Peter Härtling - Nachgetragene Liebe (dritter Teil)
Deine Schwäche erscheint mir jetzt wie ein Ausbruch von Liebe
Warum bescheidet sich Peter Härtling nicht mit seiner ersten Haut? Ein sich versagender Vater, der die Mutter betrügt, den Sohn halb totschlägt und eine jämmerliche Soldatenkarikatur abgibt? Nachgetragene Liebe?
Gestatten wir uns ein paar andere Töne, die einen anderen Vater zeigen. Der sich sorgende, fürsorgliche, gar liebevolle Vater:
„Sie hätte uns sterben können, sagt Vater.“ Peter Härtling erzählt, wie er in der Nacht geweckt wird:
„Eine aufgeregte Hand tastet mich ab, weckt mich, drückt mir die Brust, patscht mir ins Gesicht.
Komm steht auf, beeil dich, ich helf dir beim Anziehen. Es ist Vater, und das verwirrt mich, denn er hat mich noch nie geweckt, nicht in der Nacht und nicht am Morgen (68).“
Peter Härtling schildert, wie er mit Mutter und Vater, die sich abwechseln, Lore – Peters kleinere Schwester – zu tragen, durch das nächtliche Brünn läuft, rennt, quer durch die Stadt. Sie laufen zum Krankenhaus, wo – dort angekommen – weißgekleidete Menschen „die Lore wegreißen und uns auf eine Bank drücken“. Die Szene schreibt sich tief in Peter Härtlings Erinnerung ein – sie bildet, wie andere lichte Momente einen deutlichen Kontrapunkt zu seinem düsteren Vaterbild:
„Ich sitze zwischen Vater und Mutter, sehe sie nicht, höre nur ihren Atem, laut, aber schon vermischt mit Seufzern, Schluchzen. Die Erschöpfung wird zu einer Wolke in meinem Kopf, die von innen gegen die Schläfen drückt. Noch nie bin ich auf diese Weise müde gewesen. Mutter zieht meinen Kopf auf ihren Schoß. Ihre Stimme ist wieder ruhig und sehr nah: Lore wäre uns beinahe erstickt, weißt du. Sie hat eine Lungenentzündung. Sie ist sehr krank.“ Endlich hört er nach bangen Stunden, in denen er nicht schlafen kann, wie das nächtliche Flüstern in lautes Sprechen übergeht. „Es geht dem Kind besser, sagt in dieser Helligkeit jemand, ganz selbstverständlich, als habe man eine solche Auskunft für den Morgen aufgespart […] Sie hätte uns sterben können, sagt Vater (69f.).“ Und Peter Härtling schreibt ein halbes Leben später: „Zum ersten Mal hast du deine Angst mit mir teilen wollen. Es war verrückt mich mitzuschleppen, aber offenbar brauchtest du alle um dich. Einer von uns vieren war dem Sterben nah, konnte herausbrechen. In deiner Panik handeltest du wie alle Verfolgten. Keiner durfte den anderen aus den Augen verlieren, die Nähe war schon Teil des Lebens, des Überlebens (69f.).“
Peter Härtling schreibt sich in der Folge in die Haltung eines Vaterverstehers hinein, lässt zeitgeschichtlichen Kontext zu – beschwört ihn geradezu, um ein anderes Vaterbild mit einer anderen Wahrheit zu begründen:
„Mir erklärt dieser blinde, von Todesangst gehetzte Lauf die die nächtliche Stadt deine Lage. Niemand bedrohte dich unmittelbar, noch hat dich keiner besucht oder gewarnt, aber wo immer du hinkamst, saßen schon die Gegenredner, die Verdächtiger, die Schwarzmaler. Jede Hoffnung bekam ihren Schatten. Deine ohnedies geringe Widerstandskraft wurde immer wieder angegriffen und schlug um in Hysterie. Wir reden zurückblickend, leichtfertig von Mut, kaum aber von der Vergiftung der Seelen durch die organisierte, heimlich verbreitete Angst. Du warst schon krank von ihr, sie begann dich zu lähmen. Indem du mich mitnahmst, versuchtest du ihr zu entgegnen. Deine Schwäche erscheint mir jetzt wie ein Ausbruch von Liebe (70f. – Hervorhebung FJWR).“
Eine Impression en passent:
"Ich mochte es, wie er am Morgen war. Er glich einem Schauspieler vor dem Auftritt: stets war er sorgfältig gekleidet, trug einen seiner grauen Zweireiher, Krawatten, die meist einen dunkelblauen oder dunkelroten Grund hatten, schwarze, wie Lack glänzende Schuhe, die bei schlechtem Wetter von grauen Gamaschen geschützt wurden. Ehe er die Zeitung las, putzte er mit einem frischen Taschentuch seine Brille, und nur in diesem Augenblick spürte man seine Anspannung. Es war eine sonderbar zielgerichtete und darum angenehme Nervosität. Zum Abschied küßte er Mutter auf die Stirn und fuhr uns mit der Hand über den Kopf. Diese distanzierten Liebkosungen habe ich nicht vergessen (90 - Hervorhebung FJWR)."
