haben wir ein Reh gesehen. Sonst sieht man hier nur Kühe und Ochsen. Was macht Hansi? Für heute viele Grüße von Franz Josef und Wilfried. Auch viele Grüße an Oma und Opa.

Am 22.7. schreibt Hilde an ihre Tochter:

Aus Deinem Geburtsort herzliche Grüße sendet Dir Deine Mutter und Geschwister. Hast Du auch schon Post von Deinem Ernst. Ich habe gedacht, wenn der Ernst Dir vielleicht nicht schreibt, will ich Dir wenigstens eine Karte schreiben. Für heute nun viele liebe Grüße sendet Dir Mutter.“

Und schließlich die letzte Karte vom 23.7. an Familie Theo Witsch:

Lieber Vati und Ulla! Bis jetzt haben wir noch nicht einen Tag ohne Regen gehabt. Wir sind es richtig leid. Abends liegen wir schon um sieben Uhr im Bett. Wenn man mit dem Zug von hier fahren könnte wären wir schon wieder zu Hause. Aber von hier fahren nur Busse und da hat Franz Josef zu viel Angst. Bis am Dienstag viele Grüße und Aufwiedersehen Mutter.“

Versuchen wir das Wesentliche festzuhalten und es in einen Verstehenshorizont aus heutiger Betrachtung einzuordnen: Vom 19. bis zum 27. Juli 1960 fährt Hilde mit ihren beiden Söhnen nach Flammersfeld im Westerwald, den Geburtsort ihrer Tochter. Diese Geburt ereignete sich – bezogen auf den 19. Juli 1960 genau 18 Jahre und 34 Tage zuvor. Auf der Karte, die Hilde ihrer Tochter schreibt, ist das Geburtshaus Ullas zu sehen, das sogenannte „Braune Haus“, das vier Geschossebenen aufweist, von denen drei auf der Postkarte eindeutig zu erkennen sind. Dieses sogenannte „Braune Haus“ beherbergte 1942 ein Entbindungsheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt – inzwischen ist es abgerissen. Bemerkenswert ist, dass Hilde die Karte mit dem Hinweis beginnt: „Aus Deinem Geburtsort …“. Ursula Witsch, geborene Lahnstein, bekam hiermit einen Hinweis, der ihr – nimmt sie ihn wörtlich – die Frage aufzwingt: „Warum bin ich nicht zu Hause bzw. in Bad Neuenahr geboren, sondern in Flammersfeld?“ Und genauso, wie sie all die kleinen Mosaiksteine gesammelt haben mag in ihrem Unterbewussten, wird sie diesen Hinweis abgespeichert haben auf der langen Liste von Fragen, die sich mit ihrer Zeugung und Geburt verbinden: „Wieso Flammersfeld – am 5.6.1942? Da war meine Mutter nicht einmal 18 Jahre alt!“ Dass Flammersfeld jene wendepunktspezifischen Qualitäten repräsentiert, die Niklas Luhmanns Lebenslauf-Definition entsprechen, wird in unmittelbarer Zukunft eine weitere markante Besonderheit offenbaren. Luhmann bemerkt ja in seiner unvergleichlich trockenen Diktion: „Die Komponenten eines Lebenslaufs bestehen aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen.“ Und die Postkarte an ihre Tochter enthält weiteren Zunder, und man ist geneigt, Hilde zu unterstellen, dass sie hier bewusst zündelt: „Hast Du auch schon Post von Deinem Ernst? Ich habe gedacht, wenn der Ernst Dir vielleicht nicht schreibt, will ich Dir wenigstens ein Karte schreiben.“ Stand die Beziehung zu jenem Ernst, der der Vater ihres Sohnes Michael werden sollte, soeben auf der Kippe? War es jener Sommer, den Ernst mit einem Freund in Dänemark oder Schweden verbracht hat, um sich die Hörner abzustoßen – seine Erzählungen sind legendär!? Das Zündeln hatte zwiespältige Folgen. Hilde hat gewiss weder damit gerechnet noch davon geträumt, dass es ihre Tochter ihr gleichtun würde, sich nämlich zu einem vergleichbar frühen Zeitpunkt schwängern zu lassen – irgendwann im März 1961, noch mit 18 – wenige Monate vor ihrem 19. Geburtstag. Am 14. Januar bringt sie ihrer Mutter den vielleicht – nein, den ganz sicher – innig begrüßten Enkelsohn zur Welt.

