Carlottas Auftrag - Ein Buch von Julia Jawhari
Wir alle haben einen Lebensauftrag - Unser Neujahrstag mit Carlotta (der Tag, an dem Ulrich Beck verstarb)
Wir sind sehr spät an diesem Neujahrstag 2015 aufgestanden - für unsere Verhältnisse ungewöhnlich spät. Wir gönnen uns ein ausgedehntes Frühstück, besuchen Lisa, Claudias Mutter, meine Schwiegermutter, die Großmutter von Laura und Anne auf dem Heyerberg, beglücken sie mit Christstollen. Sie bedankt sich sehr herzlich und wünscht uns ein gutes neues Jahr. Wir unternehmen zum zweiten Mal einen ausgedehnten Spaziergang über den Heyerberg - ohne unsere Biene. Auf dem Weg nach Hause besuchen wir Leo auf dem Gülser Friedhof. Dort begegnen wir Rebecca und Berti, der sich vor einem 10wöchigen Schiffstripp rund um Südamerika verabschiedet; wir begegnen Gülsern, die wir nur vom Sehen kennen, wünschen Ihnen ein gutes, neues Jahr, nehmen Neujahrswünsche entgegnen und freuen uns auf einen Kakao vor dem Kamin - und vor allem auf die zweite Runde zu "Carlottas Auftrag" (von Julia Jawhari: BoD-Books on Demand, Norderstedt: ISBN: 978-3-7386-0314-9).
Rudi hat mir bei unserem letzten Treffen vor Weihnachten Julias Geschichte von Carlotta geschenkt, und nach unserem Frühstückseinstieg mit den ersten 60 Seiten lege ich gegen 18 Uhr das Buch zutiefst beglückt und beeindruckt zur Seite. Dieser Beglückung möchte ich hier einen ersten Ausdruck geben: Es waren und bleiben in dieser "Geschichte über das Leben und seine Veränderungen, über Liebe und Freundschaft" nicht nur "die wichtigsten Fragen überhaupt, die einen, wenn man sie sich einmal gestellt hat, einfach nicht mehr loslassen", sondern es ist die Geschichte selbst, die uns in ihrer Schlichtheit und mit ihrem Blick fürs Wesentliche und Subtile gleichermaßen nicht mehr loslässt bis zu ihrem letzten, nein bis zu ihrem vorletzten Satz:
"Das Ende ist kein Ende!" Denn jetzt geht alles erst wieder von vorne los, das heißt es hat gar nicht aufgehört. Wir sind mitten drin in einem Entwicklungsgeschehen, in dem Carlotta um ihren Auftrag ringt. Und sie vermittelt uns auf eine besondere Weise Einsichten, die uns Aufschluss darüber geben, wie ein soeben zu Ende gegangenes Jahr wohl war in seinem wesentlichen, bleibenden Sinn und wie ein soeben erst aufbrechendes Jahr wohl werden mag - in seinem wesentlichen, bleibenden Sinn:
"Ich glaube, wenn man mit Anderen zusammen ist, erfüllt man bereits seinen Auftrag, weil man da ist und weil man einen Einfluss auf sie hat. Die Anderen erfüllen auch ihren Auftrag, weil sie auch für einen da sind und auch einen Einfluss auf einen haben".
Dreiundzwanzig Kapitel führen zu einem "Ende, das kein Ende ist". Mit leichter Hand erzählt Julia Jawhari vom Schwersten in unserem Leben. Und die Leichtigkeit, mit der sie schreibt und sich einfühlt in die Denk- und Fühlwelt einer Dreizehnjährigen, die ihren 14ten Geburtstag "in der Klapse" feiert, lässt nur vermuten, wie sehr sich die eigene Geschichte in der gewaltigen Herausforderung spiegeln mag, der sich Carlotta so allumfassend und auf existentielle Weise in ihrem jungen Leben stellt.
