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Wie ich lernte zu wollen, was ich soll (23)
Ich habe gelernt, dass Sollensvorstellungen immer zusammenhängen mit Erwartungen, die jemand an uns richtet. Mir hilft es zunächst einmal ein wenig abstrakter anzunehmen, dass das Leben Erwartungen an uns alle richtet. Dass die Eltern den Kindern das Leben geben, hört sich zunächst einmal trivial an – Bert Hellinger spricht vom Geben und Nehmen des Lebens. Geht ein Leben seinen geordneten Gang, kann man sagen, dass aller Anfang sich so zuträgt, dass die Eltern geben und die Kinder nehmen. Dazu gehört wohl die Einsicht, dass die Eltern sich den Kindern so geben, wie sie sind. Und die Schlussfolgerung, die ebenso so trivial daherkommt, meint, dass die Kinder die Eltern dementsprechend nur nehmen können, wie sie sind. Sie können dem weder etwas hinzufügen noch etwas weglassen oder etwas davon zurückweisen. Vermutlich machen diese Schlussfolgerungen Bert Hellinger in den Augen emanzipierter, aufgeklärter Menschen so schwer verdaulich. Es wird sogar noch heftiger, wenn Hellinger meint, das ganze habe eine besondere Qualität, weil die Kinder die Eltern nicht nur haben, „sie sind ihre Eltern. Die Eltern geben ihren Kindern, was sie selbst vorher von ihren Eltern genommen haben, und auch von dem, was sie vorher als Paar, der eine vom anderen, nahmen. Zusätzlich zum Geben des Lebens sorgen die Eltern noch für ihre Kinder. Dadurch entsteht zwischen Eltern und Kindern ein riesiges Gefälle von Nehmen und Geben, das die Kinder, selbst wenn sie es wollten, nicht ausgleichen können.“
Im kommenden Jahr hoffe ich meinen siebzigsten Geburtstag feiern zu können. Mein Vater ist 1988, meine Mutter 2003, mein Schwiegervater 2010 und meine Schwiegermutter 2020 gestorben. Die Sorge und das Sorgen für die alten (Schwieger-)Eltern haben die letzten nahezu zwanzig Jahre geprägt. In Zweierlei Glück – In Gunthard Webers Dokumentation der Arbeit Bert Hellingers – steht der Satz, dass das Kind für seine alten Eltern sorgt, wenn sie in Not und alt sind: „Das letzte ist etwas ganz Wichtiges für den Abschied: Die Eltern können das Kind ziehen lassen, wenn das Kind ihnen versichert, dass es für die Eltern da ist, wenn sie es brauchen.“
Motiv und Motivation liegen vordergründig betrachtet auf der Hand. In der Konfrontation mit den alten Eltern liegt eine große Herausforderung. Die besteht offenkundig darin nicht als Kind zu reagieren, sondern als Erwachsener, der das macht – wie Weber und Hellinger betonen –, was richtig ist. Es erfordere einen Bewusstseinswandel. Dann lasse sich das, was richtig ist, meistens auch tun; zuletzt und nach meinen Eindrücken allumfassend – hat sich dieser Bewusstseinswandel in mir mit dem Begleiten meiner Mutter in ihren letzten Lebensmonaten von Februar bis Juli 2003 vollzogen.
Da der Aufforderungscharakter des Wollens allein, d.h. das bloße Erheben eines selbstadressierten Sollens- und Veränderungsanspruchs, keineswegs automatisch zu motivationaler Wirksamkeit führt, bleibt zu überlegen, wie eine solche Wirksamkeit in erreichbare Nähe rückt und nicht nur dazu führt, dass ich auf diese Aufforderung irgendwie reagiere, indem ich ihr entweder nachkomme oder eben nicht. In meinem Fall liegen die Dinge klar: Alles, was mir meine Eltern gegeben haben, die Art und Weise, wie sie für mich gesorgt haben, kommen aus einem Füllhorn. Und da ist es wohl so, dass Kinder das damit entstehende Gefälle von Nehmen und Geben nicht ausgleichen können, selbst wenn sie es wollten. Wie leicht hingegen war ein Ausgleich von Nehmen und Geben meinen Schwiegereltern gegenüber. Hier erst zeigte sich in einem vollen Umfang, dass ich aus vollem Herzen wollen konnte, was ich sollen durfte. Mein über die Maßen privilegiertes Leben in materieller Hinsicht verdanke ich zu wesentlichen Anteilen meinen Schwiegereltern, die mir im Übrigen auch in allen anderen Lebenslagen – trotz meiner Abdrift 1997 – gewogen blieben.
Erzählenswert bleibt die Abschiedsreise mit meinem Schwiegervater 2003 in seine Heimat. Diese Reise in die Vergangenheit beinhaltete alle im Alter von 79 Jahren noch möglichen Köstlichkeiten, eingewoben in einen schmerzensreichen Abschied von Kindheit, Jugend und Alter: Im September 2003 – wenige Monate nach dem Tod meiner Mutter – bat mein Schwiegervater, Leo, mich darum, ihn auf einer Reise in seine alte Heimat an den Bodensee zu begleiten; rund 450 Kilometer entfernt von Koblenz. In Ittendorf – etwa 8 Kilometer nördlich von Meersburg im Hinterland gelegen – hatte er Kindheit und Jugend verbracht.
Er und seine Geschwister – der ältere Bruder Ernst und die ältere Schwester Klärle – waren früh Halbwaisen geworden. Der Vater starb Ende der zwanziger Jahre und hatte mit Leonie noch eine Halbschwester hinterlassen. Nach seinen Schilderungen war Leo ein äußerst aufgewecktes, umtriebiges Kind. Seine eigenen Erzählungen erinnerten immer an die Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma. Selbst wenn man gewaltige Abstriche vornimmt, verfestigt sich ein Eindruck, für den allein schon deshalb Vieles spricht, weil sich ganz offenkundig eine starke Kontinuitätslinie von der Kindheit bis ins hohe Erwachsenenalter offenbart. Sein Habitus als Bodenseeschwabe, gepaart mit unbändiger Lebenslust und dem, was man den Schalk im Nacken nennt – eine verschmitzte Art, die sich mit Schnelligkeit im Denken und Handeln paarte, macht ihn unter den behäbigen Rheinländern und Moselanern zu einer in jeder Hinsicht zu einem Solitär. Nimmt man nun die rosarote Brille ab, dann zeigt sich freilich auch ein bauernschlauer, knochiger Lebenskünstler, der nie (!) – bei allem was er tat, plante und ins Werk setzte – den eigenen Vorteil oder den Vorteil der ihm Nahen aus dem Blick verlor. Seine self-made-Qualitäten habe ich in Kapitel (8) bereits hervorgehoben. Diese außergewöhnlichen Eigenschaften gründen wohl in den Umständen einer Kindheit auf dem Land – ohne Vater – und dem früh ausgebildeten, unbändigen Willen, das Beste und Extremste aus sich herauszuholen. Davon zeugen so viele objektive, faktisch nachvollziehbare Mosaiksteine, deren bedeutsamster wohl darin aufscheint, eine Lehre zum Maschinenschlosser bei Maybach zu absolvieren. Kaum vorstellbar, unter welchen Umständen Leo dieses Vorhaben bis zum Gesellenbrief realisierte: Jeden einzelnen Tag seiner Ausbildung fuhr er mit dem Fahrrad von Ittendorf nach Friedrichshafen – 17 Kilometer hin und 17 Kilometer zurück. Leo hat sich 1942 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. Ähnlich wie Heinz Otto Fausten hat er diesen Schritt damit begründet, sich dadurch die Waffengattung aussuchen zu können und – nebenbei – habe die Annahme eine Rolle gespielt, der Krieg stehe unmittelbar vor seinem erfolgreichen Ende. Die Kalkulation ging nicht auf; mehr noch wurden viele Angehörige der Luftwaffe zuletzt – nachdem der Flugbetrieb aufgrund von Spritmangel fast zum Erliegen kam – ihren Dienst bei der Infanterie aufnehmen – so auch Leo. Er wurde von Oktober an in den erbitterten Kämpfen im Hürtgenwald schwerstverwundet. Nach seinen Schilderungen verlor er als Zugführer alle seine Leute durch kanadische Scharfschützen. Sein eigenes Überleben verdanke er lediglich – nach eigenem Bekunden – einem intuitiven, ruckartigen Herumreißen des Oberkörpers, so dass der seinem Kopf geltende Schuss seine rechte Schulter zertrümmerte. Leo gelang es, sich bis zu den eigenen Linien zurückzuschleppen; ihm drohte zunächst die standrechtliche Erschießung wegen wehrkraftzersetzender Aufgabe von Positionen – außerdem habe er keinen seiner Leute zurückgebracht. Die Intervention seines Kompaniechefs wendete das Blatt. Aufgrund der schweren Verwundung wurde Leo in das Lazarett Nordhausen/Thüringen verlegt. Diese Geschichte erwähne ich, weil ein weiterer entscheidender Mosaikstein in Leos Selbstbild damit zusammenhängt, dass seine Schwester Klärle seine Verlegung von dort nach Ravensburg erreicht hat. Er wurde von einem Spezialisten erfolgreich operiert, so dass das rechte Schultergelenk – zwar mit erheblichen motorischen Einschränkungen – erhalten werden konnte (Leos Kriegsversehrtenausweis liegt mir vor).
