Jahreskalender Café Hahn - 2026
Nein, es hat mich niemand eingeladen den Jahreskalender für's kommende Jahr zu gestalten. Ich habe Berti Hahn den Vorschlag gemacht, die kostbaren weißen Rückseiten des Jahreskalenders 2026 gestalten zu dürfen - mit Gedichten und der Gabe kurzer erläuternder Kontextinformationen. Bemerkenswert dabei ist, dass einige der hier eingebrachten Gedichte in den 90er und in den Nullerjahren als Café-Hahn-Gedichte entstanden sind. Andere hingegen sind brandaktuell. Sie feiern einerseits das Café Hahn als Garant für eine offene, vielfältige und bunte Kulturlandschaft, in der das Café Hahn in der Großregion Koblenz-Mittelrhein nach wie vor einen der markantesten Leuchttürme darstellt. Andererseits habe ich den Kalender ausgewählt, um (auch) der reinen Poesie einen Ort zu geben, der Strahlkraft hat - so wie meine Texte vor allem für die Monate Juni, Oktober und auch Dezember. Im Wesentlichen geht es aber darum, ein deutliches Zeichen gegen eine rückwärtsgewandte, teils rechtsextreme Unkultur zu setzten - so, wie ich es mit meinem Blog seit mehr als zehn Jahren versuche. Dabei weist mir Erich Kästner mit seiner Art von Gebrauchslyrik den Weg. Nicht von ungefähr eröffnet der Kalender mit einer aktuellen Adaption seines Marschliedchens.
Damit aber auch der Spaßfaktor nicht zu kurz kommt, schreiben wir einen Wettbewerb aus, der das Café Hahn als Ort der Begegnung in besonderer Weise in den Mittelpunkt rückt. Wir fragen nach Geschichten, in denen das Café Hahn nicht nur ein Ort der Begegnung im Allgemeinen ist bzw. war, sondern wir sind suchen nach Geschichten, die erzählen, wie Menschen einander gefunden haben - vielleicht für's Leben?
Einleitung
Liebe Gäste,
Koblenz bleibt bunt – unter diesem Motto positioniert sich Koblenz – wie die gesamte Republik - seit langem gegen die Versuche von Rechtspopulisten, ihre völkischen Vorstellungen von einem Bio-Deutschtum mehrheitsfähig zu machen. Einer der Leuchttürme in dieser Landschaft ist seit mehr als vierzig Jahren das Café Hahn.
Als Schwergewicht der Szene prägt das Café Hahn die kulturelle Identität der Region auf vielfältige Weise mit. Kein anderer Player kann mit einer so umfassenden Breite des Angebots aufwarten: Ob Jazz, Blues, Rock, Kabarett oder Varieté - bis hin zu großen Konzertformaten, die seit langem auch die Festung Ehrenbreitstein in neuem Licht und Glanz erscheinen lassen, garantiert das Café Hahn Jahr für Jahr ein hochklassiges kulturelles Feuerwerk.
Es ist eben nicht zu übersehen – will man es politisch wenden –, dass das Bunte und Vielfarbige zur DNA des Café Hahn gehören. In kaum einem anderen Großereignis wird dies deutlicher als im alljährlich vom Förderverein Kultur im Café Hahn veranstalteten Horizonte-Festival auf dem Festungsgelände. Weltmusik im Wortsinn bringt tausende von Menschen zusammen – Menschen, die die Vielfalt feiern, die ihre Überzeugungen und ihre Identität preisgeben würden, verengte man ihr Weltbild durch eine völkisch und rassistisch aufgeladene Ideologie.
Will man das Café Hahn als Ort politischer Meinungs- und Willensbildung im engeren Sinne unter die Lupe nehmen, dann liest sich die Riege der Vortragenden wie das Who ist Who deutscher Kabarett-Kultur: Jürgen Becker, Wilfried Schmickler, Florian Schroeder, Manfred Lütz, Lars Reichow, Konstantin Wecker, Pippo Pollina, Django Asyl, Michael Mittermeier – nicht zu vergessen unsere Gülser Eigengewächse, wie Roberto Capitoni, Dörthe Dutt, Heri Lehnert und viele andere machen das Café Hahn immer wieder zu einer Trutzburg gegen eine rückwärtsgewandte, biodeutsche, braune Einheitssoße.
Ich möchte mich an dieser Stelle kurz vorstellen: Mein Name ist Dr. Franz Josef Witsch-Rothmund (unter diesem Link meine Affinität zum Café Hahn) - Mitglied des Fördervereins Kultur im Café Hahn e.V. seit den 80er Jahren, als sich die Mitgliedszahl des Vereins noch im niedrigen dreistelligen Bereich bewegte. In den 90er und den Nuller-Jahren dann langjähriges Vorstandsmitglied im Förderverein – just auch zu dem Zeitpunkt, als Berti Hahn sich entschloss, dem Café Hahn 2002 an alter Stelle eine neue (varietéfähige) Heimat zu geben. Wer sich den Charme des alten Café Hahn (mit alten Aufnahmen, die auch Anke Engelke noch als unentdecktes Jungtalent zeigen) noch einmal vor Augen führen mag, der kann sich dies unter diesem Link ermöglichen.