Aber bleiben wir zunächst in Flammersfeld – im Juli 1960! Das Entbindungsheim der NSV war unversehrt. Hilde ist gewiss an diesen Ort zurückgekehrt. Meine Erinnerung mag mich trügen, aber es gibt verschwommene Bilder, die mir zumindest einen Besuch signalisieren. Was zum Teufel hätte unsere Mutter genau an diesen Ort zurückführen sollen, wenn nicht die Hoffnung den ein oder anderen Akteur, die ein oder andere Beteiligte aus jenen Wochen ihrer Obhut im Heim der NSV wiederzusehen? Und welcher Herr ist ihr begegnet? Und warum war ihr diese Begegnung peinlich? Die Postkarten hat im Übrigen meine Schwester aufbewahrt, meine Schwester, die – nachdem sie gebenedeit war unter den Frauen – ihren Ernst heiratet auf dem Standesamt jenes Ortes, in dem sie das Licht der Welt erblickt hat – in Flammersfeld!

Eine Ironie am Rande all dieser Merkwürdigkeiten ergab sich  40 Jahre später bei der Rekonstruktion des Einsatzweges von Franz Streit in der Deutschen Wehrmacht. Wäre F.S. nicht im September 1943 gefallen, hätte er sich mit dem Stab seines Stammregiments (Panzerregiment 33 der 9. PD) am 15.3.1945 in Flammersfeld wiedergefunden. In den Regimentsunterlagen findet sich zum 15.3.1945 folgender Vermerk: „Die rückwärtigen Teile der Abteilung verlegen über Altenberg – Benzberg – Overath – Much – Schönenberg – Eitorf und Kircheib nach Mehren. Stab über Benzberg – Gummersbach – Auchel – Waldbröl – Wissen – Roth – Hamm – Lenscheid und Weyerbusch nach Flammersfeld.“ Quartier war mit Sicherheit das sogenannte „Braune Haus“, das seine Aufgabe als Entbindungsheim zu diesem Zeitpunkt gewiss schon hatte aufgegeben müssen. Franz Streit, der Hilde zuletzt und seine Tochter zum einzigen Male im Juni 1942 in Flammersfeld gesehen hatte, gehörte da bereits zu den Gefallenen seines Stammregiments, dem er seit der Aufstellung der Division angehört hat.

Es ist müßig über die Motive Hildes zu diesem einwöchigen Urlaub in Flammersfeld zu spekulieren. Dem Verfasser dieser Aufzeichnungen ist erst spät – eigentlich erst im Alter – die unaufgelöste Spannung bewusst geworden, in der Hilde lange gelebt haben muss, und die sie möglicherweise auch dazu veranlasst hat einer Heirat mit Theo erst so spät zuzustimmen. Gleichermaßen unbeantwortet bleibt die Frage, welcher Mann Jahr um Jahr sein Werben aufrechterhalten hätte – gegen alle bedeutsamen Anderen, vor allem gegen die eigene Mutter? Und mit der Heirat war das Menetekel nicht aus der Welt geschafft, dass irgendeines ungewissen Tages Franz Streit auftauchen könnte, um seine Tochter zu sehen und was sonst noch für Motive im Schilde zu führen. Die letzten Heimkehrer wurden 1955 aus russischer Gefangenschaft entlassen! Und da Franz Streit Hilde gegenüber eingestanden hatte, bereits verheiratet zu sein und ein Kind zu haben, lebte sie schlicht in der Ungewissheit über Franzens Schicksal nichts zu wissen. Hilde hat – nach eigenem späten Bekunden – alles vernichtet bzw. verbrannt, was mit Franz Streit zu tun hatte und was sie an ihn hätte erinnern können. Dass Franz Streit den Heldentod gestorben war und nicht nur einen Sohn, sondern derer zwei hatte, würde erst ihre Tochter 60 Jahre später ans Tageslicht befördern. Jahre, nachdem ihr Bruder Wilfried auf dem Weg nach Österreich mit dem Flugzeug abgestürzt war, würde Ursula in Wien (Gert) und in der Nähe von München (Werner) zwei weitere Brüder finden und so ein neues Kapitel ihrer ganz persönlichen Familiengeschichte aufschlagen.

