Lebenslauf
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Zeitgeist und Kontenausgleich I (7)
Dann wiederum ist man gut beraten, jene Wendepunkte besonders zu würdigen, die uns Gelassenheit vermitteln und die Einsicht, dass es nun gut ist. Lange bevor ich hier erzählen kann, wie ich in Heidelberg nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Verstand wiedergefunden habe, zwingt sich eine kleine Episode auf, die so viele Altlasten aus meinem Schuldenbuch getilgt hat:
Über drei Jahre habe ich in Heidelberg (IGST) an den Vorbereitungs- und Fortbildungskursen bei Gunthard Weber, Ulrich Clemens und Andrea Ebbeke-Nohlen teilgenommen und mir im Zuge dieser Jahre endlich einen Reim machen können auf mein destruktives, mörderisches Driften in der Vergangenheit. 2000 lag dies hinter mir, und ich fühlte mich einmal mehr bemüßigt auch die Papierhalden der letzten Jahrzehnte zu entschlacken. Im Zuge dieser Sondierungen stieß ich unter anderem auf Briefe, die Ende der siebziger Jahre im Zuge der Trennung zwischen E. und mir gewechselt worden sind. Es war schon die Rede davon, dass ich mich von März 1979 an in einer radikalen Haltung der Verweigerung bewegte, weil das Trennungsgeschehen, das ich vorantrieb, einerseits alternativlos erschien, andererseits in seinen einzelnen Handlungen, Versäumnissen und Geschehnissen aber auch all die Verstrickungen offenbart, die ein solches Trennungsgeschehen ebenso unausweichlich begleiten. Bei der Lektüre dieser Briefe verstärkte sich der Eindruck, dass all dies auch mehr als zwanzig Jahre nach den Ereignissen, kein versöhnliches Ende gefunden hatte. Zu dieser Zeit – im Jahre 2001 – wohnte E. bereits in Güls. Ich bereitete die Feier zu meinem fünfzigsten Geburtstag vor. Noch unter dem Eindruck dieser Briefe bewegte ich mich in den Gülser R-Kauf auf der Gulisastraße. An der Wursttheke kam unversehens E. neben mir zu stehen. Erstmals seit mehr als zwanzig Jahren begrüßte sie mich freundlich und mit einem lange nicht gesehenen Lächeln auf den Lippen. Von der Seite näherte sich ein Mann, den sie mir mit den Worten vorstellte: „Das ist K., mit dem lebe ich jetzt zusammen.“ Zu K. sagte sie: „Das ist Jupp, mit dem hab ich einmal zusammengelebt.“ Der Small-Talk, der sich anschloss war unbefangen und vermittelte erstmals eine gewisse Leichtigkeit. In diesen Minuten erfuhr ich körperlich, dass mir eine Last von der Seele genommen wurde. Im Nachgang habe ich den Kontakt zu E. aufrechterhalten. Im November 2001 lud ich sie zum Abendessen auf die Ankerterrasse in Güls ein. Sie nahm diese Einladung an. Ein weiterer Hintergrund ergab sich – wie schon angedeutet – aus den Vorbereitungen zu meiner Geburtstagsfete. Mit einem guten Jahr Vorlauf hatte ich mich entschlossen mir zu diesem Anlass eine eigene Festschrift zu erlauben. Es war ein erster Versuch, so etwas zu ziehen wie eine Lebensbilanz – mit vielen biografisch folgerichtigen Geschichten und Aufzeichnungen. Ein Kapitel widmete sich explizit der Studentenzeit – und hier in einem eigenen Unterkapitel der Bendorfer Wohngemeinschaft. Ich spürte deutlich die Verpflichtung E. dieses Kapitel als Entwurf vorzulegen und ihre Meinung dazu zu hören. Wenige Tage nach Lektüre der ersten Fassung teilte sie mir mit, dass ich unverzüglich mit rechtlichen Schritten zu rechnen hätte, wenn diese Fassung unzensiert in die Festschrift: „Komm in den totgesagten Park und schau – ich sehe was, was Du nicht siehst“ eingehen würde. Nach den gewünschten Änderungen gab E. ihr Placet und nahm meine Einladung zur Feier an. Vor allem die Einführung in die u.a. von Bert Hellinger entwickelte therapeutische Methode der Familienaufstellung unter der therapeutischen Begleitung von Gunthard Weber haben mir den angemessenen Weg zu einer Entschuldigung vermittelt, die (auch) nach zwanzig Jahren in ihrer Form und Ernsthaftigkeit den Boden für eine Versöhnung bereitet hat. Worauf es hierbei ankommt, hat Hellinger in einer schlichten Intervention deutlich gemacht, so dass Menschen in vergleichbaren Situationen und Konstellationen eine Perspektive erkennen können. Die wesentlichen Aussagen lassen sich etwa folgendermaßen zusammenfassen:
"Die Lösung (in festgefahrenen, unversöhnlichen Paarkonflikten – auch lange nachdem der gemeinsame Weg im Abgrund endete) ist, dass sich beide ihrer Trauer überlassen, dem ganz tiefen Schmerz, der Trauer darüber, dass es vorbei ist. Diese Trauer dauert nicht sehr lange, geht aber sehr tief und tut sehr weh. Dann sind sie auf einmal voneinander gelöst, und dann können sie nachher gut miteinander reden und alles, was noch zu regeln ist, vernünftig und mit gegenseitigem Respekt lösen. Bei einer Trennung ist die Wut sehr häufig Ersatz für den Schmerz der Trauer. Oft fehlt, wenn zwei nicht voneinander lassen können, das Nehmen. Dann muss der eine dem anderen sagen: Ich nehme, was du mir geschenkt hast. Es war eine Menge, und ich werde es in Ehren halten und mitnehmen. Was ich dir gegeben habe, habe ich dir gern gegeben, und du darfst es behalten. Für das, was zwischen uns schief gelaufen ist, übernehme ich meinen Teil der Verantwortung und lasse dir deinen, und jetzt lass ich dich in Frieden. Dann können beide auseinandergehen."