Bei der Lektüre des Café Hahn-Kalenders für das Jahr 2025 sind mir die vielen, kostbaren weißen Rückseiten des ansonsten so farbigen Designs aufgefallen. Ich habe Berti vorgeschlagen, diese weißen Seiten mit lyrischen Skizzen zum Café Hahn zu gestalten. Sie sind im Wesentlichen meinem im Frühjahr 2026 erscheinenden Lyrischen Klärwerk entnommen und stehen in bester Tradition mit der Lyrischen Hausapotheke Erich Kästners – Gebrauchslyrik im besten Sinne des Wortes. So kommt es nicht von ungefähr, dass das Januar-Gedicht eine zeitgemäße Adaption seines Marschliedchens von 1932 ist. Zu allen Gedichten gibt es kleine Informationshäppchen, die historische und aktuelle Bezüge transparent machen.
Das Café Hahn steht zweifelsfrei für die Idee einer anspruchsvollen Vielfalt. In diesem Sinne ist es immer zugleich ein Ort der Begegnung. Ich bin mir sicher, dass das Café Hahn auch Beziehungen gestiftet hat – möglicherweise bis hin zum Bund des Lebens. Als besonders Schmankerl haben wir uns ausgedacht, die drei schönsten und originellsten Geschichten zur Beziehungsstiftung zu prämieren – mit einem Jahr der beitragsfreien Mitgliedschaft im Förderverein Kultur im Café Hahn (Einsendungen an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! - Einsendeschluss: 14. Februar 2026 –Valentinstag).
Viel Spaß bei der Lektüre wünschen…
Januar
Viele von uns denken bei dem Namen Erich Kästner vor allem an Das doppelte Lottchen, Emil und die Detektive, Das fliegende Klassenzimmer oder auch an Drei Männer im Schnee. Für den Januar beziehe ich mich auf den politischen Lyriker Erich Kästner, der 1932, ein halbes Jahr vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, in der Weltbühne sein Marschliedchen, veröffentlichte. Es erschien zuerst unter dem Titel Denn ihr seid dumm. Im Rückblick auf die Wahlen zum 21. Deutschen Bundestag am 23. Februar 2024 habe ich dieses Marschliedchen in einer aktualisierten Fassung vorgelegt. Erich Kästner könnte heute, ebenso wie Lars Reichow (der hier stellvertretend genannt sei), gewiss nicht nachvollziehen, das so viele Wahlbürger dem von Elon Musk und den AfD-Repräsentanten propagierten Unsinn auf den Leim gehen. Lars Reichow wird, wie viele andere, nicht müde – auch auf der Bühne des Café Hahn – Wider das Vergessen und das Nie wieder einzufordern und in unser kollektives Gedächtnis einzubrennen. Aber es geht ja nicht nur um Unsinn! Ob man mit Erich Kästner AfD-Wähler generell als dumm bezeichnen kann, möchte ich bezweifeln.
Ein Nie wieder, das sich gegen das Vergessen wendet, ist allerdings unvereinbar damit, eine in großen Teilen rechtsradikale Partei zu wählen. Demokratie und eine Kultur des Erinnerns sind in Deutschland zwei Seiten ein und derselben Medaille. Hier haben Faschisten, wie Björn Höcke, die das Holocaust-Denkmal in unserer Hauptstadt als Denkmal der Schande bezeichnen, keinen Platz. Werft Höcke und Konsorten aus eurer Partei, um in dieser Republik politikfähig zu werden!
Adaption des Marschliedchens von Erich Kästner
Die Dummheit zog in Viererreihen (so zieht sie immer noch),
Heut schämt sich die Dummheit selbst der Dummen.
So dämlich wie ihr seid, mahnt sie euch zu verstummen,
Statt Idioten gleich nach deutschem Wesen heut zu schreien.
Ihr kommt daher und wärmt die schalen Suppen,
In euren Schädeln haust ein brauner Geist,
Der euch verwirrt und alles mit sich reißt -
Nur nicht von euren Augen alle Schuppen!
Marschiert ihr nun in Chemnitz und in Halle…,
Ihr findet doch nur als Parade statt,
Denn das, was jeder da von euch im Kopfe hat,
Man nennt es Dummheit wohl in jedem Falle!
Weil wieder predigt ihr den Hass
Und wollt die Menschheit spalten -
Statt schlicht an Recht und Ordnung euch zu halten,
Wähnt ihr das Volk zu sein und träumt vom völkisch-deutschen Pass!
Ihr habt die Trümmerwelt im deutschen Wahn vergessen,
Von Schuld und Sühne ist die Rede nie,
Ihr brüllt nach deutscher Größe selbstvergessen;
Ich hoff, ihr schießt euch nur ins eigne Knie!
Ihr wollt die Uhren rückwärts drehen
Und stemmt euch gegen die Vernunft.
