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Welche Welt tritt da zutage – zwischen Wahlmöglichkeiten und Festlegungen? (18)
Mit den Unterscheidungen, die uns Dirk Beacker anbietet, lässt sich der soziale Raum noch einmal neu vermessen. Und viele der Nöte, der Konflikte – manchmal auch Ausweglosigkeiten –, die wir in uns verspüren und die wir bei anderen beobachten, werden verständlicher. Dabei hilft mir eine Metapher, wie sie Dirk Baecker in den Raum stellt:
„Stellen Sie sich vor …] Sie seien der Schiedsrichter, ein Mitspieler oder auch der Trainer bei einem ungewöhnlichen Fußballspiel, in dem das Spielfeld rund ist, mehrere Tote ### zufällig über das Spielfeld verteilt sind, die Leute auf das Spielfeld kommen und es wieder verlassen, wie sie wollen, jeder jederzeit einen neuen Ball ins Spiel bringen kann und jederzeit eins oder auch mehrere Tore zu seinem Tor erklären kann, das Spielfeld insgesamt eine abfallende Fläche ist und das Spiel überdies auch noch so gespielt wird, als habe es Sinn. In dieser Situation, die die Wirklichkeit selber ist und die so wenig mit der klaren Sachordnung zu tun hat, von der wir träumen, hilft nur die lose Kopplung. Wer sich in dieser Situation fest koppeln lässt, das heißt, wer sich für Nähe oder Ferne entscheidet, so als gäbe es diese in der Form einer eindeutigen, sich wechselseitig ausschließenden Alternative, muss zwangsläufig verrückt werden. Wer in dieser Situation jedoch sagen kann, das ist ‚nahe genug‘, entscheidet sich für lose Kopplung, fängt an zu beobachten, verwechselt sich selbst nicht mit den Bedingungen, auf die er sich einlässt, und entdeckt auch bei den anderen Spielräume des Verhaltens, die das Chaos nicht etwa noch größer werden lassen, sondern es für einen Moment so zu ordnen erlauben, dass man Spaß daran bekommt, sich an dem Unsinn zu beteiligen.“
Mir ist das widerfahren. Ich werde weiter unten erzählen, wie ich beinahe verrückt geworden wäre. Zuvor möchte ich allerdings an Beispielen erläutern, warum uns die Unterscheidungen Dirk Baeckers tatsächlich helfen können, den Sinn im Unsinn oder den Unsinn im Sinn besser zu verstehen. Beginnen wir einmal mit der Unterscheidung von Symmetrie und Asymmetrie. Zu Beginn ist das ganz simpel: Zwischen Säugling und Mutter, zwischen Kleinkind und Mutter – zwischen Heranwachsenden und Eltern gibt es keine Symmetrie. Im Normalzuschnitt familiärer Triangulation gibt es nichts unerträglich Offenes. Es herrschen – wenn man Glück hat, im Modus liebevoller Zuwendung – die Regeln der Asymmetrie, die bestimmen, wer was darf, worum es geht und wie lange es dauert. Auch in diesem Regelwerk gibt es selbstredend ein unendliches Maß an Variation.
Beginnen wir einmal mit der schlichten Erfahrungswelt eines Muttersöhnchens: Aus der Sicht eines Muttersöhnchens lässt sich summa summarum resümieren, das der Muttersohn den Schub zum Erwachsen-Sein erst mit dem Sterben der Mutter erfuhr (siehe das Schlusskapitel in Hildes Geschichte). Das dauerte in unserem Fall ein knappes halbes Jahr. Am 27. Juli 2003 – nach einem langen intensiven Abschied, den wir in allen Nuancen, wie einen Schierlingsbecher, bis auf den Boden ausgekostet bzw. ausgetrunken haben, entließ sie mich endgültig ins Leben. Sie gab mir ihre besten Seiten mit auf den Weg, und ich steckte den Schierlingsbecher weg. Alle Kraft und Energie – mit der sie weiß Gott im Übermaß gesegnet war – ging auf mich über. Für den Rest des Jahres (2003) war ich nicht von dieser Welt. Begonnen hatte all dies natürlich mit meiner ersehnten Geburt am 21. Februar 1952. Ich war der Augapfel meiner Eltern – bis Willi, mein Bruder, dazu kam. Von da an konnten die beiden auf beiden Augen sehen.