Ein Schisma der Moderne liegt ganz gewiss in der Möglichkeit einer wirksamen, verlässlichen Empfängnisverhütung begründet. Die Zulassung der Pille in den sechziger Jahren bedeutet ein radikal neues Kapitel in der Beziehung von Frau und Mann. Während sich Hilde mit ihrer gänzlich ungewollten und ungeahnten Schwangerschaft tatsächlich einer Todsünde schuldig machte und den vollen Preis dafür bezahlte, bedeutete die Schwangerschaft ihrer Tochter ein deutlich geringeres Maß an Tragik, da ja immerhin der erfolgreiche Schütze aus der ersten Reihe in die Pflicht genommen werden konnte. Die Tragik war gewissermaßen eine nachgetragene, weil Ehen – ausschließlich auf den Tatbestand eines erfolgreichen Beischlafs gegründet – ihre eigenen Hypotheken mit sich schleppen. Weitere Schwangerschaften blieben dem Paar dann auch erspart, bevor die Ehe sich schließlich überlebte und vor dem Scheidungsrichter endete. Dem Prinzip der Generativität war genüge getan und die junge – überaus junge Großmutter – sorgte, so wie das gesamte familiale Umfeld dafür, dass der Enkel beste Startbedingungen für sein künftiges Leben erfuhr. Die lebensprägenden Umstände und die richtungsweisenden Lebensentscheidungen dieses Enkels werden – aus der puren Beobachterhaltung seines Onkels – noch eine raumgreifende Aufmerksamkeit erfahren. Alle in die Verantwortung bzw. das Geflecht von Erziehung und Beziehung einbezogenen – meinetwegen auch verstrickten – Akteure hatten bzw. habe ihre Sicht auf die Familiendynamik, die sich aus all den bereits erwähnten Hypotheken und Belastungen gleichermaßen ergeben. So wie der Schreiber dieses Berichts versucht eigene Spuren aufzudecken (und wo aufgedeckt wird, geht es immer auch um Verhüllung), kann – was den Enkel von Hilde und Franz Streit anbelangt – nur der Enkel selber etwas Licht ins eigene Dunkel tragen – wie er vor Jahren einmal meinte, ganz im Interesse seiner Kinder.

Wir machen uns Gedanken darüber, wie Menschen in dieses Leben hineinfinden, um irgendeines ungewissen Tages daraus wieder zu verschwinden. (2)

Warum sollte man sich darüber Gedanken machen, wie Menschen in diese Welt kommen? Das ist doch das Selbstverständlichste und Normalste überhaupt!? Einerseits ist dies gewiss nicht von der Hand zu weisen. Und am Abend dieses trüben Märztages im Frühjahr 1979 wurde ganz gewiss der Möglichkeit erheblichen Vorschub geleistet, dass aus einer Verbindung dieses liebesblöden, verrückten Einbrechers mit der schönen, weltentrückten Moselperle Kinder hervorgehen könnten – vielleicht zwei Mädchen, deren Vornamen mit L. und mit A. beginnen könnten. Und – besessen von Generativität – wäre es nicht gänzlich ausgeschlossen, dass aus den beiden irgendwann sogar Omma und Oppa würden!?

Während Claudia alles richtig gemacht und sich in der Männerwelt umgesehen hatte, versuchte der nicht mehr ganz junge Hasardeur – wie weiter oben eindrücklich geschildert – soeben seine Freiheit zurückzugewinnen, um sie im gleichen Augenblick wieder zu verpfänden. Geht alles seinen Gang, finden sich die generativitätsverheißenden Keimzellen im besten Falle wie von selbst. Von außen betrachtet mag sich das Verknüpfen zueinander passender Fäden im Einzelfall zuweilen abstrus und irritierend ausnehmen. Schenkt man Biologen, Endokrinologen, Physiologen (insbesondere in Gestalt von Geruchsforschern) Glauben, hat die Natur in der Regel ihre Finger im Spiel. Vor zweieinhalbtausend Jahren hatte Platon mit seiner Vorstellung der beiden komplementären Hälften bereits eine idealisierte Variante dieser Paarungsidee in die Welt gebracht. Zu der Annahme, oder im besten Fall der gemeinsamen Überzeugung, dass sie nicht zueinander passen, - möglicherweise sogar eklatant ungeeignet füreinander sind – kommen Menschen häufig erst nach Jahren, manchmal erst nach Jahrzehnten des Zusammenlebens. So beiläufig, wie es ein Soziologe von Weltrang (Niklas Luhmann) formulierte, dass man sich nämlich unter Umständen nach der Scheidung als jemand wiederfinde, der das erreicht hatte, was er sich gewünscht hatte, und dann einsehen musste, dass es nicht so gut war, wie er gedacht hatte, erleben viele Trennungswillige und Trennungsgeschädigte das Zusammenkommen und das Auseinandergehen nicht! Die Bedingungen und Varianten solcher Vorgänge sind unendlich, wenngleich sich grobe Muster erkennen lassen:

