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Ein ehrenwertes Haus II - Die vierte Generation (15)
Im Dachgeschoss der Kreuzstraße 113 gab es gartenseitig eine kleine Kammer, die auch gaubenartig ausgebaut wurde. Nach der Heirat meiner Schwester mit meinem Schwager Ernst wurde diese Kammer zum ersten eigenen, abgeschlossenen Rückzugsort der jungen Eheleute. Michael, der im Januar 1962 geboren werden sollte, war ja ein typisches sogenanntes Sechsmonatskind. Dieses Schicksal teilte er mit vielen seiner GenerationsgenossInnen – nichts besonderes! Diese Sprachregelung diente selbstredend nur der Verschleierung der Tatsache, dass meine Schwester bereits in Umständen war, als die beiden heirateten – standesamtlich und kirchlich an einem Tag im Sommer 1961. Am Tag der Hochzeit – nach einem gemeinsamen Kaffee in der Familie – traten die beiden ihre Hochzeitsreise an! Wohin wohl? Nach Flammersfeld – back to the roots – an den Geburtsort meiner Schwester. Sie fuhren mit Ernstens Isetta die gleiche Strecke, die Ullas Mutter im Frühsommer 1942 – zwanzig Jahre zuvor – gefahren war, um sich in Flammersfeld in die Obhut des NSV-geführten Entbindungsheims zu begeben.
So bekam das ehrenwerte Haus alles zu sehen, was in Klein-Frankreich – so wie allerorten – zu einem ganz normalen Leben dazu gehört. In der Sippe und in der Wohngemeinschaft im Umfeld der beiden Nachbarhäuser – Backe an Backe – gab es den Alkoholiker, den notorischen Fremdgeher, Sechsmonatskinder, kinderlos gebliebene Liebende platonischen Zuschnitts, damals schon versingelte Einzelgänger. Vor allem gab es aber ein Geheimnis, dass alle anderen gewöhnlichen Vorkommnisse noch ein wenig an Tragweite in den Schatten stellte. Meine Schwester hat mir erzählt, dass es immer wieder Ereignisse gab, die ihr zumindest ungewöhnlich erschienen – jenseits des allzu alltäglichen Gewöhnlichen. Dazu gehörten auch die Hänseleien, dass ihr Vater ja gar nicht ihr richtiger Papa wäre.
Gewiss spielte dies ganz sicher keine Rolle vom 14. Januar 1962 an; das ist der Geburtstag meines Neffen. Knapp zwanzig Jahre nach der zufälligen Geburt seiner Mutter, erblickt ein strammer Junge das Licht der Welt. Alle kommen zusammen, um das Kindlein anzuschauen und fortan wohlwollend zu begleiten – ein besonderes Kindlein? An dieser auch nicht ganz selbstverständlichen Geburt und dem, was sich anschließt, lässt sich mit einem Abstand von fast sechzig Jahren so außerordentlich Ungewöhnliches, vielleicht Besonderes zeigen: Die Mutter ist jung – ein Backfisch typischen Zuschnitts für die ausgehenden fünfziger und beginnenden sechziger Jahre. Ihr wird ein wildes, ungestümes, teils widerborstiges Wesen nachgesagt. Immerhin hat sie es zu einem Aufenthalt in einer Haushaltsschule klassischen, ultrakonservativen Zuschnitts gebracht. Nach dem Abschluss der Volksschule kam man auf die Idee, das Einschleifen von Zucht und Ordnung sowie die Grundfertigkeiten zu einer rollenbewussten Haushaltsführung in fremde Hände zu geben. Bensberg war aber nur eine kurze Episode mit einem fluchtartigen Ende. Die anschließende Lehre in der Weinbrennerei Both in Ahrweiler machte sie dann zur Grenzgängerin zwischen Bad Neuenahr und Ahrweiler. In den beginnenden sechziger Jahren heiratete man eigentlich nicht über die Stadtgrenzen hinweg; die Rivalität zwischen den seinerzeit kommunalpolitisch noch unverbundenen Städtchen war legendär.
Sieht man sich frühe Fotos von Michaels Eltern an, so mag man meine Schwester schon auch verstehen können. Der Schwager verkörperte auf einer Skala von 0 bis 100 das Männerbild der ausgehenden fünfziger Jahre ganz sicher mit einem Extremwert – athletischer Körperbau, ausgeprägte männliche Gesichtszüge, starker Bartwuchs. Entscheidender war aber wohl die Männlichkeitsattitüde. Meine zum Auftakt erzählte Einbrecher-Geschichte hatte – wie angedeutet – ganz sicher auch eine endokrine Dimension. Der sogenannte chemotionale overkill war zweifellos ein vernunftminderndes Antriebsmoment. Ganz gewiss war es aber nicht eine strukturelle Variable im Sinne einer auf Permanenz gebürsteten, testosterongesteuerten Männlichkeitsfalle. Das war bei meinem Schwager anders. Willi, mein jüngerer Bruder und ich bewunderten diesen jungen, kraftstrotzenden Mann, der eine andere Weltsicht und eine andere energetische Präsenz in unsere Familie brachte. Und er gehörte ja dann – nolens volens – ruck-zuck dazu. Unser Mittagstisch wurde erweitert. An den Wochenenden allemal saßen wir nun zu sechst am Küchentisch in der Kreuzstraße 113. Auch hier eine Vorwegnahme kleineren Zuschnitts: Wenn Claudia und ich auch heute noch regelmäßigen Kontakt zu meine Ex-Schwager pflegen, dann beruht dies auf einer fortgesetzten Loyalitätshaltung gegenüber seiner verlustig gegangenen Schwiegerfamilie, die mir bemerkenswert vorkommt. Hier war die Integrationsfigur unsere Mutter. Ganz gewiss kann man von einer respektvollen, dankbaren Haltung gegenüber Ullas Mutter sprechen. Und dies bedeutet nicht im Geringsten eine auch nur halbwegs sichtbare Differenz gegenüber unserem Vater. Ernst betont bis heute, dass er in der Kreuzstraße 113 zum allerersten Mal Familie in einer umfassenden, für ihn ungewohnten Form erlebt habe. Diese Haltung hat die gescheiterte Ehe überdauert. Die Differenz, die sich aufbaut im Zuge einer männlichen Identitätssuche sowohl zu seinem Sohn als auch zu mir, berührt einen lebensbegleitenden Grundkonflikt, an dem wir auf unterschiedliche Weise die Erosion eines klassischen männlichen Selbstbildes nachvollziehen werden.