Mein Vater – dies habe ich schon mehrfach betont – war mit drei Augen gesegnet. Er hatte den Blick für seine Adoptivtochter und hütete sie (und ihren Sohn), bis er seine Augen endgültig schloss. Das war leider schon im April 1988 der Fall. Dass wir alles durften und nichts mussten, trifft die Wahrheit nicht ganz. Aber für alles, was wir anpackten, gab es den notwendigen Rückhalt. Unser Vater war weder zimperlich bei den Konsequenzen, die aus einem Fehlverhalten drohten noch bei unverhofften Solidaritätsbekundungen. Vor Gericht hat er einmal den Amtsrichter ermuntert, seinem jüngsten Sohn eine ordentliche Lektion zu erteilen, weil er – gemeinsam mit anderen – eine stämmige, gesunde Birke aus dem Neuenahrer Kurpark zwecks Verwendung als Mai-Baum (Ritual am 1. Mai im Rheinland, um das Herz der Erwählten aufzuschließen bzw. zu beglücken) gewildert hatte. Mir gegenüber hingegen ließ er absolute Milde walten, als ich ihm nachts – wenige Stunden vor Antritt einer Klassenfahrt nach Berlin – schuldbewusst den in einem Anfall akuter Liebesblödigkeit geschrotteten VW meiner Cousine (die in England weilte) vor die Türe stellte. Er drückte mir hundert Mark in die Hand, wünschte mir augenzwinkernd viel Spaß in Berlin mit der Zusicherung, sich zu kümmern. Nachsicht und absoluter – ich möchte sagen bedingungsloser – Rückhalt zeichneten die Haltung beider Elternteile gleichermaßen aus.
Früh begleitete mich die Sorge um die Eltern. Schon in meinem achtzehnten Lebensjahr bangte ich um das Leben meiner Mutter. Nach der Entfernung der Gallenblase ergaben sich Komplikationen; eine Not-Operation wurde notwendig. Es entwickelte sich eine Krisis, die letztlich dazu führte, dass meine Mutter – seinerzeit noch die letzte Ölung (die Sterbesakramente) erhielt.. Meine Mutter erholte sich, um aber dann wenige Jahre später eine – vermutlich – wechseljahrbedingte Epilepsie auszubilden. Es dauerte recht lange, bis die unangenehmen, belastenden Anfälle durch eine zielführende Medikatierung minimiert werden konnten. Dafür kränkelte zunehmend unser Vater – wie weiter oben schon angedeutet – auch ausgelöst und begünstigt durch seine Kriegsversehrtheit. Theo Witsch, der Begründer des buena vista social club innerhalb eines Fußballvereins, musste seine Tätigkeit als Croupier im Spielcasino Bad Neuenahr aufgeben, arbeitete einige Jahre als Bühnenmeister im Kurtheater, bevor er Frühinvalide wurde. Die letzten Jahre widmete er sich seiner Familie und – wie gesagt – seinem heiß geliebten Fußballverein; er war Kärrner und Seele, Fan und Unterstützer in Personalunion.
Wem dies alles zu idyllisch, zu rosa-rot, zu inkonsistenzbereinigt vorkommt, dem sei versichert, dass die von Dirk Baecker angebotene Unterscheidung von Symmetrie und Asymmetrie vom ersten bis zum letzten Atemzug als Leitunterscheidung bestand hatte. Ich möchte es nicht Regeln nennen, sondern Habitus bzw. bindungsspezifischer genetischer Code, die in einem radikal asymmetrischen Beziehungsfeld gleichermaßen keinen Zweifel daran ließen, wer was durfte und die vor allem präzise die Informationen enthielten, worum es (eigentlich immer) geht und ging. Dass sie darüber entschieden hätten, wie lange es dauert, ist nur insofern richtig, als es so lange dauerte, wie es dauerte; nämlich ein endliches ganzes Leben lang! Die von Karl Otto Hondrich im sozialen Feld der Familie betonten Kategorien der Bindung, der Geborgenheit, der Entschiedenheit und der Zugehörigkeit sind von meinen Eltern erfunden und gelebt worden.
