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Podcast Ep.30: Totenrede für Prof. Dr. Rudi Krawitz

Lieber Rudi,

Du hast Deinem Leben am 1. September 2025 ein Ende gesetzt, ohne dass wir uns verabschiedet haben. Am 25. Juli – bei unserem letzten Treffen an der Kehrkapelle, hoch über der Mosel – hast Du noch einen überaus lebendigen Eindruck hinterlassen. Du hast uns einiges mit auf den Weg gegeben, das rückblickend wie ein Vermächtnis wirkt. Darauf werde ich zurückkommen.

Zuerst aber stelle ich Dir RedHotChillyJupp vor – der hätte Dir über alle Maßen gefallen; vor allem, weil er es nun übernimmt, unseren Job weiterzumachen.

In Deinem Abgang warst Du radikal inkonsequent und hast für eine breite Öffentlichkeit im Mitteilungsblatt der DGHS eine letzte Spur gelegt, während Du Dir offenkundig alles öffentliche Gedenken verbeten hast. Die Spuren, die Du hinterlassen hast bleiben gegen diese selbstgewählte posthume Marginalisierung gleichwohl überaus mächtig. Rainer Maria Rilke, Peter Sloterdijk, Alexander Kluge, Peter Härtling und Dietmar Kamper werden uns heute auf unserem letzten gemeinsamen Wandern auf dem Feldweg begleiten. Ja, auch Martin Heidegger, zu dem Du ein so zwiespältiges Verhältnis hattest, ruft uns ein letztes Mal zu:

„Spricht die Seele? Spricht die Welt? Spricht Gott? Alles spricht den Verzicht in das Selbe. Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen. Der Zuspruch macht heimisch in einer langen Herkunft.“

Unser gemeinsamer Weg begann 1994. Und von Beginn an hat der Tod das Band gewoben, das uns bis heute miteinander verbindet. Im Nachgang zum 21. Juni 1994 hast Du mir – wir waren ganz selbstverständlich noch beim „Sie“ zum Tod meines Bruders kondoliert. Zeitgleich hatten wir an der Uni Koblenz unseren Dienst angetreten – Du als mein Chef und Leiter des Instituts, ich als Dein Mitarbeiter. Drei Jahre später, uns verband da schon der Weg in eine ungewöhnlich tiefgründige Freundschaft, musste ich Dir mein Beileid zum Tod Deines Sohnes Björn aussprechen. Knapp zwanzig Jahre später sind wir auf den Höhen des Odenwaldes tief in den Hades hinabgestiegen und haben Abschied von Andreas genommen; Andreas, Dein jüngster Sohn, der uns um ein Haar zu Schwiegerväter-Pendants gemacht hätte, und der – wie Björn – im Alter von 29 Jahren einen Autounfall verursacht hat, bei dem er zu Tode gekommen ist. Es war ein unerträglich heißer Tag Anfang September 2016, an dem wir den bitteren Trank aus der Gewärtigung der Todesumstände von Andreas geleert haben. Wir haben dem Unfallwrack die persönlichen Sachen Andresa‘ entnommen, uns den persönlichen Eindrücken und Schilderungen eines Ersthelfers ausgesetzt und hoch oben an der Unfallstelle den Unfallhergang minutiös durch Abfahren der Unfallstrecke auf uns wirken lassen.

Auf diese Weise hat uns Rainer Maria Rilke von Beginn unserer Freundschaft an jene Reime eingemeißelt, mit denen wir uns immer wieder und unverhofft auf schreckliche Weise konfrontiert sahen: „Der Tod ist groß, wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.“ (Das Buch der Bücher)

Dein begleiteter Suizid hallt nach. Und ich hätte mir gewünscht – wie wir es gemeinsam schon 2015 mit Peter Hintze erhofft hatten -, dass der Gast nicht zugleich auch Koch sein muss; dass tatsächlich gänzlich freie Berater und Begleiter ermessen können sollten, welche Ausgangslage den Sterbewillen eines Sterbewilligen ausmacht, und dass die Assistenz zu einem Suizid darauf beruhen könne, ohne jegliche geldwerte Implikation zu handeln. Das haben wir bis heue nicht erreicht

2015 plädierte Peter Hintze in der Sterbehilfe-Diskussion vor der Bundestagsabstimmung am 6. November dafür, Sterbenskranken einen ärztlich assistierten Suizid zu ermöglichen, und legte mit Karl Lauterbach und Carola Reimann (beide SPD)[13] einen entsprechenden Gesetzentwurf vor. Damit stellte er sich gegen Hermann Gröhe und eine Mehrheit innerhalb der Unionsparteien.[14] In einem Interview mit Christ und Welt sagte Hintze, Gott habe „uns geschaffen, damit wir unser Schicksal selbst bestimmen“, niemand könne verlangen, das Leid auszuhalten, weil Christus es am Kreuz genauso gemacht habe: „Wir sind nicht Jesus“.[15] Für sich selbst, seit 2013 mit einer Krebsdiagnose behaftet, schloss er einen solchen Weg aber aus.