Dreht an der Uhr und doch: die Zukunft
wird euch als ewig gestrig sehen!
Wie ihr’s erträumt, wird Deutschland nicht erwachen,
Denn ihr bleibt unbelehrbar und nicht auserwählt!
Die Zeit ist nah, da man erzählt:
Das war’s: das Volk wird Nazis nicht zu seinen Führern machen!
Februar
Wie auf Erich Kästner, der die Zeit des Nationalsozialismus in der inneren Emigration überlebte, wird auch auf Mascha Kaléko (die vor den Nazis nach Amerika floh) häufig der Begriff der Gebrauchslyrik angewandt. Als solche wurden Mascha Kalékos Gedichte hier und da etwas von oben herab abgestempelt. Gebrauchslyrik – einverstanden! Ich benötige sie - zum Leben. Meine eigene geplante Veröffentlichung - Das lyrische Klärwerk - wird die Gattung der von Erich Kästner und Mascha Kaléko begründeten Gebrauchslyrik in alten und neuen Kontexten wiederbeleben. In einer Art Hommage an Mascha Kaléko ist das folgende Gedicht ihrem Sonett in Moll nachempfunden:
Sonett für Mascha Kaléko
Denk ich der Zeit, die gnadenlos verrann,
Und all des Lichtes, das aus uns strahlte,
Da Zuversicht und Glaube Bilder malte,
Und aus goldnen Fäden unsere Zukunft spann.
Denk ich, wie Träume damals in uns ras(t)en,
Wie wir im Rausch entwarfen unser Land
Ganz zielgewiss mit starker Hand,
Das Land, zu dem die Braunen immer schon den Weg vergaßen.
Lasst uns als Wächter stehen vor den Toren
Und ringen wir um das, was falsch ist und was wahr.
Blau sei nur der Himmel, vertreiben wir die braune Schar;
Damit das Licht, das Licht in uns nicht geht verloren.
Nicht nur im Traume soll es glühn und funkeln.
Kein brauner Sumpf soll unsern Horizont verdunkeln.
März
Gerard Presencer (*1972) ist ein britischer Trompeter und Flügelhornist des Modern Jazz, der als Solist auch in der Popmusik hervorgetreten ist. Er galt er als eines der größten Talente der 1990er Jahre.
Folgt man dem Wikipedia-Eintrag umgibt ihn die Aura eines musikalischen Wunderkinds; obgleich er sich der Trompete erst mit neun Jahren zuwandte. Bereits mit elf Jahren wurde er das – bisher jüngste – Mitglied des National Youth Jazz Orchestra, in dem er fast fünf Jahre ausgebildet wurde. Dann spielte er in der Band von Clark Tracey, im Pizza Expres Modern Jazz Sextett und in den Gruppen von Stan Tracey. In der Folge arbeitete er mit Tim Garland und Jason Rebello sowie mit internationalen Musikern wie Johnny Griffin, Phil Woods, Joe Sample, Niels-Henning Ørsted Pedersen, Roy Hargrove, Red Rodney, Herbie Hancock, Chick Corea und Bob Berg. Am 16.03.2003 war er im Café Hahn zu hören:
Gerard Presencer
Unter der Decke
schweben Köpfe-
unter den Tischen
wird zuweilen auch nachgetreten,
wenn Körper hier,
und Stimmritzen dort
mit der Musik in Schwingung geraten
und den ungeteilten Genuss verstören.
Wie der am Flügelhorn schwitzt
und Regung zeigt -
und erst der an den Trommeln:
Zwei Pfund verloren
und eine Trommel dazu.
Und die da unten sitzen,
manche schlafen – Patt-matt!
Aber im Hahn bewegen die Leute
immer die Hände,
applaudieren Zustimmung
und Beifallsrufe -
manchmal – nein oft
bis zur Hin- und Zugabe.
Wem aber fährt Musik in die Beine?
Wo steigt die Seele an’s Licht?
So viele Möglichkeiten:
Musica e – Musica u – Musica eu!
Manchmal geraten
nur Luftmassen in Schwingung
und die neuronalen Äquivalente
bleiben ohne Muskeltonus,
Hirnspasmen ohne körperliche Zuckung.
Manchmal aber schwingen Körper
hyperaktiv
im blauen Äther
und Stimmfortsätze
kreis(ch)en
selig
um ihr glückliches
Selbst.
Hellmut Hattler (* 12. April 1952 in Ulm) ist ein deutscher Jazz- und Rockbassist.
Hattler spielte mit 16 Jahren Kontrabass in einer Schülerband, unter anderen mit Jan Wolbrandt am Schlagzeug und Johannes Pappert am Saxophon. Als Peter Wolbrandt dazustieß, wechselte er zum E-Bass. Aus diesem Quartett wurde 1971 die Jazzrock-Gruppe Kraan. Nach der Bedeutung des Namens der Band befragt, erklärt dessen Erfinder Hattler: „Er klingt gut, weil er vorne hart, aggressiv anfängt, und hinten weich aufhört.“ Alles Weiter ist Legende.