Verlässt man das familiale Umfeld und beobachtet sich mit Blick auf die ersten Liebesbeziehungen, so wird schnell deutlich, dass – wie Dirk Baecker – betont, der Reflexionsraum der Symmetrie irgendwann fragwürdig, gar unerträglich wird, selbst wenn man felsenfest davon überzeugt ist, nichts anderes anzustreben, als die wechselseitige Komplettberücksichtigung im Modus der Höchstrelevanz (Peter Fuchs); und zwar mit nur diesem, und nur diesem einen einzigen Menschen! Paradoxerweise ergibt sich aus der Ernüchterung für denjenigen, der aus diesem Sommernachtstraum irgendwann erwacht, eine radikale Umkehrung. Demjenigen, der an symmetrischer Kommunikation festhält, mit einer nun plötzlich aymmetrisch daherkommenden Haltung zu begegnen, gehört wohl zu den brutalsten Erfahrungen, die man im Liebesleben machen kann. Denn nun wird einseitig und neu definiert, wer was darf, worum es geht und wie lange es dauert. Ist es vorbei, oktroyiert der Erwachte nun für den anderen unverständlich und brutal, dass es vorbei ist. Und wenn es dann nicht nur Wochen und Monate dauert, sondern Jahrzehnte, bis sich die Enttäuschung und die Kränkung aufzulösen beginnt, taucht vielleicht am Horizont eine neue erlösende und auflösende Symmetrie auf. Mit Blick auf die Asymmetrie, die die wechselseitige Komplettberücksichtigung im Modus der Höchstrelevanz in Frage stellt und relativiert, weist Dirk Baecker darauf hin, dass sie eben die Grenzen einer Beziehung markiert, nämlich die Definition dessen, was zu erwarten ist, was sozial auszuhalten und zeitlich zu gewärtigen ist
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Nähe – Abstand schafft Beziehung: Symmetrie und Asymmetrie in Beziehungen (17)
Lebt man weit über die Lebensmitte hinaus, dann weiß man, dass die Lebensweisheit: „Es ist selten zu früh, und niemals zu spät“ nicht wirklich überzeugt. Selbstverständlich kann man vieles im Leben versäumen, so dass man selber irgendwann an eine Grenze stößt, die man gemeinhin mit jenem point of no return bezeichnet, hinter dem das Niemandsland beginnt, hinter dem wir absinken in den unendlichen – jeder Chance eines Erinnerns – entzogenen Raum des ewigen Vergessens und des Vergessen-Seins. Vor diesem Abgrund schrecken viele Menschen zurück. Immer weniger Menschen finden Trost in den großen Erzählungen, die uns als Lebenden die Wurzeln unserer Identität suggerieren wollen. Vielfach ist die Rede vom Ende der großen Erzählungen. Aber was tritt dann an deren Stelle? Viele kleine Erzählungen? All diese Fragen entscheiden sich heute mehr denn je im Zuge der Regulation von Nähe und Abstand.
Der obige Hinweis auf heute alltägliche Konstellationen von Familiengeschichten hängt auch zusammen mit der Beobachtung, dass viele Menschen davor zurückschrecken, überhaupt einmal zurückzuschauen. Zu welchen Ergebnissen kommen wir, wenn wir über die wesentlichen Beziehungen, in denen wir leben und gelebt haben, nachdenken? Welche Welt tritt da zutage – zwischen Wahlmöglichkeiten und Festlegungen? Für uns Ältere erweist sich der Blick zurück häufig als erschreckend und schmerzhaft. Schauen wir beispielsweise in Familienalben, begegnen wir Bildern, die noch Unikate waren; konfrontieren wir uns doch mit einer Zeit, da Instagramm noch eine vollkommen willkürliche und sinnfreie Buchstabenfolge bedeutete. Wir treten ein in eine Zeit, in der es noch nicht möglich war, in Bilderfluten untergehen und unkenntlich zu werden. Unter dem Gesichtspunkt von Wahlmöglichkeiten und Festlegungen eröffnen uns die alten Alben mit ihren eingeklebten vergilbten und verblassten Schwarz-weiß-Fotos die verkrusteten, zementierten Beziehungsverhältnisse in unseren Herkunftsfamilien. Jedes erinnerungsträchtige Foto offenbart, wie es vermeintlich ein für allemal war in unserer Kindheit und in unseren Familien. Kaum jemand vermag hier Spielräume für Wahlmöglichkeiten entdecken, trotz der Verheißung, dass es nie zu spät sei für eine glückliche Kindheit!