Der Schoß der Familie war ein weicher und tiefgründiger für meinen Neffen Michael. Meine Cousine Gaby konnte es kaum erwarten, ihn endlich in Augenschein und auch in den Arm zu nehmen, nachdem sie sein Zur-Welt-Kommen verpasst hatte. In ihren Erinnerungen an einen traumatischen, sechswöchigen Erholungsaufenthalt an der Nordsee (Wyk auf Föhr) deutet sie an, dass sie an jedem noch verbleibendem Tag die Stunden und die Minuten zählte, bis sie endlich nach Hause durfte. Natürlich weiß ich das alles, weil ich inzwischen schon so unendlich alt bin. Das Ei, aus dem ich gekrochen bin, lag ja in genau so einem Nest, wo man als Säugling und als Kleinkind alles bekommt, auch wenn nichts da ist. Michaels Ankunft erfreute eine Uroma, einen Uropa, eine Oma, eine Großtante, zwei Onkel und eine Großcousine. Da konnten die Eltern getrost ihrer Arbeit nachgehen. Für alles war gesorgt. Vergessen habe ich jetzt den Opa. Allein am liebevollen und ehrenden Andenken, das ihm sein Enkel bewahrt, lässt sich ermessen, in welch sicherem Hafen sich das Schiffchen des Heranwachsenden bewegte. Ein zweites Mal zeigte sich, dass dieser Theo Witsch nicht ganz von dieser Welt war.
Mein Freund Hans, der sich einige Jahre in häuslicher Gemeinschaft mit dem Sohn seiner Lebensabschnittsgefährtin arrangieren musste, hat mehrfach betont, dass er – wäre er ein Löwe – die missratene Brut (seine Worte) längst totgebissen bzw. weggebissen hätte. Entspannung kehrte in der Tat erst wieder ein, als der Sohn sich entschloss, sich fortan in väterliche Obhut zu begeben. Die kleine Randbemerkung zeigt, dass eine erkennbar vollständige Akzeptanz blutsmäßig artfremder Familienmitglieder (aus der Sicht des Vaters bzw. Großvaters) – zumal noch in der Ausprägung einer liebevollen Zuwendung – alles andere als selbstverständlich ist.
Es ist in der Tat hier nicht die Rede von einer oft beobachteten blinden Loyalitätshaltung der Kinder und Enkel ihren Eltern/Großeltern – insbesondere dem blutsmäßig nicht verwandten Stiefvater/Stiefgroßvater gegenüber; das ganze Gegenteil ist der Fall: Zeit seines Lebens – je älter er wurde, umso intensiver – praktizierte Theo Witsch eine rückhaltlose Loyalität seiner Stieftochter und seinem Stiefenkel gegenüber.
Was Michael für seine Großmutter bedeutet haben mag, beschäftigt mich bis zum heutigen Tag. Da kam ein Wesen zur Welt, das in unmittelbarer Blutslinie zu Franz Streit stand – ein durchaus besonderes Menschenwesen. Ohne Franz Streit keine Ursula – ohne Ursula kein Michael. Wir schauen heute unsere Enkelkinder an und rätseln, welche Linie sich hier wohl zeigt. Ich folge auch hier George Steiner, der andeutet, dass das Universum, das sich in einem Menschen heranbildet und verkörpert, mit dem Libidinösen gleichzusetzen… es mit biogenetischen, fortpflanzungsbezogenen Präferenzen zu erklären, einer fast verächtlichen Reduktion gleichkommt. Und auch wenn ich ihm folgen möchte in der Annahme, dass alle Zweifel an genetischer Vaterschaft, sofern sie zu den schmerzhaften Verrücktheiten der Eifersucht führen mögen, aus einer sozialen Perspektive kontraproduktiv sind, so gehören sie doch zweifelsfrei zu unseren alltäglichen banalen Erfahrungen. Das Schuldenkonto Hildes – der Mutter, Großmutter und Ehefrau – mag auf diese Weise nochmals angewachsen sein; zumal angesichts eines Ehemannes, Stiefvaters und Stiefgroßvaters, der dem sozialen Imperativ folgte und keinerlei Tötungsphantasien an den Tag legte. Es mag ihm keiner Überlegung wert gewesen sein. Er hatte eine (Stief-)Tochter, der er zu keinem Zeitpunkt stiefväterlich begegnete. Dies übertrug er nahtlos auf den Enkel Franz Streits. Die Zuspitzungen, die ich hier bewusst auch in einer nüchternen sprachlichen Logik erzeuge, indem ich zwischen sozialer und genetischer Großvaterschaft switche, sollten uns zumindest dazu ermuntern, beide Aspekte gleichermaßen in Augenschein zu nehmen.
Wir sind also in einem ehrenwerten Haus aufgewachsen, das in der Folge – hinein in die wilde Zeit der Endsechziger und der frühen siebziger Jahre – all die Qualitäten offenbarte, die man im besten Sinne mit der Vorstellung von einem offenen Haus verbindet. Hier war jeder willkommen, hier hatte jeder Zugang, hier wurde niemand abgewiesen oder ausgeschlossen. An den Samstagen fanden sich am Mittagstisch häufig Gäste, die Willi oder ich mitbrachten – Schulkameraden, Freunde, später selbstverständlich die Freundinnen der Söhne. Dieses lebendige, offene Haus ließ uns alle Möglichkeiten; Rudi Krawitz würde sagen: „Wir mussten nichts – und durften alles.“ Dies funktionierte sicherlich auch deshalb so reibungslos, weil die private und die öffentliche Dimension der Familie über viele Jahre aufging im Engagement für den Fußballverein, dessen sinngebende und sozialisationsmächtige Bedeutung wir bereits alle mit der Muttermilch in uns aufgenommen hatten. Bis zum letzten Tag seines Lebens hat mein Vater – wie so viele andere seiner Generation – das Seelenschmalz und das Gelenkschmiere für ein reges, vielfältiges Vereinsleben verkörpert. Mir ist heute wichtig zu wissen, dass mein Vater den Niedergang seines innig geliebten SC 07 Bad Neuenahr nicht mehr miterleben musste; mit der sinngebenden Bedeutung des Vereinslebens ist hier ein essentielles Identitätsmoment gemeint, dessen Verlust für unsere Väter ein krisenträchtige Enttäuschung bedeutet hätte. Kurzum, die Spielsaison, die vereinsmäßig organisierten Feste und Unternehmungen hatten im Jahreskreis ihren festen Platz im Sinne vollkommener Alternativlosigkeit. Zwei Beispiele veranschaulichen diese Behauptung auf eindrucksvolle Weise. Kirmes – im Oktober – wäre ohne das Festzelt des SC 07 eine schale Angelegenheit geblieben, genauso wie die vereinsgestützten Anstrengungen zur Fastnacht. Hier ist mein Bruder in die Fußstapfen unseres Vaters getreten – 25 Jahre lang haben die Sportkameraden um meinen Bruder herum ein Wilfried-Witsch-Gedächtnisturnier organisiert, um seiner zu gedenken.