Mein Schwiegervater ging gar so weit anzunehmen, dass er seiner Schwester, die er als braune Schwester bezeichnete (sie hatte Karriere bei den sogenannten braunen Schwestern gemacht) sein Leben verdankte (in Thüringen wäre er unter Umständen in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und hätte dies mit Blick auf seine Verwundung gewiss nicht überlebt). Die Tatsache, dass Leo die geliebte Heimat verlassen musste, hängt nun wiederum mit einem anderen markanten Mosaikstein seiner Biografie zusammen. Leo bestand nach Kriegsende und Genesung die Aufnahmeprüfung am Konstanzer Technikum und beendete dort 1949 eine Ausbildung zum Maschinenbauingenieur. Zweifellos hätte er am See auch beruflich Fuß fassen können, hätten ihn private Turbulenzen nicht zur Flucht ins Rheinland gezwungen. Angeblich ging die Schwangerschaft einer Ittendorferin (mit zweifelhaftem Ruf) auf sein Konto. Da sich dies seinerseits nicht wirklich entkräften ließ, musste er vom See weg. Seine Mutter (und seine Schwester) rieten/drängten ihn zu dieser Flucht, die ihn nach Koblenz zu einem Bruder seiner Mutter führte. Hier beginnt nun das zweite oder dritte Leben Leos, das schließlich mit der Eroberung meiner Schwiegermutter einen ersten Höhepunkt erfuhr; die beiden heirateten am 21. Februar 1952, an dem Tag, an dem ich selbst das Licht der Welt erblickte. Manch einer könnte dabei an Vorsehung denken.
Dieser schnelle Parforce-Ritt durch Leos Frühgeschichte ist unentbehrlich, will man nun unsere Abschiedsreise im Jahr 2003 verstehen: Leo zeigte bereits erste Anzeichen einer beginnenden Demenz. Ein ärztlicher Kurzbericht aus dem Januar 2001 – erstellt im Krankenhaus der Stadt Bludenz vom behandelnden Arzt und Leiter der „Internen Abteilung“, Dr. Striberski – spricht von „hochgradiger V.a. li.-hirnige TIA mit passagerer Dysphasie – hypertensive Encephalopathie bei arterieller Hypertonie“! Im Klartext ging es damals – bei Leos letzter alpiner Exkursion am Arlberg schon um signifikante Durchblutungsstörungen des Gehirns mit neurologischen Ausfallerscheinungen; Hintergrund war jahrelange Vorschädigung durch Bluthochdruck. Was hier Dysphasie heißt, bedeutet eine Störung bei der Sprachverarbeitung, die mit Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses oder anderer geistiger Fähigkeiten zusammenhängt. Als abschließendes Procedere steht in diesem Kurzbericht: „Dringend weitere neurologische Abklärung mit EEG und eventl. MRT. Bis zur endgültigen Abklärung Lenken eines KFZ, gefährliche Tätigkeiten etc. verboten.“ All dies wird sich auf unserer Abschiedsreise auf mehr oder weniger eindeutige und beklemmende Weise zeigen.
Gemeinsam mit Leo habe ich viele Stunden zu zweit bei Urlaubsfahrten oder auch anders motivierten Reiseaktivitäten verbracht. Die früheste diesbezügliche Erinnerung rühren aus den Jahren 1992 bis 1996. Legendär war unsere Tour nach Zürs bzw. Stuben. Claudia erwarb ihre Ski-Lehrerinnen-Lizenz. Leo musste das aus der Nähe beobachten und sorgte dafür, dass ich als relativer Ski-Anfänger meine Feuertaufe am Arlberg erfuhr – von morgens bis abends (am Abend die letzte Liftfahrt, um dann tatsächlich als allerletzte die Albona schon in der Schattenlage und schon wieder vereisend zu bewältigen). Hier stieß Leo an seine physischen Grenzen und entschloss sich noch im selben Jahr zu einer ersten Hüftgelenksprothese an der renommierten Endo-Klinik in Hamburg. Bei all diesen Touren an den Arlberg, nach Hamburg war ich Zuhörer. Ich hörte Leos Geschichten zum wiederholten Mal – immer verbunden mit leichten Variationen, aber einem festen unverbrüchlichen Kern. Ich hörte aufmerksam und sehr genau zu, so dass Leos Skript sich mit seinen Essentials und Kernbotschaften tief in meinen Erinnerungsvorrat einkerbten. Die mehr als fünf Stunden auf der Fahrt nach Ittendorf verbrachten wir mehrheitlich schweigend, Leo auch teils schlafend. Wir hatten uns im einzigen, gleichwohl alteingesessenen und gediegenen Landgasthof „Adler“ eingemietet. Der „Adler“ bildete in einem Quadrat – an der Hauptstraße gelegen – das Eckhaus. Diagonal, etwa 100 Meter Luftlinie entfernt, steht/stand Leos Elternhaus. Er entstammte einer bäuerlichen Kleinwirtschaft. Nach seinem Weggang aus Ittendorf hatte seine Schwester den Hof übernommen und nach ihrer Heirat mit Emil Lang bis zu ihrem Tod 2001/02 (?) bewirtschaftet. Mit derselben Schwester, der Leo – nach eigenem Bekunden – sein Leben verdankte, hatte er sich im Zuge von Erbauseinandersetzungen und der Frage nach dem Verbleib der Mutter im Alter heillos zerstritten. Auf seine Veranlassung und Bitte der Mutter verfügte er 1971 die Übersiedlung der Mutter in ein Altersheim in der Nähe – nach Wespach. Diese im Einvernehmen mit der Mutter, aber letztlich einseitig herbeigeführte Entscheidung führte zu einem erbitterten und letztlich unversöhnlichen Streit der beiden Geschwister. Hintergrund waren exakt dieselben Überlegungen und Vorbehalte, wie ich sie im Zusammenhang mit meinen Beobachtungen in der mir in den siebziger Jahren zuwachsenden Beinahe-Schwiegerfamilie in Kapitel 5 beschrieben habe. Eine spießbürgerliche, erzkatholisch unterfütterte Enge ließ auch gegenüber einer vollkommen zerrütteten und (für die Mutter nach eigenem Bekunden immer unerträglicher werdenden Zwangsarrangement auf dem eigenen Hof keine Alternative. Jenseits der Frage nach Wohlergehen und Wohlsein der Beteiligten beanspruchte der äußere Schein nach einer vorgeblich heilen und verantwortungsvollen Fürsorge der Mutter gegenüber – selbstverständlich in den eigenen vier Wänden – absoluten Vorrang. Leo wurde von seiner Schwester und ihrem Ehemann, der über viele Jahrzehnte als Ortsvorsteher die Geschicke der Gemeinde verantwortete, eine unerträgliche Bloßstellung der Familie vorgehalte. Erste die dritte Generation – die Kinder der Kontrahenten – versuchten innerhalb der Familie wieder einen Frieden zu finden und zu begründen.
Leo hatte 2003 noch einen besten Freund in Ittendorf, den wenige Jahre älteren Edi Widemann, einer der vielen Apfelkönige vom Bodensee. Die Reise trug durchaus noch seine planerische Handschrift. Leo überließ ungern etwas dem Zufall und hatte für den Nachmittag unseres Ankunftstages ein Treffen bei den Widemanns (Edi und Priska) vereinbart. Bevor wir zu den Wiedmanns fuhren, die einen Aussiedlerhof mitten in den Apfelplantagen auf dem Weg von Ittendorf nach Immenstad bewohnten, musste ich Leo gewissermaßen ums Eck fahren; im engeren Sinne vom Adler aus am Schloss vorbei, dann links abbiegend am Haus seines Neffen Bernd vorbei. Das Annegärtle, das Leo versprochen war, war – wie das gesamte Erbe an seine Schwester gefallen. So hatte Bernd irgendwann sein Haus auf’s Annegärtle gebaut, hatte geheiratet, drei Kinder bekommen, zeitweise am Rad gedreht, vielleicht weil die Erbgänge irgendwie doch quer saßen. Leo hatte seiner Mutter zuliebe die Salamitaktik seiner Schwester hingenommen und Scheibe für Scheibe den Erbverzicht ausgesprochen. All dies gewann noch einmal besondere Brisanz, als Leo seine Mutter in der Nähe von Salem (in Wespach) in einem Altenheim unterbrachte, wo sie immerhin von 1971 bis 1976 – ihrem Sterbejahr – gelebt hat. In all diesen Jahren hat aus der Familie Lang niemand die (Schwieger-)Mutter oder die Oma (Klärle hatte zwei Söhne, Bernd und Wolfgang) auch nur noch einmal besucht. Sie starb völlig vereinsamt im Altenheim, und auch nach ihrem Tod fanden die Geschwister – Klärle und Leo – nicht die Kraft zur Versöhnung. Die letzte Chance blieb ungenutzt als Klärle ihren Bruder samt Familie zu einer Feier einlud. Leo hatte die Zimmer im Adler bereits reserviert, dann aber – als ihn offensichtlich der Mut verließ – wieder storniert.