Das ein oder andere Mal kommt es vor, dass gute Freunde mir Aufzeichnungen anvertrauen mit der Erwartung – gar dem Versprechen, sie diskret und vertraulich zu behandeln. Sie seien nicht für eine Öffentlichkeit gedacht; eine Öffentlichkeit, der sich viele Menschen andererseits aussetzen, indem sie posten und mit Blick auf das, was sie (auch) umtreibt, zu verbergen suchen, wer und was sie eigentlich sind. Freilich ist es auch mit der Eigentlichkeit nicht weit her. Gleichwohl sind aber bei vielen – zumindest meiner Generation – Reflexe noch aktiv, die ihnen suggerieren – trotz aller nach öffentlicher Wahrnehmung gierenden Selbstvergewisserung – das Eigentliche im Verborgenen zu belassen: Diskret ist, wer weiß, was er nicht bemerkt haben soll! (Peter Sloterdijk) Dieses Grundgesetz eines takt- und respektvollen Umgangs miteinander ist genauso ambivalent und fragil, wie die unausgesprochene Prämisse im Umgang miteinander, wir sollten tunlichst unsere Eigentlichkeit als unseren eigentlichen Identitätskern schützen und nicht ständig allerorten mit heruntergelassenen Hosen herumlaufen.
Wenn z.B. die Realsatire – wie sie Ingo Appelt Berti Hahn in seiner Gratulation zum 40jährigen Jubiläum des Café Hahn angedeihen lässt – zum unverblümten Exhibitionismus gerät, dann will man nichts mehr verbergen. Selbst die Ungeniertheit, die aus einem ruinierten Ruf resultiert, ist dann keine sinnvolle Unterscheidung mehr. Man versteht, warum Face-Book und Instagramm tatsächlich den gläsernen Menschen in einer gläsernen Welt meinen. Die lapidarste Erklärung für einen Striptease der erwähnten Art ist rein pecuniärer Art – pecunia non olet! Ingo Appelt – dat Äppelche – macht dem Berti auch heute noch die Bude bis auf die letzte Kloschüssel voll, wenn nicht gerade corona der Corona im Wege steht. Insofern haben wir es bei Berti Hahn und Ingo Appelt mit einer sogenannten symmetrischen Beziehung auf Schwanz- bzw. auf Augenhöhe zu tun. Berti Hahn hat dies bestätigt, indem er die Jubiläums-Laudatio Ingo Appelts auf seiner Face-Book-Seite gepostet hat, wir mir erzählt worden ist.
Dirk Baecker (Nie wieder Vernunft, Heidelberg 2008, S. 627-633) hilft uns zum besseren Verständnis mit einer schlichten Unterscheidung von symmetrischen und asymmetrischen Beziehungen auf die Sprünge:
„Wer auch immer in symmetrischen Beziehungen Erfahrungen sammeln durfte, weiß, dass darauf Verlass ist, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem man aus dem Wissenwollen ins Handelnwollen umkippt, weil man merkt, dass man anfängt, zu viel zu wissen, was man so dann doch nicht wissen will. Die Asymmetrie, das dürfen wir nicht vergessen, ist auch eine Markierung der Grenzen einer Beziehung, nämlich eine Definition dessen, was in ihr sachlich zu erwarten, sozial auszuhalten und zeitlich zu gewärtigen ist. Der Reflexionsraum der Symmetrie ist unerträglich offen im Verhältnis zu den Regeln der Asymmetrie, die mich darüber informieren, wer was darf, worum es geht und wie lange es dauert.“ (Bei Berti und dem Äppelchen war der Kipppunkt offenkundig erreicht, und eine wohltuende Asymmetrie offenbart, wer was darf, worum es geht und wie lange es wohl dauert.)
