Das Geheimnis des Glücks - oder: Wer kann schon von sich sagen, Glück gehabt zu haben?
Oder noch einmal ganz anders: Könnte es sein, dass der eigentliche Schatz in der „letzten Liebe“ liegt, in der Liebe von Partnern, die lange genug zusammen sind, um sich selbst und den anderen wahrhaftig zu erkennen? Eine Erinnerung an David Schnarch
In der Auseinandersetzung mit Niklas Luhmanns Mosaiksteinen zu einer kontingenzgewärtigen Lebenslauftheorie gibt es immer eine Stelle, an der ich seine Betrachtungsweise erweitere. Programmatisch und richtungsgebend ist ja seine Vorstellung, dass der Lebenslauf ein Form für die unaufhebbare Kontingenz der Geschehnisse des Lebens ist: Er fasst den Lebenslauf als eine "rhetorische Leistung auf, als eine Erzählung, dessen Komponenten aus Wendepunkten bestehen, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen".
Die Stelle, an der ich einhake und seine Sichtweise erweitere, bezieht sich auf die Idee, wonach vor allem auch die Vergangenheit nicht ein für allemal gegeben ist, sondern mit neuen Lagen immer auch zu einer Neubeschreibung der Vergangenheit führe: "Nach der Scheidung findet man sich wieder als jemand, der das erreicht hatte, was er gewünscht hatte und dann einsehen musste, dass dies nicht so gut war, wie er gedacht hatte."
Ich selbst bin unterdessen 62 Jahre alt und habe naturgemäß einige der (jährlich ca. 180 000) Trennungs- und Scheidungsprozesse miterlebt (siehe: "Das Trauma überwinden"). In einigen dieser Fälle drehen die Protagonisten die Feststellung Luhmanns eine (Zeit-)Windung weiter - das können manchmal 10 und mehr Jahre sein - um dann wiederum zu erkennen:
Erkenntnis I: Scheidung/Trennung war wohl im seinerzeit gegebenen Kontext, unter dem Eindruck der Umstände und in einer Haltung der Unversöhnlichkeit, alternativlos: Man fand sich wieder als jemand, der zwar erreicht hatte, was er gewünscht hatte, sah die Welt dann aber irgendwann so, dass all dies doch nicht so gut war, wie man gedacht hatte. Man handelt unter dem Eindruck von Enttäuschung und Kränkung. Die Ideosynkrasien - die negativen, abstoßenden Seiten des Anderen sind übermächtig und verstellen jeden Zugang zu einer versöhnlicheren Haltung.
Erkenntnis II (wie gesagt, eine Lebensdrehung weiter mit einem Abstand von mehreren Jahren - und das kommt wohl auch seltener vor!): Die Unausweichlichlichkeit der Trennung/Scheidung ist im Rückblick doch zumindest fragwürdig. Wie zauberhaft und faszinierend war doch unser gemeinsames Beginnen und die Gründe für unsere Trennung/Scheidung verschwimmen im Rückblick zu infantilen Dummheiten. Die Ideosynkrasien sind verschwunden und das Bild des Anderen ergibt sich im Rückblick auf unverstellte Weise - die ehemalige Faszination regt sich wieder. Zusammenbleiben wäre vielleicht doch die bessere Alternative gewesen - vor allem auch für die Kinder, von denen man weiß und spürt, dass sie - wie Alexander Kluge (siehe Interview und Hörbeispiel mit Denis Scheck) - die Eltern doch lieber zusammen - als Einheit - gesehen hätten. Und es macht einen traurig zu wissen, dass sie die Eltern - so wie es auch Alexander Kluge beschreibt - nach ihrem Ableben wenigstens doch im Elysium zusammen wissen wollen.
Das Geheimnis meines Glücks - im Kontext von vielen Irrungen und Wirrungen - kann man ermessen im Spiegel eines Interviews, dass mein Alter Ego - Adrian - 2005 mit David Schnarch geführt hat. Und mir bleibt nur ein tiefes Bedauern jenen gegenüber, die Erkenntnis II erwägen und für die im Rückblick Zusammenbleiben doch die bessere Alternative gewesen wäre.