Das ehrenwerte Haus hat sich gewandelt im Laufe der Jahre und Jahrzehnte. Die enge Welt in Klein-Frankreich hat Freigeister hervorgebracht. Es ist eine untergegangene Welt, die heute nur noch in der Erinnerung lebt. Eine erste folgenreiche Zäsur ist sicherlich mit dem Tod unseres Vaters verbunden. Die allerdings wäre noch im generativen Wechselspiel zu verkraften gewesen, wäre ihm nicht 1994 mein Bruder gefolgt. Die zentrifugalen Kräfte gewannen an Einfluss und ihre Dynamik war weder in ihren ursächlichen Zusammenhängen erkennbar noch beherrschbar.
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Ein ehrenwertes Haus I (14)
In der Kreuzstraße 113 wohnten seit den frühen fünfziger Jahren Theo, Hilde mit Franz Josef und ab 1955 auch mit Wilfried. Theos Eltern waren 1948 – die Mutter – und 1951 – der Vater – verstorben. Theos Schwester, Agnes, bewohnte zu Beginn der fünfziger Jahre noch das Erdgeschoss, während die kleine Familie im ersten Obergeschoss Quartier genommen hatte. Im Dachgeschoss wohnte die Familie Siepen, der Vater Alkoholiker – im Übrigen der erste, von dem ich hörte, dass er in Ermangelung von Nachschub auch schon einmal Kölnisch Wasser getrunken haben soll. Die beiden Söhne Hermann und Toni erlernten ein Handwerk (Dachdecker und Anstreicher) und waren nebenher passionierte Fischer; die Ahr floss etwa 150 Meter – jenseits des Fußballplatzes –, und lieferte damals noch vom Aal bis zur Forelle einen ergiebigen Fischfang. 1959 wurde der Altbau saniert und umgebaut; eine Zentralheizung, fließend Kalt- und Warmwasser wurden installiert. Durch den Einbau einer Toilette und eines Bades mit Toilette ging die elende Zeit des Plumpsklos über den Hof endlich zu Ende. Heute muss ich mir deutlich vor Augen führen, dass die Eltern, die zwar durch die Angestelltentätigkeit des Vaters als Croupier im Spielcasino über ein regelmäßiges und durchaus ansehnliches monatliches Budget verfügten, drei der im Haus befindlichen Zimmer vermieteten, um ein Zubrot zu erwirtschaften. Im ausgebauten Dachgeschoss entstanden zwei Dachgauben; im ersten Obergeschoss wurde eines der Zimmer abgetrennt und gleichermaßen vermietet. Einige Jahre lebte ein Arbeitskollege des Vaters gemeinsam mit seiner Frau in diesem Zimmer. Im Dachgeschoss gab es wechselnde Mieter.
Die folgen- und segenreichste Vermietung ergab sich 1959 durch den Mietvertrag mit einem Zivilangestellten der Bundeswehr, die in Bad Neuenahr einige Dienststellen unterhielt: Bert Skala war technischer Zeichner (Bauzeichner). Er kam aus Nördlingen, wo er mit Frau und Schwiegermutter nach der Vertreibung aus dem Sudetenland (Karlsbad) eine neue Heimat gefunden hatte. Bis zum Tode meines Vaters und darüber hinaus bis zum Tode von Bert und Traudel entstand eine lebenslange Freundschaft der besonderen Art. Für mich persönlich ganz entscheidend waren die mehrwöchigen Besuche Traudels in größeren Abständen. Nach meiner Einschulung nahm sie sich meiner immer wieder an und half mir mit ihrer unendlichen Geduld einen Weg ins Buchstabenchaos zu finden. Gegenüber ihrer so ganz anderen, wohltuend unaufgeregten Art fasste das Muttersöhnchen tiefes Vertrauen zu diesen beiden fremden Menschen, die auf so ungewöhnliche Weise das Bild eines skurrilen, liebenswerten Paares verkörperten; er groß gewachsen, fast ein Hüne und dennoch rundlich. Sein Gesicht verströmte grundsätzlich gute Laune, verschmitzt, dominiert von aufsteigenden Linien mit einem eigenwilligen überaus gepflegten Oberlippenbärtchen – und außergewöhnlich lebendigen, kleinen Schweinsäuglein; sie klein und rundlich, weich, mollig in allen Körperregionen und immer in der Lage, gleichermaßen Freundlichkeit und Gleichmut zu verströmen. Allein schon die liebevolle wechselseitige Anrede mit Burli und Weibi vermittelten eine so ganz und gar andere idiolektalische Herkunft und einen über alle Maßen wertschätzenden Umgang miteinander. Um es vorwegzunehmen: Der Suizid Berts – etwa ein Jahr nach dem Tod Traudels – offenbarte die umfängliche Bedeutung jener soziologischen Definition einer intensiven Paarbezogenheit, die Peter Fuchs eingefallen ist: Bert und Traudel verkörperten für mich in Totalität die Idee einer wechselseitigen Komplettberücksichtigung im Modus der Höchstrelevanz auf eindrückliche Weise. Und doch gibt es da eine Nuance, die gleichermaßen irritiert und beeindruckt. Sie liefert wiederum George Steiner wohl ein gewaltiges Argument für seine Annahme, dass das Herz seine Gründe hat, welche der Verstand nicht kennt: Und es waren bei Bert und Traudel offenkundig „Notwendigkeiten gänzlich anderen Ursprungs; jenseits der Vernunft, jenseits von Gut und Böse“ – und vor allem – „jenseits der Sexualität, die selbst auf dem Höhepunkt der Ekstase ein so unbedeutender und flüchtiger Akt ist“.