Als Hellmut Hattler als Hattler am 13. Februar 2003 im Café Hahn auftrat, war er noch keine 51 Jahre. Als 52er gehört er meinem Jahrgang an. Ich muss mich entschuldigen für das Attribut Alter Bock. Heute sind wir alte Säcke, aber Hattler steht immer noch auf der Bühne!
Hattler
Heute hört ich Hattler,
gnadenreicher Rattler -
fährt in meine Beine,
schwinge von alleine.
Zarte Stimmen hauchen
gegen harte Drums und Bässe,
Spannung, die wir brauchen -
nach der Beichte kommt die Messe
Alter Bock macht Hipp-Hopp
Bass, Trompetensoli – Tipp-Topp.
Seht, wie er sich schraubt!
Musik ist Leben,
nährt die Seele und das Haupt!
April
Tomasz Lato, Tomasz Kukurba und Jerzy Bawoł, Absolventen der Krakauer Musikakademie gründeten Kroke 1992 in Krakau. Die Gruppe hatte international, vor allem in Europa, große Resonanz und arbeitete immer wieder mit verschiedenen Gastmusikern zusammen.
In ihrem Wikipedia-Eintrag ist zu lesen, dass 2001 die Zusammenarbeit mit Nigel Kennedy begann, aus der 2003 das Album East Meets East hervorging. Auf einem der frühen Horizonte-Festivals und auf der Bühne im Café Hahn konnten wir Kroke und Nigel Kennedy live erleben.
Das 2009 erschienene Album „Out of Sight“ stellte für die Band eine Art Rückkehr zu ihren Wurzeln dar. Die Musiker arbeiteten wieder als Trio und ihre Konzerte nahmen einen intimeren Charakter an. Exemplarisch für die politische Grundorientierung erscheint die Teilnahme am Konzert „Your Angel's Name is Liberty“ anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von Solidarność in Danzig.
Die Kroke-Auftritte haben in mir bis heute Tiefenwirkung hinterlassen. So ist 2005 das Gedicht Kroke entstanden. Es spiegelt auf beklemmende und düstere Weise die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine, im Gaza-Streifen und anderen Krisenherden unserer Erde wider:
Kroke
Gestern hört ich Kroke-Klezmer:
Was in meine Ohren drang,
war der Welten Untergang -
alle Höhen, alle Tiefen
folgen einem Zwang,
einem Grundton,
einem tiefen Trauerklang.
Zwischen leisen Tönen,
Schreien, Wimmern, Stöhnen
irrten Höhen voller Überschwang.
Doch im Bass-Kontinuum
bringt der Mensch den Menschen um.
Mai
Wie in den Vorbemerkungen betont, war und ist das Café Hahn ein Ort der Begegnung – nicht nur im Wonnemonat Mai. Generationenübergreifend begegnen sich Menschen, finden gemeinsam zu beglückenden Erlebnissen. Und manches Mal finden sich nicht nur Augen, sondern Menschen finden zueinander, möglicherweise für ein Leben lang – manchmal aber auch nur für eine Liebelei.
Wir suchen die schönsten, spannendsten Geschichten, wie Café-Hahn-Besucher ihren Herzensmenschen gefunden haben. Eine Jury wird entscheiden, welche Geschichten auf besondere und faszinierende Weise berühren – preiswürdige Geschichten, die mit einer kostenlosen Jahres-Mitgliedschaft im Förderverein Kultur im Café Hahn prämiert werden.
Liebelei
Ja, sie lässt uns schweben
Im Hier und Jetzt -
Unbeschwert und leicht.
Und für Augenblicke
Blicken Augen in Augen,
In spiegelnde Seen
Und sehn,
Was sie sehn
Nur im Spiegel der Augen.
Zunder I
Sie spürt,
dass meine Augen
ihre Augen finden.
Ich spüre,
dass sie fühlt,
wie ich merke,
dass sie spürt,
wie ihr Augen meine Blicke fangen –
wie ein Brennglas
Sonnenstrahlen bündelt
und Brände entfacht,
wenn Zunder
bereit liegt.
Zunder II
Er spürt,
dass ihre Augen
seine Augen finden.
Sie spürt,
dass er fühlt,
wie sie merkt,
dass er spürt,
wie seine Augen
ihre Blicke fangen –
wie ein Brennglas
Sonnenstrahlen bündelt
und Brände entfacht,
wenn Zunder
bereit liegt.
Zunder III
Jemand spürt,
dass seine Augen
jemandes Augen finden.
Jemand spürt,
dass jemand fühlt,
wie jemand merkt,
dass jemand spürt,
wie jemandes Augen
seine Blicke fangen –
wie ein Brennglas,
das Sonnenstrahlen bündelt
und Brände entfacht,
wenn Zunder
bereit liegt.
Juni
Das Leben – ein Klang? Der Titel ist geklaut! Joachim-Ernst Berendt (1922-2000) - weltweit bekannter und renommierter Jazz-Experte - hat seiner 500 Seiten umfassenden Biografie diesen Titel gegeben (München 1998). Die ersten drei Zeilen des Einstiegs lauten: „Einlebenisteinlebenisteinlebenisteinlebenisteinlebenisteinlebenist… Einbuchisteinbuchisteinbuchisteinbuchisteinbuchisteinbuchist…
Wie geht ein Leben in ein Buch?