Nach mehr als zwanzig Jahren wurde hier gewissermaßen ein gordischer Knoten gelöst, der einen unbefangenen und vor allem unbelasteten Weg in eine befriedetee Zukunft nachhaltig belastet hat. Damit sind nicht alle Fehltritte zu entschuldigen, die in der Folge und innerhalb unseres lebensumspannenden Aufbruchs zu Beginn der achtziger Jahre geschehen sind. Der schwierige, krisenreiche Verlauf dieses lebenslangen Projekts gewinnt allerdings aus diesem Blickwinkel sowohl an Plausibilität als auch an Überzeugungskraft. Dass Claudia die Flinte nicht ins Korn geworfen hat, adelt sie. Wo Türen verriegelt schienen, öffneten wir ganze Scheunentore und bargen nicht nur eine Flinte, sondern ganze Feuerwerke aus dem Heu.
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Vier Männer in mir (6)
Wachgeküsst mit siebzehn.
Knospen, Triebe blühn.
Den Himmel rosa sehn,
Wie Feuerfunken sprühn.
Riechen, fühlen, flehen.
Das Fremde, unerreichbar fern,
Tastend sich ergehen,
Bliebst ein fremder Stern.
Im Liebesschmerz
Versinkt die Welt.
Zum Himmel steigt mein Herz
Und fällt, und fällt, und fällt.
Die zweite Liebe: tief -
Umworben!
Herz im Herzen schlief,
Ganz unverdorben!
Nun sollt ich wachsen,
Sehn die Grenze -
Will noch spielen, flachsen,
Keine Kränze.
Und wieder fallen,
Schnitt und Wende.
Blind für Fallen
Und das Ende.
Ende heißt Beginn!
Das Neue kann beginnen?
Schulden und Gewinn?
Wenn zweie nur gewinnen?
So hoch wir fliegen,
Tapfer träumen,
Schulden wiegen,
Denn wir säumen!
Ordnungen der Liebe
Weisen uns den Weg
Und wir werden Diebe,
Schmal und eng der Steg.
In der Lebensmitte
Darf ich wachsen!
Folgenreiche Dritte
Sind wir nun erwachsen?
Bin gelassen,
Seh die Grenzen!
Sich und andre lassen
An Gräben und vor Kränzen.
Die Lust zu leben?
Ja! Der Unterschied?
Nach jedem Beben
Sing ich nun mein Lied.
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt! Nach mehr als vierzig Jahren kann man sagen, dass Herz hat den Kurs vorgegeben – flankiert von einem wachen Verstand, der letztlich dafür gesorgt hat, dass das Herz vor allem auch in seiner Not nicht alleine geblieben ist. Eine Minute besteht aus 60 Sekunden; ein Stunde aus 60 Minuten, ein Tag aus 24 Stunden, eine Woche aus sieben Tagen und ein Jahr aus 52 Wochen – alleine aus dieser Zeitspanne, auch wenn ein langes Leben nicht einmal eine Nanosekunde markieren mag im kosmischen Rauschen, lässt sich überzeugend ableiten, das zur Herzenswelt die Herzensfreude genauso gehört wie Herzesleid. Hinter 42 Jahren verbergen sich 367.920 Stunden; sie gelebt zu haben, sie erlebt zu haben – dies erst verleiht Körper und Seele jene Gestalt, vor der wir gleichermaßen erschrocken wie fasziniert innehalten, wenn wir zurückschauen – und vor allem, wenn wir in den Spiegel schauen. Zorn und Schmerz haben ihre Falten und Furchen gegraben, und wenn es gut geht, hinterlassen sie ihre sichtbaren Spuren ebenso wie die offene und verhaltene Freude, wenn wir die Früchte ernten und betrachten, die uns ein langes Leben geschenkt hat.
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Das Herz (der Verstand) hat seine Gründe, welcher der Verstand (das Herz) nicht kennt (5)
Wer an dieser Maxime Pascals bislang gezweifelt hat, wird sicher über die vorstehenden Schilderungen ins Nachdenken geraten sein. Ja, in der Tat sind es nicht Gründe, die das Herz bevölkern. Wie George Steiner meint „sind es Notwendigkeiten gänzlich anderen Ursprungs. Jenseits der Vernunft, jenseits von Gut und Böse, „jenseits der Sexualität, die selbst auf dem Höhepunkt der Ekstase ein so unbedeutender und flüchtiger Akt ist.“
Der weiter oben geschilderte Husarenritt des Chronisten im aufbrechenden Frühjahr 1979 ist nichts anderes als ein gewaltiges Zeugnis für die Steinersche Hypothese. Der gewaltsame Einbruch in die Wohnung Claudias markiert eine folgenreiche Zäsur. Sie zeigt einen verrückten und liebesblöden Kerl, dessen Handeln sich nicht mehr um moralische Kategorien schert. Gut und Böse als mögliche Imperative bzw. Regulative werden von pragmatischen, zielorientierten Überlegungen mehr und mehr relativiert. Immer noch gebieten Scham und Respekt, den (die) Namen derer, die in den nunmehr zu schildernden unleugbaren Vabanque-Spielen nolens-volens – häufig unfreiwillige – Mitakteure waren, nur in Abkürzung bzw. Verfremdung anzudeuten. Die epochemachende – wenn auch heute umstrittene – von Alexander und Margarete Mitscherlich in den sechziger Jahren veröffentlichte Schrift „Die Unfähigkeit zu trauern“ (zuerst München 1967) bezieht sich zwar auf die Auseinandersetzung der Deutschen mit dem Dritten Reich. In ihrer zentralen These geht sie von der Weigerung aus, die Vergangenheit wahrzunehmen und zu verarbeiten, das heißt, Trauerarbeit zu leisten. Der Begriff der Trauerarbeit ist umstritten. Was hingegen im vorliegenden Zusammenhang damit angesprochen wird, nämlich die Weigerung eigene schuldhafte Verstrickung überhaupt einräumen zu können, gilt – cum grano salis – in allen Lebenszusammenhängen.