Meine Mutter hat mir erzählt – so innig und vertrauensvoll war wohl die freundschaftliche Bindung zwischen ihr und Traudel –, dass die beiden nie in ihrem Leben eine sexuelle Beziehung miteinander gelebt haben. Traudel sei in den Kriegswirren der letzten Wochen in Karlsbad gemeinsam mit ihrer Mutter in die Hände russischer und tschechischer Soldaten geraten, mehrfach vergewaltigt worden und seither fernab jeglicher Form sexuellen Empfindens gewesen. Frappierend für mich war dabei, dass dieses Paar – Traudel und Bert – auf so ungewöhnliche Weise einen liebevollen Umgang miteinander pflegte, so dass es für mich in meiner Erinnerung – wenn dies je für ein Paar Sinn gemacht haben sollte – die vollkommene Symbiose, die komplementäre Ergänzung platonischer Hälftigkeit verkörperte. Ungewöhnlich für mich und eher kaum zu glauben, dass ich bereit war – als 13jähriger – eine Woche, 400 Kilometer von zu Hause, eine ganze Woche zu verbringen; die Korda-Oma und Traudl, und natürlich auch Bert, haben mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Szegediner Goulasch, jede Form von Strudel, alle erdenklichen Variationen von Mehlspeisen, gefüllte Paprika und vieles mehr erweiterten meinen kulinarischen Horizont. Meine Schwester mochte vor allem Bert und verbrachte als Jugendliche Ferienzeiten in Nördlingen und Siegsdorf – die Äußere Einfahrt 28 wird mir immer als Willkommensadresse in guter Erinnerung bleiben.
Das ehrenwerte Haus als offenes Haus sorgte durch die Beherbergung so unterschiedlicher Menschen, die vor allem auch unterschiedlichster landsmannschaftlicher Herkunft waren für so etwas – man könnte sagen – wie frühe kulturelle Vielfalt. Bendixens waren Nordlichter – aus Hamburg oder Schleswig-Holstein, Fräulein Butzke ist mir in Erinnerung geblieben vor allem als extravagante Erscheinung mit Turmfrisur – ein eher dunkler Typus; Elke Bendix hingegen war blond und eine gleichermaßen aparte Erscheinung. Dafür hatte ich allerdings noch nicht wirklich einen Blick und auch noch kein ausgeprägtes Interesse. Major Seidenschnur war in Uniform eine imposante Erscheinung; ihn umgab eine würdevolle Aura. Meine Schwester legte für ihn jene typische Teenager-Schwärmerei an den Tag – ähnlich wie bei ihrem hochverehrten und heißgeliebten Onkel Fred.
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Zur Welt kommen – zur Sprache kommen - Spurensuche III (13)
Geht es aber sehr viel grundlegender noch einmal darum den ursächlichen Einflüssen auf die Spur zu kommen, die mich in der Tat zur der Überzeugung brachten, es könne – im Sinne Adornos – kein richtiges Leben im falschen geben, so muss man in der Tat auf die von Dr. Bauer – dem Schulleiter während meiner Zeit auf dem Are-Gymnasium – geäußerten Zusammenhänge und die schlichte Feststellung zurückkommen, es sei das Vorrecht einer jeden jungen Generation, die Welt an einem selbstgesetzten Ideal zu messen, solange Welt keine Wirklichkeit, sondern nur Vorstellung sei. Da hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen.
Meine Unduldsamkeit gegenüber Zuständen, die befriedigende Weltverhältnisse nicht einmal ansatzweise erkennen ließen, hatte ihre Wurzel zuerst einmal im privaten Raum, nämlich in meiner Familie: Meine Kindheit in der Kreuzstraße in Bad Neuenahr, am Ostende der Stadt, war eine gemeinsame mit meiner Cousine Gaby und meinem Bruder Wilfried. Meine Cousine lebt heute noch im umgebauten Elternhaus unserer Mütter. Das Elternhaus meines Vaters haben wir nach dem Tod meiner Mutter an die Tochter einer Freundin aus Kinderzeiten verkauft. Auch sie – die Freundin aus Kindertagen – lebt heute noch gemeinsam mit ihrem Mann in unmittelbarer Nachbarschaft, eng befreundet mit meiner Cousine.
In der Kindheit gehörte das Vater-Mutter-Kind-Spiel zu unserem alltäglichen Spielevorrat. Beide Elternhäuser verfügten über ein gemeinsames Garten-Areal. Wenn wir unter uns waren oder sein wollten, dann war dies unser bevorzugtes Terrain. Gaby kochte Petersiliensuppe, ich kurvte mit dem Rädchen durch den Garten, kam irgendwann von der Arbeit und Willi musste Gabys Suppe essen und unseren Anweisungen folgen. Im Rückblick erstaunt mich dieses Arrangement, weil Vater-Mutter-Kind schon damals – als wir im Alter von sechs bis zehn Jahren waren – aus ganz unterschiedlichen Erfahrungshintergründen und Motiven zustande kam. Gaby kannte Vater-Mutter-Kind nur bruchstückhaft. Während Willi und ich tagtäglich erlebten, wie das funktionierte – Vater-Mutter-Kind(er) –, lebte Gaby mit ihrer Mutter alleine im Obergeschoss des Hauses unserer Großeltern. Der Vater – unser Onkel Fred – lebte in Köln und hatte dort eine neue Liebe gefunden. Darüber wussten wir allerdings nichts. Unser Onkel Fred war Handelsvertreter und reiste durch die ganze Republik, um Pflege- und Kosmetikprodukte der Firma Schwarzkopf zu vertreiben. Er konnte also nicht zu Hause sein, weil er ja unterwegs war und arbeiten musste. Aber er kam an den Wochenenden zu Besuch, manchmal auch an Wochentagen, um sich zeitig wieder auf den Weg zu machen, weil er ja arbeiten musste. Gaby freute sich immer auf ihren Papa, der ihr – wenn er da war – immer seine volle Aufmerksamkeit widmete. Die Tante – unsere Tante Annemie – war ein ruhiger und zurückhaltender Mensch. Sie war so ruhig und zurückhaltend, dass man eigentlich nie merkte, ob es ihr gut oder schlecht ging. Sie war halt still, ihr Lachen ein Lächeln und sehr verhalten, immer mit einem kleinen Schuss Verlegenheit einhergehend. Für meinen Bruder und mich war dieses immer gleichbleibende, unaufgeregte gemeinsame Leben – Hausbacke an Hausbacke – vollkommen normal. Nie fiel uns irgendetwas auf, weil alles so war, wie es immer war. Unsere Cousine war ein aufgewecktes, lebenslustiges Kind, mit dem wir tagtäglich zusammen waren, weil vor allem die beiden Schwestern über ihre Eltern – man konnte fast meinen – einen gemeinsamen Hausstand pflegten. Alle Feste feierten wir gemeinsam, jeden Tag begegneten wir uns – vor allem im gemeinsamen Garten.