Joachim-Ernst Berendts Biografie gleicht einer Achterbahn, und seine Frage scheint berechtigt: Wie geht ein Leben in ein Buch? Die Achterbahn, die Berendt für sein Leben hält und die vielen von uns möglicherweise vertraut ist, lässt sich verdichten zu einem Gedicht, das nicht von ungefähr den Titel trägt:
Das Leben - ein Klang
Das Leben - ein Klang
von Anfang an ein Lied -
still, und kein Gesang;
rhythmisch und pulsierend eher.
Manchmal fließend,
kurz im Takt – auf und ab.
Und manchmal zögernd -
ohne Drang.
Ein Klang,
ganz dumpf
im Widerhall,
die Höhen, Tiefen -
kaum zu hören,
wie in Starre stumpf,
sein Tremolo dann kaum zu spüren.
Dann eher wild,
der Moldau folgend,
die allen Flüssen gleich
aus Rinnsaln wächst.
Zuerst ganz zart und leise
gebiert sie dann den Text,
mit dem das Leben tönt,
mit vielen Farben jubiliert
und vor dem Abgrund stöhnt.
Zwischendurch
- Gewittern gleich -
erbebt die Seele,
während Körper
zwischen Schmerz und Lust
zerrissen im crescendo zittern.
Doch jeder Ausbruch
-zeigen Seismographen -
trägt im Anfang schon das Ende.
Wohl dem,
der dann an Stufen glaubt,
sich heiter Raum für Raum erlaubt.
Wie schön und gnadenreich
wär es zu wachsen
und im Ende – einer Ernte gleich –
wär jeder dann erwachsen.
Juli
N i m b y - Not in my back-yard oder:
Sankt Florian wird uns schon retten
Wir saßen einst im Café Hahn
und tranken klares Wasser.
Wir fingen an zu grübeln und hatten nichts im Tee.
Zuletzt entstand der Eindruck, ich sei ein Menschenhasser.
Es waren nur drei schlichte Fragen,
und doch ging es um Kopf und Kragen:
Kommt der Strom nur aus der Dose und das Wasser aus dem Hahn?
Und die Freiheit zu Bleiben und zu Gehn, ist nicht nur leerer Wahn?
Da rief von Malle Pinkwarts Omma* übers warme Meer:
Freitag, Samstag ist hier alles dicht - kommt doch alle her.
Layla ist schon da und viele ihrer Freier -
hohl im Kopf, doch in der Hose dicke Eier.
Ich kann nicht, ruft Herr Schultz: Hab Land Sickness** und fliege nach Korea.
Da ruft die Eva, die von Redecker***: Bleibt doch alle hier!
Und du, Herr Schultz, denk an Medea,****
bevor die (Groß)Mutter wird zum Tier!
Der Welt, in der, von der wir leben, sind wir egal.
Gleichwohl geraten Fluten, Dürren uns zur Mahnung,
und die Vergnügen werden schal.
Im Ahrtal hat man davon mehr als eine Ahnung.
Und doch gehn uns die Kleber auf den Sack,
bald gibt es Feuer unter Pflegebetten,
N i m b y - Not in my back-yard - ruft das Pack,
Sankt Florian wird uns schon retten!
* Von 2017 bis 2022 war Andreas Pinkwart Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen in den Kabinetten Laschet und Wüst I. Bei Lanz plädierte er dafür, dass auch die Omma es sich leisten können müsse, Urlaub auf Malle zu machen.
** Immer mehr Menschen leiden unter Landkrankheit - Land Sickness. Seit mehr als zwei Jahrzehnten untergräbt der Klimawandel das Lebensgefühl vieler Menschen - möglicherweise mit nachhaltigen Folgen für ihr bio-psycho-soziales Wohlbefinden (so definiert die WHO im Übrigen ihre Vorstellung von allumfassender Gesundheit). Elisabeth von Thadden geht in der ZEIT (30/2023, Seite 43) der Frage nach ob sich "eine angemessene und bewegende Sprache für das Unbehagen finden lässt, das der Klimawandel für uns moderne Menschen mit sich bringt". Dazu stellt sie uns Nikolaj Schultz vor und sein Buch Land Sickness (einfach mal im Internet aufrufen).
***Eva von Redecker: Bleibefreiheit, S. Fischer-Verlag, Frankfurt 2023
****Griechische Mythologie: Die Königstochter Medea wird von ihrem Mann Jason, für den sie ihre eigene Familie zurückgelassen und verraten hatte, verstoßen und rächt sich grausam, wobei sie auch ihre eigenen Kinder tötet.
August
Hier kräht der Krah -krah, krah
-
Dem rechtsextremen Politiker Maximilian Krah zugedacht
und uns zur Mahnung
Krah, krah, krah
kräht unverdrossen die Krähe;
ich bin frech und schwarz.
ich ernte, ohne dass ich säe.