So bitte ich Dich heute darum, Dich doch mit Alexander Kluge noch einmal ins Benehmen zu setzen. Denn möchte ich – so wie Du mich und alle anderen zurückgelassen hast – auch nur annähernd verstehen, was Dich zu diesem radikalen Schnitt veranlasst hat, dann führt eine Spur eben zu Alexander Kluge (seit dem 25. März 2026 bewegt Ihr Euch gemeinsam auf der anderen Seite). Alexander Kluge gibt in einem Interview mit Denis Scheck am 14.2.2012 anlässlich seines 80sten Geburtstags folgendes zu bedenken:

„Sehn sie, wenn die Zeiten sich so verdichten und beschleunigen, dass sie unheimlich sind - wenn die zeiten sozusagen zeigen ein Rumoren der verschluckten Welt, als seien wir im Bauch eines Wals angekommen... wenn das alles so ist, dass man sich wie im Bauch eines Monstrums fühlt, dann kommt es darauf an sich zu verankern. Es ist am leichtesten sich zu verankern, in dem, was wir in uns tragen! Sehen Sie, wenn wir beide unsere 16 Urgroßeltern nehmen - unter der Zahl werden wir nicht geboren sein - dann können sie sagen, die sind so extrem verschieden und wussten so wenig, in welchen Körpern sie einmal zusammen kommen werden, dass wir eigentlich denken müssten, bei uns müsste Bürgerkrieg herrschen."

Wenn ich nun fortfahre und allein unsere letzte Zusammenkunft auf der Kehrkapelle als Referenzpunkt nehme, dann zeigt sich, wie sehr dieser „Bürgerkrieg“ Dich in der Tat als veritabler Krieg innerlich zerrissen hat. Die Verankerung in dem, was wir in uns tragen – insbesondere mit Blick auf Deinen geliebten und dennoch monsterhaft in Dir präsenten Nazi-Großvater – ebenso mit Blick auf Dein leicht verächtliches Vaterbild als das eines „Schwächlings“ hatten jeder Idee einer heilsamen Verankerung einen harten Riegel vorgeschoben. So wie Deine Kinder und Enkel auf der Suche und vielleicht mit der Sehnsucht nach Verankerung einen unwegsamen Pfad beschreiten (mussten) und noch beschreiten. Wortwörtlich hast Du zuletzt – wie viele Männer - Dein Bedauern mit Blick auf ein „schwanzgesteuertes Leben“ offenbart. Für Dich und alle, die Dir verwandtschaftlich verbunden sind, hast Du immer wieder Joseph von Eichendorffs Aphorismus bemüht: „Wir sehnen uns nach Hause und wissen nicht wohin.“ Das ist wohl der Grund, warum die Rainer Maria Rilke auf so besondere Weise den bitteren Weg gewiesen hat. Immer wieder hast Du ihn aus dem Buch der Bilder jene Zeilen sprechen lassen, die Dir so sehr auf Leib und Seele geschrieben waren:

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wandern, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Ein Geistesriese, wenige Jahre jünger als Du, dessen scharsinnige Analysen uns Mal um Mal begeisterten, hat Dir vor Augen geführt, wie man ein Leben in dieser Spannung auszuhalten vermag. Oder wie man eben letztlich – wie in Deinem Fall - nur noch einem finalen Ausweg folgen konnte:

„Du musst dein Leben ändern!“ Peter Sloterdijk spricht von der Vertikalspannung, in die wir eingebunden, in die wir verstrickt sind, und die Dir zuletzt den Imperativ nahegelegt hat: Du musst Dein Leben beenden! Bei unserem letzten Zusammentreffen auf der Kehrkapelle hast Du uns noch einmal teilhaben lassen, an den schmerzhaften Erkenntnissen und Einsichten, die Du gemeinsam mit einem Freiburger Historiker zu Tage gefördert hast: Sie zeigen die Verstrickungen des von Dir geliebten Großvaters in die Ermordung eines polnischen Zwangsarbeiters in Brombach auf.