Gaby war ein Einzelkind, und als Einzelkind war sie auch verschlossen. Viel später – sehr viel später – hat sie uns erzählt, dass sie schon im Alter von etwa zehn Jahren im Wäscheschrank ihrer Mutter auf Dokumente gestoßen sei, die sie zwar nicht zur Gänze verstand, die ihr aber so viel Einblick in die merkwürdige Art des Familienlebens eröffneten, dass sie seither wusste, dass ihre Eltern geschieden waren. Sie hat das für sich behalten. Uns hat sie erklärt, dass sie diese Information fest und tief in sich verkapselt hat, mit niemandem darüber geredet hat, sich niemandem anvertraut hat, weil sie Angst hatte, dass dann vielleicht der immer herbeigesehnte Kontakt zu ihrem geliebten Papa hätte abbrechen können. Das Bild der Tante Annemie hat sich denn auch erst nach und nach als ein wirklich problematisches und in hohem Maß belastetes herausgestellt, als sich mir die Zusammenhänge aufdrängten zwischen der Art und Weise wie Gaby mit ihrer Mutter zusammenlebte und den zunehmenden – oder doch zumindest in meiner Wahrnehmung sich stärker ausprägenden – Stimmungsschwankungen meiner Tante; Stimmungsschwankungen, die einhergingen mit einer latenten und immer offener zutage tretenden Antriebsschwäche. Schließlich prägte sich ein Krankheitsbild aus, das ärztlicher Expertise bedurfte und das man seinerzeit mit dem Befund einer endogenen Depression klassifizierte. Lebt man Tag für Tag in einem engen Verbund – Mutter-Vater-Kinder in dem einen Haus, Großmutter-Großvater sowie Mutter-Kind im Nachbarhaus – ist der Blick für das Offensichtliche verstellt. Fürs Verstellen gibt es ein unschuldiges Nicht-Sehen-Können und ein schuldhaftes Nicht-Sehen-Wollen. Etwa im Alter von siebzehn Jahren begann ich die Welt zunehmend durch diese Brille zu sehen und zu bewerten; erste Gedichte entstanden und ich konfrontierte meine Mutter mit meinen Einsichten: Der Tante geht es schlecht, weil niemand ihre schiefe Stellung im Leben sehen will! Das Gestell, in dem sie sich bewegt, führt zu dauerhaften seelischen Verkrümmungen mit somatischen Kollateralschäden. Man kann nun exemplarisch zeigen, wie der Zugang zu Bildung – ich war inzwischen Oberstufenschüler – Voraussetzungen schafft, die sozialen Beziehungen in einem Familienverbund durch andere Brillen zu betrachten. Das führte dann auch zu ersten Konflikten. Wenn dieser Zugang einbricht wie ein Frühlingserwachen und diese Brillen die Wirklichkeit wie einen Abgrund erscheinen lassen, bleibt dies (auch) für den Beobachter nicht folgenlos:
Für die Erklärung meines Unbehagens gab es eine klassische Blaupause. Geliefert hat sie Sigmund Freud mit seiner Abhandlung über das Verhältnis von Kultur und Unbehagen, also Unlust und Leid. Die Quellen der Unlust und des Leids bekommen erstmals konkrete Begriffe und Gesichter. Dass wir alle nach Lustvermehrung streben, leuchtete mir unmittelbar ein. Genauso leuchtete mir ein, dass dies als grundsätzliches Prinzip nicht realisierbar sei; vor allem die Außenwelt erschien mir als die entscheidende Quelle von Unlust. Ich begriff für mich und die beobachteten Widersprüche den Widerstreit von Lustprinzip und Realitätsprinzip als Sesam-Öffne-Dich, das mich in die Lage versetzte die entsetzliche Wirklichkeit nicht nur zu sehen, sondern auch zu erklären. Als wichtigste Quelle des Unglücks erschien die Kultur bzw. die Art und Weise, wie sie die menschlichen Beziehungen in ein Zwangskorsett zwängte. Der Urkonflikt trat auf den Plan, indem ich mir die Idee zu eigenmachte, dass Triebbefriedigung permanent unterlaufen bzw. unterbunden würde und damit einen strukturellen Gegensatz zu individueller Freiheit in die Welt trage. Das ganz und gar Unerträgliche an dieser Konstellation beruhte auf der gleichzeitigen Annahme, dass es aber doch die Liebe sei, die uns von all dem heilen könne, ja müsse! Die Liebe als Urmotiv der Familie – zumindest der Familie, wie ich sie kannte. Die Liebe umschloss in meiner Vorstellung nicht nur Sexualität, zudem noch in einer vollkommen idealisierten Vorstellung, sondern alle Formen und Spielarten einer liebevollen Zuwendung – und dies zuvorderst in der Gestalt der Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern unter ganz besonderer Betonung der Mutter-Kind-Beziehung.