Krah, Krah, Krah
hier kräht der Krah,
bin nunmehr braun und nicht mehr schwarz
und ernte, was ich säe.
Der Krah sieht sich als Schmittchen*
und faselt schon vom Großraum -
vom Freund zum Feind ist’s nur ein Schrittchen
der wahren Souveränität** gilt Maxens Traum.
Umvolkung kräht der Krah!
Ich war mal schwarz und bin jetzt braun
hier kräht der Krah
und das klingt hart? Zieht höher den Zaun!
Du willst ernten, was du säst?
Im D…, im D… im Dummenland?
Selbst da wohl kaum, wenn sie doch sähen, was du säst.
Träum weiter nur von Lummerland!
Und doch: die Dummen feiern den Krah
sie zündeln und säen den Hass und das Gift,
während der Zorro verjiss, woröm er e Z in der Schnie eren schifft.
Un die, die alles, wat anders ess, stührt, die krähen krah krah, krah –
Und über die lacht und amüsiert sich der Krah, Krah, Krah
Er lacht sich nen Ast und liest bei Sigmund, dem Freud entzückt:
Kollektive Intelligenzhemmung – und denkt: das ist verrückt:
Die dümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber – krah, krah, krah!
Jawohl, so kräht der Krah
Der Fuchs und der Rabe – Nacherzählung
Ein Fuchs entdeckte auf einem Baum einen Raben, der einen Käse im Schnabel hatte. Dem Fuchs lief das Wasser im Mund zusammen und er überlegte, wie er an den Käse herankommen könne. Er sprach zum Raben: „Oh du schönster aller Vögel! Welch schöne Gestalt du hast! Und welch prächtiges Federkleid! Unglaublich, welch schöne Farbe deine Federn haben! Wenn du auch noch so schön singen kannst, wie du aussiehst, dann musst du der König der Vögel werden!“ Der Rabe war entzückt über diese Schmeicheleien und wollte zeigen, wie schön er singen konnte. Er sperrte den Schnabel auf und begann zu krächzen: krah, krah, krah!!!!! Hier kräht der Krah!!! Da fiel der Käse herunter und der Fuchs, der ihn sofort schnappte, rief: „Oh Rabe, ich habe nur deine Schönheit gelobt, aber nicht deinen Verstand!”
*Mit Schmittchen ist der Nazi-Kronjurist Carl Schmitt gemeint
**Carl Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand bestimmt“ (Donald Trump lässt grüßen)
September
Christian Berkel hat seine mit stark autobiografischen Motiven versehene Romantrilogie beendet und in einer Ausgabe des Mittagsmagazins (Juli 2024) vorgestellt. Was Christian Berkel dabei besonders herausstellte, war seine Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Schweigens in deutschen Familien. Sein wesentlicher Antrieb zu erzählen, speist sich aus der Erfahrung des Schweigens und Verschweigens. Dies scheint in vielen Familien bis heute der Fall zu sein. Wie geht man Konflikte in der eigenen Familie an? Wie durchbricht man die Schweigespirale? In vielen Familien verbietet sich offenkundig ein Lebensgefühl, wie es durch gleichermaßen unbefangenes wie raumgreifendes Erzählen erlebt wird. Vielen geht in der eigenen Familie diese Unbefangenheit ab; das Raumgreifende schrumpft zunehmend auf lyrische Affekte - so auch passend zur Wahrnehmung der Schilderungen Christian Berkels – ein Gegenbeispiel liefert seit Jahren Joachim Meyerhoff mit seiner sechsbändigen Romanfolge: Alle Toten fliegen hoch (erschienen bei Kiepenheuer & Witsch - leider nicht mit mir verwandt).
Don’t ask – don’t tell
Die Welt kommt zu uns
(manchmal auch als Flaschenpost –
seinerzeit von Paul Celan, von Benedikt Wells und heute eben von Christian Berkel)
macht sich in uns breit,
sinkt ab in Fühlen und in Habitus.
Die Quellen gründen tief,
aus denen Lebenswasser quillt,
geklärt durch Denk- und Fühlverbote.
(Nur wenn ein Damm bricht vor der Zeit,
macht sich zuweilen Flut und Feuer breit,
zerbricht das dünne Eis der Contenance.)
Danach - und manchmal auch zuvor -
hilft Therapie
im Suchen und im Finden einer Sprache.
Und Sprache findet (manchmal) zaghaft ihren Weg
viel seltener die passende Adresse -
Für’s Zuhören wird ja nun gezahlt!
Wenn’s jenem Urgrund mangelt an Vertrauen,
wenn Schmerz und Kränkung Fundamente bauen,
versagt man sich das Fragen -
und das Erzählen wohl erst recht!
Kommt, reden wir zusammen (schrieb Gottfried Benn*) -
wer redet, ist nicht tot!
Und wusste wohl: es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not – und warnt:
Kommt öffnet doch die Lippen,
so nah schon an den Klippen
in eurem schwachen Boot.