Kleiner Exkurs:
Ich erinnere mich - Kind mit Herkunft - an das unfassbare Glück, einen nie in Aussicht stehenden, unverhofften Zugang zu höherer Bildung zu erhalten (dem sozialdemokratischen Aufbruch in den sechziger Jahren sei Dank). Peter Härtlings Vater (Jahrgang 1906) gehört zur gebildeten Oberschicht (ich glaube auch promovierter Jurist - davon später mehr).
Die vorstehende Auslassung hätte im Übrigen Winfried Rösler gefallen, den ich mehr und mehr - gewissermaßen posthum - als Mentor einer nachgetragenen Lektüre begreife (ich nutze im Übrigen das von ihm nachgelassene, mit Anmerkungen versehene Exemplar zu Peter Härtlings Nachgetragener Liebe).
Schon früh konnten meine Eltern meinen intellektuellen Eskapaden nicht mehr ohne weiteres folgen (z.B. meiner abstrusen Abitursrede). Aber ich erinnere mich daran, dass sie alles, was daraus erwuchs, vorbehaltos unterstützt und begleitet haben. Weder erfuhr ich so etwas wie Vorbehalte, Missachtung oder gar Ausgrenzung. Es gibt im Übrigen eine Parallele zu meinem Weg, denn mein einziger Neffe - 10 Jahre jünger als ich - war für lange Zeit erst der zweite in einer großen Familie, der die Allgemeine Hochschulreife erwerben und darauf gründend ein Studium der Rechtswissenschaften ergreifen konnte. Der von mir hier eingefügte Exkurs will andeuten, dass diejenigen, die den gewohnten sozialen Urgrund, gewissermaßen den damit verbundenen Stallgeruch hinter sich lassen, häufig etwas wie Scham empfinden; eine vielschichtige Scham, die unter anderem daraus resultiert, dass man die (soziale) Welt anders wahrnimmt, anders bewertet, dass man sich in diesem erweiterten Habitus nicht mehr ohne weiteres vermitteln kann (zuletzt Kapitel 13 in Kurz vor Schluss - Teil II: Zur Welt kommen - zur Sprache kommen). Dies gerät dann zur familiären Katastrophe, wenn aus diesen Unterschieden eine Haltung der Abwertung der Missachtung entsteht, wenn das Handeln und die Eigenart derer, die ihre Weltsicht noch viel stärker ihrer Herkunft schulden, bei ihren Kindern und Kindeskindern auf völliges Unverständnis stoßen. Dabei scheint es doch schlicht so, dass ein erweiterter Blickwinkel die zeitgeistbezogenen und sozialisationsbedingten Einflüsse mit größerem Abstand und auf diese Weise mit einem sehr viel intensiveren Verstehensanteil begreifen kann. Wie schreibt Peter Härtling - mit einem Abstand von 36 Jahren doch so eindrücklich: "Nun, da ich die Zeit verbrauche, die dir genommen wurde, lerne ich, dich zu verstehen." Oder: "Deine Schwäche erscheint mir jetzt wie ein Ausbruch von Liebe." Wie erbärmlich wirkt hingegen die Hybris jener, die in selbstgerechter Haltung den Eltern jede Verfehlung immer und immer wieder auf ihr hartes Brot schmieren! Sie fallen weit hinter die Verstehenswelt der Eltern - in der Regel eine Wahrnehmungs- und Handlungswelt erster Ordnung - zurück, statt mit Abstand zu sehen und sehen zu können (hier beginnt die Beobachtung zweiter Ordnung), welche Umstände, welche Einschränkungen, welche Begrenzungen beispielsweise die Welt der Kriegskinder eng machte und ihren Aufbruch in die Wirtschaftswunderwelt zu einem - im besten Fall - exzessiven Versuch geraten ließ mit untauglichsten Mitteln das Leben zu gestalten, Ehe und Familie zu begründen! Warum Liebe, Ehe, Familie aus den späten fünziger und frühen sechziger Jahren heraus massenhaft scheiterte, erkärt sich vollkommen anders als es beispielsweise Eva Illouz 2018 mit ihren eindrucksvollen soziologischen Versuch analysiert - Eine Soziologie negativer Beziehungen: Warum Liebe endet (Suhrkamp - hier erste Auflage, Frankfurt 2020).