Nun hatte ich meine Theorie und geriet zunehmend in die Lage, die realen Verhältnisse daran zu messen!!! Was war los mit meiner Tante? Um meinen nachhaltigen Schock vorwegzunehmen – weil er sich in aller umfassenden Dramatik erst mit einer Zeitverzögerung von Jahrzehnten einstellte –, will ich hier etwas in den Raum stellen, was mir meine Cousine – jedenfalls in dieser Umfänglichkeit – erst nach ihren eigenen Lebenskrisen offenbarte. Dass sie es in ihrer gesamten Kindheit, in ihrer Jugend, in ihrem Erwachsenenleben, in der Zeit als sie ihre Mutter zum Sterben brachte, nicht ein einziges Mal erlebt habe, dass ihre Mutter – offen und offensiv – körperliche Nähe, Zärtlichkeit, Schmusen, die oxytocin-geschwängerte Atmosphäre eines vorbehaltlosen Kuschelns, Liebhabens erlaubt oder gesucht habe, macht mich – indem ich es hier aufschreibe – immer noch vollkommen fassungslos (meine Cousine hat dies u.a. niedergelegt in einem Brief an die kleine Gaby – entstanden durch Anregungen im Rahmen einer Therapie). Meine Cousine Gaby ist ein herzlicher, liebevoller Mensch, der seine Liebe in so vielen untauglichen wie tauglichen, für sie unzuträglichen wie zuträglichen Lebenssituationen verströmt (hat), dass sich für mich auch heute noch mehr Fragen als Antworten aufdrängen.
Klar war, dass man in einem eng geschnürten Korsett nicht zu sich selbst kommen kann, wenn die Kultur – die ungeschriebenen Gesetze – jemanden zwingen, sich zu verstellen – ein Leben lang. Unsere Großeltern, die Eltern meiner Mutter und meiner Tante, sind 1968 bzw. 1970 verstorben. Mir ist Jahrzehnte später glaubhaft vermittelt worden, dass unser Großvater bis zu seinem Tod nichts gewusst hat von einer Scheidung – diese Wahrheit hatten Mutter und Tochter tief in sich vergraben, auch verborgen vor der Enkelin bzw. der eigenen Tochter, die ihr eigenes Wissen, das sie zwischen Bettwäsche und Lavendel entdeckt hatte, ebenfalls tief in sich als Geheimnis aufbewahrte. Aber was bedeutet das? Kann man sich ein Leben in Einsamkeit und Lüge in diesem Ausmaß überhaupt nur annähernd vorstellen? Gaby, Willi und ich – wir spielten Vater-Mutter-Kind. Meine Tante spielte über Jahre mit Onkel Fred und Gaby Vater-Mutter-Kind. Es gibt viele Fotos, auf denen die kleine Familie zu sehen ist. Und es gibt unzählige Fotos, die Gaby mit ihrem Vater zeigen.
Unser Onkel Fred war in Bad Neuenahr eine Legende – eine Fußballlegende. Jeder kannte ihn, und fast alle bewunderten ihn. Dass dieser charmante Kölner Junge mit dem linken Bums in Bad Neuenahr schon Vater war, bevor er meine Tante Annemie heiratete, war einerseits so etwas wie ein offenes Geheimnis, andererseits aber auch viel weniger. Solche Tatbestände wurden nicht kommuniziert, darüber wurde nicht gesprochen – sie wurden so nachhaltig verschwiegen und verdrängt, dass selbst die unmittelbar Beteiligten der Amnesie anheimfielen. Immerhin hat sich der Sohn Onkel Freds – Gabys Halbbruder – seinem Vater an einem Rosenmontag in den 90er Jahren vorgestellt. Der Schock für Onkel Fred lag allein schon darin begründet, dass er plötzlich seinem Ebenbild gegenüberstand. Sag mir heute einer, wie das funktioniert hat?
Tatsache ist und bleibt, dass Fred Annemie heiratete. Annemie war eine schöne Frau – gleichzeitig ein Seelchen. Der richtige Mann an ihrer Seite hätte dieses Seelchen nicht nur als schöne Frau gesehen, er hätte all ihre Qualitäten, all ihre besonderen Seiten zum Blühen und Klingen gebracht. Aber dazu hätte er diese Frau aufrichtig lieben und sehen müssen – in der Haltung einer ganz und gar zweifelsfreien Höchstrelevanz. Aber unser Onkel Fred war nicht nur ein Frauenheld; er war offenkundig ein Mann, der eine selbstbewusste, tatkräftige Frau an seiner Seite benötigt hätte, jemand, der ihm Grenzen setzte; also das gerade Gegenteil von meiner Tante Annemie. Natürlich sehe ich heute im Konzert der Nachgeborenen ein großes Glück darin, dass aus dieser Verbindung die Cousine Gaby hervorgegangen ist; auch wenn ihr Leben von Anfang an nicht unter einem glücklichen Stern stand. Fred spielte das Spiel mit Netz und doppeltem Boden, bei dem man eine Frau – wie bei einem billigen Taschenspiertrick – einfach verschwinden lassen kann. Es war fast ein klassisches Doppelleben – aber eben nur fast. Fred hatte lange schon wieder eine Ehefrau in Köln; er war ja rechtmäßig geschieden. So kam er – der Vatermann – in unregelmäßigen Abständen zu Besuch, zu Ausflügen und Unternehmungen, und fuhr abends wieder in seine Arbeitswelt. Die Arbeitswelt war irgendwann nicht mehr die eines Handelsvertreters, sondern die eines kleinen Hoteliers in prominenter Lage, unmittelbar am Dom.