All dies mag Leo möglicherweise erinnert haben. Er weigerte sich stur und konsequent aus dem Auto auszusteigen, das Elternhaus in Sichtweite – dort lebte sein Schwager Emil noch bis ins hohe Alter von 97 Jahren; er ist 2015 verstorben. Ittendorf bedeutete für Leo offensichtlich verbrannte Erde. Frei atmen konnte er erst, als wir am Kaffeetisch bei seinen ältesten Freunden, den Widemanns, auf dem Hundweilerhof saßen. Auf dem Weg dorthin musste ich auf einer Anhöhe anhalten. Wir stiegen aus. Wir sahen den See und am Horizont die Berge. Leo war für seine Art ungewohnt still. Auch beim Kaffee und schließlich bei Heinzlers in Immenstad – das waren ja alles Heimspiele – blieb den Gastgebern nicht verborgen, wie sehr sich Leo verändert hatte. Auch ich selbst hatte in den letzten 25 Jahren meinen Schwiegervater immer als Dominator erlebt; ob kleine oder große Gesellschaft – zu seiner Lebendigkeit und Präsenz gab es selten ein Pendant auf Augenhöhe. Seine Art war nicht nur dominierend, sie war in der Regel auch mitreißen und unterhaltend. Seine Frau hat immer wieder betont, dass er unter all den Vielen, die ihr den Hof gemacht haben, vom ersten Tag an nie Langeweile hat aufkommen lassen, er hat mit seinem Humor und seiner Beredsamkeit all anderen aus dem Feld geschlagen (legendär – seine Geschichte, wonach er bei der allerersten Einladung gebetet hat, Lisa möge nicht mehr als ein Glas Wein trinken, für zweie habe er kein Geld gehabt – seine Ängste waren unnötig, Lisa hat immer nur ein Glas getrunken!).
In der Nacht (im Adler) müssen Leo Albträume gequält haben, er wirkte verwirrt und orientierungslos – seine Lebenszeitalter bedrängten ihn vermutlich in einem heillosen Durcheinander. Auf dem WC unterlief ihm ein Malheur; er war schwer zu beruhigen und fand kaum in einen heilsamen und beruhigenden Schlaf. Wohl wissend, dass er sich seiner Tochter in diesem Zustand nicht hätte zumuten können, bestand er wohl auf meiner Begleitung. Anderntags kehrten wir Ittendorf den Rücken. Unweit war aber ein fester Haltepunkt vorgesehen, der mich einigermaßen verwunderte. Zwar wusste ich aus Leos Erzählungen, dass er als Chefmessdiener eine mehr als fragwürdige Karriere absolviert hatte, dass er aber darauf drängte Station an der Birnau zu machen, gehört zu den nachhaltigsten Erinnerung an unsere Bodenseetour. Die Wallfahrtskirche Birnau ist eine an der oberschwäbischen Barockstraße gelegene Barockkirche. Die beeindruckt durch ihre barocke Ausstattung – vor allem mit Fresken, Stuckaturen und Skulpturen, deren bekannteste der sogenannte Honigschlecker ist; eine Putte, die recht verschmitzt dreinschaut und ihren honigbedeckten Finger zum Mund führt.
Leo führte mich zu diesem Wonneengel und zeigte auf ihn mit den Worten: „Das ist mein Schutzengel, der hat mir den Weg durchs Leben gewiesen und mich auf all meinen Wegen begleitet.“ Ich registrierte diesen Hinweis mit Humor und nahm ihn als eine typische Geste meines Schwiegervaters. Als er sich dann in eine Bank in die Nähe des Altars setzte und seinen Tränen freien Lauf ließ, wurde mir überdeutlich, wie ernst er dies wohl meinte und wie sehr ihm diese Begegnung als die Quersumme seines Lebens vorkommen musste. Heute würde man wohl von einem zentralen Skript oder einem beherrschenden Narrativ sprechen, in dem die Bilanz eines Lebens auf den Punkt kommt. Leo hatte seine Heimat verlassen müssen und hatte sich Heimat in der Fremde geschaffen. Die Rückkehr an den Ort seiner Kindheit und Jugend musste ihm final und irreversibel vorkommen; ein Abschied für alle Zeiten – und vor allem, Zeit sich auf den Heimweg zu machen
Die sechseinhalb Jahre, die ihm noch blieben, führten in das schon beschriebene tiefe Tal des (Selbst-)Vergessens (siehe Demenztagebuch). Um noch einmal an das zentrale Ausgangsmotiv anzuknüpfen: Wie ich lernte zu wollen, was ich soll – die Willensfreiheit in den nun kommenden sechseinhalb Jahren das zu tun, was ich tun würde, basierte immer auf der Idee des Anderskönnens (siehe dazu: Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln, Frankfurt 2001, S. 430): Ich hätte auch anders handeln können. Ein zweites Moment beruhte auf der Idee, aus guten Gründen, nicht aber aus Zwängen zu handeln. Das dritte Moment ist mir heute am wichtigsten, insofern ich die Urheberschaft für mein Handeln beanspruche; selbst da noch, wo äußere Faktoren und Bedrängnisse mich unter Umständen eines Besseren hätten belehren können (siehe Kapitel 20a).
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Lautverschiebung (22)
Über die Jahre I
Der kleine Winzig sprach zu seiner Frau:
Komm in den totgesagten Park und schau
Wie alle Kräutlein wieder blühn.
Sie blühen rotgelblilablau
Und alles ist voll Hoffnungsgrün!
Der kleine Winzig sprach zu seiner Frau:
Vertreib mit mir die Trübsal und das Grau!
Ich bin so selbstbewusst und kühn
Und weder trunken, blind noch blau,
Die Liebe soll auf’s Neu erblühn.
Der kleine Winzig sprach zu seiner Frau:
Nimm’s Leben leicht, nicht so genau!
Die Last, das Leid und auch die Mühn
Sind Mörtel im Familienbau,
Worüber nachts die Sternlein glühn!
Der kleine Winzig sprach zu seiner Frau:
Zur Welt gehörn der Eber und die Sau!
Die Frau ist keine platte Fläche,
Sie hat Kontur und Vorderbau,
Den ziert sie auch mit Wäsche!
K(l)eine Trauer
Alle Frauen werden Nonnen
– Jung und alt!
Mein heißes Blut ist nun geronnen
Und mein Herz wird kalt.
Erbärmlich fleh ich um ein bisschen Zeit.
Der Kopf denkt: Nein!
Die Seele schreit –
Und alle sind allein.
Erde, Wasser, Luft und Sonne,
Alles schien schon dein/mein.
Kosmisch diese Wonne,
Ach du/ich armes Schwein.
Leben ist auch Pflicht!?
Gewiss mein Kind –
Adel durch Verzicht,
Wo Astern Rosen sind.
Wo Sommer Winter bleiben.
Hör doch Bruder:
Lass das Schreiben,
Geh ans Ruder!
Lass es rollen
Durch die Welt!
Du musst wollen,
Wo und wann es hält.
Draw a distinction!
Unterschiede,
Die einen Unterschied machen,
Beleben das Leben.
Dies dacht ich grad eben.
Fast nüchtern und unaufgeregt
Pfleg ich Arschloch und Zähne.
Die Kellnerin hat gut aufgelegt:
Und wie ich so wähne
Regt sich ein wenig die Trauer.
Bescheiden – aber immer ein Abschied –
Sitzt der Frosch vor der Mauer,
Beginnt müde sein Lied.
Er weiß: Heute erhört ihn niemand.
Da bleibt er lieber gleich stille
Und blickt in ein Land
Voll Lust, doch mit nüchterner Brille.
Unterschiede,
Die einen Unterschied machen,
Beleben das Leben.
Dies dacht ich grad eben,
Was will man da machen.
Es vollzieht sich das Leben
Und manchmal die Ehe.
Mal Wohl und mal Wehe.
Draw a distinction – na eben!
Paarlauf
Schau, das Paar und seine Kreise –
Wie es sprüht und lebt
Und auf synchrone Weise
Über allen Niederungen schwebt.
Sieh nur ihre Augen strahlen
Und ihr Lachen in der Sonne blitzen,
Ihre Körper fliegen, malen,
Während ihre Spuren ritzen
Feine Linien in das Eis.
Ihre Herzen jubilieren, springen,
Ihre Seelen schimmern rein und weiß,
Engel hört man Halleluja singen.
Ach, so leben wir doch alle
Für ein Jahr, auch mal für zwei,
Tappen blindlings in die Falle
Und aus Eigenart wird Einerlei.