  • Die Liebe auf den ersten Blick – zwei Menschen vergucken, verbinden, verstricken und verbandeln sich miteinander. Manchmal geht das gut und aus Liebe wird liebevolle Partnerschaft, häufig verbunden mit der Gründung einer Familie und der Zugehörigkeit zu einer Sippe. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben/lieben sie noch heute.
  • Einer verliebt sich und gibt nicht eher auf, bis ihn der/die andere erhört. Damit beginnt entweder eine Erfolgsgeschichte, man traut sich (oder auch nicht) und geht gemeinsam durchs Leben. Oder der Anfang vom Ende nimmt seinen Lauf und man erlebt, was der eine geahnt und der andere nicht sehen wollte/konnte.
  • Zwei Menschen sind befreundet – vielleicht beste Freunde – und nach und nach oder auch mit einem Mal gesellt sich zur Philia der Eros. Zur Frage, ob die beiden miteinander klar kommen (können), könnten vielleicht Harry und Sally etwas sagen!
  • Zwei Menschen verlieben sich unsterblich ineinander. Aber sie scheitern letztlich daran, dass die Einsicht, dass das Herz seine Gründe hat, welche der Verstand nicht kennt, von beiden völlig gegensätzlich ausgelegt wird: Der tragischste aller Widersprüche auf dieser Ebene resultiert aus der ausweglosen Klemme, dass der eine Kinder will und der andere nicht (übrigens der einzige Grund, aus dem nach katholischer Rechtsauslegung das heilige Sakrament der Ehe aufgelöst werden darf). Expertin auf diesem Gebiet ist Eva Illouz!

Es ist wohl kaum anzunehmen, dass vor allem junge Menschen sich über solche Unterschiede Gedanken machen, zumal all diese Varianten sich in einer Welt zutragen, die sich in der sogenannten Moderne Phänomenen verdanken, die sich Aufklärung und Emanzipation nennen. Schaut der Schreiber – zugegeben nun selber schon alt – nur auf seine Eltern, dann wird er auf ganz andere Phänomene stoßen, die das schiere Gegenteil von Aufklärung und Emanzipation bedeuten.

Das Wissen darum, wie Kinder in diese Welt kommen – Der absolute Zufall der Geburt (3)

Allein das Wissen darum, wie Kinder gemacht werden, war in dieser Welt mit einem Tabu belegt. Die junge Frau, die nun in Erscheinung tritt, hätte mit der Unterscheidung, ob man ein Kind will oder ob man Sex will, gar nichts anfangen können. Es gab nicht einmal eine Sprache dafür – geschweige denn Ansprechpartner, solche Unterschiede bedenken oder gar besprechen zu können. Auch Sex haben zu wollen war beispielsweise zu Beginn der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ganz sicher nicht das erklärte Ziel einer eben erst siebzehnjährigen jungen Frau. Und wenn sie noch geahnt hätte, dass das, was sie irgendwie wollte, von dem sie aber so ganz und gar nicht wusste, wie es sich zutragen würde und dass es gar dazu führen kann – und in ihrem Fall sogar unabwendbar dazu führte –, ein Kind zu empfangen, dann wäre die Schwester des Chronisten niemals geboren worden; und so auch nicht ihr Sohn und ihre Enkelin. Wie segensreich doch auch Unwissen sein kann!? Niklas Luhmann hat dafür nur die lapidare Bemerkung übrig, dass die Geburt zwar als Faktum deklariert und in der Regel beurkundet wird, dass sie aber – berücksichtige man, wie es dazu gekommen ist – einen extrem unwahrscheinlichen Zufall darstelle. Und ganz sicher markiert es einen extrem folgenreichen Umstand, wenn infolge des Unaussprechlichen ein Mädchen geboren wird, das seinen Vater niemals kennenlernen wird. Und mehr noch müssen die ursprünglichen Geschehnisse darüber hinaus abgeschattet und im Dunkel bleiben, so dass selbst der Vermerk: „Vater unbekannt“ in der Geburtsurkunde lange unbemerkt bleibt und im Familienarchiv mit einem radikalen Tabu belegt wird. Das hat Folgen, so wie die Tatsache Folgen hat, dass diesem Mädchen zwei Brüder – zwei halbe Brüder – geboren werden, deren Startbedingungen in dies Welt sich in so ganz anderer Weise ausprägen werden.