"Sexual Crucible" (Im Schmelztiegel der Sexualität) - David Schnarch im "Interview" (Auszug - das ganze Interview unter vorstehendem Link)
Adrian: Sehr geehrter David Schnarch, Ulrich Clement, einer der Herausgeber der Familiendynamik, stellt Sie im Editorial, das er schlicht mit dem Interrogativ „Sex?“ versieht, als einen der gegenwärtig „richtungsweisenden Sexualtherapeuten“ vor. Allerdings betont er – und dies scheint nun in der Tat nicht selbstverständlich –, dass Sie mit ihrem „Sexual-Crucible-Ansatz Sexualtherapie als Intimitätstherapie“ verstehen. Beim Lesen Ihres Aufsatzes fiel mir auf, dass Sie Ihren Beitrag sehr pointiert mit Hinweisen zu einem durchaus bemerkenswerten Begriff von Intimität abschließen.
David Schnarch: Ja, die meisten Menschen verwechseln Intimität mit Zusammengehörigkeit und Nähe und erkennen nicht das inhärente Paradoxon der Intimität.
Adrian: Worin besteht Ihrer Auffassung nach dieses „Paradoxon der Intimität“?
David Schnarch: Dies besteht meiner Auffassung nach in dem schmerzlichen Bewusstsein der fundamentalen Einsamkeit und des Getrenntseins vom anderen Menschen.
Adrian: Aber merkwürdigerweise leiten Sie doch aus dieser Paradoxie – um in Ihrem Sprachgebrauch zu bleiben – eines der Schlüsselmotive für die Sehnsucht und auch die Fähigkeit nach höchst intimen Verbindungen ab!
David Schnarch: Das ist richtig. Das Bewusstsein der fundamentalen Einsamkeit und des Getrenntseins ist aus meiner Erfahrung die motivierende Kraft für eine höchst intime Verbindung. Parolen wie „Angst vor dem Verlassensein“, mit denen die Populärpsychologie um sich wirft, sind der Beweis für unsere Weigerung zu akzeptieren, dass wir – abgesehen von unserer Liebe und der Neugier auf die vertrauten Fremden, die unser Leben bevölkern – in unserem Dasein allein sind.
Adrian: Können Sie Ihren Begriff von Intimität einmal näher erläutern?
David Schnarch: Die Intimität mit einem anderen Menschen ist nicht der Versuch, den unmöglichen Traum der Verschmelzung zu realisieren – als ob zwei Menschen einen Geist, einen Körper, eine Persönlichkeit miteinander teilen könnten –, sondern ein Prozess, in dem man sein eigenes Selbst in Anwesenheit eines Partners kennen lernt und das unwandelbare Getrenntsein vom anderen akzeptiert.
Adrian: Dies scheint mir – wenn Sie so wollen – ein sehr defensiver, ungemein reduzierter Begriff von Intimtität zu sein, von dem Sie da ausgehen.
David Schnarch: Ja, durchaus. Die Erkenntnis, dass jeder Mensch letztlich allein ist, bringt die Besorgnis erregende Erkenntnis mit sich, dass unsere intimsten Beziehungen mehrdeutig, schmerzhaft und nicht von Dauer sind.
Adrian: Mehrdeutig und schmerzhaft – inwiefern?
David Schnarch: Sie sind mehrdeutig, weil man den anderen niemals uneingeschränkt kennen, niemals das einsame Getrenntsein in der Verschmelzung mit einem anderen Menschen völlig auflösen kann. Sie sind schmerzhaft, weil jede sexuelle Beziehung, die den Grenzen des sexuellen Potentials nahe kommt, das auslöst, was ein Klient als „Abgrund vergangener Enttäuschung über nicht empfangene Liebe“ bezeichnet hat und was wiederum zu einer schrecklichen Angst davor führt, viel intensiver zu lieben und viel mehr zu wollen als der Partner.
Adrian: Diese Perspektiven wirken auf mich als Zuhörer gleichermaßen pessimistisch wie fatalistisch, obwohl ich weiß, dass Sie in umgekehrter Weise aus dieser Situation heraus die zentralen Motive für die kraftvolle Gestaltung intimer Beziehungen ableiten.