Immer wieder habe ich auf sprachlich verdichtete Formen der Daseinsbeschreibung und –bewältigung zurückgegriffen. Wie Seismographen zeichnen sie Eruptionen auf; in der Regel orientiert an wendepunktrelevanten Ereignissen und Geschehnissen. Die weiter oben wiedergegebenen fünf Gedichte sind nach 1997 entstanden. Sie weisen eine erste – zunächst sanfte – dann immer bestimmter auftretende Lautverschiebung auf. Sie taugen erstmals dazu eine rein düstere, destruktive Haltung zu ersetzen durch eine Perspektive, die mit einer Mischung aus sanfter Resignation, Humor und Selbstironie so etwas erzeugt wie eine Beobachtungsqualität zweiter Ordnung. Eine solche Qualität nimmt dann Konturen an, wenn genügend Abstand von den Dingen sowohl Selbstdesinteressierung als auch Selbstironie ermöglicht. Insgesamt sind aus meiner Feder etwa 120 Gedichte geflossen, die sich genau an diesem markanten Unterscheidungsmerkmal differenzieren lassen. Es werden weitere Gedichte folgen, die die beobachtete Lautverschiebung zu einer Sinnverschiebung anstoßen, in deren Folge eine eher kindlich-naive-trotzige Haltung einer widerborstigen Welt gegenüber einer zunehmend reifen und realistischeren Perspektive weicht.
Darin spiegelt sich vielleicht mehr und mehr die von Reinhold Niebuhr in einem Aphorismus empfohlene Haltung, mit Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können, mit Mut, die Dinge zu ändern, die wir ändern können, und mit Weisheit, das eine vom anderen unterscheiden zu können. Diese Weisheit wird einem aber ganz offensichtlich nicht in den Schoß gelegt. Eine weitere hilfreiche Unterscheidung in diesem Zusammenhang übernehme ich von Odo Marquard: Das Zufällige - das, was auch anders sein könnte, weil es durch uns änderbar ist - versteht Marquardt als eine "beliebig wählbare und abwählbare Beliebigkeit". Er nennt es das Beliebigkeitszufällige. Davon unterscheidet Marquard das Zufällige, das zwar auch anders sein könnte, aber gerade nicht durch uns änderbar ist (Schicksalsschläge: also Krankheiten, geboren zu sein und dgl.). Marquard geht also davon aus, dass es eben nicht nur das Beliebigkeiteszufällige gibt, sondern auch das Schicksalszufällige.
Kleine Randbemerkung zur Philosophie Odo Marquardts: Dazu gehört essentiell die Überzeugung, dass es überwiegend Zufälle dieser zweiten Art (Schicksalszufälle) sind, "die als natürliche und geschichtliche Gegebenheiten und Geschehnisse, welche uns zustoßen, unser Leben ausmachen (Zukunft braucht Herkunft, Stuttgart 2003/2015, S. 157f.)". Er geht so weit zu behaupten, dass das Schicksalszufällige die Wirklichkeit unseres Lebens ausmacht. Das habe vor allem Hermann Lübbe gezeigt - Handlungen würden dadurch zu Geschichten, dass ihnen etwas dazwischenkomme, passiere, widerfahre: "Eine Geschichte ist eine Wahl, in die etwas Zufälliges - etwas Schicksalszufälliges - einbricht: darum kann man Geschichten nicht planen, sondern muss sie erzählen (ebd., S. 158)."
Ja, gewiss ist dies wohl auch zu meinen Urmotiv geworden Geschichten zu erzählen – nunmehr unter der Maßgabe einer maßgeblichen Lautverschiebung, die eine behutsame, aber markante Verschiebung der Sinnkoordinaten zur Folge hat. Die von Odo Marquard angebotene Unterscheidung wird auch von dem bereits mehrfach erwähnten Paartherapeuten Detlef Klöckner aufgenommen. Dabei ist zunächst für ihn deutlich, dass sich im Kontext einer Langzeitperspektive quasiautomatisch Klippen auftürmen, „an denen das Paar scheitern oder wachsen kann“. Und ebenso deutlich sind für ihn die Unterschiede, die sich mit Blick auf lebenslange Monogamie auf der einen Seite und serielle Monogamie auf der anderen Seite ergeben:
„Manche persönliche und manche gemeinsame Transformationen sind nur erfahrbar, wenn man in einer Beziehung verbleibt, andere nur, wenn man immer wieder wechselt oder sich fern von Beziehungen aufhält. Um diese Unterschiede kommt niemand herum. Man wird im Leben also einiges oft, anderes weniger und vieles nicht erleben, je nachdem, welche Weichen man sich selbst stellt, und natürlich, welche das Leben zufällig anbietet und aufbürdet (Detlef Klöckner, Phasen der Leidenschaft, Stuttgart 2007, S. 100).“
Wer im Sinne des Phasenmodells, das Detlef Klöckner entwirft, bis zur letzten Phase – bis zum Fürsorglichen Finale – durchhält, weiß, dass man eine Ehe so wenig planen kann, wie Geschichten; also bleibt im Grunde genommen – sofern man sich selbst auf der Spur bleiben will – nur die Möglichkeit, zu erzählen: Phase I – VERZAUBERUNG – bildet den Auftakt meiner Erzählungen, genauso, wie Detlef Klöckner sie charakterisiert, als singulare Verliebtheit, die vom mentalen Ausnahmezustand bis zur Lust-Angst-Ambivalenz reicht. Phase IV – INTIME DIALOGE – geht ein in die Kapitel 20 und 21. Klöckner spricht von Gewohnheiten und Umbrüchen und Freundschaft; von Wiederverzauberung versus unromantischer Fixierung. Sieben Liebesbriefe – geschrieben zwischen März und Juli 2008 – belegen die Wiederverzauberung (in der Mohnfrau, Seite 109-133). Gemeinsam haben wir - Claudia und ich, je auf unsere Weise - versucht unser Schiff durch hohen Seegang zu steuern, nachdem wir beide erfahren haben, welche Weichen das Leben zufällig anbietet und uns auch aufbürdet. Mehrfach schon habe ich erwähnt, dass wir auf ein gemeinsames FÜRSORGLICHES FINALE hoffen; Phase V nach Klöckner; im besten Falle geprägt von einer komplementären Vertrautheit und dyadischer Dämmerung. Hier geht es noch einmal und zuletzt um existentielle Erfahrungen, Vermächtnis und in der Regel unvermeidbare Degeneration. Was uns jetzt schon hilft – und warum ich diese Aufzeichnungen auch als Vermächtnis betrachte – hängt mit unserer starken generativen Verankerung zusammen. Detlef Klöckner schreibt dazu:
"Phase V ist ein Spagat des abnehmenden Lebens. Das Paar steht vor der Bilanz seiner zurückliegenden Aktivitäten. Es braucht selbst Stütze und hat die Aufgabe, seine Lebenserfahrung und Werte an Nachfolgende zu vermitteln. Die leidenschaftlichen Wendungen der Altersbeziehung gehen über das Individuelle hinaus. Es ist eine Suche nach Versöhnung, Weitergabe und spirituellem Halt (S. 232f.).“
Ein Aspekt der Bilanz unserer zurückliegenden Aktivitäten lässt sich lyrisch verdichten, indem die Rückschlüsse aus Phase IV – Intime Dialoge – eine andere Klangfärbung annehmen als die von mir – vor allem in Phase I – Verzauberung – angebotene Liebeslyrik:
Überstehn
Wir sind die Silben
Auf dem Sprung zur Sprache
Wir schreiben dieses Buch,
Wir haben es geschrieben.
Du und Ich,
Erst zaghaft, überrascht,
Dann freudig, sanft getrieben,
Als ging es ums Verlieben.
So traumhaft finden sich die Worte,
Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
Doch streben wir nicht zu den Sternen,
Wir wissen doch:
Aus dieser Welt gilt es zu lernen.
Wir segeln dabei hart am Wind
Und sehen beide,
Was der Horizont verspricht.
Dahinter liegt Phantasia
Doch nicht für uns.
So können wir bewahren,
Was andern früh im Feuer schon verbrennt,
Wenn Alter blind in Ego rennt.
Wir lindern unsre Schmerzen,
Bewahren uns in unsren Herzen
Und mischen die Essenzen neu.
Wir bleiben auf der Hut,
Und finden immer neuen Mut,
Und werden nicht das Höllenfeuer sehn,
Wir werden unverzagt uns überstehn.
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Auch wer sein Pferd von hinten aufzäumt, muss nicht verkehrt herum aufsitzen - Warum ich unbedingt einem toten Gaul die Sporen geben wollte (21)
Ja, unsere Nachbarin auf dem Heyerberg. Von unserem Wintergarten sehe ich das Wohn- und Arbeitszimmer meiner überübernächsten Nachbarn. Dort wohnt R.B.K. mit ihrem Lebensgefährten. Räumlich trennen uns nicht einmal einhundert Meter; ein Vierteljahrhundert liegt zwischen unserer aberwitzigen Romanze. Ich schreibe und arbeite ja in der Regel mit Blick auf den Heyerberg – ein neugieriges Plätzchen, von dem aus ich auf die steile Zufahrt zu den letzten Häusern schaue. Ein bis zweimal am Tag sehe ich jene Frau, wenn sie zur Arbeit fährt oder nach Hause zurückkehrt. Wir begegnen uns heute völlig unbefangen und haben zur gegebenen Zeit unseren Abschied voneinander genommen. Mir ist eine vorwärtsweisende Auseinandersetzung mit Hilfe Gunthard Webers für mich selbst schon 1998 gelungen; durch jene Intervention, die Gunthard im Rahmen einer Aufstellung mit mir erarbeitet hat; jene Intervention, die in meinen Brief an den Freund und an meine Frau auch die Perspektive für einen respektvollen Abschied voneinander hätte weisen können.