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Ein ehrenwertes Haus III - Erosion und Verfallserscheinungen (16)
Um einen Laden zusammenzuhalten braucht es viele Arme und einen langen Atem. Eine Zentrifuge übt auf diejenigen, die ihr ausgesetzt sind, die unterschiedlichsten Wirkungen aus. Während die einen sich anklammern und den Fliehkräften trotzen, nutzen sie andere einem Katapult gleich, um Abstand zu gewinnen. Mitte der sechziger Jahre war es meinem Schwager gelungen, als städtischer Angestellter die Leitung des Ahrweiler Freibades zu übernehmen. Dazu gehörte eine Dienstwohnung innerhalb des Schwimmbadgeländes. Michael war Ende der sechziger Jahre der zweite aus unserer Familie, der ein Gymnasium besuchte. Nach dem Abitur entschloss er sich entgegen seiner Neigungen – die hätten ihn vermutlich zu einem (Lehramts-)Studium der Fächer Germanistik und Geschichte veranlasst – zu einem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Bonn. Er wohnte anfangs noch zu Hause. Unterschiedliche Lebensauffassungen belasteten zunehmend das Verhältnis zu seinen Eltern. Mein Schwager und meine Schwester beantworteten dies mit einer eher autoritären Haltung; sie weigerten sich vor allem, ihn dabei zu unterstützen, seine Wohnung an seinen Studienort nach Bonn zu verlegen. Willi, Gaby und ich entschlossen uns ihn mit vereinten Kräften finanziell zu unterstützen, so dass er – gegen den Willen seiner Eltern – gemeinsam mit seiner damaligen Freundin nach Bonn zog. Sehr viel später ist zumindest mir bewusst geworden, dass diese Intervention einer ziemlich verqueren Form eines Kontenausgleichs gleichkam. Die Idee des Kontenausgleichs bekam nach dem viel zu frühen Tod meines Vaters zusätzliche Nahrung. Die Konflikte zwischen meiner Schwester und der Mutter wurden schärfer; anfänglich noch durch den Einfluss meines Schwagers abgemildert. Er vertrat die konsequente Haltung, dass das Rühren an der Vergangenheit nichts als ein demonstrativer Akt der Undankbarkeit darstelle. Die beiden entfernten sich zunehmend voneinander bis zum offenen Bruch 1992 und der anschließenden Scheidung. Die Männer verschwanden aus unserer Familie – zuerst mein Vater, dann mein Schwager und schließlich mein Bruder. Michael hatte den Absprung nach Bonn geschafft und vermied es selbstredend auch bei seiner Rückkehr aus Bonn noch einmal mit seinen Eltern unter einem gemeinsamen Dach zu wohnen. Meine Schwester entschloss sich nach Jahren der Einsamkeit zu einer zweiten unglücklichen Ehe mit einem Zivilangestellten im Verteidigungsministerium (Dienstsitz Bonn). Diese Verbindung hatte zumindest den Vorzug, dass die ziellose Suche meiner Schwester nach den väterlichen Wurzeln nicht nur Struktur gewann, sondern auch einen erheblichen Motivationsschub erfuhr.
Ich fand mich – wie schon so oft – in der Rolle des Mediators wieder. Meiner Mutter konnte ich vermitteln, dass ihre Söhne – auch ihr 1994 verstorbener jüngster Sohn – den Bemühungen ihrer Tochter nach einer Klärung ihrer väterlichen Herkunft immer positiv und verständnisvoll gegenüber standen, und dass es nun an ihr sei, die Tochter zu unterstützen.
Ulla wusste zumindest, dass ihr Vater Österreicher war – so viel hatte sie von ihren Tanten erfahren; auch der Vorname Franz war gefallen. Bevor sich die Mutter nun so weit öffnete, dass die Suche trennschärfer werden konnte, hatten wir alle erdenklichen Versuche gestartet, die allesamt nicht zielführend waren. Erst die Kombination des Namens Franz Streit und seine wahrscheinliche Nationalität als Österreicher sowie der Hinweis, dass er sich als Rekonvaleszent zu einem Erholungsurlaub im Spätsommer 1941 in Bad Neuenahr bzw. in Ahrweiler aufgehalten hat, führte dann schließlich und endlich zum Durchbruch. Meine Schwester bekam die Mitteilung, dass die Familie wohl zuletzt in Mistelbach/Österreich gemeldet war. Nach einigen Fehlversuchen erhielt sie die Telefonnummer eines Mannes in Mistelbach, der nach wenigen Sätzen zu ihr sagte: „Auf diesen Anruf haben wir 40 Jahre gewartet!