Das alles geht mich nicht wirklich etwas an. Die Anmaßung in den frühen siebziger Jahren war hingegen verständlich, weil mir diese Welt und die Menschen in ihr unverständlich blieben. Noch aus dem Bertelsmann-Lesering – da war ich allenfalls 16 – war mir ein Kompendium von Schriften des Philosophen Karl Jaspers zugekommen. Es liegt hier vor mir; es ist unter allen Büchern das in vielfacher Hinsicht besonderste! Zerlesen, mit Bleistift unterstrichene Passagen, da es noch keine Textmarker gab; es hat in allen existentiellen Krisen immer Botschaften parat gehabt, die mich nicht haben verzweifeln lassen. Um die Bedeutung meiner Tante für mein Weltverständnis aufzuschließen, gibt es – neben der freudschen Lektion – noch heute wesentliche Anstöße. Die wenigen Sätze Karl Jaspers‘ zum Alter entfalten heute erst ihre volle Wirkung. Ich bin inzwischen neunundsechzig Jahre alt:
„Ein Rückblick auf das eigene Leben, zumal im Alter, bringt in eine zweideutige Verfassung. Es ist, als ob man etwas abschlösse, was noch im Gange ist… Das Bewusstsein bewegt, das Wesentliche noch nicht gesagt, das Entscheidende, das sich ankündigt, noch nicht gefunden zu haben. Daher wird ein (philosophierender) Rückblick zu einem besseren Ausgang des Plans für künftige Arbeit. Das Sicherweitern der Vernunft ist nicht eingeschlossen in den biologischen Lebenskreis. Man kann in die für das Alter paradoxe Stimmung geraten, der Blick öffne sich auf Grund der geistigen Erfahrungen in neue Weiten.“
In der – innerhalb der zusammengestellten Schriften – integrierten Kleinen Schule des philosophischen Denkens überschreibt Jaspers einen Abschnitt mit Anker in der Ewigkeit. Darunter finden sich in Kapitel XI und XII Ausführungen über Liebe und Tod. Beide Kapitel sind für mein Denken mit Blick auf diese existentiellen Ewigkeitsthemen richtungsweisend geblieben. In der Phase des Sturm und Drangs, die gleichbedeutend war mit einer zweiten Geburt, in der man zur Welt kommt, indem man zur Sprache kommt, nahmen sich meine eher verzweifelt anmutenden Versuche zu beschreiben, was mich innerhalb der großen Familie bedrängte, dilettantisch aus:
efliH oder: Land des Schweigens - Land des Lächelns (1970)
Eine Frau zerbricht,
ohne Kraft gebiert sie die Krankheit,
provoziert das Mißverständnis,
als das sie ihr Leben langsam begreift.
Leben in sich –
Mikrokosmos:
Fehlentwicklung der stofflosen Materie,
die ausbricht in schütterer krankhafter Anomalie.
Lächelnd begrüßt man (die) Ursachen,
mit denen,
als die man lebt,
als die man redet über Zerredbares,
als da sind Gärten und Krankheit;
die selbst sich entpuppt als Paradoxon!
In wem, worin sei efliH,
die Hilfe?
Gewiß in niemandem,
dessen Stimmbänder
programmiert
zerreden die Wirklichkeit!
Soweit ich mich erinnere, ist dieser erste Versuch etwas mir Unheimliches zur Sprache zu bringen, das einzige Gedicht, das meine Mutter je von mir gelesen hat. Ich habe sie damit konfrontiert und habe gefragt, was los sei mit der Tante? Aber ich habe nicht nur gefragt – ich habe gleichzeitig angeklagt: Ihr könnt doch nicht alle einfach zusehen, wie die Tante zugrunde geht!
Die philosophischen Erörterungen zu einer Vorstellung von Liebe, wie sie Karl Jaspers entfaltet, haben mich 2007 wieder eingeholt. Sehr viel weiter unten wird seine Patenschaft aufleben und dann einen reifen – zumindest gereiften – Wanderer zwischen den Welten antreffen. Anfang der siebziger Jahre traf die Jasper‘sche Lektion mit der Freud‘schen zusammen. Mit einem Paukenschlag erhellte sich mir die missliche Lage meiner Tante: Primeln reagieren unmittelbar auf Liebes-, pardon, auf Wasserentzug; sie lassen buchstäblich die Köpfe hängen und zeigen ihre prekäre Mangelsituation an. Mir kam es so vor, dass meine Tante den Kopf dauerhaft hängen ließ, weil alle lebenserhaltenden Versorgungsleistungen auf ein Minimum abgesenkt waren. Die vitalisierenden Austauschbeziehungen zu den Nächsten waren so sehr geschrumpft, dass auf Augenhöhe ebenso wie nach oben, wo Eltern immerhin sich noch sorgten – wie nach unten, wo jemand gleichermaßen mit seinen Würzelchen in der Luft hing und nach Zuwendung lechzte, ein stetiger Mangel das Leben prägte. Meine Tante trottete Jahr um Jahr, wie der Esel dem Wagen – mit dem frischen Grün vor Augen – hinterher, ohne die geringste Chance, sich daran auch nur einmal laben zu dürfen. Das Opfer, das sie zum Wohlergehen ihrer Tochter brachte, ließ sich offenkundig nicht erweitern zu einer aktiven, liebevollen Zugewandtheit der eigenen Tochter gegenüber. Wenn ich versuche Freud‘sche Begriffe wie Lustvermehrung (im Sinne eines Lustprinzips) im Zusammenhang mit meiner Tante zu denken, drängen sich unmittelbar die Begriffe von Unlust und Leid in den Vordergrund. Meine Tante kam mir – bis auf wenige Jahre der Ausnahme – vor, wie das Ebenbild einer mater dolorosa, einer Schmerzensmutter, in deren Entbehrenserfahrung eigener Lust sich die emotionale Spärlichkeit der eigenen Tochter gegenüber spiegelte. Lust meint hier – vielleicht – am wenigsten sexuelle Lust –, sondern vielmehr das Bedürfnis nach Anerkennung, noch elementarer das Bedürfnis danach, überhaut zuerst einmal gesehen zu werden. Schwer verständlich bleibt die Zurückhaltung auch da, wo sich ein Gegenüber anbot, wo der männliche Blick mit Avancen einherging, und schlicht ein Interesse ihr gegenüber ganz einfach als Frau signalisierte. Die Kränkungserfahrungen müssen galaktischen Ausmaßes gewesen sein, und die daraus resultierenden Ängste vor Enttäuschung so grabentief, dass man kaum von einer Freiheit der Wahl reden mag. Im Brief meiner Cousine an die kleine Gaby erhält diese Annahme weitere Nahrung durch den Hinweis, dass die beiden Schwestern – meine Mutter und meine Tante – 1955 wieder etwa zur gleichen Zeit schwanger gewesen sein müssen. Während im November 1955 mein Bruder Wilfried geboren wurde, stellte sich für meine Tante – bei aller Last und aller Not – auch noch das Mega-Trauma einer Totgeburt ein; Gaby hätte eine Schwester gehabt, so wie ich einen Bruder hatte. Im Rückblick baut sich das Bild einer riesigen Glocke auf, unter der die Tante wohl nie einen anderen Klang gehört hat als den, dass im Leben alles schief läuft, was schief laufen kann. Sie hatte für sich Murphys Gesetz als lebensbegleitenden basso continuo angenommen.