Vor fast fünfundzwanzig Jahren begegneten sich zwei erwachsene Menschen in völlig unterschiedlichen Ausgangslagen. Da war zum einen ein Mittvierziger, seit 16 Jahren verheiratet und Vater von zwei Töchtern. Drei Jahre zuvor war er vom Schuldienst in den Hochschuldienst versetzt worden und arbeitete als Akademischer Oberrat in der LehrerInnenausbildung. Im Lehramtsbereich – insbesondere für den Grundschulbereich konnte man getrost von Lehrerinnenausbildung sprechen; zwischen 80 und 90 Prozent aller Studierenden waren weiblich. Im Zuge der Versetzung häuften sich die Unkenrufe und seiner Frau wurden nahegelegt ein scharfes Auge auf ihn zu haben. Hinter verdeckter Hand war die Rede von einem Richard-Gere-für-Arme. Und auf der anderen Seite war da eine Quereinsteigerin, die allein schon durch ihr fortgeschrittenes Alter auffiel; Mutter zweier nahezu erwachsener Söhne, lebenserfahren, polyglott und auf eine durchdringende bis geheimnisvolle Weise attraktiv - solche Zuschreibungen sind das folgerichtige Ergebnis einer verblendeten Wahrnehmung, wie sie vermutlich nur Verrückte und Verliebte – wo ist der Unterschied? – in die Welt zaubern.
1996/97 hatte sich mein Privatleben zu einer stillen, ins Chaos abdriftenden Veranstaltung entwickelt. Ich verlor jede Empfindung für eigenen Schmerz. Meine inneren Nöte und meine Orientierungslosigkeit fanden weder eine Sprache noch einen Spiegel. Was ich sollte, und was ich wollte, was ich konnte und was mir an Erwartungen vor Augen stand, umgab mich wie ein zäher, diffuser Nebel. Dieser Nebel und eine abgeschattete Gefühlswelt haben über die Jahre schleichend eine kritische Masse angehäuft, die dann nach der Explosion so ziemlich alles in Trümmer gelegt hat, was bis dahin entstanden war. Weiter oben habe ich relativ hilflos darauf hingewiesen, dass mir auch 27 Jahre nach dem schmerzhaftesten Wendepunkt meines Lebens, verbunden mit dem Tod meines Bruders, die Zugänge zu dem unmittelbaren Erleben am Mittag dieses 21. Juni 1994 weitgehend versperrt bleiben. Das mag damit zusammenhängen, dass sich zunächst einmal so etwas ereignete, wie eine Implosion – das Gegenteil der mit Zeitzünder initialisierten Explosion in der ersten Hälfte des Jahres 1997. Wie hätte ich denn wissen und fühlen sollen, wer ich unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse von 1994 wirklich war oder auch sein konnte? Es gibt auch heute noch so vieles, was sich an Erinnerungen und Eindrücken überlagert. Es drängt sich einerseits die Selbstbildfacette einer gediegenen Hybris auf! Mir kommt die aufgeklebte Fassade eines omnipotenten, überheblichen Arschlochs in den Sinn, das auf der anderen Seite, nichts konnte, nichts zustande brachte, um mit seinen eigenen Bedrängnissen halbwegs angemessen und heilsam umzugehen. Es gab so Vieles, woran man seine eigene Überheblichkeit erproben konnte. Auf die Frage, ob ich mir eine Habilitation vorstellen könne, hatte ich im Vorfeld der Ereignisse um den 21. Juni 1994 selbstredend beim finalen Einstellungsgespräch mit einem klaren: „Ja, selbstverständlich!“ geantwortet.
Es verbietet sich – allemal aus meiner heutigen Perspektive mit Blick auf das Paar, dass wir darstellten – unmittelbar vor meinem Einstieg in die Achterbahn – von zwei eklatant füreinander ungeeigneten Menschen zu sprechen. Gleichwohl waren wir mit unseren jeweiligen Grundausstattungen nicht annähernd in der Lage, uns selbst und einander zu helfen. Und ich gehe bereits an dieser Stelle von der Hypothese aus, dass die überwiegende Zahl von Trennungen vollkommen unangemessen bliebe, verfügten die Trennungswilligen über die Grundausstattung, die mir erst drei Jahre Heidelberger Interventionskultur vermittelt hat.
So aber waren wir den Einflüssen und Dynamiken, die von 1994 an unser Leben bestimmten, mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Meine Frau war willfährige Projektionsfläche meiner ungelösten Klemmen, gewissermaßen Opfer wider meinen Willen, allein meinen Kindern begegnete ich mit blinder Liebe und maßloser Milde. Streit stand immer in Aussicht, und für meine grundaggressive Stimmung fand ich keine andere Adresse als die meiner Frau. Man kann so etwas tragisch nennen, weil die Weichen und Ausfahrten zu einer Kurskorrektur demjenigen verborgen bleiben, dem die Welt nur noch ein Nagel ist, auf den es einzuschlagen gilt. So funktionierte ich vordergründig betrachtet mit Blick auf die mir auferlegten Pflichten. All meine Bedürftigkeit und alle meine Zuwendungsfähigkeit pulsierten über meine Kinder. Jede Differenz, die es zuhauf gab, jedes Missverständnis, das zu ignorieren ich nicht willens war, befeuerte meinen Unwillen und meine Aversion. Wenn ich heute Fotos oder Filme ansehe aus diesem Zeitfenster inmitten der 90er Jahre, überkommen mich gleichermaßen Trauer und Scham – vielleicht auch ein völliges Unverständnis demjenigen gegenüber, der begann wie ein Berserker den privaten Raum umzupflügen.
George Steiner spricht von den Verrückten, die gleichzeitig der Gnade Gottes teilhaftig werden und die gleichzeitig bereit sind ihre persönliche, öffentliche und materielle Existenz auf’s Spiel zu setzen; die aber vor allem bereit und fähig sind, sich selber und anderen unaussprechliche Schmerzen zuzufügen. Ich habe hinzugefügt, dass sich diese Schmerzen, diese Kränkungen einschreiben in das Seelenpergament der Handelnden und Betroffenen gleichermaßen. Dies allein ist der Grund, warum ich nach einem Schuldenerlass gierte. Zehn Jahre später zeichnete sich am Horizont die kleine Chance ab, meine heillos überzogenen Konten auszugleichen und aus der abgrundtiefen Schuldenfalle zu entkommen. Dass mir dies umfänglich gelungen ist, vermittelt den fatalen Eindruck, ich sei doch nichts anderes als eine erbärmliche Krämerseele. Gleichwohl glaube ich nach all den Erfahrungen zutiefst, dass man Schulden zurückzahlen muss, dass man überzogene Konten ausgleichen muss. Den Schmerz, den man anderen zugefügt hat, muss auch die eigene Seele, die eigene Haut ritzen und verletzen, um überhaupt auch nur nachempfinden zu können, was man angerichtet hat auf dieser Welt und wofür man Verantwortung trägt. Es mag darüber hinaus mein Alter sein, das mich milde stimmt und unterdessen dem Verstand mehr Gewicht einräumt als dem Herzen – zumindest mit dem Blick auf das Paar, das wir heute noch sind. Völlig anders stellt sich das Schuldenkonto mit Blick auf die eigenen Kinder dar. Kinder lieben bedingungslos und verzeihen maßlos, meine Kinder lieben bedingungslos und verzeihen maßlos. Würde ich meinen Kindern etwas schulden, fände ich schlichte Lösungen. Die Schuld, die mir alleine gegenwärtig bleibt, liegt in dem, was Karl Otto Hondrich folgendermaßen zu bedenken gibt (Karl Otto Hondrichs „Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft“, erschienen 2004 in der edition suhrkamp, Band 2313 gehört zu meinen absoluten Schlüssellektüren). Ich danke Gott und den Umständen, dass ich 2004 nicht auf ein Geborgenheitsdesaster zurückblicken musste, sondern mit Hilfe meiner Frau und Gunthard Webers das genaue Gegenteil bis heute erfahren darf:
Karl Otto Hondrich ist der Auffassung, dass all diejenigen, die heute in der Ehe noch dauerhafte Geborgenheit suchen, ein hohes Risiko des Enttäuschtwerdens laufen. Liberale Scheidungsgesetze besiegelten nur ein moralisches Tauschgeschäft, das wir, als Träger kollektiver Moral, längst in unseren Köpfen vollzogen hätten: „Geborgenheit geben wir für Freiheit – in der Hoffnung auf neue Geborgenheit (Hondrich 2004, 162)." Tiefer liegende systemische Bindungszusammenhänge im familialen Kontext und der Verlust von Geborgenheit lassen Hondrich auf schier unlösbare Beziehungsgeflechte verweisen, die vor allem dann zu einer belastenden, vielfach ausweglosen Unübersichtlichkeit führen, wenn aus einer Verbindung auch Kinder hervorgegangen sind:
„Zwei Menschen, die ihre Bindung auflösen, bringen sich selbst um Geborgenheit. Sie wissen das und setzen deshalb alles daran, wenigstens die Bindung zu ihren Kindern zu erhalten. Den Partner darf man verlassen, die eigenen Kinder nicht. Scheidungskinder, das ist heute Konsens auch unter zerstrittenen Eltern, sollen die Bindung zu beiden, zu Mutter und Vater behalten. Das ist die Leitidee aller gerichtlich und außergerichtlich ausgeklügelten Besuchsregelungen. Hinter dem Bemühen, diese so gerecht, verständnisvoll, Interessen ausgleichend wie möglich zu gestalten, steht, unerkannt, ein gewaltiger soziologischer Kraftakt: die Geborgenheit, die mit dem Scheitern der Gattenbindung verloren ist, in der Bindung zwischen Eltern und Kindern zu retten (Hondrich 2004, 162)."