Nur wer redet, ist nicht tot!
*Gottfried Benn, Gesammelte Werke - Gedichte (Limes Verlag), Wiesbaden 1963, S. 320
Oktober
Grenzgänger
Wenn mein Herz zerfließt
und alles in mir schreit,
wenn aller Regen fließt
und Leben wurzelt breit.
Wenn mein Herz vor lauter Freude weit
und meine Arme voller Liebe breit,
wenn alle Unterschiede dann zerfließen
und Phantasien über alle Ziele schießen.
Wenn ja und aber mich erheitern
und alle Blicke Horizont erweitern;
wenn Kleinmut meinen Großmut weckt
und Liebe unsere Wunden leckt,
und Sonne meine Seele wärmt,
und wenn mein Selbst in Liebe sich ersäuft -
vor lauter Wohlsein nur noch schwärmt,
wenn letzte Tage winken
und Frühjahr sich mit Herbst vermischt,
wenn Hoffnung und Erfüllung ineinander sinken
und letzter Unterschied sich dann verwischt,
dann geh ich weg und komme heim
und ahne jene Grenzen,
die jenseits bleiben und geheim
für alle - vor Gräbern und vor Kränzen.
Fraglos
Immer wenn die Welt sich offenbart,
dann werde ich ganz still,
weil meine Spur - die zielbestimmte Fahrt
sich wendet und sich ändern will.
Immer wenn sich Größe zeigt,
verwandle ich mich leise.
Wenn sich ein Irren hin zum Ende neigt,
werd ich - trotz blinder Flecken - manchmal weise.
Wenn leise Klänge sich verdichten
und großer Klang entsteht,
wenn Fragen sich in Fragen lichten,
ein Hauch von Weisheit uns umweht;
wenn Farben sich vermischen
und Buntheit sich in Grau ergeht -
wenn aller Hochmut dann verblichen,
am Horizont ein Hoffen steht,
dann geh ich auf die Reise
und frage nicht mehr viel.
Ich wandle einfach still und leise,
ich spüre Kraft und bin das Ziel.
Porentief
Wenn du alle Poren öffnest,
in ungeahnte Tiefen fühlst;
wenn du in die Sonne schaust
und aller Farben Spiel erhoffst -
wenn dein Körper wach und wacher wird
und jede Schwingung,
jedes sanfte Beben,
jede Regung
Flimmerhaaren gleich erfühlt.
Wenn zarte Klänge,
sanfter Hauch
und feines Lichterspiel
die Sinne irritieren
und deine Fühlwelt reicher macht,
dann ahnst du doch die Grenzen deiner Sicht,
das Schattenspiel im Licht.
Und deine Ahnung trägt dich weiter
in ein Land,
an dem die Phantasie sich bricht.
Und so sehr sie dich auch treibt,
dich reicher macht an Differenzen;
es bleibt, was immer dir auch bleibt,
im Diesseits aller Grenzen.
Mit diesen drei Gedichten eröffne ich ein Fest der Sinne, das vermutlich nur im Rückblick auf ein langes Leben in dieser üppigen und verzehrenden Weise Gestalt annehmen kann. Sprache stößt immer an Grenzen; Musik ist vermutlich das einzige Medium, das alle Grenzen zu überschreiten vermag. Ein Beleg für diese - Epochen überspannende - Vorstellung mag man in der von Platon vor fast 2400 Jahren formulierten Idee sehen, dass Rhythmen und Töne am tiefsten in die Seele des Menschen eindringen und sie am gewaltigsten zu erschüttern vermögen: „Sie haben gutes Betragen im Gefolge und machen bei richtiger Erziehung den Menschen gut oder verderben ihn im anderen Fall.“ (Platon, Der Staat, 401 c-d)
Möge das Café Hahn – wie auch immer – dazu beitragen, dass Musik uns beglückt und die besten Seiten in uns hervorbringt; selbst wenn wir fassungslos vor einem Phänomen stehen, von dem der Musikästhetiker Eduard Hanslick behauptet, es handele sich um eine Sprache, die wir sprechen und verstehen, jedoch zu übersetzen nicht imstande seien.
November
Auch bei diesem Gedicht sei Erich Kästner der Pate! Er musste am 10.05.1933 in Berlin mit ansehen, wie unter der Mitwirkung der deutschen Akademiker- und Studentenschaft mehr als 30.000 Bücher öffentlich verbrannt wurden. Auf dem Index der undeutschen Autoren stehen u.a. Ernst Barlach, Bertolt Brecht, Elias Canetti, Erich Kästner, Oskar Kokoschka, Thomas Mann, Heinrich Mann, Joachim Ringelnatz, Nelly Sachs, B. Traven, Kurt Tucholsky, Carl Zuckmayer, und Stefan Zweig. Die Abgrenzung vom radikalsten Zivilisationsbruch im 20. Jahrhundert sowohl durch den nationalsozialistischen wie den stalinistischen Terror gehört zu den grundlegenden Selbstverständlichkeiten der Politik in Nachkriegsdeutschland – auch im wiedervereinigten Deutschland. Das haben Höcke und seine Gefolgsleute bislang versäumt!
Und ich frage ihn deshalb:
Erich Kästner: Wie kann das sein?
Wie kann das sein?
Mein Kopf sagt nein!
Mein Herz will schrein!
Wir sind die Enkel jener Schinder,
deren widerlichster sprach: zuerst die Kinder!
In Posen nahm er* sie beim Wort
und sprach von Anstand vor den Schloten;
sie schufen jenen Ort,
belebt von Henkern und von Toten.
Sie hielten sich daran und töteten (zuerst) die Kinder!
Die Herrenrasse sagt: der Freund! - der Feind!
Und Carl der Schmitt** ermuntert sie, das Fremde auszumerzen.
Der Herrenmensch marschiert im Wahn vereint
enthemmt, bar jeder Regung noch im Herzen.
Er mordet, was im Wege steht und tötet immer auch die Kinder - (zu allerst) die Kinder!
Und Schinder wachsen nach – aus Blubo und aus BrauSi***
Der Abschaum pflanzt sich fort, gebiert den Bastard,
der tackert sich die Ahnentafel auf die Stirn;
hat ne Kloacke dort, wo andre haben Hirn.
Wer glaubt, dass die mal waren Kinder?
Nie wieder! Wer versteht das nicht?
Spricht RvW**** doch von Befreiung!
Und Willy Brandt kniet nieder und bittet um Verzeihung;
bekennt sich zu den Grenzen – zum Gewaltverzicht!
Wie kommen BluBo, BrauSi in das Hirn verführter Kinder?
Wenden wir’s mal kämpferisch mit Erich Kästner!
Der dichtete – bevor die Erste Republik zusammenbrach – das Marschliedchen.
Und irrte sich fatal, der Kästner Erich!
Denn die SS marschierte bis nach Stalingrad und Auschwitz hörte ihre Liedchen.
Wir machen's besser – ein Ruck geht durch die Republik.
Nie wieder? Ja, das ist wohl heute, wir machen es publik!
Wir hören noch den Kästner rufen – nach über neunzig Jahren
und sind uns sicher, dass wir wachsam und auch klüger waren!
*Heinrich Himmler --- **Kronjurist der Nazis --- ***Blut, Boden, Brauchtum und Sippe --- ****Richard von Weizsäcker
Dezember
Mitten im Winter noch einmal ein Sommerleuchten. Wie weiland Frederick sammele ich nicht verzehrwürdige Vorräte für den Winter; das überlassen wir den fleißigen Helfern im Café Hahn, die Lecker & Live für unser leibliches Wohl sorgen. Nein, ich möchte heute zum Abschluss eine Lanze brechen für Leo Lionnis Frederick, der nur scheinbar untätig herumsitzt. Er sammelt für die kalten, grauen und langen Wintertage Sonnenstrahlen, Farben und Poesie. So lade ich Sie alle ein, weiterhin im Café Hahn all jenen zu huldigen, die für uns die Sonnenstrahlen sammeln, uns wärmen mit ihrer Kunst, mit ihrem Leuchten, damit uns der Winter nicht gerade so lang, so grau und trist erscheint. Im Dezember ist es der Klassiker im Café Hahn – das Weihnachtsvarieté, das uns Staunen lässt über moderne Körperkunst jenseits aller anatomischen Begrenzungen, das uns überrascht mit der Vielfalt eines immer wieder neuen Varietés, das uns herzhaft lachen lässt, bevor uns die Weihnachtsgans das Zwerchfell lähmt, wie der seit Jahren Regie führende Karl-Heinz Helmschrot meint – eben ein Kurzurlaub für die Sinne. Die beiden letzten Gedichte gleichen noch einmal einem kleinen poetischen Juwel – ein wenig nur gedämpft im Sinne Hermann Hesses, der uns ahnen lässt, dass jedem Anfang wohl ein Zauber innewohnt, der nicht ewig dauern darf. Drum ein: Carpe diem (Horaz) – genieße den Tag (und die Nacht) – warum nicht im Café Hahn?
Mohn
Der Mohn ist wie ein kurzes Lachen,
ein Wimpernschlag -
er strahlt,
und prahlt,
malt jeden Tag
und stirbt schon beim Erwachen.
Erblüht zu voller Pracht
vergeht er über Nacht
und hält nicht ein Versprechen.
Er taugt als Sinnbild kaum,
gleicht eher einem Traum,
an dem die Träumer dann zerbrechen.
Die Mohnfrau
Ich ging heut durch ein Kornfeld
und sah auf einmal nur noch Mohn -
so rot, so leuchtend, so verlockend.
Nur noch Mohn schien mir die Welt,
wie eines langen Lebens Lohn,
unendlich zart und lockend.
Doch als ich näher kam,
den Mohn dann gar bedrängte
und eine Blüte brach, verging die Pracht
und jedes Leben wich.
So wie ich ihre Schönheit engte,
erstarb die Anmut rasch,
gab meinem Herzen einen Stich.