Wut, Enttäuschung, Entrüstung sind gewiss umso ausgeprägter, je machtloser man vor einer Situation bzw. einem Zustand verharren muss. Meiner Mutter gegenüber war ich ungerecht und selbstgerecht gleichermaßen; meinen Vater sah ich in der Angelegenheit gar nicht erst in der Verantwortung. Die Keimzelle des Unbehagens in der Kultur lag zweifellos in der mütterlichen Linie begründet – in einem Lügengespinst, das die einen schützen sollte und die anderen nicht schützen konnte. Die Oma – die moralische Instanz der Familie – war wider Willen Mitwisserin des Ehedesasters; auch der juristischen Konsequenz einer Scheidung im erzkatholischen Mief der Voreifler. Sie schützte ihren jähzornigen Ehemann (vermutlich vor sich selbst); keiner hätte dafür garantieren wollen, dass der dem Stenz aus Kölle nicht ans Fell gehen würde. Die kleine Gaby, die der umfänglichsten und wirksamsten Schutzbastion bedurft hätte, konnte niemand schützen; sie sorgte für sich selbst durch Wohlgefallen und Willfährigkeit; ihre oberste Zielsetzung bestand im unbedingten Erhalt des Kontakts zum geliebten Papa – um jeden Preis.
Zur Welt war – neben Franz Josef und Wilfried, in einem anderen Leben – ja schon Ursula gekommen. Aber zur Welt kommen bedeutete bei uns nicht quasiautomatisch auch zur Sprache zu kommen. Zur Sprache kam eben nichts, außer Alltäglichem, Beiläufigem und Nebensächlichem. Über allem, was das Leben und seine Dynamik in der Familie ausmachte, herrschte tiefes Schweigen. Nein, das trifft es nicht in angemessener Weise. Das Tabu, das ein Schweigegebot hätte auslösen können, wirkte ja selbst im Verborgenen. Das teuflische an einer solch verzwickten Gemengelage liegt ja gerade darin, dass sich niemand auskennt, niemand etwas Genaues nicht weiß und – wenn überhaupt – nur im Trüben fischt. So kam es, dass sich über Jahre und Jahrzehnte die Fragen selbst rarmachten und begannen ein Versteck-Spiel zu treiben. So muss es nicht verwundern, dass uns das Fragenstellen selbst abhandenkam. Tief im Verborgenen kontrollierte die Scham das Miteinander. Wir alle lebten miteinander in einem wohlbegründeten Modus der Dankbarkeit. Dies verhalf dem Tabu zu einem komfortablen Dasein; einmal ganz davon abgesehen, dass das Leben ja nach vorne treibt und gelebt sein will – mit Kind und Kegel, mit so vielen Träumen, Hoffnungen und Erwartungen. So lebten wir alle – nun ja, Adorno würde sagen – unser richtiges Leben im falschen. Da tut es doch gut und lenkt die Aufmerksamkeit in eine ganz andere Richtung, wenn man einfach mal gut 1000 Kilometer südostwärts schaut – in die Nähe von Wien, nach St. Pölten oder nach Mistelbach:
Dort kam es in den frühen 60er Jahren in einer Familie zu einem nachhaltigen, heftigen Streit, weil jemand sich traute an einem Tabu zu rütteln. Franz Streit war nicht heimgekehrt. Ein paar spärliche Informationen gab es ja schon weiter unten zu lesen. Er hinterließ Frau und zwei Kinder, die im ehrfürchtigen Respekt vor ihrem Vater von der Mutter erzogen wurden. Dass Franz nicht nur Vater von zwei Söhnen war, sondern dass er im Rheinland eine Blutsspur hinterlassen hatte, so dass ihm dort genau zwischen den beiden Söhnen eine Tochter geboren wurde, hatte er bei seinem letzten Besuch in der Heimat der Mutter anvertraut. Die Mutter ihrerseits hatte sich irgendwann ihrer Tochter – der Julie – anvertraut, weil sie mit dieser Gewissenlast nicht alleine leben konnte. Wie sein Vater, war Werner Panzersoldat geworden und hatte während des Mauerbaus in stetiger Alarmbereitschaft eine ferne Ahnung davon bekommen, was dies wohl im Ernstfall bedeuten könnte (dass Werner Soldat in der Bundeswehr sein konnte, war eine Folge seiner Entscheidung – im Gegensatz zu seinem Bruder Gert – die deutsche der österreichischen Staatsangehörigkeit vorzuziehen. Gerda Streit, die Mutter, stammte aus Duisburg und war Deutsche). Bei einem seiner Besuche in Österreich nahm in sein Bruder bei der Ankunft beiseite und bereitete ihn auf dicke Luft vor. Etwas Ungeheuerliches war geschehen: In einem Streit zwischen der Gerda, ihrer Mutter, und der Julie, ihrer Tante und somit Schwägerin der Mutter (von der gesagt wurde, sie sei die Lieblingsschwester von Franz gewesen), hatte die Julie der Gerda in ihrer Wut – vielleicht auch in wohlüberlegtem Kalkül? – an den Kopf geworfen, sie solle doch endlich mal den Franz vom Altar holen. Diese Heldenverehrung sei ja nicht auszuhalten, wo doch jeder wisse, dass der Franz noch eine Tochter in Deutschland habe. Die Entrüstung und der Schock saßen gleichermaßen tief und lösten die unterschiedlichsten Reaktionen aus. Fest steht nur, dass die beiden Söhne Franz Streits von da an nie mehr der Gedanke losgelassen hat, diese Schwester zu finden – ihre Suche war ziel- und erfolglos, so ganz anders als die Bemühungen ihrer Schwester.
Ein kleiner Abschnitt – einfach so eingefügt in den Gedankenfluss – verändert das Bild einer heilen Familie, gar einer Familienidylle nachhaltig. Die Kreuzstraße 113 war ein ehrenwertes und vor allem ein offenes Haus. Es wäre ein lohnendes Unterfangen die Geschichte dieses Hauses und seiner vielen Bewohner zu erzählen.