Die fundamentale Bedeutung dieser Zusammenhänge, ihre unabsehbare Wirkung wird deutlich, wenn Karl Otto Hondrich eine feinsinnige Unterscheidung vornimmt, die uns vor der Hand zunächst irritiert, wenn nicht gar provoziert. Kaum jemand mag ihm widersprechen, wenn er davon ausgeht, dass der frühe Tod von Eltern für die betroffenen Kinder einen unwiederbringlichen Verlust an Geborgenheit bedeutet: „Ein größeres Unglück läßt sich kaum denken. Aber es bleibt ein Unglück.“ (Hondrich 2004, 164) Es sei aber gerade diese existentielle Dimension des Unglücks, die es zulasse, dass sich die Überlebenden mit dem Verstorbenen bruchlos in eins setzten, ihn in die Identität der Familie, diese sogar bestärkend, mit einbezögen. Bei einer Scheidung sei genau dies aber kaum möglich:
"Nicht durch ein Unglück, Naturkräfte, höhere Mächte oder Gottes Willen wird den Kindern Geborgenheit genommen, sondern durch den Willensakt von Menschen, und zwar von denjenigen, die sie am meisten lieben (Hondrich 2004, 164)."
Was steckt denn eigentlich dahinter, wenn „zwei Menschen ihre Bindung auflösen“? Die Folgen können wir sehen. Viele bringen sich selbst um Geborgenheit! Ist es der freie Wille – eine freie Willensentscheidung – eine bestehende Bindung aufzulösen? Die einen sagen so, die anderen so. Unbedingte Willensfreiheit vermag selbst als Idee nicht zu überzeugen. Geht man von bedingter Willensfreiheit aus, gewinnt man zumindest eine Vorstellung davon, dass jemand seinen Willen nach persönlichen Motiven und Neigungen ausrichtet und dann möglicherweise das tun kann, was er will. Eine darauf gründende Idee von Handlungsfreiheit muss dann aber immer noch konzedieren, dass sich Willensentscheidungen erst in der Abwägung konkurrierender Wünsche und Sehnsüchte herausbilden. Und wir geraten in eine kaum noch auflösbare Verstrickung, wenn wir weiterhin konzedieren, dass Willensentscheidungen eingebunden sind und abhängen sowohl von Persönlichkeitsattributen (Habitus – Haltung – Charakter - Wertorientierung) als auch zeitgeistbezogenen – eben auch sozial und kulturell geschuldeten äußeren Einflüssen.
Der Berserker, der da Anfang 1997 auf die Bühne tritt, vertrat tatsächlich um Ostern herum die Auffassung, er benötige einen Neustart und sein – und das Leben – aller könne eine Neuausrichtung finden, indem man ganz einfach die Reset-Taste betätige. Im Rückblick kann von einer freien Willensentscheidung noch nicht einmal im Entferntesten gesprochen werden. Und es ist hier nicht nur fair, sondern auch ein Gebot der selbstkritischen Besinnung einzugestehen, dass zuvorderst die als Ehesanierungsinstitut Erwählte diesen Zusammenhang sehr schnell begriffen hatte - lange bevor der gefühlstaube und realitätsblinde Berserker dessen gewahr wurde! Wie es dennoch zu dieser unsäglichen Affäre kommen konnte? Alle Zutaten zu einer Soap ersten Ranges waren angerichtet:
- Der männliche Hauptprotagonist hatte sich schlicht ganz für sich in eine tiefgreifende Krise hineingelebt. Das Rüstzeug für eine Bewältigung der komplexen Krise fehlte gänzlich. So sehr hier jemand jene berühmte incurvatio in se ipsum – die trauma- und schuldbedingte Einkrümmung in sich selbst – betrieb und befeuerte, so wenig vermochte er genau dies zu durchschauen und machte – mehr noch – sein soziales Umfeld zum Schlachtfeld der eigenen Katastrophe. Andererseits agierte da jemand auf einer Bühne, die der Selbstdarstellung und jeder Form des Narzissmus einen nahrhaften Humus bereitete. Auf dieser Bühne konnte man sich selbst (als Hochschullehrer) in feinst ziselierten Zeithäppchen inszenieren und dabei gänzlich absehen von allen katastrophalen Begleitchören, die im Verborgenen auf der Hinterbühne agierten.
- Die weibliche Hauptprotagonistin, der ich hier nicht zu nahe treten möchte (das habe ich ja 1997 grenzüberschreitend getan), kam sowohl meinen narzisstischen als auch den in mir üppig ausgeprägten Kümmerer-Anteilen entgegen. Und: Nur wenige Jahre jünger als ich selbst verkörperte sie als reife, schöne, attraktive, welterfahrene, polyglotte Frau im Übermaß eine erotisierende Melange im Format einer kritischen Masse. Mein alter ego zehn Jahre später, der gute Freund, wird Worte wählen, die – cum grano salis – den Nagel auf den Kopf treffen: Ein guter Wein, der mit zunehmender Reife in seiner Geschmacksfülle und –tiefe immer noch attraktiver wird und ein Phänomen, bei dem man leicht das Wasser unter dem Kiel verlieren kann!
In der Mixtur perfider Verführungsszenarien ausreichend vorgebildet, spielte mir der Zufall eine Karte in die Hände, die ich bereit war tatsächlich bedenkenlos zu spielen. Was ich in den folgenden Zeilen berichte, widerspricht jeglicher Professionalität und hätte mich seinerzeit –schon zu Beginn meiner akademischen Laufbahn – bereits nachhaltig disqualifiziert. Nebenbei bemerkt bietet vermutlich kein zweiter Ort in so vorzüglicher Weise die Bühne für theatralische Inszenierungen und Selbsthysterisierungen wie die Universität. Dietrich Schwanitz hat entsprechende Zutaten in seinem Schlüsselroman Campus in Szene gesetzt .
Profession und Professionalität sind nicht das gleiche. Den ersten Akt der nun folgenden Tragikomödie inszenierte ich mit Hilfe eines guten Freundes. Eine eher beiläufige Bemerkung, mir sei da eine studentische Quereinsteigerin aufgefallen, die lange im Ausland gelebt habe, Mutter zweier Söhne sei und in Scheidung lebe, führte bei ihm zu der unverzüglichen Namensnennung der so spärlich attribuierten Person. Er kenne die sehr gut. Bei nächster Gelegenheit brachte er mir ein Kinderfoto mit, auf dem er einem etwa gleichaltrigen Mädchen einen Kuss auf die Wange gab. Einigermaßen verblüfft bat ich ihn um Verwendung des Fotos in noch unklarer Form. Das Wintersemester 1996/97 neigte sich dem Ende zu. In einem Abschlussseminar ließ ich gegen Ende das Foto umlaufen mit dem Hinweis, wer sich auf dem Foto wiedererkenne, sei zu einem Kaffee in die Vorhölle (der Name der Studentenkneipe auf dem Campus Oberwerth) eingeladen. Die Höllenfahrt, die damit für das nächste halbe Jahr eingeleitet wurde, begann sanft und unter dem überstrapazierten Motto: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
In den folgenden spärlichen Schilderungen verenge ich die Perspektive extrem auf meinen eigenen beschränkten Blickwinkel. Und man kann vorab behaupten, dass die unvermeidbare Frage Würdest du dein Leben noch einmal genau so leben? nur folgendermaßen beantwortet werden kann: So wie sich ein lebensbedrohlich Erkrankter einer lebensbedrohlichen Rosskur unterzieht, um zu gesunden, war der Höllenritt 1997 absolut alternativlos. Wer die Welt wieder klar wahrnehmen möchte, muss den dichten Schleier einer wahnhaft verstellten Weltsicht lichten und letztlich auflösen. Dazu ein kleiner Ausflug in eine mir fremde, aber zunehmend vertrauter werdende Weltsicht:
Die ersten fünf Bücher, die in meiner Verantwortung veröffentlich worden sind, hat ein Freund lay-outet, der mir – vor allem auch nach Kopfschmerzen und Herzflimmern sowie der Mohnfrau – die Frage gestellt hat, wie man denn so leben und denken könne. Auf die Gegenfrage, wie es denn anders ginge, hat er geantwortet: Herzensfragen, wenn sie erotisch aufgeladen sind, entscheidet man ausschließlich mit dem Kopf! Das hat mich seinerzeit verblüfft. Heute habe ich mir mit der partiellen Umkehrung der Pascalschen Devise, dass das Herz seine Gründe hat, welche der Verstand nicht kennt, eine weitaus pragmatischere und lebenstauglichere Haltung zu eigen gemacht.