David Schnarch: Aus meiner Sicht führt eine intime Beziehung schließlich – und das ist das Paradoxe daran – dazu, dass wir das Grauen vor dem Verlust außerordentlich lebhaft spüren.
Adrian: Also, alles was wir ersehnen, alles was wir an intimen Beziehungen gestalten, steht so gesehen von vorne herein unter dem Grauen des drohenden Verlusts?
David Schnarch: Wenn man einmal sein volles Potential der intimen sexuellen Verbindung erfahren hat, weiß man zumindest, wie schlimm ein solcher Verlust sein wird. Und doch ist der Verlust unausweichlich. „Lieben heißt einsam sein“, schreibt der Therapeut Clark Moustakas. „Jede Liebe wird zerbrochen durch Krankheit, Trennung oder Tod.“
Adrian: Aber es gibt doch ein Leben vor dem Tod, und – jedenfalls meistens – vor der Krankheit und gewiss immer vor der Trennung. Diese Grenzlinien mögen mehr oder weniger unausweichlich sein. Aber müssen sie den Horizont einer jeden Beziehung, die wir eingehen, verdunkeln?
David Schnarch: Ich möchte nur darauf hinweisen, dass wir diese erschreckende Erkenntnis häufig dadurch umgehen, dass wir uns darauf konzentrieren, die frühe Blüte der „ersten Liebe“ wieder zu erhaschen oder die blinde und ignorante Liebe neuer Partner zu suchen und dabei nicht berücksichtigen, dass der eigentliche Schatz in der „letzten Liebe“ liegt, in der Liebe von Partnern, die lange genug zusammen sind, um sich selbst und den anderen wahrhaftig zu erkennen.
Adrian: Ist dies nicht wieder zutiefst missverständlich – mit dieser Figur des „wahrhaftigen“ Erkennens seiner selbst und des anderen zu arbeiten? Welche Paradoxie haben Sie uns denn dazu anzubieten?
David Schnarch: Hat man den Traum der Verschmelzung erst einmal aufgegeben, sind paradoxerweise die Erfahrung des „ozeanischen“ Einsseins mit der Menschheit und die Integration von Sexualität und Spiritualität möglich.
Adrian: Ich merke schon, dass Sie einer sind, der uns keine einfachen Lösungen zu bieten hat, sondern der uns immer wieder mit Paradoxien und Ambivalenzen konfrontiert. Sagen Sie bitte noch etwas zu der Perspektive langjähriger Beziehungen aus Ihrer Sicht.
David Schnarch: In dem Prozess, einen Menschen zu lieben, und vor allem in einer langjährigen Beziehung geschieht etwas Wunderbares und Schreckliches zugleich. Der Partner wird zu etwas Einzigartigem, zu der einen Person, bei der man wahrhaftig man selbst sein kann, während man paradoxerweise das Bedürfnis aufgibt, um seine eigene Persönlichkeit zu kämpfen. Der Verlust eines geliebten Menschen, mit dem man lange in einer guten Beziehung gelebt hat, lässt sich durch nichts mehr wettmachen. Im Gewebe des Lebens entsteht ein Loch, das ein anderer Mensch nicht mehr ausfüllen kann. Man bleibt zurück mit einer Gabe schöner Erinnerungen und einem Reichtum an Schmerzen. Wenn man diese Wahrheiten kennt, braucht es Mut, Integrität und einen starken Glauben an die eigenen Ressourcen, um das Wagnis der Intimität eingehen zu können.
Adrian: Da ich Ihren Text ja eingehend vor diesem Interview gelesen habe, bin ich mit dem bisherigen Verlauf unseres Gesprächs höchst zufrieden. Wir haben die essentielle conclusio Ihres eigensinnigen Ansatzes im Grunde genommen ja schon sehr präzise herausgearbeitet. Sind Sie einverstanden, wenn wir zurückkehren an den Beginn Ihrer Ausführungen und wenn ich Sie bitte, so etwas zu schildern, was wir den gemeinsamen Erfahrungsschatz der Beziehungserfahrenen nennen könnten?