Wären doch alle Mütter so klug wie Carlottas Mutter, mit der Carlotta, je älter sie wurde, immer weniger anfangen konnte: "Auch wenn Mama ab und an diese Von-Frau-zu-Frau-Gespräche führen wollte, kam es Carlotta so vor, als würden sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Mama hätte auch Urdu sprechen können, es hätte wahrscheinlich keinen Unterschied gemacht." Aber Mama spricht keine Urdu, sondern beginnt Briefe zu schreiben; zweifellos ein riskantes Unterfangen. Aber Carlotta hat ganz schnell "die Nase voll", weil "bereits dreiundzwanzig Tage vergangen waren, und es war immer noch kein neuer Brief für sie gekommen". Die Briefe der Mutter an Carlotta werden zu einem anfangs geheimnisvollen, später zu einem unausgesprochenen, verdeckten Antreiber der Geschichte; zu einem Antreiber, der sich irgendwann selbst überflüssig macht, aber als unsichtbares Band zwischen Carlotta und ihrer Mutter bestehen bleibt. Der Kunstgriff, dass sich die Schrift wieder verflüchtigt, dient einer zentralen Botschaft des Buches, die Carlotta zu der Einsicht bringt:
"Wozu auch festhalten? Wenn sowieso nie etwas blieb wie es einmal war, dann konnten sich ruhig auch die Briefe auslösen."
Aber wir können diese Briefe lesen, immer wieder lesen:
"Liebe Carlotta,
das Leben verläuft nicht gradlinig. Immer wieder werden wir mit Brüchen und Veränderungen konfrontiert. Je besser wir mit Unsicherheiten umgehen können und damit, dass nichts bleibt wie es einmal war, sondern dass sich dass sich alles in ständiger Veränderung und Entwicklung befindet, umso mehr können wir unser Leben genießen. Auch wir selbst verändern uns ständig und das ist gut so!
Ich wünsche Dir viel Kraft.
Deine Theodora"
Gegen Ende des Buches, nach den Irritationen der ersten Liebe, offenbaren sich noch einmal die tiefen Spannungen, vor allem auch in der Gestalt elterlicher Urängste, die der Geschichte ihren eigentliche Antreiber verleihen. Carlotta hatte sich nur den Anforderungen eines schlichten Referates und den Überforderungen der ersten Liebe entziehen wollen. Sie bedient sich an den Psychopharmaka der Mutter und verpasst sich in ihrer Naivität eine Überdosis, die die Mutter als Selbstmordversuch deutet:
"Liebe Carlotta,
Du hast mir aber einen Schrecken eingejagt! Was ist Dir nur in den Sinn gekommen? Ich habe von unserem Lebensauftrag geschrieben und von den Fragen, die jeder Mensch für sich beantworten muss. Wer sich das Leben nimmt, verweigert sich seiner Bestimmung! Auch wenn das Leben manchmal noch so schwierig erscheinen mag, dürfen wir es nicht wegwerfen. Ich habe Dir auch geschrieben, dass sich alles in ständiger Veränderung befindet, so dass jedes Leid und jede Not irgendwann ein Ende hat. Wir sind da, um von allem zu lernen und uns zu entwickeln. Wenn wir unser Leben beenden, vertun wir all diese wunderbaren Möglichkeiten und all unsere wunderbaren Fähigkeiten! Ich bin sehr froh, dass es dich gibt und ich bin da, um dich zu begleiten. Mach das bitte nie wieder!
Deine Freundin Theodora
Carlotta akzeptiert und genießt die Begleitung Theodoras, dieses Geschenk Gottes, das Tochter und Mutter im Gespräch hält. Auf 192 Seiten gelingt Julia Jawhari eine Entwicklungsgeschichte, die in so vielen kleinen Hinweisen Einsichten gewährt in elterliche Sorgen - vielleicht auch in die Denk- und Fühlwelt heranwachsener Mädchen (und auch Jungen - Jakob ist nicht nur der Bruder, er wird im Verlauf der Erzählung zu Carlottas großem Bruder - zu ihrem Beschützer). Manchmal ist es lediglich ein einziger Satz, der den Gehalt von seitenlangen Erörterungen zum Phänomen Freundschaft auf den Punkt bringt:
"Carlotta fragte sich, was Freundschaft bedeutete, und die Antwort hing ihr förmlich am rechten Arm" (aber bitte Kapitel 21 aufmerksam Wort für Wort lesen).