Was sich jedenfalls vom Februar bis in den Juni 1997 in mir und um mich herum zugetragen hat, das ist gewiss kein Heldenstück, und es taugt auch nicht zur Romanze, sondern es reicht schlicht an die Grenze des Erträglichen. Das Ergebnis spiegelt sich in den Monaten Juni, Juli, August und September wider, die ich meinen ganz persönlichen Knast nenne. Dem voraus ging im Februar bis hinein in den Mai der Höhenflug, der zu einem Blindflug mutierte. Als ich der Sonne zu nahe kam, erfolgte der Absturz in einer Weise, wie sie nur griechische Tragödienstoffe aufzubereiten vermögen.
Nur so ist im Übrigen auch Ich danke Euch für diese Nacht zu verstehen – zehn Jahre später entstanden, als ich in der Rolle des mörderischen Beobachters mich all der süßen und bitteren Erfahrungen entsinnen konnte, die ich ja selbst am eigenen Leib erfahren hatte.
All die Verrücktheiten und Zumutungen, die mit meinem zuerst berserkerhaften und zuletzt in Agonie versiegenden Agieren verbunden waren – so bin ich heute noch der Überzeugung – müsste sich ein versierter Schriftsteller ausdenken; er müsste sie erfinden, denn ich sehe mich außerstande, sie hier aufzuschreiben. Für mich ist es im Nachhinein keine Frage, dass mir die Fremdbeobachtung ungleich leichter fällt als die schonungslose Selbstbeobachtung. Darin liegt die große Schwäche meiner Aufzeichnungen, die ich erst dort wieder konkretisiere, wo sich die Wende andeutet und schließlich auch ereignet:
Der Zufall wollte es, dass jene Wohnung in der Teichstraße, in der wir 1979 unseren Hausstand begründet hatten, 1997 im Sommer einen Leerstand aufwies. Ostern bin ich aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen, weil Claudia (zu Recht) darauf bestand. Wie ein Dieb habe ich mich schon da aus dem Haus geschlichen – durch ein Seitenfenster im Souterrain. Jedes Buch, selbst jeder Bleistift hatte plötzlich das zehnfache an Gewicht. Zum Schluss standen in der Teichstraße ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Warmwasserbereiter, ein Kühlschrank, eine Spüle und ein Telefon. Gegessen habe ich in der Mensa.
Hier erfolgten nach griechischen Maßstäben Peripetie und Katharsis – man kann von einem Wendepunkt im Wendepunktgeschehen sprechen. Dafür gibt es im Übrigen eine Zeugin – weit entfernt in Kempten, eine enge Freundin meines verstorbenen Bruders aus seiner Ausbildungszeit am Brüderkrankenhaus in Koblenz Mitte der siebziger Jahre. Jene Claudia aus Kempten hat mir in mehreren langen nächtlichen Telefongesprächen den Kopf und die Seele gewaschen. Über meine suizidalen Phantasien seinerzeit - im Knast - habe ich bis heute mit niemandem gesprochen (Gunthard Weber gegenüber und dem Teilnehmerkreis bei der IGST - im Frühjahr 1998 - habe ich mich geöffnet). In meinen Träumen begegnete mir mein Bruder. Die letzten Treffen im Frühjahr 1994 standen im Zeichen meiner Bemühungen, ihn zur Besinnung zu bringen, ihn davon zu überzeugen, dass sein Platz in seiner Familie war. Er hatte mir durchaus nachvollziehbar seine Nöte geschildert, die Erfahrung als Mann endlich wieder wahrgenommen zu werden. Als er sich auf den Weg nach Österreich machte, soll die letzte Bitte an seine Frau gewesen sein, sie solle ihm gewogen bleiben. So mahnte er mich – er – in dessen Fußstapfen ich getreten war und mich nun selbst nicht schützen konnte. Er mahnte mich, die Lektionen zu lernen, die er – als der Jüngere – wohl kurz vor seinem Tod dabei war zu lernen. Die Ahnung wurde zur Gewissheit, dass mit der nächsten Frau nichts besser würde – im Gegenteil. Allein das Leben der geschiedenen Mutter, der ich da begegnete, führte mir vor Augen, worum es eigentlich ging. George Steiners Botschaft/Mahnung, dass es nicht Gründe sind, die das Herz bevölkern, gewann Einfluss, lange bevor sie mich in den letzten Monaten erreichte: „Es sind Notwendigkeiten gänzlich anderen Ursprungs. Jenseits der Vernunft, jenseits von Gut und Böse, jenseits der Sexualität, die selbst auf dem Höhepunkt der Ekstase ein so unbedeutender und flüchtiger Akt sind.“
Ich habe mehrfach auf den Zeithaufen von nahezu 380.000 Stunden hingewiesen, der sich hinter 42 Jahren auftürmt (gemeint sind die 42 Jahre unseres gemeinsamen Weges). Ein Leben muss gelebt werden, Sekunde für Sekunde, Minute für Minute und Stunde für Stunde. Wenn Assimilation an Grenzen stößt, dann müssen wir neu lernen; und lernen funktioniert nicht mit der Reset-Taste. Alles nur schlicht auf Anfang zu setzen, reicht nicht hin.
Claudia agierte souverän und besonnen. Sie fixierte schriftlich den Minimalkatalog an Pflichten, die sich aus unserer gemeinsamen Verantwortung vor allem für die Kinder ergaben. So riss der Kontakt nie wirklich ab. Ich erinnere mich noch, wie wir im Pühlchen abends Inliner gefahren sind. Die trüben Schleier, die eine neue Liebe über die alte Liebe deckt, verzogen sich nach und nach. Wir aßen wieder häufiger gemeinsam zu Abend, bevor ich mich in die Teichstraße zurückzog. Über Wochen und Monate näherten wir uns zaghaft wieder an. Meine einsamen Nächte vermittelten mir auf untrügliche Weise, dass ich der Hilfe bedurfte. Dies registrierte auch mein Umfeld. Meine Freundschaft mit Reinhard Voß geht in das Jahr 1996 zurück. Unmittelbar nach Antritt seiner Professur auf dem Uni-Campus Koblenz fanden wir zueinander – eine Freundschaft, die bis heute Bestand hat. Er vermittelte den Kontakt nach Heidelberg zur IGST. Gemeinsam mit Rudi Krawitz – seinerzeit Leiter des Instituts, an dem ich arbeitete – legte er den Grundstein für meine dreijährige Weiterbildung zum Familientherapeuten. Als ich die ersten Schritte auf dem Weg dorthin beschritt – zuerst durch einen Vorbereitungskurs bei Gunthard Weber im Frühjahr 1998 – hatte sich das Desaster meiner Affäre verlagert. Mir war unmittelbar klar, dass es hier nicht um Ausbildung, sondern, schlicht um meine ganz persönliche Therapie ging. Und natürlich hatte ich meinen maßgelbichen Anteil an dieser aberwitzigen Affäre. Affären in der Lebensmitte drängen zumeist irgendwann auf Entscheidung. Erst mit der Vorstellung, aus dieser Affäre tatsächlich eine neue Lebensperspektive abzuleiten, baute sich vor mir die Betonmauer auf, gegen die ich seit Wochen anrannte. Ich war dabei mir das Hirn aus dem Schädel zu rammen. Und die Schmerzen drangen nach und nach in jene Regionen vor, in denen Herz und Seele beheimatet sind. Zum Schluss war es eine Form von Panik und Angstattacken, und ich kam den Erkenntnisschüben nicht mehr hinterher.
Auch im Rückblick überwiegt die Melange aus Schuld und Scham; Schuldgefühle einerseits Claudia gegenüber, Schuldgefühle aber auch R. gegenüber, deren Rolle im klassischen Dreieck mir mehr und mehr deutlich wurde. Scham verspürte ich meinen Kindern gegenüber – genauso, wie sie von Karl Otto Hondrich weiter oben so eindrücklich begründet wird.