Auch folgende Momentaufnahme verdichtet sich schließlich bei Peter Härtling zu einer unverbrüchlichen Erinnerung:
"Manchmal, wenn die Schule früher aus war, habe ich dich dort (im Delikatessenladen in Olmütz, wo du ein Gabelfrühstück einnahmst) besucht. Ich rannte, um dich nicht zu versäumen. Denn dort, wo Männer sich an Stehtischen drängten, phantastische Gerüche einem in die Nase stiegen, wo mehr Tschechisch als Deusch gesprochen wurde, wo man dir Grüße zurief und wo die kleinen Brote wie bunt beladene Schiffe aussahen, dort konnte ich stolz auf dich sein. Man kannte dich und du kanntest dich aus. Du schienst dich zu freien, wenn ich auftauchte. Natürlich bekam ich einen Gabelbissen, aber wichtiger war mir, daß du mich vorstelltest: Das ist mein Junge (91f. - Hervorhebung FJWR)."
Peter Härtling bekennt: "Ich habe gegen dich geschrieben, Vater!" Auf Seite 115 schildert er eine weitere Episode, die mit einem Abstand von 36 Jahren den Blick auf den Vater verändert:
"Vater hatte wegen einer Bruchoperation eine Woche lang im Lazarett gelegen [...] Nun war er für einen Tag heimgekehrt [...] Am Abend kam Vater im dunklen Anzug, um uns abzuholen. Sie nahmen mich mit in die Oper. Ich bin schon im Theater gewesen. Die Oper aber muß, vor allem für Vater, das Theater bei weitem übertreffen, von ihr schwärmt er [...] Ich freu mich sagt Mutter. Ich hab vergessen, dir die Tosca zu erzählen, sagt Vater. Mutter findet es nicht schlimm. Er muß ja nicht alles verstehn." Wegen jederzeit möglichen Fliegeralarms wir natürlich "an Licht gespart". Peter ist dennoch über alle Maßen begeistert: "Es ist aber schön, sage ich." Er schreibt mit Abstand: "Ich habe später Puccinis Oper mehrere Male gesehen, begriff und korrigierte. Dennoch hielt das, was ich damals gesehen hatte, stand. Das Blut blieb wahres Blut, Cavaradossi verlor nichts von seiner Heldenkraft, auch wenn ich die Handlung nicht verstanden hatte. Als Cavaradossi am Ende allein vor den Vorhang trat, klatschte ich wie verrückt, schrie Bravo wie andere, und Vater sagte lächelnd: Ich fürchte, du wirst ein Opernnarr werden (115-118).
Es ist ein weiter Weg, den Peter Härtling geht - jener Peter Härtling, der im Herbst 1944 - als Elfjähriger - vom Rektor seiner Oberschule für die Napola ausgewählt wurde. Er schildert die Reaktion seiner Mutter, die meint: "Ich kann überhaupt nicht verstehen, wieso sie gerade auf uns kommen. Ich werde Vater schreiben und ihn fragen." Der elfjährige Peter gerät außer sich und schreit seiner Mutter ins Gesicht: "Ich bin nicht ihr!" Einschränkend räumt er allerdings ein:
"Ich bin nicht sicher, ob ich mich so verhalten habe, wie ich mich erzähle, denn dieser altkluge Junge ist mir fremd. Ich habe keine Vergleiche für ihn. Ich habe die Zeit in mir, aber sie ist in einer Sprache fest geworden, die ich nicht ohne weiteres übertragen kann (125)."