Der Schreiber bewegte sich vom März 1979 an in einer radikalen Haltung der Verweigerung, weil das Trennungsgeschehen, das er initiierte, für ihn einerseits alternativlos war, andererseits in seinen einzelnen Handlungen, Versäumnissen und Geschehnissen aber auch all die Verstrickungen offenbarte, die ein solches Trennungsgeschehen manchmal begleiten. Dazu wusste sich der Chronist dieser Geschehnisse nicht zu verhalten. In Briefen und auch in seinen mündlichen Verteidigungsreden beharrte er entschieden darauf, dass Trennungen eben vorkommen, dass sie – und seien sie noch so schmerzhaft und belastend – zum normalen Weltgeschehen dazu gehören. Und ganz gewiss hätte er damit auch uneingeschränkt Recht behalten, wäre seine Lebensgefährtin – immerhin über sieben Jahre – in der Dynamik dieses Trennungsgeschehens nicht lebensbedrohlich erkrankt. Schon im Mai 1979 wurde eine Krebserkrankung diagnostiziert, die zu einer Notoperation führte. Hier muss die Umkehrung der Maxime Blaise Pascals herhalten, um deutlich zu machen, dass allein der Verstand Gründe in Fülle hat, die dem Herzen fremd bleiben und ihm jeden machtvollen Einfluss verwehren.
(Das Leben ist voller Rätsel: Was ist Liebe? Was ist Verstand? Was ist Leben? Was ist Existenz? Was ist Schuld? Wie entstehen diese? Wo kommen sie her? Was ist unsere Seele? Die tiefgründigsten Geheimnisse sind jene, die wir am besten kennen, weil wir sie in unseren jungen Jahren kennenlernen und für den Rest unseres Lebens als selbstverständlich angesehen haben. Wir begegnen ihnen täglich, doch wir vermögen sie nicht zu enträtseln oder mit unserem Wahrnehmungsvermögen zu erfassen – kabbalistische Weisheiten – Kabbala als die Lehre des Geheimen)
Es soll an anderer Stelle berichtet werden, dass diese Klemme – sich zu den Geschehnissen der Trennung von meiner damaligen Lebensgefährtin nicht angemessen zu verhalten – über zwei Jahrzehnte Bestand hatte, und welch simple Veränderungen dazu beitrugen, ihre Auflösung zu befördern.
Wenn wir nun schon an der biografischen Weggabelung angekommen sind, an der sich einerseits moralische Kategorien relativierten, so bedeutet das andererseits keineswegs, dass sie sich auflösten. Die Klemme im Frühjahr 1979 bestand vor allem darin, aufzubrechen in eine neue Welt und gleichzeitig die Frage zu beantworten, wie man die neu entstehende Bindungsdynamik beherrschen oder doch zumindest bezähmen könnte. Eine Vorwegnahme sei gestattet und drängt sich ja selbstredend auch auf, weil schon die Rede war vom bevorstehenden Fürsorglichen Finale. Das Frühjahr 1979 war also der Auftakt zu einem gemeinsamen Aufbruch, dem im Juni 2021 die Rubinhochzeit winkt. Und kurz vor dem Siebzigsten erfindet sich niemand mehr neu. Er hat vielmehr Mühe – wenn er sich schon der Mühe unterzieht Geschichten aufzuschreiben –, nicht in verlockenden Inkonsistenzbereinigungsprogrammen heillos unterzugehen, sondern letzte Reste von Glaubwürdigkeit und Authentizität zu retten. In einem ersten Gespräch über diese Aufzeichnungen mit einem langjährigen Freund, kamen wir auf die Schwierigkeiten zu sprechen, erstens die Frage redlich zu beantworten, wen all dies hier überhaupt interessieren könnte? Zweitens, wen es überhaupt etwas anginge? Und drittens, ob man nicht um des lieben Friedens willen sowieso den Blick viel besser nach vorne richten, und die Vergangenheit (endlich) auch Vergangenheit sein lassen sollte! Und mehr noch stellt die Frage, ob genau diese letzte Empfehlung nicht so etwas sei, wie die Überlebensgarantie für so viele, die beim Betrachten ihrer Vergangenheit ohnehin zu Totstellreflexen neigen (müssten)! Die heute alltäglichen Konstellationen von Familiengeschichten enthalten zuhauf jene Zutaten, die sich auch rückblickend nicht mehr zur Zubereitung eines schmackhaften Menüs oder auch nur einer Notspeisung eignen. Und der ein oder andere mag dann vielleicht ins Grübeln geraten:
So vielen bist Du gleichgültig, und so viele sind Dir gleichgültig geworden. Beziehungen sind flüchtig, waren immer nur Episoden und dort, wo sie Generativität nicht verhindern konnten, hast Du Deine Kinder aus den Augen verloren; Du bist ihnen fremd, und sie sind Dir fremd. Deine Enkel beginnen irgendwann zu fragen: wer sind wir, wo kommen wir her, wer ist uns vorausgegangen? – manchmal zu spät. Den Aspekt der Flüchtigkeit hat kaum jemand eindrücklicher auf den Punkt gebracht als Botho Strauß – hier ohne generative Relevanz, was die ganze Sache auf lange Sicht – auf die lange Sicht des Botho Strauß erträglicher macht: "Ich sah aus dem Auto in einer Passantenschar, die, die Kreuzung überquerte, die geliebte N., mit der ich - einst! seinerzeit! damals! - gut drei Jahre lang die gemeinsamen Wege ging, sah sie über die Fahrbahn schreiten und auf irgendeine Kneipe zuhalten. Ihr Kopf, ihr braunes gescheiteltes Kraushaar. Und das ist diesselbe, die ich im Tal von Pefkos auf Rhodos, als wir von verschiedenen Enden des Weges über die Felshügel einander entgegengingen, so bang erwartet habe, in Sorge es könne sie jemand vom Wegrand her angefallen und belästigt haben, da sie nicht und nicht erschien am Horizont. Das ist dieselbe Geliebte. Im halben Profil flüchtig erblickt, indem sie dahinging und ich vorbeifuhr. Mir ein unfaßliches Gesetz, das so Vertraute wieder in Fremde verwandelt. Verfluchte Passanten-Welt!"
Botho Strauß verflucht die Passanten-Welt. Er war – als er dies schrieb – noch ein relativ junger Mann. Blickt man als alter Mann zurück, ist man weniger versucht – oder auch nur geneigt – die Passanten-Welt zu verfluchen. Sieht man doch eindrücklicher und nachhaltiger die eigene Rolle in der Passantenschar. Und so mag es eben vorkommen, dass eine Schülerliebe all die Verheißungen nicht erfüllen konnte, die man sich im Aufbruch ausgemalt hatte. Der Verschleiß, der da früh einsetzt, ist dann gleichermaßen den eigenen Illusionen wie den eigenen Unfähigkeiten geschuldet. Früh schon bemerkt der Schreiber, dass er sich wieder einmal in die Gefahr begibt, das Erzählen weitgehend zu verfehlen; aus purer Angst und aus ehrlichem Respekt gegenüber den Beteiligten. So bleiben die Schilderungen Andeutungen, die aber aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hineinreichen in die Gegenwart. Sie erinnern erstens an die Altlasten einer verfehlten Erziehung und vor allem an einen Zeitgeist jenseits von Aufklärung, Emanzipation und sexueller Befreiung. Und sie erinnern bis heute an die ungelösten Herausforderungen, die Susanne Gaschke um die Jahrtausendwende folgendermaßen umschrieb:
„Auch die Familien der Zukunft werden drei traditionelle Probleme bewältigen müssen: Es sind dies die verlässliche Regelung der Kindererziehung, die Fürsorge für alte Eltern und die bis heute ungelöste Frage, wie mit der Eintönigkeit exklusiver Bindungen einerseits und der Eifersucht andererseits umzugehen sei.“
Dass die Welt in Bad Neuenahr relativ heil geblieben war – mit Blick auf die von Susanne Gaschke angesprochenen zu bewältigenden traditionellen Probleme – verdankte sich schlicht einer Reihe von Zufällen. Für die in den zwanziger Jahren auf dem Land Geborenen stellten sich die Rollenzuweisungen weder im familialen und noch viel weniger im Zusammenhang mit einer sexuellen Identitätsbildung als irgendwie optional dar. Und ich schreibe es dem Zufall zu, dass die Fürsorge für alte Eltern bei uns nur noch gegenüber den Eltern der Mutter erforderlich war. Und es war Zufall, dass Vater und Mutter schon als Kinder Hausbacke an Hausbacke in der Kreuzstraße wohnten, so dass Fürsorge und Pflege perfekt zu organisieren waren. Und auch die Rollenverteilung ergab sich – gewissermaßen wie von selbst –, da Hilde die ältere der beiden Töchter war. Meine Oma starb 1968 und mein Opa 1970 – jeweils nach etwa halbjähriger Pflege bis zum Tode und vor allem zu Hause. Mein Vater hatte die Hosen an, und meine Mutter trug die Röcke, die dem Vater genehm waren, womit keineswegs gesagt ist, dass im ehelichen Zusammenspiel die Hosenrollen auch immer nach diesem Muster vergeben waren.
Eine kleine Reminiszenz soll hier verdeutlichen, wie ein Jota Veränderung in der familialen Ausgangskonstellation in dramatischster Weise zu spannungsreichen Verschiebungen und unversöhnlichen Konflikten führen kann. Kaum lässt sich auch nur ahnen, wie sehr das Handeln und die Grundorientierung der Akteure vom Zeitgeist bestimmt wurden:
Von 1971 bis 1978 wuchs mir eine zweite Familie zu, die leicht auch zu meiner Schwieger-Familie hätte werden können. Dort, an der Mittelmosel, in einem traditionellen und konservativen Milieu, zeigte sich die strukturelle Gewalt, die aus festgeschriebenen Rollenzuweisungen entspringen kann, in aller Härte und Gnadenlosigkeit. Hier hatte das – meiner Erinnerung nach 1926 geborene – Familienoberhaupt nie einen Zweifel daran gelassen, dass er, der zur Waffen-SS gezogen worden und in französische Kriegsgefangenschaft geraten war, dort, in Frankreich, heimisch geworden war und nur zurückkam an die Mittelmosel, weil er sich seiner Mutter verpflichtet fühlte. Wie die Ehe zustande gekommen war, aus der eine zuerst eine Tochter und dann ein Sohn hervorging, entzieht sich meiner Kenntnis, die sich fast ausschließlich aus den Erzählungen des Vaters und eigenen Beobachtungen nährt. Was mir damals als recht brutale Haltung eines Patriarchen begegnete, erklärt sich vermutlich nur aufgrund des erwähnten Jotas Unterschied. Denn hier gab es nur noch die Mutter des Vaters, die Schwiegermutter der Mutter, die Mitte der siebziger Jahre ihren bis dahin selbstständig geführten Hausstand auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgeben musste und ein Zimmer im großen Haus des Sohnes zugewiesen bekam. Schwiegertochter und Schwiegermutter verstanden sich nicht, und die Mutter des vermutlich einzigen Sohnes, legte es immer wieder auf Machtkämpfe an, die zuletzt absolut unter dem lagen, was wir als Gürtellinie bezeichnen. In all diesen sieben Jahren haben die Eheleute einen einzigen gemeinsamen Urlaub in Langenargen am Bodensee verbracht. Für diese 14 Tage hatte die (Schwieger-)Mutter einen Platz in einem Altenstift des Nachbarortes. Das Ansinnen seitens der Ehefrau, dies sei doch vielleicht auch eine akzeptable Dauerlösung, führte zu einem erbitterten innerfamiliären Konflikt, bei dem sich die Tochter auf die Seite der Mutter stellte. Niemals zuvor und niemals danach habe ich ein einseitigeres Konfliktmanagment erlebt mit einer brachial durchgesetzten einseitigen Lösung. Die (Schwieger-)Mutter blieb in Abwendung einer unzulässigen Schande, die sich mit einer Heimunterbringung aus der Sicht des Vaters ergeben hätte, in der Familie. Enttäuschung, Wut, Hass, Machlosigkeit, Hilflosigkeit – all diese Empfindungen und Haltungen spiegeln die Ablehnung der Mutter wieder. Machtgebaren und Sturheit bis zur Bösartigkeit beschreiben die väterliche Demonstration von Deutungs- und Entscheidungshoheit. Mit Wut und Bitterkeit beantwortete die Tochter in dieser Phase die brachiale Machtdemonstration des Vaters. Meine eigene Verbindung zu dieser Familie endet 1978. Es mag wiederum der pure Zufall sein, dass meine damalige Lebensgefährtin sich entschloss, in dem Ort, in dem ich seit 1980 lebe, ein Haus zu kaufen. Ihre Mutter ist einige Jahre vor ihrem Vater verstorben, und die letzten Monate seines Lebens, der Pflege und Betreuung bedürfend, hat der Vater im Hause seiner Tochter verlebt. An solchen extremen Beispielen lassen sich die Bedeutung und die Eigendynamik von (innerfamiliär relevanten) Kategorien, wie Zeitgeist, Tradition, Konflikt, Ohnmacht, Geborgenheit, Bindung und Zugehörigkeit recht authentisch diskutieren.
Es gibt viele Mosaiksteine in meinem eigenen Leben, die dazu beigetragen haben, hinsichtlich der von Susanne Gaschke definierten drei Kardinalprobleme eine konservative Haltung einzunehmen. Aber vor allem auch die erinnerten, soeben geschilderten Konflikte haben sich tief in mich eingeschrieben und zeitlebens daran gehindert, in der Fürsorge sowohl für die Jungen als auch die Alten nur ein Jota Verantwortung zu delegieren. So werden viele der hier aufgeschriebenen Geschichten die Langeweile in der langen Weile widerspiegeln, einzig lesenswert vielleicht durch die mehr oder weniger gelungene Art des Erzählens.
Kehren wir zurück in den Frühling 1979 – die Zeit des Aufbruchs und des Niedergangs. Dass eine neue Liebe wie ein neues Leben sei, diese massenwirksame Kollektivhypnose verfing auch zu Zeiten des geschilderten Wahns Ende der siebziger Jahre nicht mehr wirklich. Vier Männer (in mir) – dieses Gedicht ist zwar erst gut 20 Jahre später in mir gewachsen. Die zeitliche Differenz signalisiert denn auch eher die Tatsache, dass es Abstand braucht, um die Zusammenhänge trennschärfer wahrnehmen und einordnen zu können. Im Alter von Mitte vierzig zeigen sich denn auch die illusionsgeschuldeten Verirrungen im Selbstbild auf brutale Weise. Sie springen einem nicht nur schreiend ins Gesicht, sondern sie sind vielmehr einer Lebenspraxis geschuldet, die mit Feuer und Schwert den Schwachsinn der frühen Jahre beiseite fegt. Und auch wenn das Gedicht in seiner Sprache um Kultivierung bemüht ist und eine gewisse Verklärung der Zusammenhänge nicht leugnen kann, offenbart es doch, dass die Ereignisse im Frühjahre 1979 in ein Vorher und ein Nachher eingebettet sind:
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In der Folge sind alle Einzelkapitel zu dem hier vorgestellten Projekt: Die Kraft der Einsicht und die Kraft der Zuversicht – Mosaiksteine einer lebenslaufbezogenen Familienrekonstruktion mit eigenen Zugangslinks versehen, so dass auch einzelne Kapitel zur Lektüre ausgewählt werden können. Um dieses Vorhaben einer lebenslaufbezogenen Rekonstruktion einschätzen zu können, bieten sich die Vorbemerkung und die Einleitung an. Unter der Kapitelüberschrift, die eine Vorbemerkung ankündigt, verbirgt sich gegenwärtig noch der gesamte Textkorpus, so dass man hier nach der Vorbemerkung enden sollte (die im Übrigen dort endet, wo die Gliederung beginnt), sofern man das Ganze nicht als Ganzes lesen will.
Gliederung (in progress)
- Lebenslauf - Vorbemerkung
- Einleitung
- Am Anfang war die Tat (1)
- Wir machen uns Gedanken darüber... (2)
- Das Wissen darum, wie Kinder in diese Welt kommen (3)
- Spurensuche I (4)
- Das Herz (der Verstand) hat seine Gründe (5)
- Vier Männer in mir (6)
- Zeitgeist und Kontenausgleich I (7)
- Spurensuche II: Vom Familien- zum Sippenkontext (8)
- Assimilation und Akkomodation: Was machen wir, wenn das Unfassbare geschieht? (9)
- Gaudeamus igitur – Studium (10)
- Kindheit, Jugend und Schule (11)
- Kindheit, Jugend und Studium - Der Zugang zu Bildung (12)
- Zur Welt kommen – zur Sprache kommen - Spurensuche III (13)
- Ein ehrenwertes Haus I (14)
- Ein ehrenwertes Haus II - Die vierte Generation (15)
- Ein ehrenwertes Haus III - Erosion und Verfallserscheinungen (16)
- Nähe – Abstand schafft Beziehung: Symmetrie und Asymmetrie in Beziehungen (17)
- Welche Welt tritt da zutage – zwischen Wahlmöglichkeiten und Festlegungen? (18)
- Ich schreibe, also bin ich! (19)
- Ein paartherapeutisches Husarenstück - Zwischen Durchreise und Landnahme (20a)
- Ein paartherapeutisches Husarenstück - Ein Nullsummenspiel (20b)
- Auch wer sein Pferd von hinten aufzäumt, muss nicht verkehrt herum aufsitzen (21)
- Lautverschiebung (22)
- Wie ich lernte zu wollen, was ich soll (23)
- Das Unfassbare als basso continuo unseres Lebens (24)
- Kurvenverläufe und #metoo (25)
- Jupp auf Abwegen? Lebenslauf mit Liedern!
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Spurensuche I (4)
Gehen wir einmal – von 1988 aus gesehen – 28 Jahre rückwärts; wir landen im Jahr 1960, genauer im Juli 1960. Am 19. Juli 1960, an einem Dienstag, fährt Hilde mit ihren beiden Söhnen, Franz Josef und Wilfried, nach Flammersfeld, so ziemlich genau 18 Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Ursula. Die erste Frage, die sich heute stellt: „Was – um Himmels Willen – will sie dort in Flammersfeld?“ Die Erinnerungen des Schreibers dieser Aufzeichnungen sind dünn; hilfreich sind sechs Postkarten, die zum einen das Zeitfenster (19.7.-27.7.1960) exakt belegen, und die zum anderen etwas offenbaren über Umstände und Eindrücke dieser merkwürdigen Reise. Drei Karten sind adressiert an „Familie Theo Witsch“, jeweils eine Karte an „Familie Josef Lahnstein“, „Fräulein Ulla Witsch“ und „Herrn Theo Witsch“. Was am meisten irritiert, sind die Anreden, wobei die erste Karte (20.7.) an „Familie Theo Witsch“ einen rätselhaften, nicht mehr nachvollziehbaren oder irgendwie interpretierbaren Hinweis enthält (fett). Die Anrede irritiert, weil dem Schreiber dieser Aufzeichnungen die Anrede „Vati“ völlig fremd ist und in keiner Weise erinnerlich im Sinne einer alltäglichen Anrede (die lautete immer: Papa und Mama!) Da heißt es:
„Lieber Vati und Ulla, viele Grüße sendet Euch Mutti. Das geben 8 lange Tage. Franz-Josef sagte gestern Abend, da wäre er doch lieber zu Hause geblieben, immer nur spazieren gehen, das ist nicht das richtige. Im Schwimmbad ist kein Tropfen Wasser und spielen kann man auch nicht gehen. Jetzt gehen wir einen Ball kaufen, dann können wir wenigstens Fußball spielen. Der Herr mit Auto ist mir schon begegnet, war mir sehr peinlich. Nochmals Gruß Mutti.“
An ihre Eltern schreibt Hilde:
„Liebe Eltern! Viele Grüße senden Euch Hilde und Kinder. Hier kennt man sich nicht mehr aus. Flammersfeld ist noch 2-mal so groß, wie es war. Liebe Mutter, wie geht es Dir? Wenn es schlimmer ist, dann ruft mich vor 9 Uhr morgens an, die Nummer ist 286. Nochmals viele Grüße Hilde und Kinder.“
Am 21.7. gehen zwei weitere Karten nach Bad Neuenahr; eine an Herrn Theo Witsch und eine an Familie Theo Witsch:
„Lieber Vati, heute regnet es in Strömen, als ob die Welt untergehen wollte, und ich sitze hier mit den Beiden auf dem Zimmer (ich möch zefoß no Kölle jon). Kannst Du Dir das vorstellen. Aber vielleicht regnet es sich heute aus und wir haben dann doch noch ein paar Tage schönes Wetter. Die Leute sind sehr nett und wir bekommen ein prima Frühstück: 6 Brötchen, Brot in Mengen, 1 Ei, Käse, Marmelade, drei Stück Butter. Die Kinder bekommen Kakao. Man könnte es hier schon aushalten. Aber es ist eben zu Hause doch am schönsten. Für heute viele Grüße an Euch beide Mutti.“
Eine mit Bleistift geschriebene Postkarte – liniert – habe offenkundig ich geschrieben:
„Lieber Vati und Ulla! Ich wünschte es wäre schon Dienstag. Heute hat es fast den ganzen Tag geregnet. Mama hat uns heute Morgen Regenkeps gekauft. Eben haben wir ein Reh gesehen. Sonst sieht man hier nur Kühe und Ochsen. Was macht Hansi? Für heute viele Grüße von Franz Josef und Wilfried. Auch viele Grüße an Oma und Opa.
Am 22.7. schreibt Hilde an ihre Tochter:
„Aus Deinem Geburtsort herzliche Grüße sendet Dir Deine Mutter und Geschwister. Hast Du auch schon Post von Deinem Ernst. Ich habe gedacht, wenn der Ernst Dir vielleicht nicht schreibt, will ich Dir wenigstens eine Karte schreiben. Für heute nun viele liebe Grüße sendet Dir Mutter.“
Und schließlich die letzte Karte vom 23.7. an Familie Theo Witsch:
„Lieber Vati und Ulla! Bis jetzt haben wir noch nicht einen Tag ohne Regen gehabt. Wir sind es richtig leid. Abends liegen wir schon um sieben Uhr im Bett. Wenn man mit dem Zug von hier fahren könnte wären wir schon wieder zu Hause. Aber von hier fahren nur Busse und da hat Franz Josef zu viel Angst. Bis am Dienstag viele Grüße und Aufwiedersehen Mutter.“
Versuchen wir das Wesentliche festzuhalten und es in einen Verstehenshorizont aus heutiger Betrachtung einzuordnen: Vom 19. bis zum 27. Juli 1960 fährt Hilde mit ihren beiden Söhnen nach Flammersfeld im Westerwald, den Geburtsort ihrer Tochter. Diese Geburt ereignete sich – bezogen auf den 19. Juli 1960 genau 18 Jahre und 34 Tage zuvor. Auf der Karte, die Hilde ihrer Tochter schreibt, ist das Geburtshaus Ullas zu sehen, das sogenannte „Braune Haus“, das vier Geschossebenen aufweist, von denen drei auf der Postkarte eindeutig zu erkennen sind. Dieses sogenannte „Braune Haus“ beherbergte 1942 ein Entbindungsheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt – inzwischen ist es abgerissen. Bemerkenswert ist, dass Hilde die Karte mit dem Hinweis beginnt: „Aus Deinem Geburtsort …“. Ursula Witsch, geborene Lahnstein, bekam hiermit einen Hinweis, der ihr – nimmt sie ihn wörtlich – die Frage aufzwingt: „Warum bin ich nicht zu Hause bzw. in Bad Neuenahr geboren, sondern in Flammersfeld?“ Und genauso, wie sie all die kleinen Mosaiksteine gesammelt haben mag in ihrem Unterbewussten, wird sie diesen Hinweis abgespeichert haben auf der langen Liste von Fragen, die sich mit ihrer Zeugung und Geburt verbinden: „Wieso Flammersfeld – am 5.6.1942? Da war meine Mutter nicht einmal 18 Jahre alt!“ Dass Flammersfeld jene wendepunktspezifischen Qualitäten repräsentiert, die Niklas Luhmanns Lebenslauf-Definition entsprechen, wird in unmittelbarer Zukunft eine weitere markante Besonderheit offenbaren. Luhmann bemerkt ja in seiner unvergleichlich trockenen Diktion: „Die Komponenten eines Lebenslaufs bestehen aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen.“ Und die Postkarte an ihre Tochter enthält weiteren Zunder, und man ist geneigt, Hilde zu unterstellen, dass sie hier bewusst zündelt: „Hast Du auch schon Post von Deinem Ernst? Ich habe gedacht, wenn der Ernst Dir vielleicht nicht schreibt, will ich Dir wenigstens ein Karte schreiben.“ Stand die Beziehung zu jenem Ernst, der der Vater ihres Sohnes Michael werden sollte, soeben auf der Kippe? War es jener Sommer, den Ernst mit einem Freund in Dänemark oder Schweden verbracht hat, um sich die Hörner abzustoßen – seine Erzählungen sind legendär!? Das Zündeln hatte zwiespältige Folgen. Hilde hat gewiss weder damit gerechnet noch davon geträumt, dass es ihre Tochter ihr gleichtun würde, sich nämlich zu einem vergleichbar frühen Zeitpunkt schwängern zu lassen – irgendwann im März 1961, noch mit 18 – wenige Monate vor ihrem 19. Geburtstag. Am 14. Januar bringt sie ihrer Mutter den vielleicht – nein, den ganz sicher – innig begrüßten Enkelsohn zur Welt.
Aber bleiben wir zunächst in Flammersfeld – im Juli 1960! Das Entbindungsheim der NSV war unversehrt. Hilde ist gewiss an diesen Ort zurückgekehrt. Meine Erinnerung mag mich trügen, aber es gibt verschwommene Bilder, die mir zumindest einen Besuch signalisieren. Was zum Teufel hätte unsere Mutter genau an diesen Ort zurückführen sollen, wenn nicht die Hoffnung den ein oder anderen Akteur, die ein oder andere Beteiligte aus jenen Wochen ihrer Obhut im Heim der NSV wiederzusehen? Und welcher Herr ist ihr begegnet? Und warum war ihr diese Begegnung peinlich? Die Postkarten hat im Übrigen meine Schwester aufbewahrt, meine Schwester, die – nachdem sie gebenedeit war unter den Frauen – ihren Ernst heiratet auf dem Standesamt jenes Ortes, in dem sie das Licht der Welt erblickt hat – in Flammersfeld!
Eine Ironie am Rande all dieser Merkwürdigkeiten ergab sich 40 Jahre später bei der Rekonstruktion des Einsatzweges von Franz Streit in der Deutschen Wehrmacht. Wäre F.S. nicht im September 1943 gefallen, hätte er sich mit dem Stab seines Stammregiments (Panzerregiment 33 der 9. PD) am 15.3.1945 in Flammersfeld wiedergefunden. In den Regimentsunterlagen findet sich zum 15.3.1945 folgender Vermerk: „Die rückwärtigen Teile der Abteilung verlegen über Altenberg – Benzberg – Overath – Much – Schönenberg – Eitorf und Kircheib nach Mehren. Stab über Benzberg – Gummersbach – Auchel – Waldbröl – Wissen – Roth – Hamm – Lenscheid und Weyerbusch nach Flammersfeld.“ Quartier war mit Sicherheit das sogenannte „Braune Haus“, das seine Aufgabe als Entbindungsheim zu diesem Zeitpunkt gewiss schon hatte aufgegeben müssen. Franz Streit, der Hilde zuletzt und seine Tochter zum einzigen Male im Juni 1942 in Flammersfeld gesehen hatte, gehörte da bereits zu den Gefallenen seines Stammregiments, dem er seit der Aufstellung der Division angehört hat.
Es ist müßig über die Motive Hildes zu diesem einwöchigen Urlaub in Flammersfeld zu spekulieren. Dem Verfasser dieser Aufzeichnungen ist erst spät – eigentlich erst im Alter – die unaufgelöste Spannung bewusst geworden, in der Hilde lange gelebt haben muss, und die sie möglicherweise auch dazu veranlasst hat einer Heirat mit Theo erst so spät zuzustimmen. Gleichermaßen unbeantwortet bleibt die Frage, welcher Mann Jahr um Jahr sein Werben aufrechterhalten hätte – gegen alle bedeutsamen Anderen, vor allem gegen die eigene Mutter? Und mit der Heirat war das Menetekel nicht aus der Welt geschafft, dass irgendeines ungewissen Tages Franz Streit auftauchen könnte, um seine Tochter zu sehen und was sonst noch für Motive im Schilde zu führen. Die letzten Heimkehrer wurden 1955 aus russischer Gefangenschaft entlassen! Und da Franz Streit Hilde gegenüber eingestanden hatte, bereits verheiratet zu sein und ein Kind zu haben, lebte sie schlicht in der Ungewissheit über Franzens Schicksal nichts zu wissen. Hilde hat – nach eigenem späten Bekunden – alles vernichtet bzw. verbrannt, was mit Franz Streit zu tun hatte und was sie an ihn hätte erinnern können. Dass Franz Streit den Heldentod gestorben war und nicht nur einen Sohn, sondern derer zwei hatte, würde erst ihre Tochter 60 Jahre später ans Tageslicht befördern. Jahre, nachdem ihr Bruder Wilfried auf dem Weg nach Österreich mit dem Flugzeug abgestürzt war, würde Ursula in Wien (Gert) und in der Nähe von München (Werner) zwei weitere Brüder finden und so ein neues Kapitel ihrer ganz persönlichen Familiengeschichte aufschlagen.
Ein Schisma der Moderne liegt ganz gewiss in der Möglichkeit einer wirksamen, verlässlichen Empfängnisverhütung begründet. Die Zulassung der Pille in den sechziger Jahren bedeutet ein radikal neues Kapitel in der Beziehung von Frau und Mann. Während sich Hilde mit ihrer gänzlich ungewollten und ungeahnten Schwangerschaft tatsächlich einer Todsünde schuldig machte und den vollen Preis dafür bezahlte, bedeutete die Schwangerschaft ihrer Tochter ein deutlich geringeres Maß an Tragik, da ja immerhin der erfolgreiche Schütze aus der ersten Reihe in die Pflicht genommen werden konnte. Die Tragik war gewissermaßen eine nachgetragene, weil Ehen – ausschließlich auf den Tatbestand eines erfolgreichen Beischlafs gegründet – ihre eigenen Hypotheken mit sich schleppen. Weitere Schwangerschaften blieben dem Paar dann auch erspart, bevor die Ehe sich schließlich überlebte und vor dem Scheidungsrichter endete. Dem Prinzip der Generativität war genüge getan und die junge – überaus junge Großmutter – sorgte, so wie das gesamte familiale Umfeld dafür, dass der Enkel beste Startbedingungen für sein künftiges Leben erfuhr. Die lebensprägenden Umstände und die richtungsweisenden Lebensentscheidungen dieses Enkels werden – aus der puren Beobachterhaltung seines Onkels – noch eine raumgreifende Aufmerksamkeit erfahren. Alle in die Verantwortung bzw. das Geflecht von Erziehung und Beziehung einbezogenen – meinetwegen auch verstrickten – Akteure hatten bzw. habe ihre Sicht auf die Familiendynamik, die sich aus all den bereits erwähnten Hypotheken und Belastungen gleichermaßen ergeben. So wie der Schreiber dieses Berichts versucht eigene Spuren aufzudecken (und wo aufgedeckt wird, geht es immer auch um Verhüllung), kann – was den Enkel von Hilde und Franz Streit anbelangt – nur der Enkel selber etwas Licht ins eigene Dunkel tragen – wie er vor Jahren einmal meinte, ganz im Interesse seiner Kinder.