Exemplarisch mag dies daran greifbar werden, dass eine ungewollte – eine persönliche und familiäre Tragödie auslösende – Schwangerschaft für alle Beteiligten etwas völlig anderes bedeutet als eine erhoffte und mit Kräften ersehnte Schwangerschaft. Dies alles hat der Schreiber zehn Jahre nach dem Tod der Mutter in Hildes Geschichte bereits aufgeschrieben. Ungewöhnlich bis heute erscheinen die Bindungskräfte, die einerseits zwei Wunschkinder – beides Söhne – in starker elterlicher, auch mütterlicher Loyalität halten, die aber gleichzeitig eine starke geschwisterliche Bindung unter allen dreien von der Mutter geborenen Kindern erkennen lassen. Die Tragik dieser singulären Familiengeschichte, die so exemplarisch für ihre Zeit ist, hat viele Facetten: Der Preis, der für ein relativ normales Familienleben zu entrichten war, lag einerseits in der Schweigespirale begründet, die die Mutter-Tochter-Beziehung ganz offenkundig ein Leben lang belastet hat. Andererseits wuchsen zwei Söhne heran in einem familialen Fluidum, dass ebenso offenkundig dazu angetan war, diesen Söhnen eine Haltung zu vermitteln, die alle Formen der Ausgrenzung ausschlossen, eine paradox anmutende Formulierung, die auf sanfte Weise Loyalitätskonflikte andeutet, die auf ganz und gar originelle Weise einen Ausweg finden würden.

Kann man angesichts des historischen Weltbebens in Gestalt der NS-Terror- und Gewaltherrschaft unbefangen von einem kleinen Glück im großen Unglück sprechen? Begründet in den Umständen und dem Ort der Geburt der Tochter im Juni 1942 – genau vier Wochen vor dem 18. Geburtstag der Mutter? Das Heim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) Flammersfeld im Westerwald bot seinerzeit den absolut geschützten Raum mit geburtsvorbereitender und –begleitender Expertise auf der Höhe der Zeit. So kam ein gesundes, kräftiges Mädchen zur Welt, in dessen Geburtsurkunde aber bereits der Vermerk „Vater unbekannt“ lebensbestimmend werden sollte. Zwar in der Welt zu sein, aber in der Welt zu sein als Ausdruck eines vom Zeitgeist und den mörderischen BeobachterInnen in der Heimat immer wieder signalisierten Ausdrucks der Schande – im Übrigen auch eine Botschaft, die der Großvater der werdenden Mutter mit auf den Weg nach Flammersfeld gegeben hatte – das ist doch eine starke Hypothek!? Und dass zwischen der eigenen Geburt und der Geburt des ersten Bruders in Bad Neuenahr, mit der ich selbst das Licht der Welt erblickte, immerhin zehn Jahre liegen, mag ein äußeres Zeichen dafür sein, dass der Weg zurück in die zivilisierte Gesellschaft – für Ursulas Mutter in Gestalt der Enge einer streng katholischen Spießerwelt ein steiniger war. Ausspucken vor der verkörperten Schande und die üble Nachrede, die sich in Lauterkeit und moralischer Überlegenheit gebärdete, gehörten wohl anfangs zu den alltäglichen Formen der Ausgrenzung. Und diese Ausgrenzung vollzog sich auch im unmittelbaren nachbarschaftlichen Kontakt.