(Rolf Hochhuth hat sie in seinem Roman „Eine Liebe in Deutschland“ thematisiert.  Er handelt von einer verbotenen Liebe zwischen der deutschen Gemüsehändlerin Pauline Krop und dem polnischen Zwangsarbeiter Stanislav Zasadek zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Geschichte beruht auf einem authentischen Fall. Das Ende ist tragisch: Die verheiratete Deutsche wird wegen ihrer Romanze mit der Einweisung ins KZ Ravensbrück bestraft, der junge Pole wird zum Tode verurteilt und erhängt. Ort der Handlung ist das südbadische Dorf Brombach (Lörrach) nahe der Schweizer Grenze. Die Handlung spielt 1941. Auf der Romanhandlung basierend hat Andrzej Wajda Eine Liebe in Deutschland verfilmt. Er 1983 wurde er auf der Biennale in Venedig uraufgeführt.)

Ich gehe an dieser Stelle so weit, festzuhalten, dass – man stelle sich die angedeutete Vertikalspannung, von der Peter Sloterdijk spricht, als armdickes Tau vor – und dass dieses Tau in übermäßiger, unerträglicher Spannung zerreißen würde.

Dein Entsetzen und Deine Abscheu, lieber Rudi, noch am 25. Juli hoch oben an der Kehrkapelle geäußert, würden den braunen Sumpf um die unerträglichen Rechtsausleger in der AfD mit einem einzigen, ungeheuren Peitschenschlag des zerreißenden Taus hinwegfegen. Ganz offen hast Du vor Wahlen in den letzten Jahren immer wieder betont, dass Du die Linke wählst – immer verbunden mit Deiner Wut, Deiner Scham, Deinem Entsetzen und Deiner Abscheu vor einer auf unerträgliche Weise erstarkenden extremen Rechten in unserer Republik. Eben aus diesem Grund bin ich mir sicher, wie sehr die Interventionen RedHotChillyJupps auch Deinen Intentionen entsprochen hätten.

Ich möchte diese Totenrede aber nicht abschließen, ohne mit Bedauern auf ein weiteres Vermächtnis hinzuweisen. In jenem Brombach, in dem der polnische Zwangsarbeiter Stanislav Zasadek 1941 (zwei Jahre vor Deiner Geburt) von Brombachern unter Mitwirkung Deines Großvaters ermordet worden ist, steht die Fuchsgasse 11. In meinen Händen, vor meinen Augen liegen 30 episodenhafte Briefe, die Du im Wesentlichen Deinen Kindern und EnkelInnen zugedacht hast. Sie berühren in weiten Teilen aber uns alle, die wir Dich gekannt und zum Freund gehabt haben. Du hast verfügt, dass dieses Vermächtnis keiner weiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden darf.

Ich verneige mich vor Dir und im tiefen Bedauern darüber, mich Deinem letzten Willen fügen zu müssen. In Gestalt einer „nachgetragenen Liebe“ offenbaren sich in diesen Briefen neben einer ausweglos erscheinenden Verzweiflung eine gleichermaßen tiefgründige wie hoffnungslose Sehnsucht nach jener verfehlten Zugehörigkeit und einer nie erfahrenen – alles aufnehmenden, alles heilenden wie verzeihenden liebevollen Geborgenheit. Und dies gleichermaßen als erlittenes wie als zu verantwortendes Unheil.

Die doppelte – vielleicht vielschichtige – Tragik hinter diesem erfahrenen und zu verantwortenden Unheil tritt umso deutlicher hervor, wenn man sich die Spuren vor Augen führt, die untilgbar mit Deinem Werk verbunden bleiben.

Und es erscheint mir schlicht würdelos und unangemessen, Deine Lebensleistung innerhalb Deiner Profession ganz einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Das ist der Grund, warum ich Dich zum Abschluss noch einmal kurz in Gespräch bringe mit jemandem, den Du geschätzt hast. Dietmar Kamper schreibt:

"Der große Verlierer dieser Geschichte des abendländischen Menschen ist der Körper, das heißt: du." (15) Und schließlich:

"Was mir in Zeiten des entfernten Körpers immer unwahrscheinlicher und immer notwendiger vorkommt, ist die Berührung. Leben des Körpers heißt nichts anderes als Berührtwerden, als Berühren." (37)

Diese beiden fatalistischen Sätze entstammen dem Traumbuch Dietmar Kampers, das erst 2012 posthum, elf Jahre seinem Tod gewissermaßen als Vermächtnis einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde.