“ Es handelte sich um einen Neffen Franz Streits, den Sohn seiner Schwester Julie, der sofort die Zusammenhänge herstellte und meiner Schwester – seiner Cousine – erklärte, wie sich dieser Hinweis erklärte, seit 40 Jahren auf diesen Anruf zu warten. Von ihm erfuhr sie umgehend, dass aus der Ehe Franz Streits mit seiner Frau zwei Söhne hervorgegangen waren. Er vermittelte ihr die Telefonverbindungen, und die Geschichte nahm endlich ihren erhofften Verlauf. Das alleine ist ja schon eine gewagte Annahme, denn die Kontaktaufnahme glich ja einem ungedeckten Scheck – vor allem Ulla, meine Schwester konnte ja nicht wissen, wie ihre Brüder reagieren würden. Es ist anzunehmen, dass ihr Blutdruck mächtig durch die Decke schoss, als sie erstmals einer der Söhne ihres Vaters am anderen Ende der Telefonverbindung abhob. „Das Abwesende muss präsent gemacht werden, weil der größere Teil der Wahrheit in dem steckt, was abwesend ist.“ Diese Anregung Adornos hat sich in der Enthüllung des so lange Abwesenden tatsächlich für meine Schwester und ihre beiden neu hinzugewonnenen Brüder bestätigt. Das Auffinden des Verborgenen bedeutet für beide Seiten bis heute ein Gewinn. Wahr ist aber auch, dass dort, wo sich für meine Schwester eine lang gehegte Sehnsucht erfüllt hat, für ihren Sohn die Ambivalenz deutlich überwiegt. Er kann zwar seinen beiden späten Onkeln begegnen, eine Auseinandersetzung mit seinem Großvater hingegen lehnt er strikt ab.
Nun werde ich im nächsten Jahr siebzig, meine Schwester wird 80 Jahre alt und ihr Sohn vollendet die 60 Jahre. Solange ich zurückblicke auf diesen Teil meiner Familie, erinnere ich zuerst den tiefen Unfrieden, der seine Nahrung zieht aus der eklatanten Ungeeignetheit der beiden Elternteile füreinander. Bis in das Jahr 2014 dauerte der Krieg der beiden Eheleute, zwischen dessen Fronten der gemeinsame Sohn stand – er hat als Jurist im Übrigen auch die Scheidung seiner Eltern begleitet. Genau so gewaltig war der Zorn auf Vater und Mutter, dass es zu zeitweiligem Hausverbot für die beiden führte: „Ich kann meine Mutter nicht leiden“ und „Ich bin nicht so wie mein Vater“ – dies waren lange die Leitsätze meines Neffen. Die Eltern hingegen, die zweifellos Krieg gegeneinander führten – mit übler Nachrede, mit gegenseitiger Abwertung und Missachtung, konnten den Zorn und schließlich die lebensbedrohliche Erkrankung ihres Sohnes nicht in einen Zusammenhang bringen mit ihrer unseligen Kriegsführung. Ihr Sohn erlitt 2008 einen völligen Zusammenbruch mit einem kombinierten Herz- und Hirninfarkt. Er verbrachte nahezu drei Monate in der Uni-Klinik Bonn, fast acht Wochen davon in einem künstlich herbeigeführten Koma.
In der Summe gibt es eine lange Kolonne von erkennbaren – auch selbst eingeräumten – Fehlern auch im Sinne von falschen Weichenstellungen im eigenen Lebensentwurf – bzw. –vollzug. Michael hat nach seiner Erkrankung Abstand nicht nur von seiner beruflichen Tätigkeit genommen, sondern er hat im Sinne einer Generalabrechnung auch mit seinem Berufsstand gebrochen. In dieser Abrechnung klangen Töne an, wie sie vielleicht am eindrücklichsten Michael Stolleis in einem Beitrag „Furchtbare Juristen“ (in: Deutsche Erinnerungsorte II, C.H. Beck, München 2003, S. 538) kompakt zusammenstellt:
„Juristen sind akademisch ausgebildete Spezialisten. Im 20. Jahrhundert bedeutet dies in Deutschland eine vier- bis fünfjährige Universitätsausbildung mit Staatsexamen, eine staatlich geleitete und finanzierte ‚Referendarausbildung‘, in der Praxis von etwa zweieinhalb bis drei Jahren, schließlich eine zweites, das ‚Große‘ Staatsexamen. Das Ergebnis ist der ‚Volljurist‘, der in Deutschland etwa dreißig Jahre alt ist und nun, nach einer weiteren Einarbeitungszeit von zwei bis drei Jahren, endlich zur Praxis verwendet werden kann. Kommt noch ein Doktorgrad hinzu, dann müssen noch einmal etwa zwei Jahre Lebenszeit hinzugerechnet werden.