Die einzige vollkommene Ausnahme von diesem, in christlicher Lauterkeit geführten Exklusionsfeldzug manifestierte sich ausgerechnet in Gestalt des Nachbarsohnes. Er allein begann – vor allem auch gegen die eigene Mutter – schon früh seinen eigenen Feldzug zur Eroberung einer geschliffenen Festung. Diese Festung erwies sich vor allem deshalb als schier uneinnehmbar, weil es zur Entfernung der Trümmer, die sich da angehäuft hatten, kein geeignetes Werkzeug gab. Der Schreiber dieser Zeilen spricht andernorts von dem dicken Brett, das sein Vater, Theo Witsch, über viele Jahre gebohrt hat. Seine unendliche Geduld und Ausdauer führte gut sechs Jahre nach der Geburt Ursulas zur Heirat von Hilde und Theo – am 21. August (standesamtlich) bzw. am 18. September 1948 (kirchlich). Da musste sich die kleine Ursula – kurz nach der Einschulung – nicht mehr auf einen vollkommen fremden Mann einstellen, der zwar nicht ihr Vater war, der aber offenkundig schon lange vor der Heirat sein Herz geöffnet hatte für ein Mädchen, dass er dann an Vaters Stelle annahm, und dem er – dafür gibt es keine beredtere Zeugin als jenes Mädchen selbst – ein über die Maßen geliebter (Stief-)vater wurde. Vielleicht ist dies schon die Stelle, an der der überlebende der Brüder Zeugnis ablegen sollte über eine ungewöhnliche Integrationsleistung eines 1922 geborenen Mannes, der seine Jugend, ein Stück seiner Unbefangenheit und seine Gesundheit jenen verbrecherischen Hasardeuren opfern musste, die Europa und die Welt mit Terror und Krieg belegten. Auch er – der nur eineinhalb Jahre ältere Nachbarssohn hatte natürlich keinen Zugang zu dem, was sich in den späten August- und frühen Septembertagen 1941 in Bad Neuenahr zugetragen hatte und ihm schon eine Vaterschaft bescherte, bevor ihm eigene Kinder geboren wurden.

Der Schreiber hat sich sein Leben lang professionell mit der Frage auseinandergesetzt, was man wohl als zuträgliche Bedingungen für einen nachhaltigen positiven Start in sein eigenes Leben betrachten kann. Neben den Schlüsselkategorien Geborgenheit und Zugehörigkeit konnte er die Idee der bedingungslosen Liebe vor allem in Gestalt stetiger liebevoller Zugewandtheit nicht nur in der Theorie als notwendige Bedingungen ausmachen, sondern sie entsprachen auch vollkommen der erfahrenen Praxis im eigenen familialen Umfeld. So hatten die beiden Brüder stets guten Wind im Rücken. Die Schwester hingegen stand primär unter dem Schutzpatronat ihres Stiefvaters, von dem die Brüder erst spät begriffen, dass er nicht Ursulas leiblicher Vater war bzw. sein konnte. So hatten das Familiengeheimnis und das damit verbundene Tabu durchaus auch positive Seiten. In der Gestalt der Schwester – immerhin zehn bzw. fast vierzehn Jahre älter als ihre Brüder – wuchs eine starke, widerborstige, eigensinnige Persönlichkeit heran, die über ein außerordentliches Maß – heute würde man sagen – an Resilienz verfügt. Wer früh um Status und Anerkennung kämpfen muss, ist in seinem Leben eigentlich zu fortgesetztem und möglicherweise auch finalem Scheitern prädestiniert. Dass die Schwester standhielt, nie resignierte und immer – bei allen Rückschlägen und Widrigkeiten in ihrem Leben – Lebenswillen bewies und Lebenslust sich gestattete, macht sie bis heute zu einem besonderen und außergewöhnlichen Menschen. Bei aller selbstbezogenen und kämpferischen Ausrichtung der eigenen Lebensenergie – und ziele lässt sich ein Übermaß an Verantwortung und Empathie erkennen – dies umso ausgeprägter, je älter sie wird; unglaublich angesichts der frühen soziologischen Definition von Benachteiligung: katholisch, ländlich, weiblich – so definierte Erwin K. Scheuch (Kölner Soziologe) in den 50er Jahren die Situation katholischer Mädchen auf dem Lande, zumal im erzkatholischen Rheinland! So lernen wir eminent praktisch und aus Erfahrung heraus den gravierenden Unterschied zwischen formaler Bildung und Herzensbildung.