Ich möchte mein tagesfüllendes Neujahrserlebnis abschließen mit wenigen Hinweisen bzw. Anmerkungen: Zunächst mit einer meiner Lieblingsstellen in Julia Jawharis Erstling:
Nach einem Besuch bei Sophia, ihrer besten Freundin ("Sophia war in letzter Zeit ziemlich zickig, weil sich ihre Eltern gerade getrennt hatten und sie die nun die Woche über als Einzelkind mit ihrer Mutter zubringen musste. Für Carlotta war das eine derart unmögliche Vorstellung, dass sie ihre Freundin zutiefst bemitleidete"), spaziert Carlotta nach einem Gewitter durch den milden Sommerabend nach Hause:
"Das Gewitter, das die Mädchen beim Film gucken kaum bemerkt hatten, hatte duftende Pfützen auf dem Asphalt hinterlassen. Carlotta saugte die feuchte Wärme in sich auf und blieb vor einer kleinen Pfütze stehen. Sie versuchte ihr Spiegelbild darin zu erwischen, aber irgendwie bekam sie nie den richtigen Winkel hin, um sich zu erkennen. Vielleicht war das genau der Punkt, dachte sie, wenn man einen Blick auf sich selbst richten wollte - es ging nicht, weil man sich selbst im Weg stand."
Neben der Spiegelmetapher lässt Julia Jawhari ihre Protagonistin, Carlotta, deren Mutter ja Soziologin ist, Niklas Luhmanns kontingenzgewärtige Lebenslauftheorie markant in Poesie übersetzen:
"Während Carlotta gerade neben und wegen Tom im Boden versank fragte sie sich, warum es ihr Schicksal war ihm begegnet zu sein. Er wäre nicht in ihre Klasse gekommen, wäre Sophia nicht zu ihrem Vater gezogen und hätte der nicht eine neue Frau kennengelernt. Und wäre Papa 1996 Mama nicht in der Mensa der Universität Marburg über den Weg gelaufen, hätte Carlotta Tom auch nicht getroffen, denn dann wäre sie heute nicht auf der Welt und das wäre wahrscheinlich besserm, betrachtete man ihre derzeitige Situation. Und gerade in dem Augenblick, als Tom sie am Arm schüttelte, verstand Carlotta, dass im Leben einfach alles mit allem zusammen hing."
Jawohl Carlotta, der Egg-Head Niklas Luhmann hat es so ähnlich formuliert. Nach seiner Auffassung bestehen die Elemente eines Lebenslaufs aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen.
So danke ich, dass mir Rudi begegnet ist, dass er mir vor Weihnachten Julias Erstling geschenkt hat. Ich werde ihn weiter empfehlen und weiter verschenken, damit der ein oder die andere mit Hilfe von Carlottas Auftrag ihr Trauma überwindet.
Und ich möchte an dieser Stelle -einen Tag später - noch eines festhalten, ja ich erinnere mich und möchte festhalten: Mein Vater heißt Theodor. Auch er war - ebenso wie meine Mutter - ein Geschenk Gottes. Intuitiv wusste ich das immer. Seit dem 11.12.2014, das wäre sein 92ster Geburtstag gewesen bzw. kurz danach hat mir Klaus Harpprecht auch noch einmal zu einer umfassenden Einsicht verholfen. Theodors Auftrag offenbart sich mannigfaltig in dem, was er hinterlassen hat, in dem, was vor allem in allen seinen Kindern und Enkelkindern weiterlebt: Er offenbart sich in der liebevollen Zuwendung und in der Fürsorge, die er selbst jenem Kind, seiner Tochter Ursula, hat angedeihen lassen, die nicht seine (blutsmäßige) Tochter war.
Mit Carlottas Hilfe findet jeder einen unmittelbaren Zugang zu seinem ganz persönlichen Lebensauftrag: als (Groß-)Vater, als (Groß-)Mutter, als Tante und Onkel, als Lebenspartner und ganz einfach als Freund.