Dieser lange Lauf durch die Hörsäle, Bibliotheken, Repetitorien und Prüfungsräume hinterlässt Spuren in der Seele. Im kreativsten Jahrzehnt des Lebens lernen die Adepten wenig über Freiheiten, aber alles über deren Schranken, ja über die Schranken der Schranken. Wichtig sind nicht die Inhalte der Freiheiten, sondern der Vorgang des methodisch angeleiteten ‚Abwägens‘ konkurrierender Freiheiten. ‚Jede Lösung ist vertretbar, Sie müssen es nur richtig begründen‘, hören die Studenten unentwegt. Also fragen sie: Was sagt die h.M. (herrschende Meinung)? Was sagen Bundesgerichtshof, Bundesverwaltungsgericht und Bundesverfassungsgericht? Wer ihnen folgt, ist als Anfänger gut beraten; denn es kann nicht ‚falsch‘ sein. Die ganze Apparatur der Juristenausbildung dient, kurz gesagt, nicht nur der Vermittlung von Kenntnissen, sondern ist zugleich auch eine Wegstrecke der Sozialisation. Am Ende sucht der juristisch ausgebildete Verstand schon instinktiv diejenige Lösung, mit der man sich im Rahmen des ‚Vertretbaren‘ hält, ‚Mindermeinungen‘ vermeidet, kurzum: am wenigsten aneckt.“
Mit Ende vierzig hat sich die Masse der Juristen etabliert, ihre Nische gefunden und führt zumeist ein angepasstes und auskömmliches Leben. Was sich bei meinem Neffen zuspitzte, vereinte alle Elemente einer ausgewachsenen Krise in der Lebensmitte und endete in einem Desaster. Meilenweit von irgendeiner Auskömmlichkeit entfernt, wurde er zu einem Versorgungsfall, dem fortan nur ein unzureichender Anspruch aus dem Versorgungswerk der Rechtsanwaltskammer zustand. Intakte berufliche Identität ist ein wesentlicher Bestandteil personaler Identität. Ihr Verlust hatte nicht nur materielle Konsequenzen, sondern erzeugte in der Folge eine vollständige Identitätskrise, die auch innerfamiliäre Spannungen und Konflikte nach sich zogen. Schon nach wenigen Seiten bricht das Manuskript zu einer weit ausholenden Spurensuche – nach einer Einleitung: Bevor es losgeht – ab. Das Motiv für diesen Aufbruch begründet mein Neffe für mich auf nachvollziehbare Weise unter anderem damit, dass er – trotz aller Vorbehalte – „und nicht ohne ein wenig Vergnügen“ von den Menschen seiner Familie, seiner Herkunft und Heimat berichten wolle, „vor allem damit meine Kinder irgendwann nachlesen können, was mir wert erscheint, nicht vergessen zu werden“.
Daran unmittelbar schließt sich der Hinweis an, verzichten zu wollen auf die Suche nach Erinnerungen an Menschen, „die mir niemals begegnet sind“, und über deren Leben man ja nur „vom Hörensagen“ berichten könne: „Mir fehlen Überzeugung und Glaube daran, dass diesen Abstammungslinien eine wichtige Bedeutung für mich und meine Kinder zukommt. Meine Wurzeln, wenn man es so nennen mag, liegen mit einer Ausnahme, auf die ich noch zu sprechen kommen werde, offen zutage. Und etwas Geheimnisvolles ist an dem, wovon ich nun erzählen möchte, auch nicht.“
Die Geheimnisse sind enthüllt. Mit Hildes Geschichte und den akribischen und in diesem Zuge auch dokumentierten Nachforschungen zur Biografie Franz Streits liegen die Sachverhalte offen zutage. Michael hat noch 2010 in der Begründung zu: Bevor es losgeht bemerkt, dass er – so schwer es ihm auch falle – „die Veränderungen, die sich in allen Bereichen meines Lebens eingestellt haben, als Wirklichkeit anzunehmen, ohne ständig Klage darüber zu führen“, doch daran glauben wolle, „dass meine sprachliche Ausdrucksfähigkeit noch nicht an ihr Ende gekommen ist, sondern deren langsames Wiedergewinnen möglich bleibt. Solange werde ich eben, was mir erzählenswert erscheint, aufschreiben“.