Berühren und Berührtwerden, das entsprach Deinem Credo, Deinem Bedürfnis und einem überaus vorsichtigen Agieren in der Beziehungswelt. Aus Deiner Habilitationsschrift „Pädagogik statt Therapie“ (Bad Heibrunn 1996) gebe ich dazu eine Fundstelle wieder, deren Botschaft im Spiegel von Dietmar Kampers fatalistischem Weltbild, so bedroht erscheinen mag:

"Allein eine pädagogische Praxis, in der der Leib ausdrücklich zugelassen ist, kann Kindern sowohl das extensive (raumeinnehmende) Ausagieren ihrer individuellen Befindlichkeit wie auch die intensive (angestrengte) Auseinandersetzung mit der äußeren Welt möglich machen, so daß sie selbst in zunehmendem Maße erleben, in ihrem Leib wirk-lich und in jeder Hinsicht (nach innen und nach außen) zu Hause zu sein (S. 300)."

Deine eigene leibliche Unversehrtheit erschien Dir zuletzt über ein Dir erträgliches Maß bedroht. In der im Mitteilungsblatt der DGHS veröffentlichten Version von „Selbstbestimmt Sterben – meine Geschichte“ legst Du davon Zeugnis ab, wie sehr Dir Deine Lebensqualität eingeschränkt vorkam. Du warst zuletzt zutiefst davon überzeugt in Deinem Leib (weder nach innen noch nach außen) noch ein zuträgliches und akzeptables zu Hause vorzufinden; viel weniger noch hast Du die behaust gefühlt im erwähnten Sinne liebevoller Geborgenheit. Du rückst den Verlust von Björn und Andreas noch einmal in den Vordergrund und musst ernüchtert - und vermutlich tief gekränkt - feststellen, dass, wie Du wortwörtlich schreibst „meine Tochter ihre Beziehung zu mir, ohne Gründe zu nennen, abgebrochen hat.“ So gänzlich unbehaust und versehrt an Körper und an Seele wolltest Du nicht weiterleben.

In mir aber lebt Deine Freundschaft weiter und ich rufe Dir ein letztes Mal – im Sinne unserer gepflegten Rituals mit den Worten Gottfried Benns zu:

Kommt, reden wir zusammen -
wer redet, ist nicht tot!

Du wusstest wohl: es züngeln doch die Flammen
schon sehr um Deine Not – und rufst mir zu:
Komm öffnen wir die Lippen,

so nah schon an den Klippen
in unserm schwachen Boot.
Nur wer redet, ist nicht tot!

Du bist tot. Aber ich nehme Dich mit in unser starkes Boot. Wir steuern es gemeinsam und RedHotChillyJupp sitzt an den Geschützen, es sind unsere Lieder-Kanonen, mit denen wir der blau eingefärbten braunen Brut eine Breitseite nach der anderen verpassen:

Wir beginnen mit: Wer wir sind – Es ist das Lied, das unser beider Entsetzen Ausdruck verleiht – wohlwissend, dass wir keine Schuld, aber große Verantwortung tragen:

Wer wir sind

Mit dem zweiten Lied drücken wir unsere Fassungslosigkeit und unsere Wut aus - geben ihr Form und Richtung:

Wie kann das sein?

Und schließlich erweisen wir Tova Fridman, Margot Friedländer und Leon Weintraub die Ehre

Ein Jahr neigt sich dem Ende

Vielleicht magst Du Margot Friedländer unsere Grüße ausrichten

In einer Deiner letzten mails schreibst Du, der folgende Heidegger-Satz lasse Dicht nicht mehr los, weil er so 'hermetisch' klinge:

"Der Tod ist das Gebirg des Seyns im Gedicht der Welt." Da müsse man "Gebirg" und "Gedicht" hermeneutisch und seinsphilosophisch verstehen, auslegen, interpretieren... Es sei einfach ein schöner Satz, wenn man mit "Gebirg" auch so etwas wie "Geborgenheit" höre. Und "Gedicht" als vielfältig schillernder Begriff müssest Du mir - dem Dichter - ja nicht erläutern.

Lieber Rudi, ich grüße Dich mit einem besonderen Stück und hoffe, dass Du im Elysium zur Ruhe kommen mögest - und Deinen Segen den Deinen zuteil weden lassen kannst:

Immer wenn die Welt sich offenbart

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund
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