"Wir haben noch drei Tage. Ich weiß nun mehr, ohne daß du mich berichtigen könntest." So leitet Peter Härtling ein Finale ein, das ihn sechunddreißig Jahre später zu Sätzen veranlassen wird, von denen man nicht weiß, ob sie erst durch diesen, ein halbes Leben währenden Abstand möglich werden? Der Vater ist aus dem Krieg zurrückgekehrt für eine kurze Weile (am 1. Mai kommt die Familie in Zwettl an - Anfang Juni geht der Vater in Gefangenschaft). Auf der kurzen Reise nach Zwettl in Niederösterreich stellt Peter Härtling fest:
"In Prag habe ich dich zum ersten Mal nicht nur als Vater gesehen. Nicht jemand, der kommt, geht, abfragt, befiehlt, verbietet, schweigt, oder dessen Hand sich um meinen Nacken legt. Ein anderer, einer, der sich mit jedem Schritt verändert, Gewicht verliert, erleichtert ist, der hofft, noch einmal anfangen zu können und es die nächsten Tage auch ausprechen wird, immer wieder: Bald ist der Spuk vorbei und ich kann von vorn beginnen. Irgendwo, vielleicht in Wien oder Dresden (147)."
Eine letzte Konfrontation ergibt sich auf dieser Flucht nach Österreich. Des Vaters eindeutige Haltung den Nazis gegenüber gerät zum Showdown, als er den Elfjährigen Napola-Erwählten maßregelt und aufklärt. Peter nähert sich auf dem Bahnhof einem SS-Offizier, der ihn angesichts seiner Uniform in ein Gespräch verwickelt, in dessen Verlauf Peter wohl folgende Sätze erinnert (149-152):
Glaubst du an den Führer, Pimpf?
Ja, sagte ich.
Du glaubst an ihn, Kamerad. Ich glaube an ihn. Aber dieser Mob da ist schon dabei, ihn zu verraten!
Was hat er von dir gewollt? fragt Vater (anschließend). Ich erzählte ihm, was ich gehört hatte; es gelang mir nicht, den Eifer und den Haß wiederzugeben. Der Vater blickt zu dem Offizier hinüber:
Er ist ein Narr.
Soll ich es ihm sagen, daß er ein Narr ist?
Ich bitte dich, sprich leiser.
Du hast doch bloß Angst vor ihm.
Sicher.
Er könnte dich festnehmen.
Ja, das könnte er. Vaters Traurigkeit brachte mich durcheinander.
Und dann? fragte ich.
Vater sah mich nicht an. Vielleicht hat der Führer noch Wunderwaffen. Ich weiß es nicht. Aber es kann genausogut sein, daß dieser Mensch sich in seiner Verzweiflung nur einredet, daß er auf sie hofft, weil er sonst keine Hoffnung hat. Ich würde gerne sagen wollen, er sei ein armer Kerl. Aber ich kann es nicht. Es sind Mörder.
Nein, das ist nicht wahr.
Du mußt es nicht glauben.
Er ist ein Held.
Wenn Helden so sind, sagte Vater leise und stand auf, dann bin ich froh, kein Held sein zu können, sondern ein Feigling, wie du immer denkst.
Auf dem Bahnhof noch reißt der (verzweifelte) Vater Peter das runde Stück Stoff mit dem Winkel aus der (Jungvolk-)Uniform und sagt zu ihm: Jetzt ist Schluß mit dem Soldatenspiel, hörst du! Hier noch in dieser Situation erinnert Peter, wie er innerlich aufschreit, als hätte der Vater ihm ein Stück Fleisch ausgerissen: Ich dachte, ich will überhaupt sterben. ich will diesen Vater nicht haben!
In den letzten Sätzen - nach 168 Seiten und sechsunddreißig Jahren Abstand - wächst Peter Härtling in seine zweite Haut hinein und bekennt:
"Ich habe dir nachgehen, dich finden wollen. Aber als man mich nach dir fragte, konnte ich nicht antworten. Ich sah, was du zuletzt gesehen hast, aber es half mir nicht, daß ich deinen Blick wiederholte. Ich mußte weiter zurück, wieder die Hand im Nacken spüren, wieder von deinem Schweigen gedrückt werden, ich mußte aufhören, mich zu wehren und die Spuren lesen, die du mir hinterlassen hast. Ich fange an, dich zu lieben. Ich bin älter als du. Ich rede mit meinen Kindern, wie du nicht mit mir geredet hast, nicht reden konntes. Nun, da ich die Zeit verbrauche, die dir genommen wurde, lerne ich, dich zu verstehen."