Ich habe selbst lange darum gerungen, das Wort zu nehmen und eine eigene sprachliche Ausdrucksfähigkeit sowohl zuzulassen als auch zu kultivieren. Erst mit Ende vierzig habe ich systematisch damit begonnen, dem eigenen Ozean des Erinnerns und dem permanenten Anbranden von Gegenwartsmomenten eine Sprache zu geben; die dabei möglichen Absonderungen aufzuspüren und aufzubewahren – in Gedichten, in Geschichten, in mühsamen Selbst- und Fremderforschungen, schlicht in Tagebuchaufzeichnungen.
Nun bewahre ich also den Glauben in mir, mein Neffe möge endlich wieder zur Sprache finden. Und so kommt mir – überaus sentimental, wie ich mir vorkomme – sein eigenes Sentiment wie eine Mahnung vor, dich ich beherzige, und für die ich sein Herz wieder aufschließen möchte, weil ich weiß, dass er Recht hat. Er schreibt:
„Wer seinen Gedanken und Gefühlen mit dem Mund Ausdruck verleihen, sie be-sprechen kann, der besitzt einen wertvollen Schatz, dessen ganze Pracht erst nach seinem Verlust empfunden wird. Aber das ist ja oft so im Leben. Mein spürbarster Verlust ist das Nicht-mehr-Vorlesen-Können. Ich vermisse es sehr, vor allem, weil ich es früher gerne und häufig getan und wohl auch nicht schlecht gekonnt habe.“
Vielleicht möchte ich den Glauben deshalb nicht aufgeben, weil ich meinen Neffen zwar nie als Vorleser erlebt habe; aber ich habe ihn erlebt als wortmächtigen und kultivierten Beobachter des Zeitgeschehens. Der Schmerz will nicht weichen. Er speist sich aus der Annahme, dass jemandes Aufbruch versiegt – schon Bevor es losgeht –, weil ihm die Komplexität und die Widersprüchlichkeit all dessen, was Beobachtung uns zumutet, den Gestaltungswillen und den Mut zur Auseinandersetzung nimmt. Dass die Krise in der Lebensmitte sich verstetigt, mag darin einen authentischen Ausdruck finden. Mehr noch drängt sich dem fernen Beobachter ein Eindruck auf, der mit einem schleichenden und subtilen Prozess der Aushöhlung und Auszehrung der auf Liebe – nichts als der Liebe – gründenden sozialen Kernbeziehungen einhergeht. Weiter oben steht eine Bemerkung, die ich mir selbst – tatsächlich gespeist aus den vielen beobachteten Niedergängen einstmaliger Liebesbeziehungen – mit auf den Weg gegeben habe:
In einem ersten Gespräch über diese Aufzeichnungen mit einem langjährigen Freund, kamen wir auf die Schwierigkeiten zu sprechen, erstens die Frage redlich zu beantworten, wen all dies hier überhaupt interessieren könnte? Zweitens, wen es überhaupt etwas anginge? Und drittens, ob man nicht um des lieben Friedens willen sowieso den Blick viel besser nach vorne richten, und die Vergangenheit (endlich) auch Vergangenheit sein lassen sollte! Und mehr noch stellt sich die Frage, ob genau diese letzte Empfehlung nicht so etwas sei, wie die Überlebensgarantie für so viele, die beim Betrachten ihrer Vergangenheit ohnehin zu Totstellreflexen neigen (müssten)!
Die heute alltäglichen Konstellationen von Familiengeschichten enthalten zuhauf jene Zutaten, die sich auch rückblickend nicht mehr zur Zubereitung eines schmackhaften Menüs oder auch nur einer Notspeisung eignen. Und der ein oder andere mag dann vielleicht ins Grübeln geraten: So vielen bist Du gleichgültig, und so viele sind Dir gleichgültig geworden. Beziehungen sind flüchtig, waren immer nur Episoden und dort, wo sie Generativität nicht verhindern konnten, hast Du Deine Kinder aus den Augen verloren; Du bist ihnen fremd, und sie sind dir fremd. Irgendwann beginnen Deine Enkel zu fragen: wer sind wir, wo kommen wir her, wer ist uns vorausgegangen? Und wer mag uns antworten?