Aber erst der Weg nach Heidelberg zur IGST führte zu einer nachhaltigen Durchdringung des angerichteten Chaos, dass nur noch Verlierer zu produzieren schien. Im März 1998 besuchte ich den einwöchigen Vorbereitungskurs bei Gunthard Weber. Gunthard Weber hatte fünf Jahre zuvor Zweierlei Glück publiziert und damit die systemische Psychotherapie Bert Hellingers einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Ich werde mich auch hier zunächst einmal beschränken – auf’s Wesentliche:
In der Einleitung zu Zweierlei Glück schreibt Gunthard: „Die drei Seminare bei Bert Hellinger sind mir jedoch in unauslöschlicher Erinnerung geblieben. In jedem der Seminare erfuhr ich etwas, was mich noch Jahre später bewegte, was weiterwirkte und etwas in mir ins Lot brachte oder an den richtigen Platz rückte.“
Nach dem Einführungskurs – eine intensive Aufstellungswoche in Wiesloch – absolvierte ich auch das erste Jahr bei Gunthard Weber, bevor ich dann das zweite Jahr bei Uli Clement und das dritte Ausbildungsjahr bei Andrea Ebecke-Nohlen besuchte. Bereits der Vorbereitungskurs veränderte alles! Der Blick auf Familiensysteme und die wertschätzende Herangehensweise an die unterschiedlichsten Familiendynamiken begann die mächtigen Blockaden aufzulösen, die schlicht aus einem nicht vorhandenen Abstand zu den eigenen Bedrängnissen und Nöten herrührten. Gunthard schreibt über Bert Hellingers Art:
„Man wird aber auch deshalb so nachhaltig bewegt und erfaßt, weil er bei jedem einzelnen Grundthemen seines Menschseins in den Vordergrund rückt wie Zugehörigkeit, Bindungsliebe, das Gelingen und Scheitern von Beziehungen und Gegenseitigkeit, das Annehmen des Schicksals und der Vergänglichkeit und weil er mit sparsamsten Mitteln oft etwas sagt, was den Kern der Seele bewegt.“
Dies ist eine treffliche Selbstcharakterisierung mit Blick auf Gunthard Weber. So und nicht ein Jota anders habe ich ihn in seiner Aufstellungsarbeit erlebt. Man lernt in einer intensiven Woche zuvorderst Geduld, Selbstdisziplin, gewiss auch eine Ahnung von der Luhmannschen Haltung der sogenannten Selbstdesinteressierung. Als Stellvertreter in Aufstellungen zu agieren, heißt von sich selbst abzusehen und dennoch den Impulsen zu folgen, die sich aus der Ausgangslage und der Dynamik einer Aufstellung ergeben. Jeder der Teilnehmer hatte im Laufe der Woche Gelegenheit seine Herkunfts- und seine Gegenwartsfamilie zu stellen. Die Teilnahme an über dreißig Aufstellungen stellte eine außerordentliche Herausforderung dar. Die emotionale Beanspruchung war enorm. Die Wochen nach diesem Auftakt waren gleichermaßen geprägt von einer radikalen Konfrontation mit der eigenen Geschichte wie von nachhaltiger Durchlüftung eines moralinsauren Klimas.
Es gab zwei entscheidende Schlüsselerfahrungen in meinen Aufstellungen. Wenn Hellinger/Weber zum einen die Unausweichlichkeit im Annehmen des Schicksals und der Vergänglichkeit betonen und zum anderen Fragen der Zugehörigkeit, der Bindungsliebe und des Gelingens und Scheiterns von Beziehungen in den Vordergrund stellen, lässt sich leicht erahnen, welche Schlüsselmomente in meinen Aufstellungen zum Tragen kamen:
- Von enormer emotionaler Bewegung war der Abschied von meinem Bruder Willi geprägt. Als Beobachter – außerhalb des Aufstellungsgeschehens – wurde ich mit dem Weg meines Bruders konfrontiert. Dass mein Bruder final aus dem Feld geht – den Lebenden, die er zurücklässt, den Rücken zugewandt – löste im Feld selbst und auch bei mir einen solch gewaltigen akuten Schmerz aus, als vergegenwärtige sich das Geschehen mit einem Mal erneut. Die lösenden Sätze berührten zwei Felder intensiv: Die Verantwortung innerhalb der Familie, die mir zufiel einerseits und die Bindung, die zwischen uns Bestand hatte andererseits. Mich schließlich sagen zu hören: „Du bist tot, ich lebe noch ein bisschen, dann komm ich auch!“ berührte mich so, wie es mich gleichzeitig schockierte und schließlich als memento mori tief in mir verankerte.
- In einer Aufstellungsdynamik theoretische Begriffe wie Zugehörigkeit, Bindung, Geborgenheit in konkrete Hinbewegungen übersetzt zu sehen, zu erleben, wie Stellvertreter alternative Beziehungsformationen ertasten; schließlich zu sehen, was es bedeutet, die neue – die fremde – Frau in diesem Feld agieren zu sehen, konkret an ihrer Seite zu stehen, deiner Frau und deinen Kindern gegenüber, brachte schlagartig die Absurdität zum Vorschein, die mit dieser Alternative verbunden war. An den richtigen Platz zu rücken, erschien wie eine Erlösung nach einem Leben in der Diaspora. Verbunden mit diesen Auslotungen war schließlich eine Intervention, die meinem gesamten künftigen Leben eine entscheidende Wende vermittelte. Es folgte jenes Ritual, das ich so gerne zehn Jahre später den Venusmenschen - meiner Frau und dem guten Freund - nahegebracht hätte und das mich in meinem künftigen Leben wie ein Schutzmantra begleitet:
Gunthard Weber bot – ähnlich wie Bert Hellinger – als Lösung für Verstrickte in ausweglosen Dreiecksbeziehungen eine Intervention an, die mich der Geliebten gegenüber in eine neue, lösende Position brachte. Sie legt nahe, dass man sich der Trauer überlässt, dem ganz tiefen Schmerz, der Trauer darüber, dass es vorbei ist. Diese Trauer dauert nicht sehr lange, geht aber sehr tief und tut sehr weh. Dann sind sie auf einmal voneinander gelöst, und dann können sie nachher gut miteinander reden, und alles was noch zu regeln ist, vernünftig und mit gegenseitigem Respekt lösen. Bei Trennungen ist die Wut sehr häufig Ersatz für den Schmerz der Trauer. Oft fehlt, wenn zwei nicht voneinander lassen können, das Nehmen. Dann muss der eine dem anderen sagen:
„Ich nehme, was du mir geschenkt hast. Es war eine Menge, und ich werde es in Ehren halten und mitnehmen. Was ich dir gegeben habe, hab ich dir gern gegeben, und du darfst es behalten. Für das, was zwischen uns schief gelaufen ist, übernehme ich meinen Teil der Verantwortung und lasse dir deinen, und jetzt lasse ich dich in Frieden. Dann können beide auseinandergehen.“
Sowohl Gunthard Weber als auch Bert Hellinger betonen, dass man Aufzeichnungen zu Aufstellungen nicht dazu hernehmen kann, sich sozusagen Wissen anzueignen. Die Arbeit und die Aussicht auf Lösungen ergeben sich aus der konkreten Aufstellungsarbeit. Mit Blick auf Verallgemeinerbarkeit oder gar Rezepturen hat Hellinger wohl einmal geäußert: „Das Beste kann man nicht sagen, und das Zweitbeste wird missverstanden.“ Im Rückblick auf mein destruktives Driften seit 1994 kann ich eine weitere Metapher Hellingers heranziehen, insofern sie meine Situation bis zur Aufstellungswoche recht präzise beschreibt:
„Man tappt im Dunkeln, tastet die Wände entlang, bis man eine Tür findet. Kommt eine ‚Lichtung‘, sucht man das, wovon man erleuchtet wird, in einem vollen Wort zu sagen… Wenn das eine Form gefunden hat, wird der, der es hört, auf einer Ebene jenseits des Denkens erfasst. Es wirkt etwas Gemeinsames und bewegt, ohne dass er weiß wieso.“
Wer so sehr geprägt war und ist von einer traumatisierenden Trennung in frühen Jahren, und wer – dennoch – mitten im Leben, aus der Familie heraus alles tut, diese Familie in Schutt und Asche zu legen, der geht im besten Fall geläutert aus diesen Irrungen und Wirrungen hervor. Unter den vollkommen veränderten Vorzeichen suchte ich behutsam den Kontakt zu R., die sich früh – so erfahren sie war – und in nachvollziehbarer Wut und Enttäuschung zu verwahren suchte als Ehesanierungshilfe missbraucht zu werden. Es hat eine Reihe von Treffen gegeben, über die es tatsächlich gelungen ist, sowohl die Hitze als auch die Wut zu besänftigen. Man mag zweifeln an der Richtigkeit und Angemessenheit meiner Vorgehensweise. Tatsache war hingegen, dass die überschaubare Bühne unserer kleinen Universität keine andere Wahl ließ, als meine Rolle in dieser maßgeblich auch von mir zu verantwortenden Affäre zu klären. Dass es gelungen ist, lag an der in Heidelberg gewonnen Grundhaltung auf das Geschehene sowohl mit Dankbarkeit als auch mit Demut zurückzublicken. So wie wir beide jeweils unseren Anteil daran hatten, so ist es uns auch gelungen die Tür zu finden, durch die wir gemeinsam gehen konnten, um danach unserer Wege zu gehen.
Am Ende des vorausgegangenen Kapitels sowie zu Beginn dieses Kapitels habe ich erwähnt, dass R. heute unsere Nachbarin ist. Geblieben ist gegenseitige Wertschätzung und Achtung. Ich sage das heute mit einem gewissen Stolz und einer satten Genugtuung. Zweifellos hängt diese Bewertung auch damit zusammen, dass es mir 2001 gelungen ist, mit meiner ersten langjährigen Lebensgefährtin endlich jenen Frieden zu finden, den wir uns über zwanzig Jahre nicht gestattet haben.