Bleibt an dieser Stelle noch zu erwähnen, dass – so ganz anders als 1941 – die Bemühungen um (erneute) Schwangerschaft einem mühsamen Geduldsspiel gleichkamen. Franz Streit, dem leiblichen Vater des am 5.6.1942 geborenen kräftigen, gesunden Mädchens, hatte ein einziger Beischlaf genügt, um das Leben anzustoßen; ganz und gar ungewollt, unerwartet, aber billigend in Kauf nehmend, dass jenes Erweckungsgeschehen am 9. September 1941 in Remagen aus Hilde nicht nur eine Frau, sondern eine Frau machen würde, die fortan in guter Hoffnung sein würde, bis sie ihre Ursula hineinbefördern würde in den beginnenden Untergang, dessen Bilanz auch den finalen Blutzoll des Franz Streit am 23. September 1943 (gefallen im Dnjeprbogen bei Saporoshje) ganz selbstverständlich und beiläufig registrieren würde; eine Tatsache im Übrigen, die Hilde und seiner bzw. ihrer Tochter erst mehr als 60 Jahre nach Franzens Tod erreichen würde.

Fast 80 bzw. 70 Jahre nach diesen Ereignissen vermag man vielleicht deutlicher sehen, wie folgenreich sich Schwangerschaften im sozialen Umfeld auswirken: Kam die erste Schwangerschaft denkbar zu früh und ungewollt, so kam die zweite, herbeigesehnte und -herbeigebetete Schwangerschaft eigentlich – und auch zum großen Bedauern des Zweitgeborenen – zu spät. Zu spät, wofür? Eine der immer wieder erzählten Geschichten geht so, dass der Vater Theos und Schwiegervater von Hilde und Großvater von Franz Josef (und Wilfried) nach dem Tod seiner Frau (drei Wochen vor der Hochzeit von Hilde und Theo) keinen Lebensmut mehr hatte – man würde heute von einer durch den Verlust der Ehefrau ausgelösten Altersdepression sprechen. Zweimal hatten die beiden dem Vater mitgeteilt, dass Hilde sich in guter Hoffnung befände; beide Male kam es zum ungewollten Abbruch der Schwangerschaft. Endlich dann bei der dritten Schwangerschaft wollte man die Lehre ziehen und solange warten mit der frohen Botschaft, bis die Schwangerschaft auch stabil und aussichtsreich erschien. Der (Schwieger-)Vater hat – bevor er davon erfahren hat, so geht die Geschichte – dann bei der Fango-Produktion wohl bewusst und willentlich giftige Abgase eingeatmet und ist vor der Geburt seines ersten Enkels gestorben. Der zweite Enkel kam dann 1955. Die Familienplanung war damit abgeschlossen, und fortan lebten die fünf miteinander solange, bis der Tod die Eheleute schied.

Am 24. April 1988 – im Alter von 65 Jahren – starb Theo innerhalb einer Woche an den akuten Folgen eines Herzinfarkts. Zehn Tage zuvor hatte die Familie Theos 65sten Geburtstag in Bad Bodendorf noch groß gefeiert – den Vater auf gutem Wege wähnend. Die Feier ist allein aus einem einzigen Grund besonders zu erwähnen, weil dem Schreiber dieser Zeilen Jahre später beim Anschauen eines Videomitschnitts auffiel, dass zu diesem Festakt keiner der Söhne das Wort genommen hatte, sondern dass die Schwester die Laudatio hielt und dies in beeindruckender Bestätigung des Bekenntnisses, sich keinen besseren Vater vorstellen zu können. Jahrzehnte nach dieser Geburtstagsfeier wirkte dieses Bekenntnis noch einmal wie die verdrängte Bestätigung eines filigranen sozialen Gebildes, in dem der Vater auf unmissverständliche, gleichwohl diskrete Weise der entscheidende Integrationsmotor war.

Dies ist sicherlich umso bedeutsamer, als nach dem Tode Theos die Tochter – zuerst zaghaft, dann aber konsequent und rückhaltlos – damit begann die Frage nach ihrer (väterlichen) Herkunft zu stellen.

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund