<<Zurück

 
 
 
 

Elke Heidenreich rufe ich zu: Danke - Mein Papa hatte auch einen Onkel Hans

Elke Heidenreich widmet eine ihrer Geschichten ihrem Onkel Hans, dem Bruder ihrer Mutter. Er steht im Mittelpunkt ihrer Geschichte "Sonst noch was" (in: Ich möchte einfach alles sein - Geschichten, Gedichte und Bilder aus der Kindheit, Reihe Hanser im Deutschen Taschenbuchverlag, München 1999, Seite 20-33). Dem Herausgeber Uwe-Michael Gutzschhahn bedeutet Elke Heidenreichs Geschichte den eye-catcher, mit dem er die 300 Seiten uns Lesern schmackhaft machen will:

"Katharina hat Sommerferien. Auf der Fahrt zum Bauernhof ihres Onkels lernt sie im Zug Roswitha Gansauge kennen, die sich mit ihrem Hund Gustavo unterhält. Plötzlich spricht Gustavo zu Katharina! Und tatsächlich: auch sie versteht ihn. Kaum auf dem Bauernhof angekommen, probiert Katharina ihre neue Sprache mit den Tieren aus. Werden der Hund, der Esel, die Ziegen und die Katzen sie verstehen?"

Ja um Himmels Willen, wer möchte denn daran zweifeln? Ich nicht - ich bewundere Elke Heidenreich, werde aber nicht wirklich warm mit ihr; ein bisschen so, wie Elke Heidenreich durchblicken lässt, dass sie nie wirklich warm geworden ist mit ihrer Mutter. Die ist spröde und fordernd - eben so, wie Elke Heidenreich mir auch vorkommt: "Sonst noch was?" ist das geflügelte Wort ihrer Mutter, die natürlich auch ihren Bruder Hans äußerst kritisch beobachtet, wohnt er doch lange mit ihr und Katharina unter einem Dach, bevor ihm ein Lottogewinn den Erwerb eines kleinen Bauernhof im Westerwald ermöglicht. Und als Katharina - unsere Elke Heidenreich, die schon als Kind unter Bronchitis oder (im Pott) wohl eher unter Krupp-Husten litt, ihn besuchen will - als Elfjährige - ist die Mutter alles andere als einverstanden. Kurzum:

Katharina besucht Onkel Hans, lernt auf der Bahnreise in der Westerwald Roswitha Gansauge kennen, die alte Dame, die mit Tieren sprechen kann. Einer Erweckung gleich, entdeckt Katharina, dass auch sie über diese Gabe verfügt, und aus dem anfänglich zurückhaltend-skeptischen Abstandhalten wird innerhalb einer Zugreise eine innige Freundschaft mit ungeahnten zukunftsträchtigen Beigaben, denn mittendrin wird Roswitha Gansauge Onkel Hans heiraten. Und beide leben auf dem kleinen Bauerhof - und wenn sie nicht gestorben sind, ...

Das soll auch schon reichen. Denn beim Lesen der kleinen Geschichte - und das kann Elke Heidenreich einfach - werde ich nicht nur angerührt durch die treffend und mit leichter Hand auf's Papier gworfenen Impressionen. Es entsteht ja im Realen eine kleine Zauberwelt - sozusagen der radikale Gegenentwurf zu einer harten Kindheitswelt mit ungewöhnlichen Akten der Individuation fern der eigenen Herkunftsfamilie. Man mag zweifeln, ob es sich um Kostbarkeiten oder um eher artifizell daherkommende, stilisierte Kindheitserinnerungen handelt. Auf alle Fälle begegnet uns mit Onkel Hans eine skurille Figur, die durch äußere Beigaben und kleine Gesten, die ein eigenwilliges Innenleben erahnen lassen, ein alter ego Katharinas skizzieren. Die Schwester - Katharinas Mutter - kocht für den Bruder, wäscht für ihn und schimpfte mit ihm herum, solange er bei ihnen wohnte: "Rauch nicht so viel! Was, noch ein Schnäpschen? Du könntest auch mal wieder zum Friseur gehen! und so weiter, den ganzen Tag, und er streckte ihr hinter dem Rücken die Zunge heraus und zwinkerte mir zu, er, der den ganzen Tag eine Zigarre im Mundwinkel hängen hatte."

Dieses Zuzwinkern signalisiert die verschworene Gemeinschaft, die zwischen Onkel Hans und Katharina entsteht: "Hallo, kleine Käthe" (wie er sie liebevoll nennt). Warum sollen denn Tiere, die wir als Kinder - und sogar noch als Erwachsene - rückhaltlos vermenschlichen, nicht all das viel eher auf den Punkt bringen können, was uns umtreibt, was uns irritiert, und was uns als Menschen manchmal schwerfällt auszusprechen?

Angekommen auf dem kleinen Bauernhof stellt Onkel Hans der kleinen Käthe zuerst seinen Hund vor: "Er ist aus dem Tierheim, er heißt einfach nur Hund. Niemand wollte ihn haben, weil er schon älter ist. Mir ist er gerade recht, was, Hund, wir zwei alten Kerle halten zusammen. Und der Hund bellte: >Aber ich hab Rheuma und du nicht!< >Er hat Rheuma<, sagte ich, und Onkel Hans fragte verblüfft: >Wie kommst du darauf?< >Nur so, sagte ich, und Onkel Hans sah mich sehr merkwürdig an. >Weißt du<, sagte er, >manchmal geht er so schwer und humpelt und kommt nach dem Liegen nicht richtig hoch, kann wirklich sein, dass du Recht hast. Ich werde mal den Tierarzt fragen.<"

So entsteht ein Kleinod: kleine Käthe in Wonderland! Wie kommt man da wieder raus? Was macht eine Geschichte zu einer Geschichte und nicht zu einer elenden Schmonzette, einer rosaroten Kitsch-Zuckerwatte?

"Jahre später, als mein Onkel Hans schon tot war, denn er war sehr viel älter gewesen als Tante Roswitha, besuchte ich sie noch einmal auf dem kleinen Hof. Wir gingen zusammen zum Friedhof, und sie legte ein frisches Ei von Berta und etwas Wolle von den Schafen auf das Grab und erzählte dann alles , was zu Haus los war. [...] Ich hörte erstaunt zu und sie erklärte mir: >Die Toten hören uns, wenn wir mit ihnen sprechen.< Ich glaubte ihr sofort. Sie hatte ja schon einmal Recht gehabt. >Aber antworten können sie leider nicht mehr<, sagte ich und musst ein bisschen weinen, weil ich Onkel Hans so lieb gehabt hatte. >Ach<, sager Tante Roswitha, >wenn man ganz genau hinhört, antworten sie manchmal sogar.<"

Und: "Viele Jahre später stand ich am Grab meiner Mutter und versuchte, ihr von meinem Leben zu erzählen. Ich wusste, mein Leben würde ihr nicht gefallen, und als ich die Blumen ordnete, seufzte und mich umwandte, um zu gehen, war mir, als hörte ich ganz leise und streng: >Ja, sonst noch was<."

Der Onkel meines Papas konnte Gitarre spielen und sang verbotene Lieder. Er hat die Nazis überlebt - so wie seine Schwester in Amsterdam. Seine Neffen, Otto, Män und Theo haben auf der anderen Seite gekämpft und haben alle drei den Krieg überlebt - versehrt und gezeichnet für ihr Leben. Wenn Onkel Hans zu Besuch kam, kam Leichtigkeit in unser Leben. Saßen wir gemeinsam am Tisch beim Abendessen, nahm er ein Stück Fleischwurst, zog die Pelle ab und reichte sie uns mit dem Kommentar: "Ich ziehe mir es ab, und gebe es euch", guckte verschmitzt mit reiner Unschuldsmiene und lehrte uns die Leichtigkeit des Seins - ein wenig davon ist bei uns allen angekommen. Nein, ganz viel davon bei meiner Schwester und bei meinem Bruder!

Apropos: Wenn man - wie Nova Meierhenrich (in ihrem Fall gegen ihre Absicht) kinderlos geblieben ist - muss man sich um Generativität keine weiteren Gedanken machen. Mit Blick auf verantwortungsbewusste (kinderlose) Mitmenschen, die sich durchaus mit der Frage auseinandersetzen, was wir tun müssen, um den nächsten Generationen angemessene (Über-)Lebensbedingungen zu sichern, erscheint die vorausgehende These gewiss unangemessen. Gleichwohl schiebt sich zwischen den Umstand unmittelbarer Nachkommenschaft und eine eher globale Persepektive, wie sie Hans Jonas mit seinem ökologischen Imperativ avisiert, eine gewisse Abstraktionsstufe. Möglicherweise gewinnt das Schisma zwischen jenen, die Kinder haben und jenen, die keine Kinder haben durchaus noch einmal eine Nuance, die substantiell und lebensbestimmend ist - selbstverständlich nur mit Blick auf jene Zeitgenoss:innen, die Elternschaft/Großelternschaft eine Verantwortungsdimension abgewinnen, die sich Kinderlosen nicht in kongruenter Weise erschließen mag.

 

 

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund
Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.